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Die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung der Welt

Wenn du willst, dass deine Meth-Ladung sicher ankommt, ist es einfacher, Santa Muerte darum zu bitten als die Jungfrau von Guadalupe.
19.11.14
Foto: Toni François

​Erinnerst du dich noch an die dritte Staffel von Breaking Bad? Die, in der die beiden Cousins auftauchen—die beiden anzugtragenden Auftragskiller, die Hank und Walt einige Problem bescheren. Bei ihrer Einführung sehen wir sie mitten in einem staubigen, mexikanischen Dorf aus einem dicken, schwarzen Mercedes steigen. Die Dorfbewohner robben an ihnen vorbei auf ein kleines Gebäude zu. Einen kurzen Moment später legen sich auch die beiden auf den Bauch und robben über den staubigen Boden, bis sie einen kleinen Schrein erreichen. Dieser ist randvoll mit Kerzen, Blumen und Nachrichten für eine Statue, die aussieht wie der Sensenmann. Dann befestigen beide dort ihren Todeswunsch: Eine Zeichnung von „Heisenberg".

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Dieser Schrein ist Santa Muerte gewidmet. Ihre Anhängerschaft stellt die am schnellsten wachsende Religion der Welt dar.

„Sie hat zwischen 10 und 12 Millionen Anhänger und ist erst in den letzten 12 Jahren zu einem öffentlichen Phänomen geworden", sagt Andrew Chesnut, der Autor von ​Devoted ​t​o Death, dem ersten englischsprachigen Buch über den Kult. Vor 2001 existierte Santa Muerte nur im Verborgenen. Anhänger bauten sich ihre eigenen Schreine und versteckten sie in Kleiderschränken. Nachdem dann aber eine Frau namens Enriqueta Romero in Tepito, einem Viertel von Mexiko-Stadt, den ersten Schrein für die Heilige enthüllte, hat sich der Kult wie ein Lauffeuer in Mexiko, Mittelamerika und US-amerikanischen Städten wie Los Angeles und Houston, in denen ein hoher Anteil der Bevölkerung lateinamerikanische Wurzeln hat, ausgebreitet. Chesnut konnte Ausläufer des Kultes sogar bis nach Japan, Australien und auf die Philippinen verfolgen. „Es gibt keine andere religiöse Bewegung, die mit dieser Wachstumsrate mithalten kann", so Chesnut.

Die Ursprünge der Santa-Muerte-Verehrung vor der Enthüllung des Tepito-Schreins sind nicht ganz klar. Viele sehen sie als eine Kreuzung des spanischen Katholizismus der Kolonialherren mit dem aztekischen Glauben an Mictecacihuatl, die Königin der Unterwelt. Die Anleihen an den Katholizismus sind in den Parallelen zwischen Verehrung von Santa Muerte und den Ritualen, die vom Vatikan abgehalten werden, offensichtlich. Die Verbindung zum Glauben der Ureinwohner scheint dann aber doch etwas weiter hergeholt zu sein. In so gut wie jeder Kultur wird eine Verkörperung des Todes in irgendeiner Form verehrt. Während also die Wurzeln dieser Tradition im Verborgenen bleiben, ist es keineswegs verwunderlich, dass sich ein solcher Todeskult gerade in Mexiko derartiger Beliebtheit erfreut.

„[In Mexiko] sind seit 2006 fast ​80.000 Mensch​en gewaltsam umgekommen", so Chesnut. Der andauernde Drogenkrieg füllt regelmäßig die Titelseiten der Tageszeitungen mit Fotos enthaupteter Leichen. Die Hoffnung, dass sich mit dem Wechsel von Felipe Calderon zu Enrique Nieto an der Regierungsspitze etwas ändern würde, ist spätestens seit der Hinrichtung von ​43 Stude​nten verpufft. „Menschen suchen nach Schutz und Santa Muerte hat den Ruf, die stärkste Heilige von allen zu sein."

Die größte Kultstätte mit einer 23 Meter hohen Statue von Santa Muerte befindet sich in der Stadt Tultitlán. Dort hält Enriqueta Vargas Hochzeiten und Taufrituale für die Anhänger ab. Vargas übernahm den Schrein von ihrem Sohn Jonathan, nachdem dieser 2008 von Auftragsmördern erschossen worden war. Derartige Gewalttaten haben auch dazu geführt, dass Santa Muerte von vielen mit dem Drogenhandel in Verbindung gebracht wird. Viele Menschen in Europa und Nordamerika kamen erst durch besagte Breaking Bad-Szene damit in Kontakt.

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„Zweifellos spricht sie die Leute im Drogengeschäft besonders an", sagt Chesnut. „Wen könnte man denn besser um ein paar zusätzliche Körnern für die Sanduhr des Lebens bitten als den Tod persönlich?" Und Santa Muerte strahlt eine Unnachgiebigkeit aus, die sich wunderbar mit der Machokultur der Drogenschmuggler und Dealer vereinen lässt. „Einer ihrer Spitznamen lautet ‚Cabrona', was oft im Sinne von ‚Schlampe' verwendet wird. Sie hat schon dieses toughe einer harten Braut." Wenn man allerdings glaubt, dass sie ausschließlich Verbrechern dient, liegt man falsch.

„Ich wollte mich umbringen", erklärt Anhängerin Lilian aus Los Angeles. „Mein Mann hat mich zusammengeschlagen und ich habe keinen Sinn mehr in meinem Leben gesehen. Eines Tages rief ich eine Freundin an und sagte ihr, dass ich mich mit Tabletten umbringen werde. Sie hat mir dann von Santa Muerte erzählt." Wenn dir die Gottheit hilft, dann erwartet sie aber auch eine Gegenleistung. Blumen, Gebete, Kerzen, Zigarren, manchmal auch Geld. „Du musst deine Versprechen halten. Tust du das nicht, dann bestraft sie dich dadurch, dass sie es dir schwer macht, einen Job zu finden, dir Geldprobleme bereitet oder dich mit einer Krankheit straft—solche Sachen halt", fügt Lilian hinzu.

Für ihre Anhänger hat Santa Muerte zwei Rollen: Sie ist verehrte Heilige und Seelsorgerin zugleich. „Als Heilige schützt sie dich und führt dich durchs Leben", sagt Steven Bragg, seit 2010 dabei, der die ​Santa-Mue​rte-Kirche in New Orleans leitet. „Anstatt rechts abzubiegen, fährst du links und umgehst den Verkehrsunfall. Es sind solche kleinen Dinge. Wenn es aber um etwas wirklich Großes geht, dann greife ich zu den drei Weihgaben." An diesem Punkt, wenn ihre Anhänger sie mithilfe der Kraft dreier farbkodierter Kerzen beschwören, wird sie zu einer Seelsorgerin. Weiß steht für Heilung, Frieden und Wohlstand. Rot steht für Liebe, Arbeit und Gerechtigkeit. Schwarz steht für „dunklere Mächte", wie dem Schutz vor Hexerei. „Sie versetzt Berge für dich", so Bragg.

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Santa Muerte hat auch kein Problem damit, wenn du neben ihr noch andere Gottheiten verehrst. Sie hat nicht solche Allüren wie, sagen wir, der christliche Gott, der will, dass man alle Götzen neben ihm zerstört. In der Tat praktizieren viele von Santa Muertes Anhängern weiterhin den Katholizismus und sparen sich die bunten Weihgaben für abgründigere Anliegen auf. „Den Menschen ist wohler dabei, sie um Gefallen zu bitten, mit denen katholische Heilige besser nicht behelligt werden", sagt Chesnut. „Wenn du möchtest, dass deine Meth-Ladung sicher ankommt, dann ist es leichter, sich an sie zu wenden als an ​Unsere Liebe Fra​u von Guadalupe."

Diese Bewegung ist keineswegs unbemerkt an der katholischen Kirche vorübergegangen. Im Mai 2013 verdammte Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur des Vatikans, Santa Muerte öffentlich und nannte den Kult „​gotteslästerlich und religionsfeindlich". Diese Einstellung ist mittlerweile auch unter Mexikos katholischen Bischöfen zum Konsens geworden. „Es vergeht keine Woche, in der nicht ein ambitionierter mexikanischer Bischof Santa Muerte als satanisch verurteilt", so Chesnut. Was ironisch an der Wut des Vatikans ist, ist die eindeutige Verbindung, die zwischen Christentum und Santa Muerte besteht.

Viele der Rituale, die zu ihrer Verehrung verwendet werden—Rosenkränze, Kerzen und sogar einige Gebete—, sind den katholischen Bräuchen sehr ähnlich, wenn nicht sogar unveränderte Kopien. Sie wird auch wie die Jungfrau von Guadalupe dargestellt—hätte man dieser Heiligen die Haut abgezogen. Die Gemeinsamkeiten sprechen potenzielle Anhänger besonders an. „Es ist ein Heilungsprozess", erklärt Bragg. „Die Menschen kommen zurück zum Glauben und betrachten ihn von einer anderen Seite." Man muss allerdings auch sagen, dass die katholische Kirche ihr Bestes getan hat, um die Gläubigen in die Arme von Santa Muerte zu treiben.

„Es gibt keine ethnischen, religiösen oder sprachlichen Barrieren, die die Menschen von ihr fernhalten würden", sagt Profesora Cielo, die seit 13 Jahren eine Gemeinde in Los Angeles leitet. „[Sie ist] eine der wenigen Mächte, die ich kenne, die dich nicht für das kritisiert, was du bist, wie du aussiehst oder wie du deinen Lebensunterhalt bestreitest."

Eine dieser Gruppen, auf der der kritische und verurteilende Blick des Vatikans—wie auch der meisten anderen organisierten Religionen—lastet, ist die LGBT-Gemeinschaft. „LGBTs machen nur einen kleinen Prozentsatz der allgemeinen Bevölkerung aus", sagt Bragg. „Ich würde aber sagen, dass der Anteil dieser Menschen unter den Santa-Muerte-Anhängern etwas größer ist."

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Auch wenn gleichgeschlechtliche Ehen in Mexiko kein so umstrittenes Thema wie anderswo sind—seit 2007 ist die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare in Mexiko-Stadt legal und wird auch fast überall sonst im Land anerkannt—, so ist Homophobie trotzdem noch weit verbreitet. Im Januar wurden zwei Männer von schwerbewaffneten ​Polizisten von einer ​Neujahrsfeier entfernt, nachdem sie sich dort öffentlich geküsst hatten. Beifall bekam dieses übergriffige Vorgehen auch von Menschen wie Bischof Leopoldo Gonzalez, für den Homosexualität „widernatürlich" ist. Vor Kurzem erst stellte sich Lob, das die ​LGBT-Gemeinsc​haft dem Vatikan entgegenbrachte, als verfrüht heraus, als die Bischofssynode es nicht fertigbrachte, die Zweidrittelmehrheit aufzubringen, die nötig gewesen wäre, um „Menschen mit homosexuellen Tendenzen muss mit Respekt und Feinfühligkeit begegnet werden" zu einer offiziellen Position der Kirche zu machen.

„Die Kirche hat sie schon immer abgewiesen, weil sie schwul oder bisexuell oder transgender sind", sagt Bragg. Also verschlägt es sie letztlich vor den Altar von Santa Muerte. Es gibt nicht viele andere Orte, die eine Zuflucht sein könnten. Manchmal gründen sie ihre eigenen Gemeinden. Einer der bekannteren Altäre steht im New Yorker Stadtteil Queens in der Wohnung von ​Arely Gonzalez, einem transsexuellen Einwanderer, den katholische Kirchen in Mexiko diskriminiert und auf diese Weise vertrieben haben.

„Sie hat mir beigebracht, andere Menschen zu verstehen und wertzuschätzen. Viele andere Religionen bringen dir das nicht bei", sagt Profesora Cielo. „Sie bringen dir bei, andere Menschen zu diskriminieren und abzuwerten. Mit Santa Muerte bist du frei."

Die meisten Anhänger werden rasch darauf hinweisen, dass Mitglieder der LGBT-Community keinen großen Anteil unter den Gemeindemitgliedern ausmachen. Genauso wenig wie Menschen im Drogengeschäft, Sexarbeiter oder andere Menschen, die sich entrechtet oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen. Stattdessen sind die Gemeinden Schmelztiegel aus Persönlichkeiten, Geschlechtern, Sichtweisen und sogar Religionen. Dieser Grad an vollständiger Einbindung ist es auch, der die Menschen weiterhin anziehen wird. Denn während das Leben nach dem Tod der wichtigste Streitpunkt der meisten religiösen Sekten ist, sind sich wohl die Anhänger aller Glaubensrichtungen darin einig, dass der Tod alles andere als wählerisch ist.

„Der Tod holt jeden", sagt Bragg. „Der Tod diskriminiert niemanden."