Anzeige
Stuff

Der Entzug von Valium ist härter als der von Heroin

Leider habe ich das erst mit 26 herausgefunden, als ich bereits abhängig war.

von Felicity Jones
12 Dezember 2014, 10:55am

Alprazolam (2 mg) und Benzodiazepam (10 mg). Foto: Dean 812 | Flickr

​Das erste Mal, als ich Valium genommen habe, war ich 19 und reiste mit Freunden durch Südostasien. Ich machte gerade meine erste schlimme Trennung durch und wachte jede Nacht schreiend auf. Es war ein Drama. Jemand drückte mir eine Valium in die Hand. Zum ersten Mal seit Wochen schlief ich durch.

Meine Abhängigkeit begann aber nicht mit dieser einen Tablette während meines Urlaubs. Sie begann, als ich nach meinem Abschluss meine erste Stelle bekam und anfing, an Erschöpfungszuständen zu leiden. Ich wurde schlecht bezahlt und konnte es mir nicht leisten, von zu Hause auszuziehen. Durch den ganzen Stress (das Wohnen zu Hause, Chefs, die mir im Nacken saßen, Entlassungsgerüchte) hatte ich häufig Migräne. Meine Hände wurden taub, wenn ich tippte. Ich wurde unglaublich ängstlich und der Stress manifestierte sich körperlich. Damals wusste ich nichts über psychische Erkrankungen und hätte meinen Zustand auch nicht beschreiben können. Ich kämpfte mich einfach weiter durch.

Zu dieser Zeit geriet mein Nachtleben außer Kontrolle: Wenn du jung bist und dein Alltag von arbeitsbedingten Angstzuständen bestimmt wird, sehnst du dich nach überwältigenden, verrückten Erfahrungen. Valium war mit dabei. Meine Freunde und ich kauften es von Freunden von Freunden und nahmen es, um nach durchzechten Nächten wieder runterzukommen. Es war—und ist—wie eine dicke, weiche Daunendecke.

Obwohl ich an einen Punkt kam, an dem ich abends nicht mehr weg ging, ohne eine der kleinen Tabletten dabei zu haben, war mir überhaupt nicht klar, dass ich langsam abhängig wurde. Eines Tages nahm ich eine Valium bei der Arbeit. Rückblickend war das der ausschlaggebender Moment. Nach kurzer Zeit war die Angst verschwunden. Meine Kopfschmerzen waren verschwunden. Ich kam plötzlich mit meinem herrischen Chef und Hunderten ungelesener E-Mails in meinem Posteingang zurecht. Ich hatte sonst immer dieses schleichende Gefühl, dass ich gleich eine Panikattacke bekommen würde. Doch auch dieses Gefühl verschwand. So begann mein persönlicher Teufelskreis.

Valium und andere Benzodiazepine wie ​Alprazolam zur Behandlung von Angst- und Panikstörungen machen nicht nur abhängig, man baut auch sehr schnell eine Toleranz auf. Ich nahm eine halbe Valium, wenn ich eine Deadline hatte, doch mein Körper brauchte bald mehr. Nach kurzer Zeit nahm ich jeden Morgen eine Tablette mit 10 mg. Innerhalb einiger Monate nahm ich täglich zwischen 20 und 30 mg.

Das Problem mit Benzos ist Folgendes: Je höher deine Toleranz ist, desto schlechter funktionierst du ohne sie. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich—wenn ich kein Valium nahm—noch viel ängstlicher war als in der Zeit, bevor Valium zu meinem seelischen Halt geworden war. „Benzodiazepine wie Valium, die zur Behandlung von Angststörungen verwendet werden, verstärken tatsächlich die Symptome von Angst- und Panikstörungen", sagt Tim Leighton, Leiter der Bereiche Berufsbildung und Forschung bei ​Action on Addiction. „Deshalb wird davon abgeraten, sie über einen längeren Zeitraum einzunehmen."

Leighton: „Ärzte verschreiben Benzodiazepin-Dosen für höchstens ein paar Tage. Die Psychopharmaka machen einfach zu leicht abhängig. Diejenigen, die diese Medikamente beeinträchtigen, sind häufig ältere Menschen, denen sie vor Jahren unklugerweise verschrieben wurden und die nicht mehr in der Lage sind, sie abzusetzen, oder jüngere Menschen, die sie online kaufen." Jüngere Menschen wie ich. Leighton hat völlig Recht damit: In Kürze bestellte ich mein Valium online und hatte dabei keine Ahnung, wo es herkam und was wirklich drin war. Es hätte genauso gut blaugefärbte Zitronensäure sein können. Doch es war echt günstig. Und ich musste mich dafür noch nicht einmal aus dem Haus gehen.

Ein steter Valiumstrom in deinem Blut betäubt dich. Ich habe irgendwann fragwürdige Dinge mit Männern getan, die ich kaum kannte. Einmal ließ ich im Urlaub für einen dahergelaufenen Typen eine Freundin sitzen, ohne mir über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Wenn ich anfing, mein Verhalten in Frage zu stellen, nahm ich einfach eine weitere Tablette.

Irgendwann musste ich am absoluten Tiefpunkt ankommen ... und das passierte auch. Letzte Weihnachten, ich war 26, bestellte ich während meines Urlaub einen Haufen gefälschter Tabletten. Nach kurzer Zeit stürzte alles über mir zusammen. Innerhalb weniger Tage war ich überzeugt, dass ich den Verstand verlieren würde. Ich hatte körperliche und geistige Symptome, die nicht abklingen wollten, obwohl ich eine (gefälschte) Tablette nach der anderen nahm. Das Gefühl, dass mich gleich eine Panikattacke überwältigen würde, ließ mich nicht los. Die Angst, dass alle mich hassten, schnürte mir die Luft ab. Ich hatte Platzangst, Migräne, musste würgen, hatte Weinkrämpfe, es überlief mich heiß und kalt, ich hatte Herzrasen. Ich fühlte mich, als würde ich sterben.

Ich googelte meine Symptome und stieß schließlich auf eine Geschichte, die haargenau beschrieb, was mit mir los war. Einem älteren Mann in den USA wurde vor 20 Jahren Valium verschrieben. Seit sein Hausarzt die Dosis herabgesetzt hatte, hatte der Mann das Gefühl, dass er den Verstand verlieren würde. Er hatte dieselben Symptome wie ich. Plötzlich ergab alles Sinn. Ich hatte gerade eine unglaubliche starke Droge abgesetzt, von der ich abhängig geworden war. Cold Turkey. Mein Körper machte einen kalten Entzug durch.

„Es kann schwieriger sein, Valium abzusetzen als ,spektakulärere' Drogen wie Heroin und Kokain", sagt Leighton. „Der Verlauf des Entzugs hängt davon ab, wie viel man genommen hat und für wie lange. Potentiell ist er allerdings lebensbedrohlich. Der Heroinentzug an sich ist nicht lebensgefährlich, doch die Krampfanfälle, die auftreten können, wenn man Valium absetzt, können einen Menschen tatsächlich umbringen." Rückblickend läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke, dass ich wegen meiner eigenen Naivität einen Krampfanfall hätte bekommen können.

In den kommenden Monaten konnte ich das Valium dank der Hilfe eines großartigen, unvoreingenommenen Arztes langsam absetzen. Ins Krankenhaus zu gehen, war dennoch unglaublich schwierig für mich. Die Symptome, die an Weihnachten aufgetreten waren, kamen wieder, nur eben nicht so stark ausgeprägt. Ich habe es gerade so geschafft, meinen Job zu behalten, aber nach der Arbeit reichte es nur noch dafür, nach Hause zu gehen, mich aufs Sofa zu legen und mein Hirn rattern lassen. Ich war ein Häufchen Elend: paranoid, schwitzend, schniefend. Ich fühlte mich dauererkältet. Anderen Menschen zuzuhören oder irgendwo hinzugehen, war ein Krampf. Mein Schlafrhythmus war kein Rhythmus mehr. Ich war dauernd damit beschäftigt, Ausreden zu erfinden: Meinen Freunden erzählte ich ständig, dass ich „erschöpft" war oder dass ein Familienmitglied krank geworden war. Eine Freundin blaffte mich irgendwann an: „Du lässt uns dauernd im Regen stehen!" Darauf fiel ich wieder in einen Paranoia-Strudel. Aber wer kann ihr diese Reaktion schon verübeln?

„Benzodiazepine wie Valium, die zur Behandlung von Angststörungen verwendet werden, verstärken tatsächlich die Symptome von Angst- und Panikstörungen".

Trotzdem habe ich niemandem davon erzählt. Niemand wusste, was ich durchmachte. Ich habe mich so sehr geschämt. Leighton: „Geheime Abhängigkeiten sind nicht so selten, wie man glauben möchte. Man merkt es einfach nicht, wenn jemand seine Abhängigkeit gut verstecken kann." Den „Mumm" zu haben, allein mit einer Abhängigkeit fertig zu werden, ist zwar „bewundernswert", aber gesünder ist es doch, „wenn man sich jemandem anvertrauen kann".

Und so saß ich einmal die Woche morgens auf einer ambulanten Station für Rauschmittel- und Medikamentensucht. Mein Facharzt beurteilte, ob man mir genug vertrauen konnte, um mir ein Valium-Rezept für eine Woche in die Hand zu drücken (schließlich hätte ich alle auf einmal nehmen und mir im Internet noch mehr bestellen können). Die Dosis war so zugeschnitten, dass ich das Valium über Monate langsam absetzen konnte. Ich hielt mich auch an die Regeln, weil ich diesen Horror nicht noch einmal durchmachen wollte. Das hätte mein Körper nicht mitgemacht.

Das Krankenhaus zu betreten, war eine ständige Herausforderung—jedes Mal, wenn ich hinging, war ich völlig verängstigt. All die anderen Patienten machten einen Heroinentzug, ich stand als dummes Mädchen aus der Mittelschicht dazwischen. Sie müssen sich gedacht haben: „Was zum Teufel will die denn hier?" Im Sitzungsraum kam es häufig zu Streitereien und auf der Straße schrien mich die Männer an, die im Krankenhaus behandelt wurden. Doch das ist die triste Wirklichkeit einer Suchtbehandlung; wer kann sich denn schon das Betty Ford Center leisten? Mit meiner gesetzlichen Versicherung habe ich eine gute und verlässliche Behandlung erhalten, der ich mein Leben und meine geistige Gesundheit verdanke.

Es ist nun ein Jahr her, seit ich begriffen habe, dass ich valiumabhängig bin, und ich kann seitdem das erste Mal sagen, dass es mir halbwegs gut geht. Dank ärztlicher Behandlung bin ich langsam wieder „normal" geworden. Ich bekomme immer noch Panik wegen alberner Kleinigkeiten und Spannungskopf- und Rückenschmerzen. Doch im Großen und Ganzen bin ich wieder ich selbst.

Schon bevor ich angefangen habe, Valium zu nehmen, hatte ich einen Hang zu Angstzuständen. Doch niemals hatte ich Panikattacken, die mich in einen die Luft abschnürenden Strudel aus negativen Gedanken zogen. Das passierte erst, als ich eine ausgewachsene Abhängigkeit entwickelt hatte. Wenn ich die letzten zwölf Monate ungeschehen machen könnte, würde ich das ohne mit der Wimper zu zucken tun, denn jetzt, wo ich weiß, welche düstere, schwarze Verzweiflung in meinem Geist lauert, befürchte ich, dass ich nie wieder dieselbe sein werde.

Meine einzige Hoffnung ist, dass jemand diesen Artikel liest, der Valium als Freizeitdroge nimmt. Wenn diese Person beschließt, mal eine Tablettenpause zu machen, dann hatten meine Erfahrungen zumindest etwas Gutes. Valium und alle anderen Benzodiazepine sind keine Bonbons. Sie sind kein Spielzeug. Sie sind keine schnelle Lösung für den Alltagsstress. Vielleicht können sie einen Absturz dämpfen, aber glaub mir: Je mehr du dich auf das Valium verlässt, desto mehr Kontrolle gewinnt es über dich. Es ist eine Droge, die stärker ist als jeder von uns.


Titelbild: ​Dean 812 | ​Flickr | ​CC BY 2.0