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Gesundheit

Der einsame Kampf gegen die Wochenbettdepression

Viele Frauen leiden nach einer Geburt an postpartaler Depression, die oft unerkannt und somit auch unbehandelt bleibt—was dramatische Folgen für Mutter und Kind haben kann.

von Annamarya Scaccia
26 Mai 2016, 7:15am

Photo by Raymond Forbes via Stocksy

Vor Kurzem hat die US-amerikanische Schauspielerin Hayden Panettiere bekannt gegeben, dass sie sich erneut wegen ihrer Wochenbettdepression behandeln lassen wird, nachdem sie sich bereits im Oktober erstmals in Behandlung begeben hat. Panettiere, die bereits öffentlich über ihr Leben mit der Krankheit gesprochen hat, sagte, dass sie ihre Erkrankung „ganzheitlich" behandeln lassen müsste, anstatt sich nur auf „ungesunde Bewältigungsmechanismen" zu verlassen.

Studien zufolge leiden weltweit etwa 13 Prozent der Mütter unter Wochenbettdepressionen—eine psychische Erkrankung, die bei Frauen nach einer Geburt auftritt und unter anderem dazu führen kann, dass sie sich nicht adäquat um ihr Kind kümmern können. Wochenbettdepressionen können Tage oder sogar Monate nach der Geburt auftreten und mehrere Monate—oder sogar noch länger—andauern, wenn die Erkrankung nicht behandelt wird.

Wie Die Zeit berichtet, nehmen nach einer Studie der Universität von Toronto nur rund ein Drittel der betroffenen Frauen professionelle Hilfe in Anspruch—„aus Scham dem gesellschaftlichen Bild und den eigenen Vorstellungen der glücklichen jungen Mutter nicht zu entsprechen", so eine Studie der Universität in Heidelberg. Ein weiterer Grund ist allerdings, dass oftmals klare Leitlinien für die Ärzte fehlen und viele Fälle schlichtweg unerkannt bleiben, wie die WHO festgestellt hat. In den USA erhalten sogar lediglich 15 Prozent der Frauen, die unter Wochenbettdepressionen leiden, eine fachgerechte Behandlung, so die Organisation Postpartum Progress, die sich mit der psychischen Gesundheit von Müttern beschäftigt. Im Gegensatz zu Panettiere muss folglich ein Großteil der betroffenen Mütter noch immer allein gegen die Erkrankung kämpfen.

In Washington DC haben sich deshalb vor Kurzem verschiedene Vertreter von Organisationen mit Politikern getroffen, um über die signifikante Versorgungslücke und die Notwendigkeit einer besseren Aufklärung über Wochenbettdepressionen zu sprechen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der National Coalition for Maternal Menta Health, einem Verband, der sich für die psychische Gesundheit von Müttern einsetzt. Die Veranstaltung sollte den Gesetzesentwurf der Kongressabgeordneten Katherine Clark unterstützen, die sich mit ihrem Gesetz für eine bessere Versorgung der Betroffenen einsetzen möchte.

„Eigentlich sollte die Phase nach der Geburt eine glückliche Zeit im Leben einer Mutter sein", sagt Clark. „Es ist tragisch, dass sich nur ein kleiner Teil der betroffenen Frauen behandeln lässt."

Durch Clarks Gesetzesentwurf sollen bundesweite Fördermittel zur Unterstützung der einzelnen Bundesstaaten geschaffen werden, um die Vorsorge und Behandlung von Wochenbettdepressionen und anderen psychischen Erkrankungen von Müttern zu finanzieren. Das Gesetz sieht vor, dass die US-Regierung über die nächsten vier Jahre jährlich umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro für die Entwicklung fortschrittlicher Lösungen zur Erkennung und Behandlung dieser oftmals stigmatisierten Krankheit zur Verfügung stellen soll.

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Das Gesetz befindet sich derzeit im Ausschuss. Clark sagt, dass sie plant, ihren Gesetzesentwurf erneut vorzulegen, wenn er es nicht durch das Repräsentantenhaus schaffen sollte. „Wir wollen Frauen, die unter Wochenbettdepressionen leiden, wissen lassen, dass ihnen eine Behandlung zusteht", sagt Clark. Aber Clark merkt auch an, dass ein erleichterter Zugang zur Behandlung von Wochenbettdepressionen nicht nur Müttern, sondern auch ihren Babys zugutekommt.

Studien haben gezeigt, dass undiagnostizierte und unbehandelte Wochenbettdepressionen der kognitiven und emotionalen Entwicklung des Kindes schaden können. Die Forscher der 2010 veröffentlichten Studie Verhalten und Entwicklung von Kleinkindern haben Daten ausgewertet, die sie über einen Zeitraum von zehn Jahren gesammelt haben, um den Effekt von postpartalen Depressionen zu untersuchen. Dabei haben sie festgestellt, dass die Krankheit ein Risiko für die Bewältigung verschiedener Aufgaben rund um die Versorgung des Kindes darstellt, darunter auch das regelmäßige Füttern und die allgemeine Sicherheit des Kindes. Eine 2004 veröffentlichte kanadische Studie hat zudem herausgefunden, dass Kinder depressiver Eltern häufig unter Bindungsstörungen, mangelhafter Selbstkontrolle, Angststörungen, beeinträchtigten sozialen Fähigkeiten, Lernschwierigkeiten und anderen Problemen leiden.

„Das kann verhindert werden, wenn mehr Mütter Hilfe in Anspruch nehmen", sagt Joy Burkhard, die Gründerin einer Organisation für die Gesundheit von Müttern mit Sitz in Kalifornien, die sich auf die Versorgung von Depressionen während der Schwangerschaft und nach der Geburt spezialisiert hat. „So könnten lebenslange Probleme bei den Kindern verhindert werden."

Zum Teil sei auch das Gesundheitswesen für die Lücken bei der Erkennung und Behandlung von Wochenbettdepressionen verantwortlich, sagt Burkhard. Körperliche und psychische Gesundheit werden laut ihr separat durch zwei verschiedene Systeme behandelt, was die Kommunikation und die Zusammenarbeit in vielen Fällen erschwert. Dadurch stehen viele Ärzte, die ihre Patienten auf postpartale Depressionen hin untersuchen, vor der Frage, wohin sie ihre Patienten überweisen. Zudem, so Burkhard weiter, leidet das amerikanische Gesundheitssystem, ähnlich wie in Deutschland, nicht nur unter einem Mangel an Therapeuten—insbesondere auch an Psychiatern, die auf das Thema reproduktive Gesundheit spezialisiert sind—, es ist zudem auch nicht darauf vorbereitet, die bereits überarbeiteten und überbelasteten Ärzte für die Erkennung der Krankheit zu sensibilisieren.

„Frauen fallen durch das System und bekommen deshalb keine adäquate Behandlung, selbst wenn sie verzweifelt nach Hilfe suchen", sagt Burkhard, die auch als Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Projekts 2020 Mom tätig ist, einer gemeinnützigen Organisation für die psychische Gesundheit von Müttern. „Dass dieses Problem nicht gelöst werden kann, ist ein Fehler im Gesundheitssystem."

Noch wichtiger als Änderungen auf politischer Ebene, wie der Gesetzesentwurf in den USA, sei es allerdings, dass das Bewusstsein für Wochenbettdepressionen in der Bevölkerung wächst und mehr Menschen über ihre Erkrankung sprechen—so wie Panettiere. Betroffene Frauen sollen wissen, dass es gut ist, offen über ihre Erkrankung zu sprechen.

„Wir wollen Frauen dabei helfen, aus dem Schatten zu treten", sagt Clark.


Titelbild: Mary Cassatt | Wikimedia Commons | Public Domain