Anzeige
Stuff

Zu Besuch bei den "Waldmännern" von Bern

Eine Gruppe Männer lebt versteckt in einem Wald bei Bern. Eigentlich wollten sie nur ihre Ruhe haben. Seit sie entdeckt wurden, ist es damit aber vorbei.

von Edita Dizdar
26 April 2016, 4:00am

Alle Fotos von der Autorin

Alle Fotos von der Autorin

In diesem Wald wurde schon eine Menge gefunden: Immer mal wieder eine Leiche etwa, oder Leute, die sich verirrt haben. Die neuste Entdeckung war ein Zufall. Eine Drohne des Försters entdeckte, was vom Boden aus gut verborgen ist: Zwischen den Bäumen sind grüne Planen gespannt, Decken liegen herum, leere Flaschen und Dosen auch. Männer rauchen gemeinsam einen Joint. Nein, das ist keine Szene vom letzen Openair, das ist ein ganz normaler Tag im illegalen Zeltlager von Chrütli, Mumi, Withold, Mättu, Leroy und Älu. Sie sind die Berner "Waldmänner". Ursprünglich waren sie einer mehr, doch Grinchy wurde kürzlich von der Polizei abgeführt, Verstoß gegen das Ausländergesetz, heißt es. Er wurde aus der Schweiz in seine Heimat Deutschland abgeschoben.

Die Männer vom Bremgartenwald sind Medienstars. Scharenweise pilgern Reporter zu ihnen in den Wald. Seit Wochen geht das so—auch heute. Außer mir ist auch dieSonntagszeitungschon da, der Blick kommt noch, eine Fotoagentur ebenfalls und der Reporter von Tele Bärn will gar bei ihnen übernachten. "Wegen der vielen Journalisten komme ich zu nichts mehr", sagt Chrütli. Er grinst und rückt seine Brille mit den roten runden Gläsern zurecht. Er sieht aus wie die Robinson-Crusoe-Version von John Lennon.

Die Geschichte der Männer ist die von David gegen Goliath. Hier die Alternativen, die nichts weiter als ein Plätzchen im Wald und ihre Ruhe wollen. Dort die mächtige Berner Burgergemeinde, der genau dieses Plätzchen gehört. Die Burger sind Berns alter Adel, Jahrhunderte lang gaben sie den Ton an. Im Fall der "Waldmänner" hat sich daran nicht viel geändert. Die Burger wollen, dass diese aus ihrem Wald verschwinden, eine Anzeige läuft. Das erste Ultimatum der Behörden war für Chrütli und Co. in etwa so wichtig wie gebügelte Hemden. Sie haben es einfach verstreichen lassen. Hier geht keiner weg. Schlimmstenfalls wollen sie sich wie Gandhi wegtragen lassen, oder sie ketten sich an Bäume. Noch zögern die Burger, beraten sich mit Ämtern, Experten, Juristen. Eine Räumung des Camps wäre schlechte Publicity.

Es ist Mittag, Zeit fürs Frühstück. Über dem Feuer köchelt Kaffee in einer rußigen Kanne. Mättu sitzt mit seinem Birchermüesli davor. Die Ascheflocken im Teller rührt er unbeirrt unters Joghurt. Seit über einem Jahr wohnt er schon hier, zuvor hatte er mit Withold ein anderes Lager im Bremgartenwald. Zu seinem früheren Leben sagt er mir: "Zu viel Stress." Eine Ausbildung hat er nicht gemacht. So viel Wissen unter Zeitdruck ins Hirn reinzuprügeln, habe ihn überfordert. Jetzt nimmt er es gemütlich—und lernt Gitarre. In seinem eigenen Tempo.


"Im Wald bedeutet Zeit nichts. Es wird hell, dann wird es wieder dunkel. Das ist alles", ergänzt Leroy. Er ist der ruhige Pol in der Gruppe. Nicht allzu gesprächig, aber zufrieden liegt der ehemalige Hauswart auf einer Decke, die Hände auf dem Bauch. Mit seiner Kurzhaarfrisur unterscheidet er sich vom Rest der langhaarigen Gemeinschaft. Abwarten, er ist ja erst seit einem Monat hier. Ein Zelt hat er noch nicht, sondern schläft bei der Feuerstelle. In den Wald mitgebracht hat er nur das Nötigste. "Mit wenig bin ich am glücklichsten", sagt er mir zufrieden. Nicht verzichten kann er auf seine Brille. "Ohne sie wäre ich aufgeschmissen." Zweitwichtigster Besitz? "Mein Kissen, ganz klar." Auch auf dem Waldboden soll's gemütlich sein.

Für Gemütlichkeit in Witholds Zelt sorgen Felle und Decken, die er aufeinander gelegt hat. Schwungvoll lässt er sich darauf in den Schneidersitz nieder. "Das ist mein Winterumhang, aber auch Kissen und Decke zugleich", sagt er und streicht mit der Hand über den dunkelgrünen Stoff. Wie eine Märchengestalt sieht er aus, mit den Rastas, dem Vollbart und den gutmütigen dunklen Augen.


Hinten an seiner Hose baumelt eine kleine Machete. Schon als kleiner Junge habe er sich im Wald am wohlsten gefühlt. Sein selbstgewählter Name—vom althochdeutschen "witu" für Wald oder Gehölz—passt perfekt. "Ich bin hier, um von der Natur zu lernen", sagt er und zieht an der selbstgedrehten Zigarette. "All das Wissen geht sonst einfach verloren."

Von einer herkömmlichen WG unterscheidet die "Waldmänner" bis auf ihre ungewöhnliche Wohnung nicht viel. Alles ist da: Küche, Waldklo, Gemeinschaftsraum, Schlafplätze. "Wir sind Vollchaoten der gesunden Art", sagt Chrütli. Er ist der Älteste, mit 45 Jahren doppelt so alt wie der jüngste Mitbewohner. Zwei Jahre lebt er schon im Bremgartenwald, zuerst alleine, seit 2015 mit Mättu und Withold, dann kam der Rest dazu. Vor einem Jahr schlugen sie zu dritt ihre Zelte an der Stelle auf, von der sie die Burger nun weghaben wollen. "Ich habe den Platz vor drei Jahren beim Pilzesuchen entdeckt", sagt der Älteste.

Chrütli redet viel und leidenschaftlich. Sein Zuhause ist ihm wichtig. Sich selbst bezeichnet er auch mal als "Camp-Mami". Er kümmert sich darum, dass es genug Wasser gibt, und Holz. Für heute Abend plant er ein Kräuterrisotto, über dem Feuer gekocht. Dank Pfarrer Künzles Kräuterbibel schnippelt er nichts Giftiges in den Topf. Bücher haben aber nicht nur als Todesprophylaxe einen wichtigen Stellenwert für ihn. Immer hat Chrütli etwas zu lesen dabei, Bücher findet er mal hier, mal da. Momentan ist George Orwells Farm der Tiere dran. Darin erheben sich Tiere gegen ihren Besitzer. Das Motto des Buches "Alle Tiere sind gleich" gilt auch für die Wald-WG. Anders als in Orwells Buch drängt sich aber niemand vor. Chrütli: "Hierarchie gibt's bei uns nicht, es geht um Einigkeit, nicht ums Ego." Auf Aufgabenpläne wird verzichtet, jeder macht, was gerade ansteht. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, alle müssen einverstanden sein.

Bier, Gras, Lebensmittel: Allein vom Wald können die Männer nicht leben. Ihr Geld verdienen sie mit "illegalen Straßencabarets". In Berns Gassen bringen sie Passanten zum Lachen, machen Musik. Manchmal verkaufen sie auch Selbstgemachtes oder machen kleine Arbeiten. Viel kommt dabei nicht zusammen, doch es reicht für das "Aussteigerleben", das die Gruppe gewählt hat. "Wir haben alles", sagt Chrütli. Alles, außer die Bewilligung, den Boden zu nutzen.


Nutzen, was die Natur zur Verfügung stellt, das möchten sie nämlich. Beispielsweise Mumi, der aus Ästen kleine Holzfiguren für ein Brettspiel schnitzt. Der gelernte Schmied lebt seit Anfang des Jahres im Wald. "Ich bin vor allem wegen der Ruhe hier", sagt er und blickt unter seinem Hut hervor. Sein altes Leben will er nicht zurück. Er ist mit wenig glücklich. Neben den Werkzeugen, die man für den Alltag im Wald braucht, ist ihm sein Schmuck besonders wichtig: "Das sind alles Geschenke von lieben Menschen, ohne sie fühle ich mich nackt."

Nackt—das perfekte Stichwort, um über Körperhygiene zu sprechen. Streng genommen riechen die Männer, für mich als Frischgeduschte, streng. Den gesellschaftlichen Sauberkeitsansprüchen entsprechen sie mit ihren schmutzigen Füßen, Händen und Kleidern nicht. Sie sehen es lockerer: "Wir waschen uns am Brunnen", sagt Withold. Asche dient ihnen als Seifenersatz.

Ich entferne mich ein paar Schritte, das Lager verschwindet rasch hinter den Bäumen. Einzig die Stimmen und der Rauch verraten, dass sich hier jemand verbirgt. Waldmänner, Magic Mushrooms oder Vermisste: In diesem Wald bei Bern wurde schon eine Menge gefunden. Die Waldmänner fanden hier ihre Freiheit. Ob diese von Dauer ist, wird sich zeigen. Als ich etwas 100 Meter vom Lager entfernt bin, fährt ein Jeep vorbei. Die zwei Förster darin erwidern meinen Gruß nicht.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.