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Mohammed, ein 11-jähriger Killer aus Syrien

Laut einem Bericht von Human Rights Watch werden von einigen aufständischen Gruppen in Syrien „Kinder im Kampf und für andere militärische Zwecke eingesetzt.“ Wir haben den elfjährigen Mohammed Afar getroffen.
14.1.13

Mohammed Afar ist elf Jahre alt. Seine modifizierte AK-47 reicht ihm bis zur Hüfte.

Über seiner verblichenen gelben Jacke trägt Mohammed eine Weste der Freien Syrischen Armee mit drei Magazinen voller scharfer Munition und einem Walkie-Talkie. Auf der einen Seite prangt ein FSA-Aufnäher und auf der anderen die islamische Schahāda in arabischer Schrift.

Die Schule vermisst er nicht. Und er will auch nicht bei seiner Mutter und seinen zwei Schwestern zu Hause bleiben.

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„Ich will ein Kämpfer bleiben, bis Baschar tot ist“, sagt er.

Die Kämpfer um ihn herum gehören nach eigener Aussage alle den Liwa-al-Tawhid-Brigaden an. Sie geben ihm ein Scharfschützengewehr in die Hand und schlagen vor, ihn an die Front zu bringen, damit er seine Fähigkeiten an der Waffe demonstrieren kann.

„Er ist ein toller Bursche“, sagt sein Vater Mohammed Saleh Afar. „Er ist mein kleiner Löwe.“

Kinder bleiben nicht verschont

Während der 21 Monate anhaltenden Aufstände haben die Kinder von Syrien schon zahlreiche Misshandlungen ertragen müssen.

Sie sind nicht nur Opfer von Bombardements, Luftschlägen und Scharfschützen, sondern werden, wie die Untersuchungskommission der Vereinten Nationen im August festgestellt hat, auch willkürlich inhaftiert, gefoltert und vergewaltigt. Mit Sorge stellte die Kommission fest, dass „Kinder unter 18 Jahren an Kämpfen mitwirken und Hilfsaufgaben für bewaffnete Anti-Regierungsgruppen übernehmen.“

Sowohl die Genfer Konvention als auch die Kinderrechtskonvention der U.N. schreiben vor, dass Kinder unter 15 Jahren nicht als Soldaten eingesetzt werden sollen. Der Internationale Strafgerichtshof stuft es als Kriegsverbrechen ein.

Mohammed entlädt mit schneller Hand sein Magazin und zeigt es vor, dann setzt er es wieder geschickt ein. Die älteren Kämpfer um ihn herum—manche sind selbst noch halbe Jungs—loben, wie schnell er ist. Sie sagen das gleiche wie der Vater: Er ist ein toller Bursche.

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Der islamistische Einfluß wächst

Der kleine Mohammed sagt, er bewundere die Kämpfer von der al-Nusra-Front, die sich aus radikalen Islamisten der Takfiri-Ideologie zusammensetzt. Sie werden seit Kurzem von den Vereinigten Staaten als Terrororganisation bezeichnet. Al-Nusra sind auf dem Schlachtfeld sehr erfolgreich und haben damit viel Unterstützung gewonnen.

Viele der Kämpfer haben sich ihre Sporen an anderen Fronten des weltweiten Dschihads verdient—besonders im Irak und Afghanistan, aber auch in Zentralasien und im Mittleren Osten.

Der Aufstieg der Gruppe hat innerhalb der Opposition im Land zu islamistischen Tönen geführt. Deshalb geht die Angst um, dass es nach einem Fall des derzeitigen Präsidenten, Bashar al-Assad, ein Religionskrieg zwischen den in Syrien lebenden Sunniten, Alawiten, Drusen, Christen und Jesiden geben wird.

„Die [Männer von der al-Nusra-Front] kennen den wahren Islam und die Scharia. Sie wissen, was es bedeutet, ein Muslim zu sein“, sagt Mohammed.

Das Land ist ein einziges Schlachtfeld

Mohammed steht in der Altstadt von Aleppo, hinter ihm entfaltet sich ein Labyrinth von Gassen. Immer wieder sind Gewehrschüsse zu hören und Assads Kampflugzeuge, wie sie unheimlich über unseren Köpfen aufheulen.

Die Zerstörungen in diesem Gebiet sind gewaltig. Nachdem die Rebellen im Juli Aleppo eingenommen hatten, entschied sich Assad, nur verbrannte Erde zu hinterlassen. Dadurch musste er sich mehr und mehr auf seine Kampfflugzeuge und Helikopter verlassen; er ließ den Krieg vom Himmel regnen und das oft ziellos.

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Die Häuserfassaden sind verrammelt. Ausgebrannte Schulbusse versperren die Straßen, sie bieten Schutz vor Scharfschützen. Weit weg von Mohammed wird heftig gekämpft, im Viertel Bustan al-Basha, in dem Kurden und Araber leben.

Der Elfjährige sei in Sicherheit

„Wenn mein Vater an die Front geht, nimmt er mich mit“, sagt Mohammed. „Wir müssen vorsichtig sein und einen guten Platz finden, von dem aus wir schießen können.“

Laut dem November-Bericht von Human Rights Watch werden von einigen aufständischen Gruppen „Kinder im Kampf und für andere militärische Zwecke eingesetzt.“

„Selbst wenn sich Kinder freiwillig melden, haben die Kommandeure die Pflicht, sie zu ihrem eigenen Schutz wegzuschicken“, machte der Experte Priyanka Motaparthy im Bericht deutlich.

„Kinder lassen sich leicht von Verwandten und Freunden beeinflussen, aber ihre Teilnahme an bewaffneten Kämpfen setzt sie großen Gefahren aus, getötet, verstümmelt oder schwer traumatisiert zu werden.“

Mohammeds Vater—sein langer und ergrauender Bart, dessen Stil von Salafisten bevorzugt wird—kann nichts Schlechtes darin erkennen, was sein Sohn tut.

„Ich vertraue auf Gott“, sagt er.

Die anderen Mitglieder der Einheit stimmen zu. Der Elfjährige sei in Sicherheit, behaupten sie, und würde niemals an zu gefährliche Frontlinien mitgenommen.

„Auch andere Jungs kämpfen“, sagt Mohammed. „Nicht viele, aber ein paar.“

Er zeigt die Waffe, die sein Vater ihm geschenkt hat. Als die Anderen ihn dazu auffordern, das Scharfschützengewehr in die Hand zu nehmen, nimmt er eine eindrucksvollere Pose ein.

Einen Moment später hält er die Waffe tiefer und tut so, als würde er aus der Hüfte schießen.