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Der dröhnende Tod der Langweile

Frag den Maler Martin Eder nach dem Status quo der Gegenwartskunst und du wirst zu hören bekommen, dass 99 % davon sinnlos ist und dass er sich mitunter für die Kunst der anderen schäme.
29.8.11

Frag den Maler Martin Eder nach dem Status quo der Gegenwartskunst und du wirst zu hören bekommen, dass 99 % davon sinnlos ist und dass er sich mitunter für die Kunst der anderen schäme. Das bringt ihn jedoch nicht davon ab, die kleine, einprozentige Lücke mit Werken zu füllen, die beim Betrachter ganz andere Schamgefühle auslösen. Klingt nach einem verbitterten Sonderling, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Eder ist aufmerksam, geradezu herzlich und auch in seiner Nachdenklichkeit noch zugänglich.

Diese Ausgeglichenheit verdankt er möglicherweise dem Rückzugsort vor dem Kunstbetrieb, seiner Band RUIN. Oder sagen wir: seinem musikalischen Weltverfinsterungsprojekt. Er widmet sich dort Sounds, die über die Pfade von Ambient, Drone und einem desolaten Entwurf von Kammermusik in das Sperrgebiet des Kollektivbewusstseins vordringen. Sounds, die man aber auch als Echos seiner Biografie deuten kann. Eder hatte neben den üblichen Sollbruchstellen im Lebenslauf die Erfahrung zu verdauen, klinisch tot zu sein. Kein Wunder, dass du von RUIN keinen Chillwave zu hören bekommst.

VICE: Du bist eigentlich ein Kind vom Dorf, richtig?
Martin Eder: Genau, ich komme aus Batzenhofen bei Augsburg. Aus der katholischen Provinz.

Ist davon noch irgendetwas übrig geblieben?
Von meiner katholischen Erziehung? Bis auf den Beichtstuhl der dahinten steht eigentlich wenig. (deutet in eine Ecke seines Ateliers.)

Es scheint ja unter ein paar Intellektuellen gerade en vogue zu sein, den Katholizismus wieder salonfähig zu machen. Glaubst du, es ist möglich, ein cooler Katholik zu sein?
Ich glaube, das schließt sich aus, und ich glaube, es ist auch nicht besonders intelligent, so etwas zu versuchen. Es ist eine perfide Verführung und schürt auch Dummheit, wenn man alles, für das man nicht verantwortlich sein will, durch irgendeine Buße ablegen kann. Und das Widerlichste ist das Sendungsbewusstsein. Wenn die wenigstens ihren Mund halten würden und das alles zu Hause praktizieren. Aber die müssen ja auch noch jedem davon erzählen.

Wie finden deine Eltern das, was du machst?
Sie haben damit Frieden geschlossen, weil sie wissen, ich würde es so oder so tun. Ich bin aus ihrem Einflussbereich raus gewachsen und es ist ihnen eher wichtig, dass ich am Leben bin.

Gab es Zeiten, in denen sie sich Sorgen um dich machen mussten?
Es gab eine Zeit, in der habe ich so eine Art Grenzforschung betrieben. Also was ein Körper so aushalten kann. Diese Grenze habe ich leider, oder vielleicht eher zum Glück auch gefunden. Also ich weiß jetzt, wo sie ist.

Wovon reden wir hier genau?
Von allem Möglichen. Drogen, Alkohol, nie ins Bett gehen. Ich hatte ein sehr starkes Alkoholproblem, das immer wieder durchbricht. Aber ich weiß wenigstens mittlerweile, warum das so ist. Es ist eine Sucht nach Kontrollverlust. Wenn du dich zuschüttest, dann empfindest du das in dem Moment als positiv. Was es aber nicht ist. Das wird dir aber erst am nächsten Tag klar. Die Probleme sind immer noch da und zusätzlich bist du deprimiert. Es entwickelt sich ein Teufelskreis. Du bist deprimiert, säufst dich zu und bist am nächsten Tag wieder depressiv. Sobald man feststellt, warum das so ist, wird es aber besser.

Wie lange ist das her?
Das ist überhaupt nicht lange her. Das war 2005. Ich hatte meinen Herzstillstand und die Reanimation 2005.

Was ist da genau passiert?
Ich kam ins Krankenhaus mit einer Tachykardie, mit einem Puls von 180. Das hält man nicht besonders lange aus, der Herzmuskel kontrahiert zu oft. Ich wurde dort sediert und hatte dann abends einen Herzstillstand. Ich wurde dort mit Elektroschocks reanimiert. Ich hatte meinen Körper total ausgesaugt. Die Batterien waren einfach leer.

In Martin Eders Atelier ist nicht nur das Abseitige in sämtlichen ästhetischen Ausprägungen zuhause, du findest auch eine umspannende Diskografie klassischer Elternmusik. Zum Beispiel: Freddy Quinn Die Gitarre und das Meer, Mink DeVille Cabretta und OST Eis am Stiel 6 - Ferienliebe

Das heißt, du hattest eine Nahtoderfahrung.
Ja, für etwa 20 Sekunden. Es kam noch ein angekündigter Stromausfall dazu. Im Moment, als mir eine Sonde ins Herz geschoben wurde, sollte überprüft werden, ob die Notstromaggregate angehen. Also war es vom Arzt eigentlich unverantwortlich, das zu dieser Zeit zu machen. Ich sah mein eigenes EKG, dann auf einmal die Flatline und dann ging auch noch der Strom weg und die Monitore aus. Ich wurde also im Dunklen reanimiert.

Klingt gespenstisch. Was geht einem denn in einem solchen Moment durch den Kopf?
Es ging mir eine extreme Ruhe durch den Kopf. Man hat natürlich sonst eine Riesenangst vor so etwas. Aber in dem Moment war ich total ruhig. Ich hatte fast das Gefühl, man müsse die anderen beruhigen. Ich habe die ja alle dort rumrennen sehen. Mir wurde in dem Moment aber ganz bewusst, dass ich auf keinen Fall sterben will. Ich hatte komischerweise trotz des stehenden Herzens und trotz des Sauerstoffmangels das sichere Gefühl, dass ich wieder zurückkommen kann.

Glücklicherweise war es auch so. Wie hat sich der Vorfall auf das Leben danach ausgewirkt?
Mir wurde klar, dass ich allein bin. Trotz Familie und allem bist du in so einem Moment allein. Ich begann, besser mit mir umzugehen. Ich begann, meine Arbeit und das, was ich sagen will, noch ernster zu nehmen. Ich hab das früher immer abgetan, ist doch bloß Kunst, ist doch bloß ein Bild. Aber Scheiße, nein, es ist mein Bild und es ist ein wichtiges Bild, weil ich das drei Monate lang male. Auch die Musik, die ich aufnehme, ist mir wichtig. Mir wurde klar, dass ich mit der Musik kompromissloser werden musste.

Es ist ja auch ein Thema, das oft in deiner Arbeit auftaucht. Würdest du sagen, du beschäftigst dich durch das Erlebnis intensiver mit dem Tod?
Ich habe jetzt keine fetischhafte Beziehung zum Tod. Es ist unausweichlich, ich war schon kurz da, aber es zieht mich jetzt auch nicht an. Das Nahtoderlebnis war letztendlich auch ein Riesentrauma. Ich habe heute noch riesige Ängste deswegen und träume davon. Ich habe oft den Gedanken: „Heute ist mein letzter Tag …, aber das sind alles irrationale Ängste.

Gibt es noch andere Ängste, die dich beschäftigen?
Die zentrale Angst, die ich habe und immer hatte, ist langweilige Sachen zu produzieren. Das ist das Schlimmste, was es gibt. Immer, wenn ich irgendwas mache und das dann rausschicke, weiß ich nicht, ist das jetzt langweilig oder ist das gut. Langweilige Kunst zu machen, ist für mich ein Verbrechen.

Das gilt dann offensichtlich auch für deine Band. Wie koexistieren bildende Kunst und Musik in deinem Leben, wie würdest du das beschreiben?
Es ist ein und dasselbe. Musik ist so ein wichtiger Geschmacks- und Stimmungsträger, der so stark und mächtig ist, dass man es gar nicht trennen oder separieren kann. Und klar kommen Leute und sagen: „Ach, jetzt macht er auch noch Musik … Dabei habe ich schon Musik gemacht, lange bevor ich einen Pinsel in der Hand hatte. Für mich geht das eine nicht ohne das andere. Da gibt‘s überhaupt keine Diskussion, ich kann das nicht trennen.

Du sagtest, nach dem kritischen Erlebnis im Krankenhaus sollte die Musik kompromissloser werden. Wie ging der Wandel vor sich? Und gibt es dein früheres Alter Ego Richard Ruin eigentlich noch?
Nein. Richard Ruin, dieses chansonhafte Männchen hat sich in die Vergangenheit zurückgezogen. Dorthin, wo er herkam. Ich wollte für mich ausgelatschte Pfade verlassen. Es dauerte nach dem Vorfall in der Klinik nur eine Weile, bis ich mich selbst und die richtigen Leute gefunden hatte, um diesen Weg zu gehen. Möglicherweise bin ich mit der Musik vor dem Wandel auch einfach gescheitert.

Glaubst du, dass die Musikszene ehrlicher geworden ist, nun, da man dort kein Geld mehr verdienen kann?
Ja, das glaube ich. Das Gute ist ja, das mittlerweile jeder eine Platte in annehmbarer Qualität aufnehmen kann. Die Demokratisierung der Mittel ist endlich auch in der Musik angekommen. In der Kunst gab‘s das schon immer. Jeder kann sich einen Stift kaufen und ein paar Blätter. Aber in der Musik gab es diese Ehrfurcht vor Studios und Produzenten. Das ist alles hinfällig. Heute kannst du unter der Bettdecke das fieseste Metalding einspielen, während neben dir jemand schläft. Das ist so eine wahnsinnige Befreiung.

Offensichtlich ist der Sound von RUIN dann aber doch etwas ausgefeilter. Welches Selbstverständnis und welcher Anspruch stecken dahinter?
Für mich ist Musik kein Gegenstand, sondern eher ein Bild, eine künstliche Welt. Solche Klänge hast du ja ansonsten nur, wenn du eine Atombombe in einem Wasserfall zündest und dann noch einen Düsenjäger daneben stellst. Das ist alles konstruiert. Deswegen denke ich, dass dieses Produkt auch entsprechend visuell gestaltet sein sollte, und ich wünsche mir, dass die Musik nicht in irgendeiner Kneipe inszeniert wird, sondern auf einer Bühne, auf der ich mir mit solchen Dingen wie Nebel eine Schutzwand bauen kann. Es soll so sein wie ein Traum, der nur unter bestimmten Bedingungen, also im Schlaf stattfindet. So sehe ich die Musik auch. Wie einen grollenden Traum. Wenn er vorbei ist, ist er vorbei.

Wir ahnen, was du denkst. Aber nein, hier wird tatsächlich nichts anderes als ein CD-Packaging gefertigt. Die Inhaltsstoffe von Half Skull (Altöl, Wodka, Fett, Blut, Seife, Aspirin, Tabak, Metall, Knochen, Asche, Ruß und Salz) machen diese an sich schon Inhalts-schwere Platte auch zu einem universal einsetzbaren Helfer im Alltag.

Du beziehst dich auf Genres, in denen du als Künstler normalerweise deine Realness nachzuweisen hast. Lässt du dich auf dieses Spiel ein?
Wir bewegen uns in einer Zeit, in der du vor all diese Genres ein Post- oder Post-Post- setzen kannst. Wir können im Black-Metal-Kontext gar nicht mehr real sein, genauso wie wir keine Punks mehr sein können. Das heute ist ein ganz anderes Lebensgefühl, es ist ein ganz anderer historischer Kontext. Es gibt aber die Erlaubnis, dass man alles, was man erlebt hat, auch noch einmal neu interpretiert. Siehe zum Beispiel Ulver oder jetzt meinetwegen auch solche Typen wie Liturgy. So etwas muss erlaubt sein. Klar sehen die aus wie Ballholer auf dem Tennisplatz, aber man muss ja auch nicht immer so aussehen wie die vor 30 Jahren. Jede Zeit gebiert ihre Monster. Und wenn die Musik authentisch ist, wenn man es denen abnimmt, warum nicht? So sehe ich meine Arbeit auch. Für RUIN ist der Begriff des Musikspielens wichtig. Wir prügeln nicht. Das Leichte dieses Spielerischen gibt der Schwere des Sounds erst den richtigen Tiefgang und verhindert, dass das Ganze zur Parodie verkommt.

Kannst du mir ganz spontan ein musikalisches Erweckungserlebnis aus deiner Kindheit oder Jugend nennen?
Ja, kann ich dir genau sagen. Meine Eltern hatten viele Schallplatten aus den 50er- und 60er-Jahren. Harmlose Elternmusik. Ich wollte natürlich nicht deren Kultur annehmen. Dann sah ich aber David Lynchs Blue Velvet. Und da kommen ganz wunderbare Songs von Roy Orbison drin vor, die aber mit grauenhaften Szenen verbunden wurden. Der Typ steht auf dem Autodach und leuchtet sich von unten mit der Taschenlampe an und macht Fake-Playback zum Autoradio. Dieses ganze Sex-‘n‘-Crime-Ding, Gewalt und Blut und dann dazu diese kitschige Musik aus der Welt der Eltern. Da wurde mir die Kraft von Pathos bewusst. Dieses idyllische Hervorbringen von Harmonien, dieses Suggerieren einer heilen Welt und dann siehst du aber das genaue Gegenteil. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Da wurde mir bewusst, dass man mit ruhiger Musik viel brutaler arbeiten kann.

Gibt es in dem Zusammenhang auch zeitgenössische Sachen, die dich stark beeindrucken?
(Überlegt lange) Ich finde die Herangehensweise bei Witch House total interessant. Da gibt‘s tolle Videos und zum Teil auch gute Musik, die man sich auf Dauer aber auch nicht anhören kann. Ansonsten fällt mir nichts ein. Ich höre eher selten aktuelle Sachen aus dem Genre, an dem ich mich selber versuche. Dann lieber Old School. Darkthrone und die ganzen Mayhem-Platten finde ich toll. Und auch Hippie-Musik, Neil Young. Harvest ist schön finster. Und es muss ja auch nicht immer finster sein.

Wenn man sich euer aktuelles Album anguckt, dann muss man allerdings die absolute Finsternis erwarten. Was war da die Idee hinter dem sehr unkonventionellen Packaging?
Die Idee war, das totale Metal-Cover zu machen und gleichzeitig all das zu vermeinden, was es schon an Metal-Covern gibt. Es sollte schwarz sein, blutrünstig, es sollte Tod rein und all diese Symbole. Ich bin einen minimalistischen Weg gegangen und hab ein schwarzes Quadrat aus echten Substanzen gedruckt. Sprich Asche, Blut, Knochenmehl usw. Das Ganze dann mit den Leuten von Zwölf Design alles übereinander, bis sich eine pechschwarze Asphaltkruste ergeben hat. Um das für den Hörer nachvollziehbar zu machen, sind dann die einzelnen Substanzen noch mal als zwölf einzelne Schichten enthalten. Das sind quasi visuelle Materialproben der Schichtungen, die ich in der Musik sehe, oder die ich dort gerne sehen will.

Wie oft probt ihr eigentlich?
Nie. Wenn wir einen Gig haben, dann treffen wir uns zwei Wochen vorher und bauen den Gig zusammen. Wir treffen uns nicht regelmäßig, um ständig im Flow zu sein. Dazu sind die Musiker zum Glück zu gut. Wir verstehen uns blind und müssen auch nicht dieses Lebensgefühl einer Band aufrechterhalten und uns ständig auf die Schulter klopfen.

Was passiert demnächst mit RUIN?
Es gibt eine neue Platte. Wir haben das Konzert aufgenommen, das wir in der Volksbühne gespielt haben. Es wird „Above A Blinding Sun“ heißen und nächstes Jahr im Frühjahr rauskommen. Es wird gerade gemixt und editiert. Es wird also kein reiner Live-Mitschnitt sein. Das ist nur die Basis. Also ein paar Sachen kommen weg, ein paar andere Spuren kommen dazu. Außerdem wird es Sondereditionen geben in 300er-Auflage, wenn ich es schaffe, jeden Monat eine. Wir werden Drei-Tage-Sessions machen und verschiedene Künstler dazu einladen. Die fünf oder sechs wichtigsten Songs werden
dann veröffentlicht.

RUINs aktuelles Album Half Skull ist bei Viva Hate erschienen.  www.ruinofficial.com

Fotos: Christoph Voy