Leben am Dispo

Junge Leute erzählen, wie sehr ihr Konto überzogen ist

Die Bundesregierung will die Sparpolitik fortsetzen. Wir wollten wissen, wie es auf den Girokonten junger Leute aussieht.

von VICE Staff
27 Oktober 2017, 4:15pm

Alle Fotos von Grey Hutton

Manche Deutsche stehen auf labbrige, grauweiße Würste aus Kalbskopffleisch, andere auf Latexanzüge und Atemspiele. Das eine ist eine Vorliebe, das andere ein Fetisch. Wenn die CDU einen Fetisch hat, dann den für die Schwarze Null: Ihrer Meinung nach darf der deutsche Staat nie mehr ausgegeben, als er auch einnimmt. So kommt am Jahresende eine Null auf der Habenseite heraus.

"Atemspiele" bedeutet dieser Fetisch dann für andere: Schüler, deren Schulen nicht renoviert werden, Pendler, die im Stau stehen, weil Brücken auseinanderbröckeln. Im Minus befindet sich Deutschland auch trotz Schwarzer Null: Die gesamte Staatsverschuldung beträgt aktuell fast 2 Billionen Euro, schätzt der Bund der Steuerzahler. Das sind rund 24.000 Euro pro Einwohner – und damit auch pro jungem Menschen.

Wir haben die gefragt, ob sie ihre ganz persönliche Schwarze Null halten können oder immer tiefer ins Minus geraten.

Timo, 29

Wir treffen Timo an der Schuldenuhr des Bunds der Steuerzahler. Er hat Medienmanagement studiert und ist gerade auf der Durchreise von Hamburg nach Dresden. Während unseres Gesprächs steigt der Schuldenstand um 14.036 Euro.

VICE: Es ist Monatsende. Wie sieht es finanziell bei dir aus?
Timo: Eng, aber gut. Ich werde nicht ins Minus kommen, denn ich habe keinen Dispo.

Musst du dir dann manchmal Geld leihen?
Ich habe mich noch nie verschuldet, da halte ich ich gar nichts von. Deshalb verzichte ich auch oft auf neue Klamotten oder das neueste Smartphone. Bei manchen geht es sicherlich nicht anders, aber ich bin bislang immer so hingekommen. Die Entscheidung gegen den Dispo war eine bewusste. Ich muss mir mein Geld für den Monat eben einteilen.

Wie gehst du da vor?
Ich nutze Onlinebanking und schaue jeden Tag auf meinen Kontostand. Ist noch was drin oder nicht?

Worauf hast du zuletzt verzichtet?
Auf Urlaub. Es gibt manchmal auch enge Phasen. Neulich ist mir mein Laptop abgeschmiert. Da muss man dann Prioritäten setzen und andere Sachen verkaufen, denn den Laptop braucht man.

Was hast du verkauft?
Aktien. Klar, das ist ein First-World-Problem, jedoch war dieser Verkauf mit einem Verlust verbunden – die Kurse sind derzeit nicht sonderlich erfreulich. Ich hätte auch die Option gehabt, ein gebrauchtes oder billigeres Gerät zu kaufen, aber ich wollte etwas Langfristiges haben.

Sollte der Staat so vorgehen wie du und auch nie wieder Schulden machen?
Auf Bundesebene macht es nicht so viel Sinn, an einer Schwarzen Null festzuhalten. Gerade in der Bildung und beim Ausgleich sozialer Ungleichheiten muss mehr investiert werden, beim sozialen Wohnungsbau etwa oder der Bekämpfung der Kinderarmut. Zukünftige Generationen dürfen nicht vernachlässigt werden.

Elena, 25

Elena studiert Amerikanistik. Sie ist zu früh für ihre Verabredung und will sich die Zeit in einem Modegeschäft vertreiben. Kaufen wolle sie nichts, sagt sie.

VICE: Hast du Geld dabei?
Elena: Ich habe vorhin etwas abgehoben. Auf meinem Konto sieht es nicht so propper aus, aber im Dispo bin ich nicht, nein. Geht bei mir auch gar nicht.

Wie organisierst du deine Finanzen?
Ich bekomme BAföG und einen Hunni von Mama im Monat. Buchhaltung habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Seitdem ich zu Hause ausgezogen bin, lebe ich einfach nur, ohne mir richtig Gedanken zu machen.

Wofür gibst du das meiste Geld aus?
Wahrscheinlich für Alkohol und Feierngehen. Ich gehe einmal die Woche aus, da kommen so 150 Euro pro Monat zusammen.

Leben deine Freunde auf Dispo?
Manchmal schon. Aber ich hatte noch nie das Gefühl, dass da jemand dauerhaft Probleme hat. Wenn, dann bin eher ich am ärmsten. Aber in einer Abwärtsspirale stecke ich nicht.

Wie stehst du zur Schwarzen Null?
Das Foto vom Finanzministerium habe ich gesehen. Ich kenne mich nicht so richtig damit aus und weiß auch nicht, wie so eine Schwarze Null zustande kommt. Vermutlich geht die Einsparung aber auf Kosten derer, die es nicht verdient haben.


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Andreas*, 26

Andreas sagt, er hätte jahrelang Geldprobleme gehabt. Um keinen Stress mit seinen Verwandten zu riskieren, möchte er seinen richtigen Namen nicht verraten.

VICE: Wie geht deine Minus-Geschichte?
Andreas: Ich hatte im Studium immer zu wenig Geld, das wurde jedes Jahr schlimmer. Den Dispo habe ich erst auf 200, dann auf 500 Euro erhöht. Zum Geburtstag hieß es dann: Ich wünsch mir nichts, außer dass ihr mir das Konto ausgleicht. Genaue Zahlen habe ich nicht genannt, aber ich habe ausgerechnet, wie viel mir meine Verwandten wohl schenken würden und den Restbetrag habe ich dann meinen Eltern als mein Minus verkauft. Danach war man einmal im Jahr auf Null.

Wofür hast du denn dein Geld ausgegeben – für Klamotten oder Alkohol und Drogen?
Weder noch. Viele Leute leben dir heute vor, dass Reisen einfach dazugehören. Es gibt den Spruch: Im Studium hast du viel Zeit und wenig Geld – und später dann viel Geld und wenig Zeit. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Also habe ich einen Freund während eines Auslandssemester in Chile ebenso selbstverständlich besucht, wie andere Freunde ein spontanes Wochenende in Heidelberg oder Hamburg gemacht haben.

Bereust du das?
Diese Momente kann dir keiner nehmen. Auf teure Sneaker konnte ich hingegen verzichten.

Wie bist du mit deinem Dispo umgegangen?
Als ich mit 18 mein Konto übernommen habe, hat mir die Bank zum Dispo geraten – "Falls du mal eine größere Ausgabe hast". Ich wäre dann immer flexibel. Anfangs hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, als ich am Schalter 50 Euro haben wollte, obwohl die Bankleute sehen konnten, dass ich bereits im Minus war. Aber wenn man einmal in den Dispo reinrutscht, wird das schnell normal, man rechnet dann den einfach immer schon mit. Ich hatte nie die Kontrolle darüber, ob ich da zwei oder zehn Euro Zinsen im Monat abgedrückt habe – wollte ich auch gar nicht wissen.

Sprichst du mit deinen Freunden über ihre Finanzen?
Niemand redet gerne über Geld oder das eigene Gehalt, aber über ihren Dispo machen meine Freunde ganz offen Witze. Einer von ihnen ist Auszubildender und hat jetzt erzählt, dass er an sein Sparguthaben ran muss. Sein Dispo ist bei 2.000 Euro. Mein Sparbuch hab ich schon vor Jahren aufgebraucht.

Lisa, 20, und Leonie, 19

Die beiden sitzen vor einer Einkaufspassage. Shoppen gehen wollen sie aber nicht, sagt Leonie. Beide haben ein Dispo – "zur Sicherheit" – und das angeblich noch nie benutzt.

VICE: Wie steht ihr gerade finanziell da?
Beide: Ganz gut.

Obwohl Monatsende ist?
Lisa: Wir haben erst vor einer Woche unser Gehalt bekommen, das kommt bei uns immer Mitte des Monats.

Wo arbeitet ihr denn, wenn ihr 19 und 20 seid?
Leonie: An einer Waldorfschule für geistig behinderte Kinder. Ich arbeite seit Anfang des Jahres dort als Betreuerin, da braucht man keine Ausbildung für. Davor bin ich zur Schule gegangen.
Lisa: Ich mache da meinen Bundesfreiwilligendienst, da kriegt man nicht ganz so viel.

Hattet ihr als Schülerinnen Probleme mit Geld?
Leonie: Nein. Wir kommen beide immer ganz gut klar.

Euch ging es nie so, dass ihr mal nur 20, 30 Euro für die letzte Woche des Monats übrig hattet?
Leonie: Doch, schon. Ich habe mal eine Fernbeziehung geführt. Das geht ganz schön ins Geld, da muss man sich gut organisieren.

Wie geht das?
Leonie: Man plant genau, was man wofür ausgibt, und schafft sich Budgets. Drauflos kaufen und sich danach denken: "Scheiße, ich hätte doch weniger ausgeben sollen!"; das gibt es dann nicht mehr. Die einzelnen Posten waren: abends weggehen, Essen, Klamotten, Reisekosten.

Wie viel blieb da für Luxus?
Leonie: Den Posten hatte ich gar nicht, weil die Reisen der Luxus waren. Wir haben uns immer wieder an anderen Orten in Deutschland getroffen.

Generell seid ihr in eurem Alter aber eher die Ausnahme, oder?
Lisa: Freunde fragen schon öfter mal, ob ich noch was hätte, oder können bestimmte Dinge nicht mehr mitmachen. Da geht es schon mal um 50, 100 Euro. Eine sehr gute Freundin steht noch bei mir in der Kreide. Aber das liegt schon länger her und war bei einer gemeinsamen Reise angefallen. Ich weiß, dass ich das zurückkriege.

Was ist dein Spar-Tipp?
Lisa: Gebt euer Geld nicht für unnütze Sachen wie teure Klamotten aus. Second-Hand ist billiger und auch ökologisch sinnvoller.

Henry, 24

Der Student der Musikwissenschaften kommt gerade aus der Bib, um sich eine Zigarette anzuzünden.

VICE: Wie sieht es bei dir gerade aus?
Henry: Mein Portemonnaie ist leer, mein Konto fast. Aber ich halte bis zum Ende des Monats durch.

Das heißt, du musst nicht ins Minus gehen?
Doch, ich bin immer zum Monatsende im Dispo, bis zu 100 Euro. Darauf habe ich den Betrag erst neulich reduziert, um mich nicht immer weiter zu verschulden.

Wie ist dein Verhältnis zu Geld?
Wenn ich was habe, dann gebe ich es aus, bis ich nichts mehr habe. Das ist immer das Gleiche. Geld zu sparen, schaffe ich nur, wenn ich mal zufällig mehr verdiene.

Wie sieht der Lebensstil aus, wenn du dich beschränken muss?
Ich esse fast immer zu Hause, gehe nur wenig aus und leiste mir keine Luxusgüter wie Platten oder Bücher.

Das funktioniert dann auch gut?
Mehr oder weniger. Existentielle Probleme hatte ich noch nie. Dass ich mich eine Woche lang nur von 20 Euro ernährt habe, kam allerdings schon vor. Mein Netzwerk hat mich dann aufgefangen. Von meinen Eltern leihe ich mir nichts mehr, aber schon mal einen Fuffi von Freunden.

Gerade auch?
Ach, ich schulde Freunden noch 30 Euro für ein Shirt und dann noch 20 Euro fürs Ausgehen, als ich mal kein Geld dabei hatte. Nichts Dramatisches. Sollten die das jetzt zurückhaben wollen, könnte ich das auf jeden Fall organisieren.

Einfach direkt begleichen würdest du die Schulden nicht?
Ja, gut, also ich vergesse das immer und wenn wir uns sehen, habe ich auch nicht zufällig 50 Euro dabei.

Sollte es ein Schulfach für Buchhaltung und Steuererklärung geben?
Nein, Lebensführung sollten einem im Idealfall die eigenen Eltern vermitteln – aber das sage ich jetzt als privilegierter Dude aus einem Akademikerhaushalt. Ich glaube auch nicht, dass arme Leute generell schlecht mit ihrem Geld umgehen, sondern dass das Problem größer ist. Der deutsche Staat sollte auf jeden Fall mehr investieren.

Welche Schulnote gibst du dir selbst für deinen Umgang mit Geld?
2- bis 3 – weil ich es nicht schaffe zu sparen.

Dima*, 26

Der Grafiker heißt eigentlich anders, schämt sich aber für seine Finanzen.

VICE: Wie viel hast du gerade dabei?
Dima: Lass mal gucken … 120 Euro in Scheinen, knapp 3 Euro Münzgeld und je eine EC- und Kreditkarte.

Das würde doch reichen, um sich ein neues Portemonnaie zu kaufen, oder? Sieht ziemlich kaputt aus.
Ja, schon, aber ehrlich gesagt habe ich nicht so viel.

Verdienst du nicht genug?
Doch schon, gerade bin ich festangestellt. Das Finanzamt ist schuld.

Was hast du verbrochen?
Ich habe es drei Jahre in Folge nicht geschafft, meine Steuererklärung abzugeben. Die schätzen dann immer den Betrag. Er fällt jedes Mal unglaublich hoch aus und sie wollen den auf einmal haben. Knapp 8.000 Euro waren das beim letzten Mal. Das Geld hatte ich natürlich nicht mal eben, da haben sie mein Konto gepfändet.

Und dann hast du gar kein Geld?
Doch, es gibt einen Freibetrag. Damit kommt man schon über die Runden, aber es ist schwierig.

Warum hast du denn nicht einfach einen Steuerberater gesucht?
Ich habe mir immer gesagt: Das bekommst du schon allein hin, du bist ja nicht doof. Aber ich war überfordert. Und gerade als ich noch selbstständig war, da ging es eher darum, Aufträge und Kohle zu organisieren, Freunde liehen mir was, die Problemlösung wurde aufgeschoben. Vor einem Jahr im Herbst war es richtig mies, da kam plötzlich nichts mehr rein, vorher war ich aber noch im Urlaub gewesen. In der Woche nach Weihnachten erhielt ich die fristlose Kündigung für meine Wohnung, Miete dreimal nicht gezahlt. Da musste ich meine Eltern fragen und mir endlich einen festen Job suchen.

Und hilft dir jetzt jemand mit deiner Steuererklärung?
Vor zwei Monaten habe ich mich endlich bei einer Beraterin gemeldet. Schulden bei Freunden habe ich keine mehr und die Pfändung soll auch aufgehoben werden. Vielleicht bekomme ich sogar was zurück.

Wie denkst du über die deutsche Finanzpolitik?
Es fehlt definitiv Geld für Lehrer und Schulen, aber auch für Krankenhäuser. Da sollte man nicht sparen. Aber wie ihr vielleicht gemerkt habt, bin ich nicht der beste Experte für das Thema.

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