Popkultur

Die seltsame Geschichte der wahrscheinlich ersten Comic-Superheldin

​Der Comiczeichner Fletcher Hanks war ein gewalttätiger Trinker mit einem bizarren Hang zu Bestrafungsszenarien, doch seine Kunst lebt unabhängig von ihm weiter.

von Fletcher Hanks
31 Dezember 2016, 5:00am

Aus der They Come Out at Night Issue

Fletcher Hanks wurde im Dezember 1887 geboren und wuchs in Oxford im US-Staat Maryland auf. Als er 23 war, zahlte ihm seine Mutter einen Briefkurs im Cartoon-Zeichnen. Zwei Jahre darauf heiratete er. Laut Fletcher Hanks jr., seinem zweiten von insgesamt vier Kindern, war Hanks ein gewalttätiger Vater und Trinker. Er verdiente Geld mit Wandgemälden für wohlhabende Auftraggeber und verprasste dann alles für Alkohol. Hanks jr. sagt, sein Vater habe einst ein Fass Whiskey gekauft und es mit vier Freunden in den Wald gerollt, um sich eine Woche lang zu betrinken. Im Laufe dieser Tage beschlossen die Männer zu ringen, und einer brach dem anderen versehentlich das Genick. Niemand wurde je zur Verantwortung gezogen.

1930 verließ Hanks seine Familie. Er verschwand wortlos, im Gepäck jeden Cent, den sein noch kleiner Sohn mit dem Flicken von Fischernetzen verdient hatte.

Für nur zwei Jahre, zwischen 1939 und 1941, zeichnete und veröffentlichte Hanks bei vier Verlagen. Es war das goldene Zeitalter des Comics. Der renommierte Zeichner Paul Karasik beschrieb Hanks als „den ersten großen Comicbuch-Autoren", da er seine eigenen Geschichten schrieb, zeichnete, tuschte und letterte. Seine Arbeit ist so seltsam, dass sie oft als Art brut beschrieben wird, doch Hanks war ein Tagelöhner, der fieberhaft produzierte, um seine Alkoholsucht zu finanzieren. Seine Kunst ist außergewöhnlich, naiv und verträumt, und nie misslingt es ihm, eine Geschichte zu erzählen. Viele der von ihm verwendete Elemente haben etwas Raffiniertes. In seiner Arbeit fetischisiert er Bestrafung und immer wieder tauchen Figuren auf, die in der Luft hängen. Seinen Superhelden Stardust lässt er mit dem Gesicht nach unten fliegen, als sei er dabei zu ertrinken. In vielen Panels gibt es abstrakte Himmelskompositionen oder Silhouetten von schwebenden Menschen. Superhelden aus dieser Ära sind meist damit beschäftigt, Unschuldige zu retten, doch Hanks' Figuren sind viel interessierter daran, Schuldige zu strafen. Tatsächlich ist die Handlung oft nur ein Vorwand, um den Helden bizarre Foltermethoden gegen Bösewichte zu erlauben.

Hanks hörte 1941 abrupt auf zu zeichnen. Niemand weiß warum, doch Angehörige spekulieren, er habe eine wohlhabende Frau geheiratet und die Arbeit nicht mehr nötig gehabt. Hanks jr. vereinbarte einst ein Treffen mit seinem Vater, Jahre nachdem dieser die Familie verlassen hatte. Hanks tauchte betrunken auf und bat seinen Sohn um Geld. Viele Jahre später, am 22. Januar 1976, fand man ihn tot und eingefroren auf einer Parkbank in Manhattan.

Der folgende Comic handelt von der vielleicht ersten Superheldin und Hanks zweitbeliebtester Figur, Fantomah. Hanks' gesammelte Werke erscheinen demnächst unter dem Titel Turn Loose Our Death Rays and Kill Them All! bei Fantagraphics Books.

—NICK GAZIN, ART EDITOR

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