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Sex

So ist es, in einem Luxus-Sexshop zu arbeiten

Über Gleitmitteltests, Sex-Pantomime und Lustvermittlung.

von Larissa Pham
29 September 2015, 4:00am

Foto: H. Michael Karshis | Flickr | CC BY 2.0

Dieser Artikel ist zuerst auf Broadly erschienen.

14 Uhr an einem Dienstag ist nicht gerade die Stoßzeit für Dildokäufe in dem wohlhabenden Brooklyner Viertel Park Slope, doch die Frau, die ich vor mir habe, ist auf einer Mission. Sie ist vielleicht 40 und ein paar Zerquetschte, trägt ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz und kleidet sich wie eine Mischung aus Joggerin und relaxtem Brooklyn-Stil. Sie hat einen nervösen, energiegeladenen Blick. Sie kommt auf den Tresen zu, wo ich stehe und noch das Wechselgeld zähle, das ich heute hoffentlich brauchen werde.

„Ich habe eine Affäre", verkündet sie atemlos.

„Glückwunsch?", sage ich.

„Das ist das Beste, was ich jemals für meine Ehe getan habe", sagt sie.

Ich arbeite in einem Nobel-Sexshop in Park Slope namens Please. Wir haben im März eröffnet. Wir verkaufen Körperpflegeprodukte, Bücher, Duftöle und -kerzen sowie jede Menge Spielzeug, das du dir einführen oder um deinen Schwanz wickeln kannst. Außerdem haben wir noch die etwas härteren Sachen im Sortiment: Nippelklammern, Peitschen, Fesseln und Seile. Die Inhaberin, Sid, ist eine Medizinerin mit Fokus auf Sexualkunde, und jedes Mal, wenn sie im Laden anruft, hält sie mir einen fröhlichen, siebenminütigen Motivationsvortrag. Der Laden ist hell beleuchtet und luxuriös genug, um öfter für eine konventionelle Boutique gehalten zu werden, und meine Kleidervorschrift ist simpel: schwarz und eng, mit einem Bondage-Halsband.

Die Arbeit ist einfach. Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen zu helfen, ihre Lust zu finden. Die Leute kommen zu mir, weil sie etwas wollen: eine glücklichere Ehe, einen härteren Ständer, einen besseren Orgasmus. Aber meistens wissen sie nicht, wie sie es finden sollen.

Und deswegen brauchen sie mich.

Foto: Ben Sutherland | Flickr | CC BY 2.0

Die Frau mit der Affäre läuft durch den Laden, hebt Toys auf und schaltet sie ein. Ich lasse sie allein und zähle weiter Wechselgeld, doch ich kann sehen, dass sie etwas Bestimmtes sucht. Sie entscheidet sich für ein Paar Handschellen—ein ziemlicher Standardkauf für Anfänger, und einen, den ich stets empfehle, wenn die Leute etwas Neues ausprobieren wollen—doch sie will noch etwas ... mehr.

Und das ist es immer, was die Leute in einem Sexshop wollen, ob sie es nun aussprechen oder nicht: etwas Neues, das Beste, eine komplett unentdeckte Quelle der Lust. Die Form, die diese Lust annimmt, kann so nebulös und wandelbar sein wie ein Traum. Weniger real als eine Fantasie, nur von Pornovideos getragen, ein Wunsch nach Sex so üppig und wild, dass sie es nicht mit Worten ausdrücken können. Sie wollen, dass es ihnen die Sprache verschlägt—sie wissen zwar nicht immer, wie, doch sie wollen es. Es sind schon Leute zu mir gekommen und haben gefragt: „Was ist das Beste?", als ob ich das wissen könnte.

„Ich will etwas wirklich, wirklich Besonderes", sagt sie mir. „Etwas, das ich nie mit meinem Mann gemacht habe. Etwas Neues."

„Erzähl mir, was dich interessiert", sage ich.

Ich habe schon mehr Dildos gedrückt, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben drücken werden.

In Sexshops kriegt man alle möglichen Geständnisse zu hören. Immerhin bin ich nur die freundliche Verkäuferin, die sie womöglich niemals wiedersehen werden. Doch wenn es um Sex geht, dann geht es in der Regel auch gleichzeitig um viele andere Dinge. Die Leute erzählen mir von ihrem ersten Mal, von ihren Partnern und Partnerinnen, von ihren Hoffnungen und Ängsten. Und meistens erzählen sie mir, was sie wollen: was sie schon immer mal ausprobieren wollten, was sie sich schon immer ausgemalt haben, aber das sie für unerreichbar hielten.

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Also werde ich zu ihrer besten Freundin, der besten Freundin ihrer Freundin, oder sogar zu ihrer festen Freundin, wenn wir ehrlich sind. Ich nicke nachdenklich, während sie reden, zupfe dabei am Ring meines Halsbands. Ich höre mir ihre Beichten an und gebe ihnen ein sicheres, geborgenes Gefühl. Und dann verkaufe ich ihnen im Idealfall etwas, das ihnen Lust bereiten wird. (Meist einen Picobong-Vibrator für Anfänger). Eine typisch amerikanische Lösung für ein typisch amerikanisches Problem—Sex löst nicht die Probleme des Lebens, aber besserer Sex macht das Leben, nun ja, besser.

Die Frau und ich gehen eine Liste der Dinge durch, die sie mit ihrer neuen Eroberung nicht tun will: kein Pegging, kein DP, kein Cockring, keine Spiele mit Wachs. Ich bin enttäuscht, aber da ich entschlossen bin, ihr zu helfen, sehe ich mich noch einmal mit ihr um. Von einem Tisch in der Nähe unserer Gleitmittelabteilung hebt sie das Ausstellungsstück des njoy Pure Wand hoch und wiegt ihn in der Hand. Ein Kilo rostfreier Edelstahl in geschwungener Form für perfekte G-Punkt-Treffer. „Was ist das?", fragt sie mich, erstaunt von dem Gewicht.

„Oh, das ist der Pure Wand, der ist toll", schwärme ich. „Mit dem squirten alle. Hast du schon mal gesquirtet?"

Ihre Augen leuchten auf. „Nein", sagt sie, und dieser Mangel scheint sie zu empören. (So sind alle, wenn sie herausfinden, dass es möglich ist, eine andere Art der Lust zu erfahren.) „Aber ich möchte gern! Wie geht das? Wie verwende ich ihn?"

Sex löst keine Probleme, aber besserer Sex macht das Leben, nun ja, besser.

Meine Arbeit hier bedeutet, dass ich schon häufig enthusiastisch sexuelle Handlungen pantomimisch vorführen durfte. Ich demonstrierte den Pure Wand mit Gusto. Ich halte ihn in einer Hand und greife die Luft mit der anderen, dann bewege ich ihn rhythmisch vor und zurück, als würde ich es einer geisterhaften Partnerin besorgen.

„Durch das Gewicht fühlt es sich selbst bei minimalen Bewegungen intensiv an", erkläre ich. Sie sieht entzückt aus.

„Und durch die geschwungene Form trifft er den G-Punkt auf genau—"

Stoß

„—die richtige—"

Stoß

„—Art."

Sie will ihn sofort kaufen, also packe ich ihn für sie ein und belaste ihre Kreditkarte mit einem hohen dreistelligen Betrag. Da es sich dabei um den Schlüssel zu ihrem Glück handelt, stört sie das kein bisschen. „Vielen, vielen Dank", sagt sie.

„Berichte mir, wie es war", sage ich. Das ist eigentlich nur ein Witz, aber ein paar Wochen später kommt sie noch einmal vorbei, um mir zu sagen, dass es großartig war. Und einen Moment lang bin ich wirklich von Stolz erfüllt.

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Mit jedem neuen Kunden und jeder neuen Kundin entsteht eine seltsame Intimität, auf die einen nichts wirklich vorbereiten kann. Die Produktanleitung ist einfach, wenn auch ein wenig irre: Es gibt viele Arten, auf die Dinge vibrieren und schmatzen und stoßen können, und noch viel mehr Materialien, aus denen sie bestehen können. Wir sollen mit den Toys umgehen können, also bin ich anfangs durch den Laden gegangen und habe alle Programme aller Vibratoren durchprobiert, bis ich ein permanentes Summen in den Fingerspitzen gespürt habe. Ich habe schon mehr Dildos gedrückt, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben drücken werden. Aber es ist wichtig. Du musst wissen, wie sich die Dinge anfühlen, damit du jemanden beraten und herausfinden kannst, ob diese Person das auch fühlen will.

Manchmal ist die Intimität mit der Kundschaft physisch. Etwa drei oder vier Mal täglich—wenn viel los ist, auch mal häufiger—führe ich etwas durch, das ich gerne den Großen Gleitmitteltest nenne. Viele Leute kommen auf der Suche nach Gleitmittel in den Laden, weil sie inzwischen auch gehört haben, dass Vaseline nicht das Wahre ist und einige Mittel voller seltsamer Chemikalien stecken. „Was ist das Beste?", fragen sie mich wieder. „Lasst uns ein paar ausprobieren", sage ich.

Die Arbeit ist einfach. Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen zu helfen, ihre Lust zu finden.

Ich stelle ihnen immer ein paar Fragen: dick oder dünn? Wasserbasiert oder Silikon? (Ersteres passt zu den Silikonoberflächen der meisten Toys, trocknet aber auch schneller wieder; Letzteres hält länger, aber fühlt sich fettig an.) Manchmal muss man auch auf Allergien oder Empfindlichkeiten aufpassen. Dann—und das ist der seltsamste, intimste Teil, und er ist jedes Mal wieder gleich seltsam und intim—drücke ich ein klein wenig Gleitmittel in meine Handfläche und ein klein wenig in ihre.

„Fühl mal", sage ich und lasse meine Fingerspitze in meiner Handfläche kleine Kreise beschreiben. Mal ist es rutschig, mal klebrig, mal fettig. „Verreibe es. Ja? Magst du das? OK, und wie ist es hiermit?" Ich reiche ihnen ein Taschentuch, um sich die Hände abzuwischen, und wir machen mit dem nächsten Mittel weiter.

Das letzte Mal, als ich gezählt habe, hatten wir 12 verschiedene Gleitmittel im Sortiment, das heißt der Große Gleitmitteltest kann eine Weile dauern.

Noch viel häufiger ist die Intimität allerdings emotional. Manchmal frage ich mich, ob die Leute einfach nur in den Laden kommen, um jemandem zum Reden zu haben. Manche der Geständnisse, die ich höre—Ich wollte schon immer mal gepeggt werden. Mein Freund hat mich letzte Nacht gefesselt und ich habe es geliebt. Habt ihr Bücher über ... Analsex?—werden atemlos hervorgestoßen, als habe die Person bereits ihr ganzes Leben auf eine Gelegenheit gewartet, das jemandem zu erzählen.

OK, was hättest du gerne? Ja, wir verkaufen Seile.

Vor ein paar Wochen kam ein älterer Mann in den Laden. Er muss in seinen Siebzigern gewesen sein. Als er hereinkam, setzte mein Herz einen Schlag aus—es kommen definitiv auch Perverslinge zu uns, und der Trick ist es, sie loszuwerden, bevor sie überhaupt reinkommen—, doch dann erzählte er mir, was er wollte. Er sei geschieden und habe eine neue Freundin, ein megaheißes Babe von nur 65 Jahren. Zwölf Jahre jünger! Sie sei auch geschieden. Und er wolle dafür sorgen, dass sie sich gut fühle. Er wolle sanft mit ihr umgehen, doch er wisse nicht, wo er anfangen solle.

Meine Arbeit hier bedeutet, dass ich schon häufig enthusiastisch sexuelle Handlungen pantomimisch vorführen durfte.

Wir müssen uns mindestens eine Stunde lang unterhalten haben. Ich führte ihn durch den Laden und er stellte mir Fragen über alles—die Fesseln, die Strap-ons, die Dutzenden Spielzeuge, die es bei uns gibt. Er staunte über jede neue Entdeckung: „Ich kann nicht glauben, dass man auf so viele Arten Sex haben kann", sagte er. Er war immerhin Teil einer Generation, in der es wenn überhaupt nur frauenverachtende Pornos gab. Er hatte auch in der Marine gedient, wo alle Männer—und das waren seine Worte—Frauen gegenüber komplett abscheulich waren.

Also erzählte ich ihm von all den Formen, die Zärtlichkeit nehmen kann, und er erzählte mir davon, wie sehr er diese Frau liebte. Wie schön sie sei, wie unglaublich liebreizend, so eine Liebe, und er habe solche Angst davor, sie zu verlieren. Und während wir uns unterhielten—ich erklärte ihm Dinge, zeigte ihm die Massageöle, die Kerzen, die Federkitzler und sogar die erotische Literatur, die wir für Menschen in seinem Alter anbieten—, konnte ich fühlen, wie sich sein Horizont erweiterte. „Ich wusste nicht, dass das alles möglich ist", sagte er. „Du weißt so viel über dieses Thema."

„Das ist mein Job", sagte ich.

Ich verkaufte ihm schließlich einen Vibrator, denn das war es, was er ihr hatte schenken wollen. Wir wählten einen einfachen, mit einem weichen Äußeren, batteriebetrieben mit nur einer Geschwindigkeit. Ich verpackte ihn schön und machte eine Schleife drum. Er war hocherfreut und überwältigt von der Möglichkeit einer solchen Zärtlichkeit. Bei der Verabschiedung dankte er mir wieder und wieder. Fast wäre mir eine Träne gekommen. Ich wollte von den Dächern rufen, dass die Liebe doch nicht tot ist, aber stattdessen tweetete ich darüber.

Wie die meisten Dinge im Leben ist Sex auch nur ein Deckmantel für etwas anderes. Eheprobleme, ein Mangel an Selbstbewusstsein, Geldsorgen, egal was—es manifestiert sich im Sex. Und in diesem Beruf fühle ich es besonders deutlich—dieses Verlagen, besser zu sein, die Dinge hinzubiegen, es zum Funktionieren zu bringen. Die Leute kommen mit so vielen Hoffnungen und Träumen in den Laden. Mit mir sind sie verletzlich, also versuche ich, im Gegenzug ebenfalls verletzlich zu sein. Ich weiß, dass es nicht alle Probleme löst, wenn ich jemandem einen Dildo verkaufe, aber ich schwöre, manchmal hilft es wirklich.