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Die Arbeit in der Musikindustrie hat mich psychisch krank gemacht

Nach mehreren Jahren Arbeit in der Musikindustrie bekam ich es mit den gleichen Depressions-Symptomen zu tun wie viele meiner Kollegen.

von Lisa Gritter; illustrationen von Sander Ettema
01 August 2017, 1:28pm

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Noisey Netherlands.

Ein Job in der Musikindustrie ist ziemlich cool. Du gehst ständig auf Konzerte, trinkst kostenlos Bier, besuchst Festivals und Partys, schläfst in noblen Hotels, hängst regelmäßig im Backstage ab und für all das wirst du auch noch bezahlt. Nach jahrelanger Arbeit als Pressepromoterin bekam ich es Anfang des Jahres mit einem Burnout zu tun. Schnell merkte ich, dass mentale Probleme in der Branche kaum thematisiert werden.

Jedes Berufsfeld bringt Menschen hervor, die sich überarbeitet und ausgebrannt fühlen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung beklagt ein Viertel aller Arbeitnehmer über ein zu hohes Tempo und knapp ein Fünftel stößt oft an die eigene Leistungsgrenze. Verglichen mit anderen Branchen gibt es in der Musikindustrie einige Besonderheiten. Zuerst einmal ist die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit oft fließend. Nicht selten arbeitest du von Festivals, Veranstaltungshallen oder einem Tourbus aus. Damit ist es dann auch selten weit bis zur nächsten Bar. Das macht deine Arbeit unterhaltsam, spannend und dynamisch, die Verlockungen sind aber ebenfalls nicht ohne.


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Dieses Jahr bin ich zusammengebrochen. Wortwörtlich. Es waren verschiedene Ursachen und Gründe, die mich an diesen Punkt gebracht haben: die viele Arbeit, der Drang, mir selbst was beweisen zu müssen, und – als Krönung des Ganzen – eine besonders unschöne Erfahrung mit Lästereien, Machtspielchen und Mobbing innerhalb der Industrie. Rückblickend war das alles keine Überraschung. Es hatte vorher schon Augenblicke gegeben, in denen ich das Gefühl hatte, nicht mehr klarzukommen. Als ich dann aber wirklich zusammenbrach, war das extrem frustrierend.

In einer Nacht wachte ich mit solchen Heulkrämpfen auf, dass meine Schultern zitterten. Es fühlte sich an, als wäre ich unter einem gigantischen Felsen eingeklemmt und könnte nicht weg. Ich hatte Angst, einen Herzinfarkt zu haben. Also habe ich meine Mutter und meinen Arzt angerufen. Die Diagnose kam schnell: Burnout. Nachdem ich dem Büro für eine Woche ferngeblieben war, entschloss ich mich, alle meine Projekte aus gesundheitlichen Gründen auf Eis zu legen. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Immerhin hatte ich Musikmanagement studiert, zwölf Jahre Erfahrungen in der Branche gesammelt und die letzten drei Jahre hart an meinem eigenen Geschäft gearbeitet. Jetzt setzte ich das alles aufs Spiel.

Es war offensichtlich, dass ich aufhören und etwas Abstand gewinnen musste. Gleichzeitig stürzte mich das aber nur tiefer in meine Depression. Zum Glück waren meine Kollegen mitfühlender, als ich erwartet hatte. Ich bekam eine Menge aufmunternder und liebevoller Nachrichten. Ich hatte das Gefühl, dass die anderen sich in meine Situation hineinfühlen konnten, weil viele von ihnen bereits mehr oder weniger die gleichen Symptome durchgemacht hatten wie ich.

Meine Facebook-Timeline ist voll von hart arbeitenden Kollegen, die tolle Dinge machen. Ihre Erfolge teilen sie natürlich: eine ausverkaufte Headliner-Show, ein Platinalbum, ein Radiohit, eine erfolgreiche Tour im Ausland, Beförderung, Festanstellung, eine Trillionen Clubgigs, positive Reviews zu einer neuen Platte, unendlich viele Klicks bei YouTube. Auch ich teilte meine beruflichen Erfolge mit dem Rest der Welt, aber wenn du mental gerade nicht allzu stabil bist, kann diese ständige Informationsflut auch lähmend sein. Es gibt immer jemanden, der etwas besser macht als du. Wenn du eine Band repräsentierst und die ein paar Shows ausverkauft, hat jemand anderes eine komplette Tour ausverkauft. Für jede Vier-Sterne-Review, die du bekommst, bekommt jemand anderes zehn Fünf-Sterne-Reviews.

Frank Kimenai, Gründer der erfolgreichen Amsterdamer Agentur Lexicon Bookings kann das nachvollziehen. "Diese Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen, kommt daher, wie Künstlern der Markt angepriesen wird. Niemals läuft irgendwas schief. Schlechte Nachrichten gibt es nicht", sagt er. "In dem Augenblick, in dem meine psychische Gesundheit anfing abzubauen, schaute ich vermehrt zu anderen Branchenkollegen rüber, anstatt mich wie sonst auf meine eigenen Stärken zu konzentrieren. Dadurch setzt du dir unrealistische Ziele, die du niemals einhalten kannst, was alles noch schlimmer macht. Es ist eine gefährliche Abwärtsspirale in unserer Branche und es ist sehr schwer, da rauszukommen."

In der Musikindustrie gibt es nichts Wichtigeres als dein Netzwerk. Bookingagenturen, Festival-Kuratoren, Pressepromoter, Manager, Journalisten und Musiker – keiner davon kann ohne die anderen existieren. Damit du deinen Job gut machst, musst du die richtigen Leute kennen und die wiederum müssen dir helfen wollen. Um dieses Netzwerk zu kultivieren, musst du dich auf Festivals, Partys, Branchentreffen und Konzerten blicken lassen. Nur weil du einmal beim Eurosonic Noorderslag warst – einem der besagten Branchentreffen –, heißt das nicht automatisch, dass du schon einen Fuß in der Tür hast. Es ist viel wichtiger für die Künstler, mit denen du arbeitest, immer präsent zu sein. Das frisst eine Menge Zeit, sagt auch Kimenai: "Vor allem in den ersten paar Jahren bist du rund um die Uhr dabei, ohne jemals einen nennenswerten Urlaub zu haben. Festivals oder Touren als eine Art Urlaub zu verstehen ist gefährlich. Du hast immer etwas zu tun und kaum Zeit zum Entspannen."

Die Musikindustrie ist außerdem Arbeitgeber vieler Freiberufler, die sich kaum Krankheitstage oder einfach mal einen freien Tag gönnen können. Wenn du mit einer fiesen Magen-Darm-Grippe im Bett liegst, wird von dir immer noch erwartet, dass du E-Mails beantwortest. Cinderella Schaap, Besitzerin von Professional Independent Music Promotion (PIMP), hat auch mit starkem Druck zu kämpfen – selbst wenn sie mal einen Tag Erholung bräuchte. "Es ist schwer, die Leute zufriedenzustellen. Nur selten ist deine Arbeit gut genug und jeder denkt, dass es immer besser und mehr sein kann", sagt sie. "Das setzt dich unter großen Druck, weil du nie das Gefühl hast, jemals mit deiner Arbeit fertig zu sein."

Dein Privat- und Arbeitsleben überschneiden sich regelmäßig. Alkohol ist allgegenwärtig und Drogen zumindest geduldet. Nicht jeder macht mit, aber die Versuchung ist da. Sie sind eine sozial akzeptierte Form des Eskapismus und können ein Indikator dafür sein, dass die geistige Gesundheit von jemandem auf wackeligen Füßen steht. Drogen zu nehmen, um dich für die Arbeit wachzuhalten, oder Alkohol, um leichter mit den Kollegen ins Gespräch zu kommen, sind beides einfache Lösungen. In der Musikwelt gehören sie zur herrschenden Kultur. Dementsprechend ist die Hemmschwelle, bei Stress zur Flasche zu greifen, ziemlich gering. Die Grenze zwischen Gebrauch und Missbrauch ist oft nur schwer zu erkennen – ein Problem, das Musiker und Industriemitarbeiter gleichermaßen betrifft.

Weil sich Freizeit und Arbeit ständig überschneiden, ist das Verhältnis zwischen den tatsächlich geleisteten Stunden und der Vergütung total verzerrt, findet auch Kimenai: "Von dir wird eine ganze Menge Loyalität erwartet und diese Loyalität spürst du auch selbst", erklärt er. "Du willst bei jeder Veranstaltung dabei sein und lieber nicht 'Nein' zu Leuten sagen, mit denen du zusammenarbeitest oder die du magst." Es ist die Liebe zur Musik, den Beruf und den Künstlern, wegen der du die Arbeit machst – und deswegen verhältst du dich der Branche gegenüber auch so loyal. Wenn das Ganze eine solche Herzensangelegenheit ist, dann müsste die Arbeit doch definitiv befriedigend sein, oder nicht? Und ja, die sogenannten Sekundärkonditionen und Anreize sind wirklich toll: Du wirst dafür bezahlt, Musik zu hören, zu Konzerten und Festivals zu gehen, und mit Gleichgesinnten zu arbeiten, die genau so enthusiastisch sind wie du. Dein Name steht immer auf der Gästeliste und du musst selten für Essen und Getränke zahlen.

Aber das alles ist nur ein schwacher Trost, wenn die Vergütung für die Arbeit dermaßen im Argen liegt. "Jemand hat mir mal dieses Beispiel gegeben und ich fand es ziemlich treffend", sagt Kimenai, "Ein Gehirnchirurg erhält unendliche Dankbarkeit von seinen Patienten und ihren Familien, außerdem dürfte der Chirurg auch einen tieferen Sinn in seiner Arbeit sehen, aber trotzdem erwarten wir nicht von ihm, dass er das alles zum Schnäppchenpreis macht."

Schaap sieht das genau so: "Als ich für ein Label gearbeitet habe, wurde die Arbeit von Pressemenschen kaum wertgeschätzt – sowohl, was die Kompensation, als auch lobende Worte für die Arbeit anging. Inzwischen dürfte das ein bisschen besser sein, aber die Wertschätzung – insbesondere durch Geld – steht in keinem Verhältnis zu der Zeit und Energie, die du in deine Projekte steckst."

Heutzutage gibt es Studiengänge für Menschen, die ins Musikgeschäft einsteigen wollen. Dort werden dir auch die wirtschaftlichen Aspekte des Berufs beigebracht. Neugierig darauf, ob auch mentale Gesundheit auf dem Lehrplan steht, habe ich Rob van der Veeknen kontaktiert. Er ist Studienfachleiter des Music Industry Professional Programms an der Herman Brood Academy.

"Wir haben ein Seminar mit dem Titel 'Career Development', in dem es darum geht, die eigenen Grenzen abzustecken und auf die körperliche und geistige Gesundheit zu achten", erklärt van der Veeken. "In diesem Kurs versuchen wir, unsere Studenten so gut es geht auf die Berufsrealität vorzubereiten. Zum Beispiel sagen wir ihnen, dass sie zu Beginn ihrer Karriere oft 'Ja' sagen müssen. Erst später in ihrer Karriere können sie zunehmend wählerisch sein. Jede Klasse hat einen Coach, der gleichzeitig auch Vertrauensperson ist. Außerdem gibt es auch noch einen Abwesenheitsbeauftragten, der in Kontakt mit den Studierenden steht. Wenn jemand nicht zum Unterricht erscheint, ist das ein Zeichen dafür, dass es der Person nicht gut geht." Die heutzutage ausgebildeten Berufsanfänger werden also unterstützt und angeleitet. Sie sind sich des Drucks bewusst, der sie in der Musikindustrie erwartet, und das gibt einem etwas Hoffnung für die Zukunft.

Aber was ist mit denjenigen, die schon längst in dem Bereich arbeiten? Wo können sie Hilfe finden? Auch wenn das Thema neu anmutet, wird seit einigen Jahren zunehmend darüber gesprochen – auch hier bei Noisey (zum Beispiel hier, hier und hier). Das Music Managers Forum in Großbritannien hat den Music Manager's Guide to Mental Health veröffentlicht, aber in den Niederlanden, wo ich wohne, wird das Thema kaum thematisiert. Auf dem Eurosonic gibt es keine Seminare dazu und als ich meinen Zusammenbruch hatte, wusste ich nicht, an wen oder was ich mich wenden soll. Es ist wichtig, dass wir innerhalb der Branche anfangen, über Burnouts zu sprechen. In Kombination mit dem Mangel an bereitstehender Unterstützung, ist die schlechte Sichtbarkeit der Symptome gefährlich – für Künstler und Berufstätige gleichermaßen. Sobald wir einmal anfangen, dem ganzen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, können wir vielleicht auch das Stigma etwas abbauen, das mit psychischen Problemen einhergeht. Letzten Endes ist eine gesündere Branche auch eine nachhaltigere.

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