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Der Prophet

Von einem Propheten namens Wurnyang aufgehetzt verließen Gruppen von bewaffneten Männern ihre Farmen und Dörfer, um als sogenannte "White Army" ihre Feinde anzugreifen. Das Ergebnis: Morde, Vergewaltigungen und Feuer.
13.6.14

Mitglieder der White Army sind ausschließlich Nuer und tragen rote Stirnbänder, um sich nicht gegenseitig zu erschießen. Foto von Tim Freccia

Riek Machar könnte wie ein aufgeklärter Westler wirken, mit seinem britischen Akzent, den christlichen Werten und seiner Abneigung gegen Verschwörungen, Aberglauben und andere Dinge, die nicht durch Logik und Fakten gestützt sind. Aber in diesen harten Zeiten muss Machar auf die White Army zurückgreifen, um wieder an Macht zu gewinnen. Die wiederum wird ihm nur folgen, wenn sie von einem Propheten herbeigerufen wird. Die ersten Berichte über die White Army kamen gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf, als die Nuer ihr Territorium erweiterten, indem sie Dörfer der Dinka brandschatzten.

Machar nutzte die Macht der White Army zum ersten Mal im November 1991, als er mit seiner Frau Emma McCune die SPLA-Nasir Fraktion gründete. Von einem Propheten namens Wurnyang aufgehetzt verließen Gruppen von bewaffneten Männern ihre Farmen und Dörfer, um die Dinka anzugreifen. Morde, Vergewaltigungen und Feuer griffen in Bor um sich und hatten 3.000 Todesopfer zur Folge. Genauso schnell wie sie aufgetaucht war, verschwand die White Army danach wieder im Busch. Der Rest der Welt wunderte sich, was eigentlich passiert war. Machar weigerte sich zehn Jahre lang, Verantwortung zu übernehmen, bis er tränenreich Geständnis ablegte.

Eine normale Armee wird dazu ausgebildet, Risiken abzuwägen, die Kraft des Gegners und die Folgen von Kämpfen abzuschätzen. Die White Army wird von göttlicher Bestimmung angeleitet, sie hat keine Angst und führt keinerlei taktische Überlegungen. Ihr Modus Operandi besteht aus einem flashmobartigen Angriff mit Speeren, Knüppeln und Macheten, wobei sie von einer gottgegebenen Überzeugung getrieben wird. Schließlich, so glauben sie, ist der Sieg vom Propheten garantiert. Ihre Zügellosigkeit reicht normalerweise schon, um Gegner in die Flucht zu schlagen.

Die White Army kämpft im Normalfall in kleinen Clan-Gruppen, die Teil einer größeren, aber undefinierten Struktur sind, die zusammen Feinde überrennen und auf brutalste Art bekämpfen. Wenn man ihnen Waffen, eine Mission, Ziele und die Erlaubnis gibt—was Machar vermutlich getan hat, möglicherweise mithilfe von Khartoum— verwandelt sich die White Army von einer Masse Kuhhirten mit scharfen und stumpfen Gegenständen zu einer vollkommen unberechenbaren Tötungsmaschine. Die White Army bewegt sich am liebsten zu Fuß, um Angriffen von Schiffen und Artillerie zu entgehen—einer der Hauptgründe, warum Uganda Streubomben benutzt hat, um die Gruppen zu dezimieren, die Bor bedrohten.

Die Macht der Prophezeiungen, die Ngundeng Bong den Nuer zum Jahrtausendwechsel offenbarte, machte die White Army zu einem wichtigen Teil aller militärischen und politischen Allianzen. Als die Briten 2009 zur Feier des südsudanesischen Schrittes in Richtung Unabhängigkeit ein großes Tamtam da­rum machten, Bongs heiligen Stab, den Dang, zurückzugeben, behielt Machar den hölzernen Zauberstab in seiner Vizepräsidentenvilla. Seine Konsultationen mit dem derzeitigen Propheten und Kommandanten finden im Geheimen statt, ohne Kameras oder Aufnahmegeräte.

Wir sitzen im Schatten unter einem Baum, während Amos das eigenartige Druckventil erklärt, dass die White Army in Bewegung setzt. „In der Nuer-Kultur glauben wir, dass alle gleich sind, aber gleichzeitig glauben die Nuer, dass sie das Sagen haben. Die Nuer sind geduldig, sie halten eine Menge aus.“

„Seit 2005 bekommen die Dinka immer die guten Jobs. Wir haben den Konflikt nicht angefangen—sie haben versucht, die Nuer in der präsidialen Wachtruppe zu entwaffnen, und jetzt wird die White Army auf den Plan gerufen.“

Machar hat mehr als nur die Gewalt der Massen auf seiner Seite: Er hat die Religion. Bong hat vorhergesagt, dass ein linkshändiger Nuer ohne traditionelle Stammeszeichen das Land führen wird. Machar erfüllt diese Prophezeiung gerne.

Während wir zusammensitzen und uns unterhalten, spaziert Machars ehemaliger Erzfeind, General Peter Gadet vorbei.

Gadet hat den Staat Südsudan fast zerstört, bevor er überhaupt angefangen hat, richtig zu existieren—indem er im Sommer 2011 desertiert ist und auf der anderen Seite gekämpft hat, bis er nach einem halben Jahr wieder die Seiten gewechselt und die achte Division angeführt hat. Vorher rang er mit Machar um die Kontrolle der Ölfelder. Dann kämpfte er wieder an der Seite von Machar und griff Bor mit der White Army an und bedrohte sogar Juba. Uganda konnte ihn aufhalten. Jetzt sitzt er mit Machar in einem Kriegsrat zusammen und plant das weitere Vorgehen. Ihre Strategie hat nichts mit Spiritualität zu tun. Sie planen den Norden anzugreifen, um in Richtung des Öls zu ziehen.

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