Zaire

Die bizarre Tragödie hinter Zaires WM-Debüt 1974

Zaire qualifizierte sich zum ersten Mal für die Weltmeisterschaft 1974 und die Leoparden hatten große Hoffnung. Doch ihr Diktator Mobutu, einst der große Förderer des Zairischen Fußballs, verwandelte ihren ersten WM-Auftritt in einen Alptraum.

von Jim Weeks
15 Dezember 2015, 5:11pm

Alle Fotos:PA Images

Vor 41 Jahren, am 22. Juni 1974, ereignete sich im Gelsenkirchener Parkstadion einer der bizarrsten Momente in der WM-Geschichte. Der amtierende Weltmeister Brasilien führte in der Gruppe B mit 2:0 gegen den WM-Neuling Zaire (seit 1997 führt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo). Das hätte Brasilien gereicht um in die nächste Runde einzuziehen. Die Afrikaner waren schon vorher durch Schottland und Jugoslawien aus dem Turnier gekegelt worden.

Zehn Minuten vor Schluss standen Rivelino und Jairzinho zum Freistoß bereit. Doch bevor sie ihn ausüben konnten, rannte Mwepu Ilunga aus der Mauer und kloppte den Ball weit weg. Der Verteidiger wusste es zu diesem Zeitpunkt nicht, aber damit hatte er fußballerische Unsterblichkeit erreicht.

Heute wird der Vorfall meistens dann rausgekramt, wenn kuriose Momente in Weltmeisterschaften gezeigt werden. Doch Ilungas Schuss war kein "bizarrer Moment afrikanischer Ignoranz", wie ihn BBC-Kommentator John Motson bezeichnete. Es war ein Versuch, Zeit zu schinden. Denn die zairischen Spieler hatten Angst um ihr Leben, falls sie zu hoch durch die Brasilianer verlieren würden.

Zaire startete ihre erste WM guten Mutes. Sie hatten sich in einer zermürbenden Qualifikation (damals durfte lediglich ein afrikanisches Team dabei sein) durchgesetzt, wobei sie die favorisierten Marokkaner im entscheidenden Spiel mit 3:0 besiegten. Beim Afrika-Cup waren sie ebenfalls siegreich, weswegen man sich einige Hoffnung in die Spieler des flächenmäßig zweitgrößten Landes Afrikas setzte.

Aber ihre Einstellung hätte sich ein wenig verändert, wenn die Mannschaft gewusst hätte, was hinter den Kulissen passiert ist. Die ehemalige belgische Kolonie hieß bis 1960 Kongo und erlangte 1960 seine Unabhängigkeit. Mobutu Seso Seko schnappte sich die Präsidentschaft durch einen Putsch 1965, und herrschte mit harter Hand und verheerenden Folgen die nächsten drei Jahrzehnte lang. Das Land wurde 1971 in Zaire umbenannt, westliche Kleidung wurde verboten und die Menschen wurden gezwungen, ihre europäischen Namen für traditionelle afrikanische abzulegen. Mobutu nahm sich besonders dem Fußball an, pfiff Spieler aus Belgien zurück, verbot ihnen zurückzukehren und investierte beträchtliche Summen in die Entwicklung des Fußballs.

Das führte dazu, dass Zaire eine schlagkräftige Mannschaft zusammen hatte: Kazadi Mwamba als bester Torwart in der Geschichte des Landes, Mittelfeld-Maestro Ricky Mavuba und Stürmer Mulamba Ndaye, der bei dem Afrika-Cup 1974 neun Treffer einnetzte—ein Rekord, der heute noch steht.

Die WM-Qualifikation war der Höhepunkt dieses Projekts. Mobutu war entzückt, er lud die Spieler zu seinem Luxus-Komplex ein, wo sie wie wie Könige behandelt wurden. Der bald berühmte Ilunga sagte später, dass der Präsident jedem Spieler ein Haus und einen grünen VW schenkte. Obwohl er nicht selber nach West-Deutschland reiste, schickte Mobutu eine beträchtliche Entourage mit: Regierungsminister, Armeeoffiziere und angeblich auch ein paar Medizinmänner.

Diktator Mobutu Seso Seko

Dass die Mitreisenden eine Ablenkung für die Spieler sein würden, konnte man nicht erkennen. Im ersten Spiel traten die Leoparden gegen Schottland an. Deren Trainer Willie Ormond hatte zuvor getönt: "Wenn wir Zaire nicht schlagen können, dann sollten wir unsere Taschen packen und nach Hause fahren."

Aber gegen eine Mannschaft, die Spieler wie Kenny Dalglish, Denis Law und Billy Bremner in ihren Reihen hatte, hielt Zaire unglaublich gut dagegen. Die Spieler zeigten eine sehr geschlossene Defensivformation und außerordentliche Stärken bei der Ballführung. Dass sie am Ende 2:0 verloren, war keine Schande, schließlich war es ihr allererster WM-Auftritt.

Leider war dieser Niederlage schon der Höhepunkt ihres Turniers. Vor dem Spiel gegen Jugoslawien entbrannte ein Streik wegen Geld. Die Spielprämien kamen bei den Spielern nicht an, weswegen die Spieler dachten, dass das Geld von den Mitgereisten gestohlen wurde.

Dieser Vorfall führte fast zu Meuterei, einige Spieler wollten gegen Jugoslawien nicht auflaufen. Ein Team-Mitglied erklärte später, dass die Organisatoren des Turniers den Spielern jeweils 3.000 DM gaben um sie zum auflaufen zu überzeugen, und somit das Image der WM nicht zu beschmutzen.

Zermürbt und demotiviert durch tagelange Diskussionen lieferten die Leoparden gegen Jugoslawien eine der schwächsten Leistungen in der WM-Geschichte ab. Nachdem die Europäer nach 20 Minuten schon mit 3:0 in Führung gegangen waren, wechselte Zaires Trainer Blagoje Vidinic (ein ehemaliger jugoslawischer Nationalspieler) den Torwart Kazidi für den 1,63 Meter kleinen Torhüter Dimbi Tubilandu aus. Wenig überraschend half es dem Team recht wenig, und der Endstand von 9:0 schmeichelte Zaire noch.

Nach diesem Spiel wurde es richtig übel. Wütend wegen der Demütigung, die sein Land einstecken musste, schickte Mobutu seine Leibwächter los um dem Team zu drohen. Er ließ ihnen mitteilen, dass, wenn sie mit vier oder mehr Toren gegen Brasilien verlieren würden, sie nicht nach Hause dürften.

Das war der Grund, so Ilungas Erklärung, warum er den Ball so weit weggeschlagen hat, bevor die Brasilianer den Freistoß ausführen konnten und ein weiteres Tor das Disaster einleiten könnte. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Spieler von seiner Erfahrung nicht wusste, wie die Regeln eines Freistoßes lauten. Ilungas Erklärung wirkt vor dem Hintergrund von Mobutus Drohungen vor dem Spiel glaubwürdig.

Brasilien erzielte in der 79. Minute das 3:0, aber es gab kein viertes Tor. Die Mannschaft durfte nach Hause kehren, allerdings als Ausgestoßene.

Mobutu ließ den Fußball recht schnell fallen, kürzte die Gelder, die in den Sport flossen und finanzierte damit den Rumble in the Jungle zwischen Muhammad Ali und George Foreman. Das Land war seitdem nie wieder bei einer Weltmeisterschafts-Endrunde dabei.

Die Mannschaft von 74 war schnell vergessen, viele der Spieler lebten seither in Armut in Zaire. Torwart Kazadi, der 68 und 74 den Afrikacup gewann, starb bitterarm 1996. Mavuba flüchtete nach Frankreich und starb dort 1997. Mobutu ergriff ebenfalls in dem Jahr die Flucht, nachdem er das Land in eine wirtschaftliches und soziales Chaos geführt hatte. Kurze Zeit später starb er, doch die Narben, die er seinem Land—dass sich seit 87 wieder Demokratische Republik Kongo nennt—hinzugefügt hat, sind heute noch sichtbar.

1998 gab es beim Afrika Cup eine Schweigeminute, nachdem berichtet wurde, dass Ndaye gestorben war. Der Torschützenkönig von 74 lebte bis zu seinem Tod in Südafrika und arbeitete als Trainer in einem Township außerhalb von Kapstadt.

2010 wollte eine Film-Crew einen Film über die Geschichte des Zairischen WM-Teams machen. Ihr Spieler Ekofa Mbungu war zufrieden, dass er einen Job als Taxifahrer hatte. 36 Jahre nach dem Turnier fuhr er immer noch den gleichen grünen VW, den ihm Mobutu damals geschenkt hat.