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Fragen, die die Migrantenschreck-Serie des Bundes aufwirft

Der Bund lässt für 450.000 Franken in Nigeria eine Serie produzieren. Mit dieser soll Nigerianern davon abgeraten werden, in die Schweiz auszuwandern.
22.2.17

Foto: Kunle Remi wird in der vom Bund finanzierten Serie die Hauptrolle übernehmen | Foto von Instagram/KunleRemiOfficial Die USA schreibt Serien, in denen du siehst, wie eine Welt aussehen würde, in der die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten oder in denen gezeigt wird, wie du ein florierendes Drogenbusiness aufbaust. Von Produktionen aus der Schweiz lernst du, wie du Beerdigungen ausrichtest oder seit neustem, dass hier das Leben als illegaler Einwanderer ganz furchtbar ist: Wie das Schweizer Radio und Fernsehen ( SRF) berichtet, finanziert das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit 450.000 Franken zwölf Folgen einer TV-Serie, die Asylsuchende aus Nigeria davon abhalten soll, in der Schweiz Asyl zu beantragen. Die Serie mit dem Namen The Missing Steps wird momentan in Bern gedreht und handelt von einem jungen Nigerianer, der illegal in die Schweiz einreist, auffliegt und schliesslich zurück in sein Heimatland muss.

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In den Worten von SEM-Sprecher Lukas Rieder klingt das so: "Wir möchten objektive Informationen über die Migration liefern. Wir wollen zeigen, dass die Überfahrt mit Gefahren verbunden ist, dass die Chance auf Asyl sehr klein ist." Schon klar. Oder irgendwie nicht. Wir hätten da mal folgende Fragen an die Schweizer Regierung:

Plant der Bund auch Abschreckungsserien in anderen Ländern?

Die Wahl von Nigeria als Land, dessen Bewohnern die Migration in die Schweiz ausgeredet werden muss, ist rätselhaft. Im Jahr 2016 wurden aus Nigeria 1.106 Asylgesuche in die Schweiz gestellt. Es gibt sechs Länder, aus denen in diesem Jahr deutlich mehr Gesuche kamen. Die grössten Gruppen von Einwanderern waren Italiener, Franzosen und Deutsche.
Falls der Bund Vorschläge für Serien sucht, die diese Gruppen von Migration in die Schweiz abhalten wollen, hätten wir ein paar Vorschläge:

  • Frankreich: Zurich, je déteste – gequält vom Verlangen nach französischem Käse beschliesst Francois die Schweiz wieder zu verlassen. 
  • Deutschland: Fifty Shades of Dialekt – Der Ingenieur Maximilian hat an seinem ersten Arbeitstag in Bern einen Nervenzusammenbruch, als er feststellt, dass er kein Schweizerdeutsch versteht und dass zu allem Übel jeder Dialekt in jedem Kanton anders ist.

Was, wenn die Serie für einen Migrantenboom aus Nigeria sorgt?

In The Missing Steps bekommt man viele Seiten der Schweiz zu sehen. Auch die guten. Was, wenn sich halb Nigeria in die SBB-Durchsagestimme verliebt, die sich entschuldigt, weil der Zug drei Minuten Verspätung hat? Was, wenn alle Zuschauer plötzlich das Gratis-Trinkwasser aus unseren Brunnen trinken wollen?

Und auch wenn wenn dieses Szenario nicht eintreffen sollte, gibt es für viele Nigerianer genug andere Gründe, in die Schweiz emigrieren zu wollen. Die Vereinten Nationen warnten Ende 2016, dass sich die Lage im Nordosten Nigerias und in der gesamten Region um den Tschad-See dramatisch verschlechtert hat.

Von wem hat sich der Bund beraten lassen?

So ein ambitioniertes Filmprojekt, wie es die zwölfteilige SEM-Serie ist, will natürlich gut geplant sein. Immerhin wird in zwei Ländern gefilmt, die mehrere 1.000 Kilometer auseinander liegen, und es geht um 450.000 Franken, die verlocht werden könnten. Da trägt man schon eine gewisse Verantwortung. Dementsprechend taucht die Frage auf: Wer sind die Berater des Bundes? Die Macher ähnlicher Abschreckkampagnen in Dänemark und Australien? Die Macher von Westworld? Der Bundesrat? Die einfache Antwort: Wir wissen es nicht.

Was wir allerdings wissen: Wer den Bund nicht beraten hat. In Artikeln zur Serie werden diverse NGO-Vertreter und Experten zitiert, die durchs Band am Erfolg des Projekts zweifeln. Die Migrationsforscherin Jill Alpes kritisiert etwa gegenüber SRF, dass westliche Informationskampagnen in Fluchtländern meist keinen Neuwert an Informationen liefern würden. "Die meisten wissen durch ihre Freunde und Verwandten schon sehr genau, was die Risiken der Migration sind." Und auch die Flüchtlingshilfe bilanziert das Projekt mit den vernichtenden Worten: "Eine Fernsehserie allein bewirkt wenig." Man müsse vor allem die Fluchtursachen bekämpfen. Und diese liegen in einem Land, in dem Bürgerkrieg herrscht, wohl kaum in der mangelnden Qualität der TV-Landschaft.

Will der Bund nur einen "Nollywood Movie Award"?

Laut SRF kostet ein Blockbuster in Nollywood, wie die nigeranische Filmbranche in Anlehnung an Hollywood genannt wird, vier mal weniger als die SEM-Serie. Im Grunde wären das wohl gute Voraussetzung, um ordentlich Einfluss auf eine Gesellschaft zu haben. Nur: Das geplante Projektziel, objektive Informationen über die Migration zu liefern, scheint nach Experten und NGOs schon vor der Erstausstrahlung zum Scheitern verurteilt. Bleibt neben dem angestrebten gesellschaftlichen also bloss noch der popkulturelle und künstlerische Wert.

Immerhin ist Nollywood die drittgrösste Filmbranche der Welt, die sogar ihr eigenes Pendant zu den Academy Awards hat. Und Geld scheint auch bei Film-Awards keine schlechte Voraussetzung, um ins Rennen um die Trophäen der Starlets zu steigen – die Oscar-Erfolge von  Titanic und Avatar lassen grüssen. Ob es das SEM also auf einen der Nollywood Movie Awards abgesehen hat?

Bei einer allfälligen Nomination würde wohl zum ersten Mal ein vom Bund und dadurch dem Schweizer Steuerzahler finanziertes Projekt in das Rennen um einen Film-Award steigen. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Weiss der Bund, dass bei den Nollywood Movie Awards keine Serien ausgezeichnet werden?

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