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Wenn Brustkrebs ohne Vorwarnung zuschlägt

Als bei meiner besten Kindheitsfreundin Brustkrebs im späten Stadium festgestellt wurde, war sie 26 Jahre alt—den berühmten Knoten hatte sie dazu auch nie gespürt.

von Vicki Rox
02 September 2015, 4:00am

Alles Fotos: bereitgestellt von der Autorin

Ich weiß noch, wie mich meine beste Kindheitsfreundin Olivia anrief, um mir die großen Neuigkeiten ihres Geburtstags mitzuteilen: Sie war gerade 26 geworden, als man bei ihr Brustkrebs feststellte. Die Krankheit war dabei schon so weit fortgeschritten, dass beide Brüste sofort amputiert werden mussten. „Hast du einen Knoten gespürt und dann einfach Bescheid gewusst?", fragte ich und erwartete eine herzzerreißende Erzählung mit den Details einer schwierigen Selbstuntersuchung. „Nein, da war kein Knoten", antwortete sie.

Jungen Frauen wird immer beigebracht, bei der Selbstuntersuchung auf Knoten zu achten, denn diese Knoten sind Anzeichen für Brustkrebs. So muss es allerdings nicht immer ablaufen: Zwar ist asymptomatischer Brustkrebs vor allem bei jüngeren Frauen eher selten, aber bis zu fünf Prozent aller Brustkrebspatientinnen leiden an Brustkrebs, der keine Knoten bildet.

Olivias Brustkrebs zeigte nicht nur keine klassischen Symptome, die Krankheit war dazu auch noch so aggressiv, wie es ihre Ärzte zuvor noch nie gesehen hatten. Meine Freundin war eine Cheerleaderin der San Francisco 49ers, sie nahm am Finale der Fernsehsendung So You Think You Can Dance teil und sie arbeitete dazu noch als Tänzerin für Popstars wie Madonna. Sie hat niemals geraucht oder Drogen genommen und in ihrer Familie ist Brustkrebs noch nie vorgekommen. Wie hätte sie ohne einen Knoten also wissen sollen, dass sich in ihren Brüsten ein Tumor ausbreitet?

Wir dachten uns immer wieder: „So etwas kann uns gesunden, jungen Frauen doch eigentlich gar nicht passieren. Es gab ja nicht mal den berühmten Knoten."

Olivia machte sich zum ersten Mal Sorgen, als sie in ihrem BH Blut vorfand. „Brustdrüsensekretion ist selten und manchmal kann es schon ein Anzeichen von Brustkrebs sein, wenn sich der Nippel nach innen kehrt oder eine asymmetrische Form annimmt", erklärte mir Dr. Melissa Accordino, Olivias Onkologin am Columbia University Hospital. „Jüngere Frauen verspüren vielleicht Brustschmerzen, aber es kann tatsächliche jede plötzliche Veränderung das Symptom eines größeren Problems sein."

Wochenlange Kopfschmerzen und Hitzeschübe waren in Verbindung mit der blutigen Brustwarze schließlich genug, um Olivia zum Arzt gehen zu lassen. Der war anfangs jedoch noch nicht besorgt, weil ja kein Knoten zu spüren war. „Ich weiß noch genau, was mein Arzt gesagt hat. ‚Wir müssen uns bestimmt keine Sorgen machen, du bist ja eine gesunde Frau, bei euch gab es noch keinen solchen Fall und einen Knoten spüre ich auch nicht. Zur Sicherheit machen wir aber trotzdem mal ein Mammogramm'", erzählte mir Olivia.

Insgesamt mussten drei Mammogramme gemacht werden, denn das Brustgewebe einer jungen Frau ist sehr dicht, und das macht es schwierig, ein klares Bild zu bekommen. Der Radiologe war die erste Person, die die neun Zentimeter an kanzerösen Kalziumablagerungen in Olivias linker Brust entdeckte.

„Das Ganze hatte sich schon so sehr ausgebreitet, dass es wie eine Silvesterrakete aussah", meinte Olivia zu mir und hielt bei der Erinnerung an diesen schweren Moment erstmal inne. Ein paar Tage später bestätigte eine Biopsie schließlich die Diagnose. Natürlich befand sich Olivia erst einmal in einem Schockzustand und wollte das Ganze nicht wahrhaben: Sie schenkte der ersten Diagnose ihres Arztes keinen Glauben und holte sich eine Zweit- und dann auch noch eine Drittmeinung ein. Jedoch waren sich alle Ärzte einig und rieten dringend zu einer Mastektomie, weil sich der Krebs so schnell ausbreitete.

Ein paar Tage vor dem Eingriff saßen Olivia und ich auf meiner Couch, tranken ein wenig Weißwein und heulten uns darüber aus, wie unglaublich unfair zweifach auftretender Krebs UND eine doppelte Brustamputation seien—vor allem bei einer 26-jährigen, umwerfenden Blondine mit großen Träumen. Wir dachten uns immer wieder: „So etwas kann uns gesunden, jungen Frauen doch eigentlich gar nicht passieren. Es gab ja nicht mal den berühmten Knoten."

Olivia während ihrer Zeit als professionelle Cheerleaderin

Anfang dieses Monats wurde die sechsstündige Doppel-Amputation schließlich durchgeführt. Olivia war eine der jüngsten Frauen der USA, bei der ein solcher Eingriff unter diesen Umständen erfolgen musste.

Die OP verlief ohne Probleme, aber es dauerte trotzdem länger als erwartet, den Brustkrebs (der schon 87 Prozent des Gewebes befallen hatte) herauszuschneiden. Bei den meisten Mastektomien ist es möglich, die Körperform im gleichen Zug wiederherzustellen. Da bei meiner Freundin jedoch so viel Gewebe betroffen war, blieb nichts vom Muskel übrig. Deshalb wurden ihr Expander eingesetzt, die die Haut über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg dehnen. Dabei bekommt sie noch regelmäßig Kochsalz-Injektionen und schließlich werden ihr zur Vervollständigung der rekonstruktiven Maßnahmen Implantate eingesetzt.

Am Tag von Olivias Mastektomie bin ich ins Krankenhaus geeilt, um ihr nach der Operation beizustehen. Ich schlief auf dem Fußboden neben ihr, um auch nachts bei ihr sein zu können. Zwei riesige Blutdrainagen kamen aus Olivias Körper und ihr Brustbereich war großflächig verbunden worden.

Olivias Ärzte meinten zu ihr, dass sie wohl nicht mehr viel länger gelebt hätte, wenn sie nach der Entdeckung der blutigen Brustwarze kein Krankenhaus aufgesucht hätte.

Dank der technologischen und operativen Fortschritte bedeutet eine doppelte Brustamputation heutzutage nicht mehr, dass man dauerhaft entstellt ist. Die plastischen Chirurgen gaben ihr Bestes, um sicherzustellen, dass Olivias Brust nach dem Krebs wieder genau so aussehen würde wie vorher.

Aber was kann man als junge Frau überhaupt tun, um nicht erkennbaren Brustkrebs zu bemerken? „Frauen ab 40 wird empfohlen, regelmäßig Mammogramm-Aufnahmen machen zu lassen", meinte Accordino. „Davor gibt es abgesehen von Selbstuntersuchungen und klinischen Checks keine wirklichen Vorsichtsmaßnahmen. Die Selbstuntersuchungen liefern jetzt vielleicht nicht die besten Ergebnisse, aber das Ganze wird von uns trotzdem empfohlen, um sich überhaupt mal mit seinem Körper auseinanderzusetzen."

Zwar hat Olivia jetzt einen langen Genesungsweg vor sich, aber sie ist trotzdem dankbar dafür, dass der Krebs zu diesem bestimmten Zeitpunkt entdeckt wurde. „Ich hatte eigentlich echt Glück, dass da Blut aus meinem Nippel kam", meinte sie. Und damit hat sie vollkommen Recht: Aufgrund der Lage des Krebses direkt unter der Brustwarze waren die Symptome dann doch so offensichtlich, dass man sie quasi gar nicht ignorieren konnte. In anderen Fällen verspüren die Frauen nur dauerhafte Brustschmerzen sowie Druckempfindlichkeit und werden so darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt.

Motherboard: Google entwickelt einen Krebsdetektor

Frauen können sich inzwischen einem sogenannten BRCA-Test unterziehen, um herauszufinden, ob sie eines der beiden Gene besitzen, die sie für Brust- oder Eierstockkrebs anfällig machen. Dieser Test erlangte vor allem durch Angelina Jolie Berühmtheit: Sie ließ sich untersuchen und es wurde tatsächlich eines der Gene entdeckt. Deshalb entschied sich die Schauspielerin kontroverserweise dafür, sich freiwillig beide Brüste amputieren zu lassen, obwohl sie keinen Krebs hatte. Accordino warnt jedoch vor solchen Tests—„sofern keine signifikanten Risikofaktoren wie eine Familiengeschichte von Eierstock- oder Brustkrebs bestehen." Gibt es neben dem BRCA-Test jedoch noch weitere Schutzmaßnahmen für junge, gesunde Frauen?

Im Allgemeinen sind sich Patienten und Ärzte einig und raten dazu, auf die Signale des Körpers zu hören. Olivias Ärzte meinten zu ihr, dass sie wohl nicht mehr viel länger gelebt hätte, wenn sie nach der Entdeckung der blutigen Brustwarze kein Krankenhaus aufgesucht hätte. „Mein Chirurg sagte ohne Umschweife zu mir, dass ich ohne die OP ein Jahr später auf jeden Fall tot gewesen wäre. Da wir das Ganze aber so früh entdeckt haben, werde ich wieder gesund. Die Ironie des Ganzen besteht trotzdem darin, dass ich wirklich jeden Monat ganz akribisch meine Selbstuntersuchung durchgeführt habe", erinnerte sich Olivia.

Der Kampf ist jedoch noch nicht ganz vorbei. Letzte Woche zeigte eine postoperative Biopsie, dass der Krebs immer noch da ist. Olivia wird sich die kommenden zehn Jahre gegen den Krebs behandeln lassen müssen. Vielleicht ist in diesem Zug auch eine aggressive Chemotherapie sowie ein Einfrieren ihrer Eizellen nötig, bevor eine völlige Genesung möglich erscheint. Olivia ist jedoch vor allem dankbar dafür, dass sie die kleinen Signale bemerkt hat, die ihr Körper aussendete. „Ich habe mir zwar auch gedacht, dass ich jung, stark und unverwundbar bin, aber ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmt", meinte sie zu mir. „Zum Glück habe ich auf meine Körper gehört. Ansonsten hätte ich meinen 27. Geburtstag nicht mehr feiern können. Ich gelte lieber als verrückt und übervorsichtig, weil ich zu oft zum Arzt gehe, als ein Jahr später tot zu sein, weil ich dachte, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen."