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Interview: Raf 3.0 wäre bereit für seine Musik zu sterben

Raf ist einer, der nach einem herzzerreißenden Pianocover mal eben einen Beat mit üblen Lines zerlegen kann. Wie nennt man so jemanden? Wahrscheinlich einfach einen verdammt guten Musiker.
5.7.13

Raphael Ragucci ist einer der feinsten Produzenten und Musiker, die wir im deutschsprachigen Raum haben. Jeder, der nur im Ansatz etwas von deutschem HipHop versteht, wird diese Aussage bedenkenlos unterschreiben. Leider hat diese Erkenntnis bis vor Kurzem die Raplandschaft noch nicht verlassen. Das liegt zum einen daran, dass der gebürtige Wiener und Wahl-Berliner nie nur in einer Ecke stand und deshalb kaum zu greifen ist. Einer, der von der Straße aus dem 15. Bezirk kommt und Grunge feiert, einer, der nach einem herzzerreißenden Pianocover aus Scheiß mal eben einen Beat mit üblen Lines zerlegen kann. Wie nennt man so jemanden? Wahrscheinlich einfach nur einen verdammt guten Musiker.

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Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass der 29-Jährige gefühlt alle sechs Monate zwischen seinen Alter Egos Raf Camora und Raf 3.0 wechselt. Heute veröffentlicht er sein zweites „3.0“-Album Hoch Zwei, auf dem er flächendeckend mit Grunge experimentiert.

Zusammen mit seinem Management und Produzentenkollegen KD-Supier haben wir mit Raf über Grunge, Perfektionismus und Ausdauer gesprochen.

YNTHT: Klassische Frage zum Einstieg: Wer ist Raf Camora und wer ist Raf 3.0?
Raf 3.0: Raf Camora ist ein authentischer Straßenrapper mit musikalischem Einfluss und Raf 3.0 ist ein authentischer Musiker mit Straßeneinfluss.

Du hast einmal gesagt, du warst als Raf Camora der Straßen-Max Herre, ist Raf 3.0 dann der musikalische Haftbefehl?
Nein, das will ich mir nicht bieten lassen. Spaß, ich finde Haft cool. Wie gesagt, Max Herre hat auch nicht immer das gemacht, was er jetzt macht. Ich kann mich noch daran erinnern, als er gerappt hat: „Alle Kanacken, alle Schwarzen, ihr seht aus wie wir.“ Der hat auch einen anderen Background. Man entwickelt sich ja weiter mit der Zeit, meine Musik ist jetzt anders als in 2007. Aber das ist ganz normal. Ich stelle keine Ikea-Möbel her, ich mache Musik.

Du bist wahrscheinlich der erste Rapper, der konsequent Grunge auf seinem Album verwendet. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen HipHop und Grunge?
(überlegt) Wenn wir nur über die Musik reden, dann vielleicht die Auflehnung. Aber ansonsten—null. Musikalisch haben die beiden nichts gemeinsam.

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Vielleicht ist die Gemeinsamkeit, dass beide gerne für tot erklärt werden.
HipHop war noch nie tot. Und Grunge gibt es einfach nicht mehr. Das wurde ersetzt durch den Alternative Rock, der nicht ganz so mein Fall ist. Das ist mir persönlich zu fröhlich, mir fehlt die Selbstzerstörung, mir fehlt der Schmerz. Damals war es viel abgefuckter als der Alternative Rock, den wir heute haben.

Diese abgefuckten Menschen machen heute eher Drogen- und Zerstörer-Elektro.
Ich finde, die Leute, die Drogen- und Zerstörer-Elektro machen, sind eher mit den ersten Trash-Metal-Bands zu vergleichen. Was die Leute oft vergessen: Grunge hat einen großen Pop-Appeal. Die Strophen sind leise, mit cleanen Gitarren und die Hooks gehen dann auf, mit verzerrten Gitarren. Viele Popsongs sind so aufgebaut. Deswegen wurde damals in Seattle jeder gesignt, der eine Gitarre halten konnte und halbwegs lange Haare hatte. Die Musik hatte ein Riesenpotenzial, das leider mit dem Tod von Kurt Cobain weggefallen ist.

Wie bist du denn zu Grunge gekommen? Die Musik war ja schon tot, als du dich angefangen hast, für Musik zu interessieren.
Ich war sehr verliebt in ein Mädchen, das immer einen Nirvana-Pullover getragen hat. Zu dem Zeitpunkt war ich sehr jung, zehn oder elf, da habe ich immer nur andere Sachen gehört, die man irgendwie in die Hände bekommen hat. Um diesem Mädchen, die unglaublich frech war mit ihren gefärbten Haaren und dem Nirvana-Pullover, näher zu sein, habe ich mich mit der Musik auseinandergesetzt. Als mir mein Vater die Unplugged-Platte schenkte, war ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht, weil ich dachte, dass ich jetzt den großen Musikrebellen hören würde und dann höre ich „Jesus Don’t Want me for a Sunbeam“. Ich habe mich aber trotzdem in diese Musik verliebt, da war einfach ein Gefühl da, dass ich vorher bei keiner Musik hatte.

Bei Hoch Zwei ist mir aufgefallen, dass du dich lyrisch etwas einfacher gehalten hast und die Texte nicht so verkopft sind wie auf Raf 3.0. War das etwas, worauf du bewusst geachtet hast?
Ja. Ich habe aus dem Umfeld von Marteria einen Begriff gehört: Es gibt starke Wörter, bei denen jeder sofort weiß, was damit gemeint ist. Beim letzten 3.0-Album habe ich mich dafür heiß gefeiert, dass ich Sachen beschrieben habe, die ich auch in einem Wort hätte nennen können. Im Endeffekt haben viele es nicht verstanden. Dieses Mal habe ich mir mehr Mühe bei den Texten gegeben und sie sind mehr auf den Punkt gebracht.

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Deine Songs wirken wie immer sehr voll. Hast du überlegt, einen Schritt zurückzumachen, und dich ein bisschen zurückzunehmen?
KD (Rafs Produzentenkollege Anm. d. Red.) und ich haben uns gesagt, dass wir ein bisschen weniger reinhauen wollen, als letztes Mal. Das ist uns nicht ganz gelungen.
KD: Na ja, letztes Mal gab’s Synthie über Synthie über Synthie.
Raf: Stimmt, aber letztes Mal hat Volker, der Mischer, viel rausgeschmissen. Ich hatte Riesenstreits mit ihm, weil mir der Vibe nicht mehr gefallen hat. Er sagte: Ich kann das so nicht mischen, man hört irgendwann einfach nichts mehr. Wir meinten, wenn wir das können, warum kannst du das nicht? Aber wir müssen auf jeden Fall in der Zukunft drauf achten. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht!

Ist das nicht ziemlich schwierig für perfektionistische Musiker, was rauszuschmeißen?
Eigentlich nicht. Das Ding ist, man will sich ja immer ein bisschen beweisen. Ich mache einen wunderschönen Gitarrenriff und dann fällt mir noch was ein und noch was. Dann spielt man das ein, und man denkt sich: Das könnte noch besser sein. Es dürfte also nicht schwierig sein, weil es schon da war. Leute, die drauf scheißen und sagen „Ist doch cool so“, kommen auf das Ergebnis: Weniger ist mehr. In Zukunft sollte man aber drauf achten, dass man weniger Sachen verwendet, aber sich noch mehr Gedanken über die Breaks und Switches macht. So wie bei Kendrick Lamar.

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Thematisch ging es in dem letzten 3.0-Album um die digitale Welt und Roboter, Hoch Zwei handelt vom Menschen. Welches Thema könnte ein drittes Album haben?
Das ist eine gute Frage. Aber was gibt es noch mehr auf der Welt? Wir haben Gestalten aus Fleisch und Blut und Dinge, die das eben nicht sind. Wir haben Menschen und wir haben Geräte. Als Oberbegriffsthema gibt es nichts anderes mehr. Ich werde keinen Song über Wale machen. Was man sich überlegen muss: Braucht man überhaupt so einen Oberbegriff? Vielleicht steht das nächste Album für sich ganz alleine. Es muss ja keinen krass roten Faden haben, der sich über eine ganze Spezies erstreckt.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du kein Konzeptalbum machst.
Konzept schon. Die Ärzte haben ein Album „Le Frisur“ genannt, da ging es nur um Bärte und Haare. Vergleich mal das ganze Thema Menschheit mit Frisur. Ein Konzeptalbum muss also nicht so einen krassen Überbegriff haben. Ich habe schon eine ganz deutliche Idee, wie das Album aussehen wird. Ich denke jeden Tag nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen darüber nach. Leider kann ich es noch nicht sagen.

Würdest du die Aussage unterschreiben, dass du unter den deutschen Rappern, vielleicht neben ein, zwei anderen der Musikalischste bist?
Es wäre sehr arrogant, das zu sagen.

Schon, aber es gibt wohl kaum jemanden, der das nicht denkt.
Dankeschön. Tua ist ein krasser Typ. Von Max Herre kenne ich die musikalischen Skills nicht. Ich weiß nicht, ob er besser Gitarre spielen kann als ich oder ob er eine Partitur lesen kann. Man kann es nicht sagen. Ich war noch nicht mit jemandem in einem Ring, wo ein Klavier stand und wir ausgefochten haben, wer der bessere Klavierspieler ist. Was ich sagen kann, ist, dass ich nicht weiß, wer genauso für Musik bereit wäre zu sterben wie ich. Für mich ist Musik mein Leben.

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Wofür stehst du noch, außer für gute Musik?
(überlegt lange) Ich habe mal Kaas (Die Orsons Anm. d. Red.) zufällig in meiner Straße getroffen. Ich kannte den gar nicht. Und er sagte zu mir: „Ey, du bist doch Raf. Du bist doch der Straßen-Timbaland“ (Allgemeines Gelächter). Ich sehe mich als jemanden, der wirklich nicht ins Bild passt. Ich war nie jemand, der sich in eine Gruppe von Leuten einfügen konnte, nur weil er dabei ist. Das heißt, ich bin ein kleines Ich-bin-Ich. Einen Namen dafür zu finden wäre einerseits arrogant und andererseits könnte ich das nicht greifen. Ich kann dir jetzt keinen Terminus geben, der mich beschreibt.

Ich finde, den brauchst du auch nicht. Für einen Musik-Fan ist es sympathisch, wenn du mal nicht jemanden darstellst und einfach nur gute Musik machst. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für dich und dein Management schwierig ist, einfach nur mit guter Musik zu werben.
Das ist super schwierig.

Dann musst du aber sagen, dass du bessere Musik als andere machst. Wie stellt man das an?
Das ist ja dann auch wieder Geschmackssache. Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich mir über diese Sachen keine Gedanken mache, ob ich nun einen Hut trage oder einen Schnäuzer—das ist mir egal. Die Frage ist, braucht man das?

Nein, aber dann dauert es länger, bis man erfolgreich ist, weil man nicht sofort den Wiedererkennungswert hat.
Ich glaube, es hat einen Grund, warum die Leute erst jetzt vermehrt von mir reden, obwohl ich schon lange da bin. Das Sprichwort, dass etwas, wenn es einen längeren Atem hat auch länger durchhält, stimmt einfach. Ich gehe mit einem Boxer in den Ring, der vielleicht 500 Kilo mehr wiegt und eine größere Schlagkraft hat, aber in Kondition ficke ich ihn.
KD: Was ihn von vielen anderen Künstlern unterscheidet, er steht auf und er denkt an seine Musik, er geht schlafen und denkt an seine Musik. Viele Leute machen Musik, um Bräute klarzumachen, oder Geld zu machen. Die sagen, dass sie noch nicht mal Texte schreiben, wenn sie es nicht müssten. Was soll er machen? Soll er sich ausruhen? Nein, Musik ist sein Leben.
Raf: Ja, Mann. Ich habe sonst keine Hobbys, Alter.

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Das Album Hoch Zwei von Raf 3.0 könnt ihr bei Amazon und iTunes kaufen.

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