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Sight & Sound mit Julia Holter

Julia Holter ist wie ihre Musik und findet sogar in französischen Formschnitthecken eine Seele.
26.7.12

Foto: Aljoscha Redenius

Kennt ihr das, wenn man Typen näher kennen lernt, an denen man normalerweise nur mit genügend Sicherheitsabstand und Pfefferspray vorbeigehen würde, und sie sich dann als total umgänglich herausstellen? Oder wenn sich liebliche zarte Persönchen als total Zicken erweisen, sobald man sich ihnen mehr als 20 Meter nähert? So ist das bei Julia Holter nicht. Die ist genauso melancholisch und bedacht wie ihre Musik und findet sogar, dass französische Formschnitthecken eine Seele haben. In uns hat sie zum Glück auch eine Seele entdeckt und sich vor ihrem Konzert in Berlin netterweise mit uns unterhalten. Hauptsächlich ging es um Filme und die Musik dazu, ab und an wurden aber auch ein paar andere Themen angerissen–wie zum Beispiel die aktuelle Entwicklung der Popmusik, ihr überübernächstes Album oder Internet-Hypes. Aber nur, um dann ganz schnell wieder zurück zu den Filmen zu kommen.

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Noisey: Was war dein Lieblingsfilm als Kind?
Julia Holter: Ich hab vor allem Disney-Filme geschaut. Mein Lieblingsfilm war Pinocchio. Ich wollte immer Pinocchio sein. Ehrlich gesagt dachte ich damals auch irgendwie, dass ich Pinocchio bin.

Dann konntest du ja gar nicht lügen.
Stimmt eigentlich. Aber ich glaube ich habe den Film gar nicht so weit analysiert. Für mich war es viel einfacher. Es war auch gar nicht logisch. Ich wollte Pinocchio sein, weil ich Dinge mochte, die wie Tiere sind.

Aber er war eine Holzpuppe.
Oder besser gesagt, alles das nicht-menschlich war. Ich mochte zum Beispiel Roboter. Ich wollte immer ein Roboter sein oder eine Holzpuppe. Oder eine Maschine. Oder ein Tier. Pinocchio ist nur ein Beispiel von den ganzen Kreaturen, die ich als Kind sein wollte.

Du hast mal gesagt, dass du immer ein Bild oder ein Film als Inspiration brauchst. Was für Filme haben denn Songs von dir inspiriert?
„Marienbad“ ist so ein Beispiel. Ich hatte die Idee, einen Song zu machen, für den ich mich von einem Garten inspirieren lasse. Ich dachte an einen sehr wilden Garten mit verrückten Blumen und Pflanzen, wahrscheinlich eher ein Dschungel. Irgendwie ist die Idee dann in ein Interesse an Topiari übergegangen, diese französischen Formschnitthecken. Ich habe also mit meiner Mutter gesprochen und sie erzählte mir, dass es einen Film namens Letztes Jahr in Marienbad gibt, in dem ganz viel Formschnittgärtnerei zu sehen ist. Also hab ich ihn mir angeschaut und er gefiel mir richtig gut. Meine Mutter fand ihn gar nicht toll. Es ist alles nur langsam vorangekommen und war eindringlich, mysteriös, verwirrend und auch sehr seltsam. Ich liebe das.

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Übernimmst du in dem Lied dann die Stimmung des Films?
Mein Song ist nicht so stark vom Film abgeleitet, weil der sehr eindringlich und krass ist bzw. man fühlt sich beunruhigt, wenn man den Film anschaut. Mein Lied dagegen ist viel offener und einladender. Es ist fröhlicher. Aber wichtig dabei ist nicht, dass ich bestimmte Szenen aus dem Film benutze, sondern einfach nur dass ich von ihnen inspiriert werde. Eigentlich hieß das Lied auch mal anders.

Wie denn?
Ursprünglich hieß es „Still Souls in Topiary“. Naja, ganz ursprünglich hieß es schon „Marienbad“. Aber dann dachte ich, ich sollte ihn nicht nach dem Film benennen. Also habe ich ihn „Still Souls in Topiary“ genannt. Das hat mir dann aber doch nicht gefallen. Das klang so komisch. Also habe ich ihn einfach wieder „Marienbad“ genannt.

Hat dich Melancholia auch inspiriert?
Ja. Woher weißt du das?

Das würde passen. Und ich hab mich das gefragt, weil ich letztens den Soundtrack auf deinem Twitter-Profil gesehen habe.
Ich liebe Melancholia. Das ist so ein guter Film. Eigentlich schaue ich gar nicht so oft Filme an. Ich habe auch vorher noch nie einen Lars-von-Trier-Film gesehen. Ich bin jetzt kein Film-Fanatiker oder so, aber es war so verrückt, als ich mir Melancholia angeschaut habe. Ich habe ihn einfach dafür geliebt, wie er die Musik von Wagner benutzt hat. Es ist abartig gut. Ich hab sogar ein Song darüber geschrieben, aber der ist noch nicht fertig.

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Weißt du schon, wie der heißen soll?
Nein, ich weiß noch gar nicht so viel über den Song. Ich glaube, der kommt auch nicht auf mein nächstes Album. Wahrscheinlich ist er eher ein Teil von einem anderen Album. Also vielleicht für das Album nach dem nächsten Album.

Ich hab mich gefragt, wer Felix aus dem Song „Für Felix“ ist und warum es deutsch ist.
Felix ist mein Hund. Und ich habe es „Für Felix“ genannt, weil es für ihn ist und weil er Fell hat. (Julia ist der Auffassung, dass man das deutsche „für“ wie das englische„fur“ ausspricht)

War Felix auch ein deutscher Hund?
Nein, war er nicht. Es gibt auch keinen richtigen Grund, dass das deutsch ist. Ich dachte es wäre süß, das so zu nennen.

Wenn du deine Musik machst, schreibst du dann erst die Lyrics oder komponierst du zuerst?
Eigentlich ist es immer unterschiedlich, aber meistens passiert das gleichzeitig. Ganz oft habe ich ein Konzept für ein Lied und setze mich dann ans Klavier, um daran zu arbeiten. Manchmal schreibe ich die Lyrics auch nicht selber, sondern benutze Zeilen, die es schon gibt, so wie bei Tragedy. Aber wie gesagt, meistens kommen die Worte und die Musik zusammen. Ich sitze also am Klavier, spiele und fange einfach irgendetwas an zu singen. Und daraus werden dann die Lyrics.

Ich gebe dir mal ein Beispiel zu dem Lied über Melancholia. Wenn der Song über den Teil im Film ginge, als sie herausfindet, dass ihr Mann tot ist–darum geht mein Song nicht, der geht über einen anderen Teil–aber dann setze ich mich hin, spiele ein paar Akkorde und singe. Dann würde ich zum Beispiel singen „He's dead, he's dead“ … also das würde ich jetzt nicht singen. Das ist nur ein Beispiel. Man hört eben einfach eine Melodie und die Lyrics gleichzeitig. Das passiert dann nicht getrennt. Verstehst du?

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Ich verstehe.
Das klingt wie ein schlechtes Musical. (mit hoher Stimme) He's dead. He's dead.

Du hast dich mal darüber beschwert, wie nervig es ist, wenn Leute, die gar nichts drauf haben, für einen Song total gehyped werden. Du wurdest in letzer Zeit ja auch sehr gehyped. Nervt es dich, ein Hype zu sein?
Einerseits nervt mich das nicht. Ich freue mich wirklich sehr, dass die Leute meine Musik hören. Darüber werde ich mich nicht beschweren. Als ich das übrigens gesagt habe, dachten die Leute, dass ich überheblich bin und denke, dass ich besser sei als andere. Ich weiß auch gar nicht mehr, ob ich an jemand bestimmtes gedacht habe. Aber vielleicht bin ich ja auch ein schlechter Performer und Leute finden, dass ich nicht gut bin. Das ist ja immer subjektiv. Was ich eigentlich damit sagen wollte war, dass man sehr viel Liebe in das steckt, was man tut. Und es ist wichtig, dass man das tut, was man wirklich will und nicht das, was andere von einem erwarten–ob Hype oder nicht. Dann sind die Arbeiten meistens am fesselndsten. So kann man die Leute am besten erreichen.

Aber …
Aber ich denke nicht, dass es für irgendjemanden gut ist gehyped und danach vergessen zu werden. Mein Ziel ist es immer weiter zu arbeiten und nicht irgendeine seltsame Internet-Sensation zu sein. Wenn man das einen Hype nennen will, der gerade um mich herum ist, dann ist das sowieso eine Art Hype, die nur im Internet funktioniert. Ich habe jetzt zwar mehr Shows, mein Leben ist aber total normal. Niemand in meinem Viertel weiß, wer ich bin. Ich laufe einfach herum und mache jeden Tag meinen Job. Als das alles anfing, hat mich immer jeder gefragt, wie sich mein Leben verändert hat. Und ich meinte immer nur: Äh, ich stehe morgens auf, schreibe ein paar eMails, gehe in die Arbeit und es interessiert niemanden. Aber das ist gut. Ich mag diese Anonymität. Ich will nur, dass meine Musik erfolgreich ist.

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Du hast deine letzten zwei Alben im Schlafzimmer aufgenommen, weswegen du ja auch ein sogenannter Bedroom-Producer bist. Ich stelle mir das ja ziemlich gemütlich vor.
Das ist es auch. Ich habe ein riesengroßes Bett und ein ganz kleines Zimmer. Das ist wie ein Boot. Man hat einfach keinen Boden.

Wenn ich in meinem Schlafzimmer arbeite, gammel ich total rum, sitz mit meinem Laptop im Bett und esse nebenbei.
Ja, so in der Art war es auch. Eine Zeit lang hatte ich keinen Tisch und dann habe ich immer im Bett gearbeitet und meine Songs geschrieben. Aber das war ungefähr ein Jahr bevor ich Ekstasis und Tragedy gemacht habe. „In The Same Room“ oder „Moni mon Amie“ sind zum Beispiel ziemlich alte Lieder. Die habe ich aufgenommen, als ich in dieser Ohne-Tisch-Situation lebte.

Und wie ist die Situation jetzt?
Ich wohne jetzt in einem Ein-Zimmer-Appartement. Als ich umgezogen bin, hat sich alles verändert. Ich hatte mehr Platz und habe dann auch mehr Klavier gespielt. Das hört man auch in meinen Songs. Es ist echt interessant, wie sich was man tut verändert, wenn sich der Platz verändert, an dem man es tut. Aber ich will auch gar nicht mehr in meinem Schlafzimmer aufnehmen.

Nicht?
Ich denke, auf mein nächstes Album kommen ein paar Aufnahmen aus meinem Schlafzimmer, aber der größte Teil kommt aus dem Studio. Das ist schon eine bessere Situation, wenigstens für die Vocals und das Schlagzeug. Ich will auch einige andere Instrumente mit einbringen. Ich weiß noch nicht genau was, aber auf jeden Fall ein Waldhorn und noch mehr Streichinstrumente.

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Du wolltest dein nächstes Album mal Gigi nennen?
Ja, vor ungefähr zwei Jahren habe ich das mal in einem Interview gesagt, aber das war sogar bevor Tragedy und Ekstasis heraus kamen. Jetzt haben sich die Dinge einfach verändert und das nächste Album wird nicht so heißen. Ich weiß noch nicht, wie es heißen soll, aber den Namen Gigi benutze ich nicht mehr zwangsläufig. Gigi ist ein Film, den ich sehr gerne mag.

Mal wieder ein Film.
Ja, es ist eine Geschichte von Colette. Ganz viele alte Frauen stehen auf den Film und als Kind mochte ich ihn wirklich gerne. Es gibt aber keinen guten Grund dafür, den Namen zu benutzen. Es ist nur eine Vorlage. Etwas, das ich gerne mag. Das einzige, das ich über mein nächstes Album weiß, ist, das ich es mit Musikern zusammen aufnehme.

Ich habe ja schon das Gefühl, dass du viele Filme guckst.
Ich glaube das tue ich gar nicht, aber ich denke viel über Filme nach. Zur Zeit höre ich nicht viel Musik und gucke auch nicht genug Filme, aber einige sind immer in meinem Kopf.

Ich habe gestern eine Studie gelesen, die herausgefunden hat, dass Pop-Musik immer depressiver und trauriger wird.
Ja, die habe ich auch gelesen. Sie wird auch immer langsamer, was ich ziemlich witzig finde.

Findest du das ist eine gute Entwicklung?
Ja, generell als Konzept ist es schon besser. Ich mag langsame und traurige Musik. Ich persönlich finde ja, dass die Musik heutzutage immer vollgestopfter wird. Bei produzierter Musik sind so viele Synthesizer dabei, es ist alles so laut und immer in die Fresse. Dauernd geht irgendeine Scheiße ab.

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Ich hab mir dein Tatu Cover von „Not gonna get us“ angehört. Das klingt ganz schön anders, als die Musik, die du jetzt machst.
Ja, das war 2005 oder so. Damals fing ich an Musik aufzunehmen und hatte Spaß dabei, meine Stimme zu verändern, ganz hoch zu singen, so dummes Zeug halt. Ich habe nur zum Spaß ein bisschen herumgespielt. Ich nehme das Lied nicht ernst, aber habe nichts dagegen, wenn es Leute hören. Ich bin deswegen jetzt nicht nervös und habe Angst, dass Leute herausfinden, dass ich ein schlechter Musiker bin oder so.

Julia Holter | Try To Make Yourself A Work Of Art from Leaving Records on Vimeo.

„Try To Make Yourself A Work Of Art“ ist ein Song von dir. Wie würdest du das machen, wenn nicht mit Musik?
Bevor ich Tragedy aufgenommen haben, hab ich das in Form von Zeichnungen gemacht. Die Zeichnungen habe ich aus griechischen Mythologie Büchern für Kinder kopiert. Ich wusste gar nicht genau, was ich tue. Eine davon ist von Eurydike aus der Sage Orpheus. Auf dem Bild folgt sie Orpheus gerade aus der Unterwelt. Zu dem Bild habe ich Worte aus dem Mythos geschrieben, eine Veranschaulichung wie die Situation klingen würde. Oder ich habe Worte aus anderen Mythen genommen wie „I can see you, but my eyes are not allowed to cry“, eine Textzeile aus dem Mythos von Euripides. Ich wollte einfach die Hoffnungslosigkeit festhalten. Also eine Kombination aus Zeichnen und Poesie. Ein bisschen wie ein Comic.

Und eine Sache, die ich auch unbedingt noch machen will, ist ein Tumblr. Ein Blog, auf den ich meine Lieblingsmusik poste und einfach nur schreibe. Die Musik von vielen meiner Freunde liebe ich sehr, so wie Laurel Halos neue Platte oder Nite Jewel. Einiges davon ist einfach so toll, dass ich einfach nur drunter schreiben will, was ich denke. Nicht, dass das irgendjemanden interessieren würde, aber das ist etwas, über das ich nachdenke.

Ich würde vorschlagen, du wirst Filmkritikerin, falls du mal keine Lust mehr auf Musik hast.
Ok, cool.

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Julia Holters Ekstasis ist bei RVNG Intl. Erschienen.