Medien

Zwischen Sex-Tipps und Sixpack: Wie Männermagazine über "Frauenthemen" sprechen

'Playboy', 'GQ' und 'Men’s Health' erklären, wie man richtig leckt. Aber nur selten, was Consent ist.

von Yasmina Banaszczuk
08 Januar 2018, 8:59am

Foto: Eva Luise Hoppe

Wirft man einen Blick in deutsche Männermagazine, entsteht der Eindruck: Mann ist, wer stilvoll gekleidet, sportlich und sexuell aktiv ist. Die Gentlemen und Playboys essen gerne Steak, scheuen beim Workout auch den Leg Day nicht und haben im Schrank einen Anzug für jede Gelegenheit. Sie können mitreden, wenn es um Karriere, Technik und Entertainment geht. Doch was ist, wenn wir über Elternschaft, Verhütungsmethoden, Abtreibung oder gar sexualisierte Gewalt sprechen? Muss ein Mann sich mit vermeintlichen "Frauenthemen" auskennen? Betrifft ihn das überhaupt?

Die Frage sollte eigentlich eine rhetorische sein, zur Sicherheit beantworte ich sie in wenigen Sätzen trotzdem: Natürlich betreffen "Frauenthemen" auch Männer. Verhütung betrifft ohnehin alle Geschlechter, und auch Menschen mit Penis sollten mehr übers Verhüten wissen, als wie man ein Kondom richtig überzieht. Männer sollten sich auch dann mit Schwangerschaft beschäftigen, wenn sie kein Kind austragen – oder generell mit ihrer Gesundheit. Nie zum Arzt zu gehen, sich selbst auszupowern bis man buchstäblich umfällt, der Karriere alles unterzuordnen, gehört oft vermeintlich zum Mann sein dazu. Umso wichtiger, dass männliche Gesundheit thematisiert wird, und zwar gerade dann, wenn es um das ganz Private und Persönliche geht: Familie, Fruchtbarkeit, Verhütung, Kinder.

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Ich habe wochenlang Playboy, GQ und Men’s Health gelesen – online wie offline –, um herauszufinden, wie der deutsche Durchschnittsmann in "seinen" Medien mit diesen Themen konfrontiert wird. Wie diskutieren Männermagazine und somit eben auch Männer diese Dinge? Dabei habe ich sowohl Klischees als auch Überraschendes gefunden.

MEN’S HEALTH

Als ich durch meine Ausgabe Men’s Health blättere, fällt ein kleiner Guide mit Sportübungen heraus, der mir die nächsten Wochen bei der Artikelrecherche ein schlechtes Gewissen macht, wann immer ich ihn auf dem Schreibtisch erblicke. Ein Rezept für einen proteinreichen Chili-Eintopf markiere ich mir aber, in der Hoffnung, dass ich ihn auch ohne Muskelaufbau essen kann.

Die Homepage bietet neben den Themenfeldern Fitness und Gesundheit auch viele Artikel zu Sex und allem was dazugehört. Überraschenderweise versteckt sich zumindest in einer Bildergalerie die Aussage, dass die "Folgen" des Feminismus "das Beste" seien, "was Männern passieren konnte". Eine Suche nach "Baby" ergibt 185 Treffer, in den ersten zehn neben "26 Baby-Fakten" und einem schön geschriebenen Guide für Väter gleich zwei Mal die Frage, wie sich Testosteron-Doping auswirkt, wenn man ein Baby zeugt.

"Wir versuchen, unserem Leser zu vermitteln, dass er Frauen respektvoll und ohne jede Chauvi-Attitüde begegnet."

Gesundheit und Vaterschaft, die Kombination geht also durchaus. "Wir motivieren Väter zur aktiven Vaterschaft", sagt Ulrich Dehne, Director Digital Content bei Men's Health, als ich ihn für Broadly zum Thema befrage. "Sie sollen wickeln, füttern, spielen, vorlesen, erziehen, toben – und so viel wie möglich Zeit mit den Lütten verbringen", beschreibt er den Ansatz seiner Redaktion im Umgang mit dem Thema. Im Print-Magazin hat die Rubrik eine eigene Seite, in dem eigenen Titel Men’s Health DAD dreht sich alles nur um moderne Väter.

Wenn das Interesse von Männern also gleich ein eigenes Magazin zu Vaterschaft rechtfertigt, wer sagt, dass andere "Frauenthemen" nicht auch auf Interesse stoßen könnten? Consent, andere Verhütungsmethoden, Feminismus? Und sei es nur, um mitreden zu können?

Screenshot: menshealth.de

Ich frage Ulrich Dehne, ob Männermagazine seiner Meinung nach eine gesellschaftliche Verantwortung für das Frauenbild unserer Gesellschaft tragen. "Indirekt sind wir da natürlich schon mitverantwortlich – wir haben sicherlich einen gewissen Einfluss darauf, wie unsere Leser Frauen sehen, adressieren und behandeln", antwortet er. Das Schlüsselwort sei Respekt. "Wir versuchen, unserem Leser zu vermitteln, dass er Frauen respektvoll und ohne jede Chauvi-Attitüde begegnet." Ob das immer gelingt, stellt auch Dehne in Frage: "Ob diese Haltung bei unseren Lesern ankommt und ob sie im Umfeld von Bauchmuskel-Übungen und Protein-Shakes überhaupt vermittelbar ist, vermögen wir nicht zu beurteilen." Eine ehrliche Einschätzung, wenn auch eine bequeme.

GQ

Beim zweiten großen Männermagazin geht es mehr um Lifestyle als um Gesundheit, beim Durchblättern fallen mir die vielen Interviews mit verschiedenen sehr schönen Männern auf. "Auch wenn in der Redaktion von GQ viele junge Väter und Mütter arbeiten, liegt unser redaktioneller Fokus auf anderen Themen", sagt mir Ines Thomas vom GQ-Magazin auf Anfrage. Natürlich würden gelegentlich auch "Lebens- und Männer/Frauenthemen wie der Gender Pay Gap" besprochen, aber der Fokus liege thematisch auf Mode und Stil. Die Artikel, die es zu "Frauenthemen" gibt, sind durchaus lesenswert, allerdings in der Tat ziemlich überschaubar. Online finde ich von allen Männermagazinen bei GQ am wenigsten dazu. Zudem leistete sich das Magazin bis 2011 mit Arne Hoffmann einen bekannten Maskulisten als Kolumnisten, seine Texte – wenn auch veraltet – sind noch online.


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Andererseits gibt es die vor vier Jahren gestartete Anti-Homophobie-Kampagne #mundpropaganda, die Novemberausgabe aus 2016 mit einer Frauenquote von 100 Prozent und eine von einer Frau geschriebene Sex-Kolumne. Dass Frauen jetzt in Männermagazinen über Sex schreiben und reden ist sicherlich ein Fortschritt, allerdings nichts Ungewöhnliches und von wirklich ausgewogener Themensetzung noch weit entfernt.

Denn Medien existieren nicht in einem sozialen Vakuum. Die Themenwahl, Repräsentation und Sprache in Magazinen, Sendungen oder auf Social Media, das alles schafft Realität. Als ich frage, welche gesellschaftliche Verantwortung Männermagazine für das Frauenbild unserer Gesellschaft tragen, ist sich Ines Thomas von GQ ihrer Wirkung durchaus bewusst. "Männermagazine können natürlich dazu beitragen, das Frauenbild in einer Gesellschaft zu prägen. Im Positiven wie im Negativen", schreibt sie mir. Um nicht in die Kerbe der "sexy Frau auf dem Cover" zu schlagen, fotografiere GQ fürs Cover eigentlich lieber Männer – als Stil-Inspiration, so Thomas. Aber reicht das aus?

PLAYBOY

Bei meinem Opa lag der Playboy immer schlecht versteckt in der Zeitschriftenablage zwischen der Fernsehzeitung und der BILD. Bis meine Oma irgendwann ein Machtwort sprach, weil sie fand, das Magazin sei nichts für Kinder. Nach eingehender Lektüre muss ich aber sagen: Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm für uns Kinder gewesen, den Playboy zu lesen. Von allen Männermagazinen enthält der Playboy nämlich die meisten Beiträge zu vermeintlichen "Frauenthemen". Überraschend konstruktiv behandelt er auch online Feminismus, Abtreibung, Schwangerschaft, Menstruation und Babys. Die Positionen von amerikanischen Spitzenpolitikern zu reproduktiven Rechten werden ausführlich dargelegt, in der September Printausgabe vor der Bundestagswahl wird Gregor Gysi zu Feminismus befragt.

"Playboy ist die Umkehrung des Verhüllens und ein wichtiger Beitrag zur fortschreitenden Befreiung."

Der Playboy wolle das Bild eines Heimchens am Herd, "das dem Mann in der Ehe sexuell dient und weniger eigene Lust verspürt als er", in die Tonne klopfen, sagt der Textchef des Playboys, Philip Wolff. Auch Schwangerschaftsabbrüche, LGBTQ-Rechte und Verhütung seien immer wieder Themen, schon allein auch deshalb, weil die Playboy Foundation eben jene Anliegen in den USA auch finanziell unterstützt. Der Großteil der (politischen) Frauenthemen, kommt aber primär in Heft-eigenen Interviews mit Gründungsvater Hugh Hefner oder Nachfolger, Sohn Cooper Hefner, und nicht in einer Titelstory vor. Das mutet manchmal auch wie eine hauseigene Imagekampagne an: Wer kann einem Männermagazin schon Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wenn die Gründungsfamilie und verwandte Stiftungen sich für Frauenrechte einsetzen, was sie dann in ihrem eigenen Heft immer wieder betonen?

Unglückliche Vermischungen von sexualisierter Gewalt und Sex gibt es auch beim Playboy | Screenshot: playboy.de

Ich frage auch beim Playboy nach, welche Verantwortung Männermagazine für das Frauenbild in der Gesellschaft trifft. "Eine hoffentlich mitentscheidende Verantwortung!", antwortet Wolff. "Playboy ist die Umkehrung des Verhüllens und ein wichtiger Beitrag zur fortschreitenden Befreiung", fährt er später im Interview fort und verweist auf die sexuelle Selbstbestimmung der Frau. Nur, wenn Frauen auch in ihrer Sexualität frei seien, könne die Gesellschaft frei werden. Ein schöner Gedankengang, ein bisschen sehr Femen vielleicht. Und obwohl selbstbestimmte (Nackt-)Fotos einer Frau je nach Kontext unbestreitbar empowernd wirken können, könnte man über Artikel zu Abtreibung, Schwangerschaft oder Vergewaltigung als Hauptthema einer Ausgabe wohl wesentlich mehr zur Befreiung der Frau beitragen. Dabei geht es gar nicht unbedingt um den Anspruch, über Männermagazine eine feministische Revolution loszutreten, sondern vielmehr darum, bestimmte Bereiche des Lebens nicht länger in Geschlechterschubladen zu stecken. Und das ist nicht nur für Frauen hilfreich, sondern eben auch für Männer.

FAZIT

Eine Frage bleibt: Können Männermagazine "Frauenthemen" überhaupt richtig angehen? Dazu spreche ich mit Birgit Querengäßer, einer Journalistin, die sowohl für Frauen- als auch Männermagazine schrieb. Denn natürlich ist das Problem größer, als die fehlende Aufarbeitung von sogenannten “Frauenthemen” in Männermagazinen. Ob Abtreibung, sexualisierte Gewalt, Verhütung, Elternschaft – das alles geht jede und jeden Einzelnen von uns an. "Man darf den Einfluss von Männermagazinen auch nicht überschätzen", sagt Querengäßer. "Ich denke, dass es ein viel größeres Problem ist, dass ‘klassische Frauenthemen’ auch seltener in Medien vorkommen, die sich eigentlich nicht an ein explizit männliches Publikum richten (sollten). Und, dass das als ‘normal’ wahrgenommen wird."

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Um diese Themen in den Medien – und damit der Gesellschaft – zu normalisieren, müssen alle Beteiligten ihren Beitrag leisten. Oft berichten Magazine, die sich ganz bewusst an Männer richten, über Sex und Vaterschaft, als wären dies ähnlich unverfängliche Themen wie die richtige Zubereitung von Steak oder das beste Auto des Jahres. Sind sie aber nicht. Sie sind komplex, gesellschaftlich hoch relevant und finden problemlos Anknüpfungspunkte zu den anderen Themen der Männermagazine.

So könnte GQ durchaus einmal darüber berichten, warum es seit Jahren Gerüchte über sexualisierte Gewalt durch diverse Fotografen und andere Schlüsselfiguren der Modeszene gibt – und welche Rolle ein Fashion-Magazin in dem Kontext spielt. Men’s Health könnte durchaus ein Feature schreiben, das sich männlichen und weiblichen Opfern sexualisierter Gewalt widmet, und im Rahmen dessen über körperliche und psychologische Folgeschäden und Traumaaufbereitung sprechen. Playboy könnte durchaus einen Artikel über Consent beim Sex anbieten. Abtreibung, Überforderung mit dem eigenen Kind und andere Felder, die immer wieder als “Frauenthemen” abgetan werden, sind nicht sexy, sie sind ernst. Aber eben gerade deshalb so wichtig.

Vielleicht finden Redaktionen öfter den Mut, diese Themen regelmäßiger und offener zu behandeln. Männermagazine können dabei nur ihren eigenen Beitrag leisten – aber ganz ohne sie geht es eben nicht.

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