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Kuttencharity - Deutsch-kurdische Rocker kümmern sich im Irak um syrische Flüchtlinge

„Wir sind hier nicht, um Leben zu nehmen. Wir sind hier, um Leben zu retten.“
18.4.14

Als in einem syrischen Flüchtlingslager Mitglieder des Motorradclubs Median Empire auftauchten, wussten die Bewohner zunächst nicht so genau, was sie mit den tätowierten und ledertragenden Bikern anfangen sollten. „Einige hatten Angst, andere haben sich gefreut“, sagte der Vorsitzende des Clubs, der unter dem Namen Azad Onepercenter bekannt ist. „Sie haben uns angeschaut, als wären wir leicht verrückt.“ Azad und die anderen beiden Median-Empire-Mitglieder waren in der autonomen kurdischen Region im Irak auf Hilfsmission. Die Männer, die alle kurdische Wurzeln haben und in Deutschland leben, sagten, sie hätten sich verpflichtet gefühlt, etwas zurückzugeben. „Es sind unsere Familien, es sind unsere Brüder und Schwestern“, sagte Fat Joe. „Wir sind in einer besseren Situation, deshalb versuchen wir, ihre Lage zu verbessern. Wir kennen das Gefühl, wir wissen, wie sie sich gerade fühlen.“ Mit mehr als 30 Millionen Menschen sind die Kurden die größte Volksgruppe der Welt, die über kein eigenes Land verfügt. Die meisten Kurden leben im Irak, im Iran, in der Türkei und in Syrien. In allen vier Ländern sind sie mehrere Generationen lang unterdrückt worden. Im Irak wurde den Kurden jedoch im Norden des Landes eine gewisse Autonomie zugesprochen. Die Autonome Region Kurdistan verfügt dort über eine eigene regionale kurdische Regierung. Die meisten Kurden in Syrien leben im Nordosten an den Grenzen zu der Türkei und dem Irak. Im Zuge des Bürgerkrieges versuchten sie dort, nach jahrelanger Unterdrückung durch das Regime von Bashar al-Assad, ein eigenes Heimatland zu etablieren. Die andauernden Angriffe durch Dschihadistengruppen und die aussichtslose Wirtschaftslage haben viele Kurden jedoch dazu gebracht, in die verhältnismäßig sichere und wohlhabende Autonome Region Kurdistan zu fliehen. Durch ihre jahrelange Erfahrung staatlicher Unterdrückung sind die meisten Kurden damit vertraut, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Viele von ihnen haben schon einmal Landesgrenzen überwunden, um Zuflucht in einem anderen kurdischen Gebiet zu suchen—wie auch im Zuge des Exodus der irakischen Kurden in die Türkei während der 1990er Jahre. „Wir wissen, was es bedeutet, in einem Flüchtlingslager zu leben. Wir haben das auch selbst schon durchgemacht“, sagt uns Azad. Azad ist als Kurde im Iran aufgewachsen, von wo aus er im Alter von neun Jahren mit seiner Familie fliehen musste. Seine Eltern waren Mitglieder der Peschmerga—einer bewaffneten kurdischen Gruppierung, deren Namen sich mit „Die dem Tod ins Auge Sehenden“ übersetzen lässt. „Wir leben jetzt in Europa. Allen geht es gut, alle gehen arbeiten, alle haben Geld, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen“, sagte Azad weiter. „Ich sehe immer wieder Menschen, die total vergessen haben, wo sie eigentlich herkommen.“ Azad erklärte, dass die Mitglieder von Median Empire das Gefühl hatten, es sei an der Zeit, etwas zurückzugeben. Sie finanzierten sich die Reise durch die Tätigkeiten der Clubmitglieder und private Spenden und kamen dann kurz vor dem Newrozfest, dem kurdischen Neujahr, in der Region an. Sie verbrachten dann drei Wochen damit, die Gegend zu erkunden und das Flüchtlingscamp zu besuchen. Sie fuhren auch in die Kandilberge, einem entlegenen Gebiet ungefähr 100 km südlich der Türkei, das von der PKK kontrolliert und regelmäßig von der türkischen Luftwaffe angegriffen wird.

In Kurdistan haben die Mitglieder von Median Empire die meiste Zeit im Camp Arbat verbracht—einem Flüchtlingslager, das sich außerhalb der Stadt Sulaimaniyya nahe der iranischen Grenze befindet. Camp Arbat ist die Heimat von ungefähr 3.500 syrischen Flüchtlingen, von denen die meisten aus der Stadt Qamischli stammen. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der vereinten Nationen befanden sich zum Zeitpunkt des 31. März ungefähr 214.000 registrierte Flüchtlinge aus Syrien im kurdischen Gebiet des Iraks. Bislang ist es den Flüchtlingen dort besser ergangen als in anderen Ländern, aber mit dem stetigen Zustrom von Schutzsuchenden verschlechtert sich auch dort die Lage. „Die syrischen Kurden, die im irakischen Kurdistan arbeiten, beklagen Reisebeschränkungen und schlecht bezahlte Arbeit. Seit einem Jahr ist es ungemein schwerer geworden, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, und viele haben Probleme mit der konservativeren Kultur der irakischen Kurden“, erklärte mir Wladimir Van Wilgenburg, ein renommierter Experte für kurdische Angelegenheiten, mit dem ich aus Erbil über das Telefon sprach. „Für die kurdische Regierung ist es schwierig, die ganzen Kurden aus Syrien unterzubringen.“ Anstelle von Hilfsgütern brachten die Median-Empire-Mitglieder Geld mit und besuchten das Camp, um sich selber ein Bild davon zu machen, was die Bewohner wirklich benötigen. Um die Gefahr von Korruption zu umgehen, besorgten sie dann alles persönlich, um es direkt den Flüchtlingen zu übergeben. In den Worten von Fat Joe: „Unser Präsident war sehr schlau und hat sich erst umgeschaut, um sich selber ein Bild der Lage zu machen.“ Das Hauptaugenmerk der Median Empire Mitglieder lag auf medizinischer Unterstützung, und sie brachten sogar ein paar ortsansässige Ärzte mit sich ins Camp. Sie stellten außerdem die Finanzierung einiger Lehrer für die nächsten Monate sicher und entschieden sich dazu, zwei junge Mädchen zu unterstützen, die zu Waisen geworden waren, nachdem ihre Eltern von Dschihadisten in Syrien getötet worden waren. „Das hat uns wirklich getroffen. Wir versuchen so viel zu helfen, wie wir können, aber es reicht natürlich nicht“, sagte Fat Joe.

Die Situation für kurdische Gruppierungen in Syrien bleibt derweil weiter hoffnungslos. Zur gleichen Zeit, in der Median Empire den Flüchtlingen half, wurde die kurdische Stadt Kobane in Syrien von heftigen Angriffen großer Dschihadistenverbände heimgesucht. Die Volksverteidigungseinheiten, die größte kurdische Miliz in Syrien, rief aus diesem Grund vor Kurzem noch alle Kurden dazu auf, ihnen bei der Verteidigung zur Seite zu stehen. Auf die Frage, ob Median Empire überlegt hat, sich diesem Kampf in Syrien anzuschließen, antwortete Fat Joe: „Wir können darüber nicht wirklich etwas sagen, das könnte uns Probleme bereiten.“ Azad stimmte zu und ergänzte: „Wir sind hier nicht, um Leben zu nehmen. Wir sind hier, um Leben zu retten.“