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Um die Häuser ziehen mit … Moskaus jungen Bonzen!

Neunundneunzig Prozent des modernen Russlands sind ein einziges großes, verfahrenes Festival der Unterdrückung. Na und?
5.7.12

Neunundneunzig Prozent des modernen Russlands sind ein einziges großes, verfahrenes Festival der Unterdrückung. Und der Rest? Na ja, es ist ungefähr so wie die explodierende Klimax eines Volkes, das mit einem Nichts aus künstlicher Ernährung aufwuchs, und dem dann auf einmal so viel Milch und Kartoffeln gegeben werden, wie es sich hätte niemals träumen lassen. Da Russland im Wesentlichen auf Zwillingstürmen des Luxus und der Armut errichtet worden ist, ist die Idee des VIP zu einer nationalen Obsession geworden. Entweder das oder die Gosse. Und natürlich ist der Nachtclub zum Schauplatz der ultimativen düsteren Parade der unerfüllbaren Erwartungen, des gezwungenen Lächelns, der Angeberei und der Netzwerkbildung geworden; und das Schmieröl der ganzen Geschichte sind Cocktails für zehn Euro aufwärts. Wie euch wohl aufgefallen ist, bin ich ein großer Fan von diesem „die Psychoanalyse einer Nation“-Mist, ABER ich halte mich eben auch gerne in Räumen voller gepflegter russischer Frauen auf. Im Auftrag, zum Herzen der russischen Psyche durchzudringen, habe ich also jeden Cent, den ich noch vom Verkauf der Schnappschüsse meines Nordkorea-Urlaubs gespart hatte, für eine ultimative Ausgehnacht im VIP-Moskau auf den Kopf gehauen: Ein Ort, für den Normalsterbliche, die von außerhalb der oligarchischen Slawosphäre kommen, kaum als reich genug erachtet werden, um ihn überhaupt betreten zu dürfen.

Erster Halt war das Lookin Rooms. Ich war nicht überzeugt, dass der Laden wirklich ein Exempel der Moskau‘schen Hochkultur ist, wie die Taxifahrer mir versprochen hatten; eher eine zweitklassige Peep-Show. Aber scheiß drauf, oder?

Achsooo!!! Ich verstehe; zweitklassige Peep-Shows SIND heutzutage die Moskau'sche Hochkultur. Was sagst du dazu, Tolstoi? „Der Mensch sucht sich nie eine Meinung aus; er trägt, was gerade in Mode ist“, sagst du? Stoische Worte, mein Freund. Obwohl ich mich von dem kleinen „BE COOL“-Schild doch etwas genötigt fühlte, als ich schlechten Gewissens auf den Hintern dieser ukrainischen Dame starrte.

Dieses Bild fasst die Dynamik des Abends gut zusammen: Attraktive Frauen, die schlecht angezogene, aber nicht ganz unattraktive Kerle ignorieren, um für die nächstbeste Kamera zu posieren. Tatsächlich habe ich im Laufe des Abends herausgefunden, dass in dieser Stadt Kameras magische Kräfte besitzen. In der Zwischenzeit hing der zwielichtige Typ im Anzug am Automaten für Handyguthaben rum und befummelte ihn; wahrscheinlich verwechselte er die roten Noppen mit der Klitoris einer echten Frau.

Selbstverständlich ist die eigentliche Interpretation des Namens „Lookin Rooms“, dass es ein Ort ist, an dem geschaut wird, sehen und gesehen werden. Selbstverständlich wird jeder Blick unendlich oft von überall hängenden Spiegeln reflektiert und dann festgehalten von einer endlosen Prozession aus Instagramern und herumschwirrenden Club-Fotografen. All die Aufmerksamkeit beweist ganz klar, dass du eine SEHR WICHTIGE PERSON bist. Ganz besonders ich.

Auf eine bestimmte Art war es der Himmel, schätze ich.

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Diese Dame war alleine da und verfolgte mich quer durch den halben Laden, um mich zu fragen, ob ich ein Bild von ihr machen könne, obwohl sie keine Ahnung hatte, wer ich bin oder wo es landen würde. Ich hoffe, du magst VICE.

Auch Jay Kay/Totally Enormous Irgendwas Dinosaurs hat sofort eine „Ich hab so viel Spaß wie noch nie“-Pose aufgesetzt, als ich mit meiner Kamera vorbei kam. Vier Sekunden zuvor hatte er mit dem Rücken gegen ein Sofa gelehnt und seinen Kumpel gebeten, ihm die Schüssel mit Nachos zu reichen. Seht ihr? Kamera ist Zauberei! Irgendwann zog ich weiter, da ich mir sicher war, dass mir Moskau noch so viel mehr zu bieten hatte …

Draußen sind wir hier drauf gestoßen. Auf den ersten Blick sah es aus wie irgendein merkwürdiger Kindergeburtstag, aber tatsächlich stellte es sich als noch etwas viel Merkwürdigeres heraus.

Es war ein Versammlung von christlich-orthodoxen Bikern! (Was sonst?)

In Russland ist es kein bisschen komisch, seine Liebe zu Gott durch schwere geairbrushte Gefährte auszudrücken, die sie aussehen wie aus Warhammer.

Dieser alte Typ stand an der Straße und winkte den Konvois aus orthodoxen Motorrädern und Hummern, die immer weiter Runden um uns drehten, zu.

Ich lief noch etwas die Straßen entlang und stellte meinen Glauben in Frage, als ich in diese Szene stolperte. Es erinnerte mich daran, dass ich noch mehr unfassbar attraktive Frauen sehen und noch mehr Alkohol trinken musste.

Also machte ich mich auf den Weg zum Gaudi, was, wie mir versprochen wurde, der unglaublichste Club in ganz Moskau sein sollte. Unglücklicherweise musste ich, um zum Gaudi zu kommen, diesen unheilverkündenden Weg lang laufen.

Das Schild mit der Aufschrift „VIP“ vor dem Club schenkte mir ein wenig Zuversicht. Ich wusste, das wird eine ganz große Sache, weil genau das gleiche Schild von Putin an die Wände des Kreml gehängt wird, um Würdenträger aus Übersee zu empfangen.

Die Nacht war für das Gaudi etwas ganz Besonderes, bewirtete es doch die größten Stars, die jemals in Moskau gesehen wurden: Jared Letos Bruder und den Kumpel von Jared Letos Bruder! In der Moskauer VIP-Hierarchie der VIP-Wichtigkeit fiel das unter die Kategorie Very Fucking Very Important V.I.V.I.P. Als die Worte die Lippen des bulligen, russischen Türstehers am Empfang verließen, dass wir nun die Erlaubnis hätten, mit Jared Letos Bruder und dem Kumpel von Jared Letos Bruder abzuhängen, merkte ich, dass ich gerade dabei war, die Tür zum VIP-Universum aufzustoßen.

Eigentlich war es eines der komischsten und peinlichsten Interviews überhaupt. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Typ war, und aus irgendeinem Grund war ich etwas verwirrt und überzeugt davon, Jay Lenos und nicht Jared Letos Bruder zu treffen, wodurch das Ganze noch weniger Sinn machte. Da ich keine Ahnung hatte, was ich sie fragen konnte, log ich sie einfach an. Ich erzählte ihnen, ich sei ein berühmter DJ aus Großbritannien, der gestern hier aufgelegt hätte und dass es so richtig „abgegangen“ sei. Jared Letos Bruder sagte mir, er wäre gerne da gewesen, um es sich anzuhören. Er liebe außerdem UK Grime UND UK Bass und sowieso sollten wir mal zusammen eine Show machen. Ich kam mir vor, als wäre ich in einem dieser „Morrissey trifft Franz Ferdinand“-Artikel des NME gelandet, nur dass wir zwei Niemande in einem schlecht beleuchteten Hinterzimmer einer ehemaligen sowjetischen Sklavenfabrik am Stadtrand Moskaus waren, die verzweifelt versuchten, sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass sich irgendwo irgendjemand tatsächlich auch nur halbwegs für ihre armselige Existenz interessiert. Nennt mich DJ Bad Vibes.

Ich versuchte, unsere Unterhaltung zurück in eine etwas langweiligere, aber gewöhnlichere Richtung zu lenken, um irgendwie wieder aus der Situation rauszukommen. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kam, aber auf einmal erzählte mir Jared Letos Bruder, wie er seine Musik benutze, um allen Mädchen im Club ins Gesicht zu spritzen. Ich bat ihn, mir zu erklären, wie er das meine und er sagte: „Ich wichse ihnen ins Gesicht. Wooooo!“  Dann haben wir das Bild oben gemacht, um zu zeigen, wie das aussehen würde.

Wie auch immer. Zum Glück unterbrach ihr PR-Mensch das Ganze und ich war frei. Sie mussten ja schließlich eine Show abliefern … So sah es aus. Falls es dich interessiert, mein gestriges Set war besser. Es ging total ab.

Echt, ich habe etwa 500 Bilder aus diesem lächerlichen Club, die es wert wären, hier gezeigt zu werden. Mit jedem neuen Foto verliebte ich mich mehr in den Laden. Du denkst wahrscheinlich, ich bin einfach nur ein törichtes Arschloch, wenn ich dir erzähle, dass es auf diesem Planeten einen Ort gibt, wo du ein Mitglied von Powerman 5000 erwischen kannst, wie es Frauen in Stöckelschuhen so verführt, dass sie in seiner Anwesenheit tatsächlich anfangen zu gurren, während es ihnen auf einem in silberner Alufolie eingewickelten Sofa Leguane zeigt. Nun, hier ist der verdammte Beweis.

Dieser Typ war eine Mischung aus dem Terminator T-1000 und David Sylvian. Aber mit so einer heißen Freundin kannst du nicht mal den verarschen.

Das Problem, wenn alle so mühelos gut aussehen, ist, dass es irgendwie extrem einfach wird, unangebracht gemein zu sein, falls auch nur ein Glamourdetail nicht dazu passt. Das soll also genügen: Fake Tattoo Sleeve = Fick dich.

Als wir neben den eingekerkerten Frauen abhingen, trafen wir noch ein Moskauer Original: Einen russischen Burschen aus einer Vorstadt, der sich sehr bemühte, wie die harten Kerle der russischen Version von Die letzte Fahrt der Bismarck auszusehen. Als wir die Kamera hervorholten, verschränkte er seine Arme automatisch zu einer passiv-aggressiven Bulldogenpose, um sich seiner Männlichkeit zu versichern. Russland ist wirklich patriarchalisch und so. #AnthrolopologischeErkenntnisHochTausend.

Die Nacht war noch jung und ein Club war auf unserer Tour noch übrig. Der dekadenteste und exklusivste von allen: Rai. Wir nahmen ein Taxi durch die Stadt und glitten am Kreml vorbei. Unser Taxifahrer hieß Armen und kam aus—Armenien.

Um uns den Eintritt ins Rai („Paradies“) zu sichern, musste ich schon Tage zuvor Vorbereitungen treffen. Hätte ich das nicht gemacht, hätte uns die Gesichtskontrolle kalt erwischt. Die Gesichtskontrolle ist die unbarmherzig grausame Praxis, die es einem sibirischen Türsteher erlaubt, völlig willkürlich zu entscheiden, ob du reingelassen wirst oder nicht. Seine Entscheidung basiert darauf, ob du gut genug aussiehst oder gut gekleidet bist oder eben reicht genug wirkst. Kleine Bräuche wie diese halten Moskaus momentanen Zwang zur ostentative Zurschaustellung seines Reichtums am Leben. Das bedeutet, es ist schlicht sinnlos auszugehen, wenn du dich nicht wie ein überzogener Saftarsch präsentierst. Nach nur drei Monaten in Moskau fühle ich mich gezwungen, von Kopf bis Fuß ausschließlich Prada zu tragen.

Mir wurde jedenfalls der Himmel auf Erden versprochen und rate mal: Das war es auch. Schau dir das an! Es ist wie ein Level aus Prince of Persia!

PERFEKT! Eine riesige, unheimliche Schlange, ein paar Frauen mit großartigen Beinen und ausdruckslose fette Männer mit einem Vermögen, das mehr als halb so groß ist wie Südamerikas BIP. Das ist ES! Das ist ES wirklich!

An das Mädchen rechts, wer immer du auch bist, wo auch immer du bist: Ich liebe Dich! Es tut mir leid, dass ich mit den letzten tausend Wörtern alles verarscht habe, was dir wichtig ist. Ich nehme alles zurück; vorausgesetzt du nimmst mich mit, wo auch immer du nachts schläfst.

Ich war zu dem Zeitpunkt schon ziemlich benebelt und fühlte mich, als hätte ich gerade eine Welt betreten, die ich nie wieder verlassen wollte. Als ich den großen, beängstigenden Vishnu, der an der Wand hinunterglitt, betrachtete, verstand ich, dass das Leben eines Moskauer VIPs wirklich himmlisch ist. Oder die Reality-Version eines wirklich richtig, richtig guten Computerspiels.

Ich sah nach oben und bemerkte dieses Käfigmädchen, das Rock‘n‘Roll zu lieben schien.

Sieh mal, ein schwebendes Bondage-Bett. Wie langweilig. Ich wette, die Besitzer lassen hier nur etwa dreimal pro Woche jemanden Sex haben.

Aber sie. Oh Gott, sie! Ich wünschte, diese geschmacklose Situation hätte meinen Schädel nicht so weggeblasen. Aber keine Chance. Sorry, Emanzen. Sorry, Gewissen. Die Umstände sind schuld.

Niedergeschlagen, verwirrt und beschwingt verließ ich den Club gegen fünf Uhr. Draußen kotzten die Leute auf das Ufer der Moskwa. Direkt vor der mächtigen goldenen Kirche, die Stalin in die Luft jagen ließ, um ein riesiges öffentliches Schwimmbad dorthin zu setzen, bis Putin sie in einem Anfall von Nostalgie wieder aufbaute.
 
Leider stellt sich heraus, dass meine VIP-Nacht in Moskau die beste meines ganzen Lebens war. Jeder Club auf Erden ist eigentlich nichts Anderes als eine riesige Glamourparade, zu der Leute gehen, um die Plackerei ihres Daseins zu vergessen: Aber dieser hier ist mit der Sorte Frauen gefüllt, die sich bei Sonnenaufgang in Schatten, Gold und mit Petrodollars gekauften Luxus zurückverwandeln.