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Mythos Matsch-Nase: Kann Kokain wirklich deine Nasenscheidewand zerstören?

In der Festivalsaison gehört Kokain zu den meistkonsumierten Drogen –obwohl schwere Folgeschäden möglich sind. Wir haben zwei Experten gefragt, ob die sich vermeiden lassen.

Florantijn van Spronsen

Montage: VICE || Festival: imago | Manngold || Line: imago | Blickwinkel

Dieser Artikel ist Teil des VICE Guides für Festivals, alle Texte findet ihr hier.

Festivals sind Orte, an denen Menschen Ja sagen. Ja, zu viel zu lauter Musik, zu literweise Bier und zu der ihnen angebotenen Line Koks, die sie sonst ablehnen. Zwischen schiefen Zeltbauten und vom fernen Bass vibrierenden leeren Dosen geht mit dem Stoff auch manche Horrorgeschichte herum. Die, von der Michael-Jackson-Nase etwa, die sich Menschen nicht auf dem OP-, sondern koksend am Glastisch zugezogen haben sollen. Der Drogenkonsum habe den Riecher komplett zermantscht.

Gesehen hat man solche Nasen außer an Ex-Kirmes-Boxern und Popstars dennoch nie. Im Auftrag des #SaferUse haben wir deshalb einen Experten und eine Expertin gefragt, ob diese Geschichten wahr sind.

Kokain kann deine Nase perforieren

"Kokain kann tatsächlich deine Nase perforieren", sagt Judith Noijen. Noijen ist Präventionsexpertin in der Amsterdamer Suchtklinik Jellinek. Die Droge verenge die Blutgefäße. Dies führe dazu, dass die Zellen nicht mehr mit genug Nährstoffen versorgt werden können. Die Schleimhaut werde irritiert, weil kaum noch Sauerstoff über das Blut ankomme. Das Infektionsrisiko steige. Wenn sich dann erst einmal eine Infektion ausgebreitet habe und nicht behandelt werde, können Zellen in der Nasenscheidewand absterben, "was schlussendlich zu Löchern führen kann", erklärt Noijen.

Sattelnase nennen Ärztinnen, was dann folgt: Die Nasenscheidewand bricht ein. Der Knorpel trennt nicht nur deine beiden Nasenlöcher voneinander, sondern hält das Riechorgan auch stabil und gerade. Fehlt er, tut das nicht nur weh, sondern sieht verdammt mies aus.

Ob Kokain eine Sattelnase verursacht, liege aber nicht daran, wie viel der Droge man konsumiert, sondern wie oft man die schnieft, sagt Rob Otten. Laut dem Experten für Drogenprävention irritiere vor allem regelmäßiger Konsum selbst kleiner Mengen die Nase dauerhaft. Schädlich sei auch ein wöchentlicher Konsum während der Festivalsaison. Ob die Nase geschädigt wird, hänge von vielen weiteren Faktoren ab, sagt Otten, wie etwa "deiner physischen Kondition und wie gut dein Immunsystem funktioniert".


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Für geschätzt ein oder zwei Prozent der Kokain-Patienten und -Patientinnen der Suchtklinik Jellinek kommen diese Ratschläge zu spät. Fälle, in denen sich die Nasenscheidewand komplett aufgelöst hat, seien extrem selten, sagt Judith Noijen. Anders als blutige Nasen.

Auch "reines" Koks ist nicht risikofrei

"Wenn du eine sensible Nase hast, kannst du deine Blutgefäße schon allein dadurch zerstören, dass du das Kokain einfach nur zu kräftig nach oben ziehst", sagt Noijen. Und dann sind da noch die Streckmittel.

Dealende versetzen Kokain oft mit Süßstoffen wie Mannit, mit Vitaminen wie Inositol oder, wenn du besonders Pech hast, mit zerstoßenen Pillen irgendeines billigen Medikaments. Dem Entwurmungsmittel Levamisol etwa. Spuren von Chemikalien, die beim Produktionsprozess der Droge entstehen, können ebenfalls im Koks zurückbleiben. Diese Stoffe seien auch schädlich, sagt Noijen, die Vorstellung aber, dass "'reines' Koks risikofrei sei, ist falsch".

Übrigens verengen alle Drogen die Blutgefäße. Das Schniefen von Speed ist genauso schlecht für deine Nase. Nasenverletzungen durch Speed sind dennoch wesentlich seltener. "Bei Speed warten die Konsumierenden normalerweise vier Stunden bis zur nächsten Line, bei Kokain sind die Intervalle wesentlich kürzer", erklärt Noijen. Das Verletzungs- und damit Infektionsrisiko steige.

Kokain sei zusätzlich gefährlich, weil die Konsumierenden ihre Verletzungen oft nicht bemerken, so Präventionsexperte Otten. Kokain stimuliert nicht nur, es ist auch ein Anästhetikum: "Die Leute fühlen die Schmerzen in ihrer Nase nicht, also schniefen sie einfach weiter." Deshalb sollten Konsumenten und Konsumentinnen auf ihre laufende Nase hören. Die könne ein Warnsignal sein, dass man das nächste Tütchen besser nicht aufmachen sollte.

In keinem Fall ist es empfehlenswert, wie ein durchgedrehter Staubsauger zu koksen. Judith Noijen empfiehlt Kokain-Nutzenden längere Pausen zwischen dem Konsum. So könne der Körper sich selbst heilen. Vorher sollte man sich noch die Nase durchspülen, empfiehlt die Suchtklinik-Mitarbeiterin, dafür reiche ein bisschen Salzwasser.

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