„Die Flüchtlinge sollen gefälligst dankbar sein“
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„Die Flüchtlinge sollen gefälligst dankbar sein“

Die neue Masche der rassistischen Asylgegner: Wer sich nicht über unseren Abfall freut, muss weg.
9.9.15

Die Realität geht ja (überraschenderweise) an den sogenannten „Asylkritikern" oft ziemlich vorbei. Vor ein paar Wochen waren Smartphones noch das große Thema. „Warum haben diese angeblich so armen Flüchtlinge Smartphones??!!" wurde auf die ein oder andere Weise immer wieder gefragt. Wir und viele andere haben diese Frage beantwortet. Der Tenor ist in etwa: Wenn in Deutschland ein Bürgerkrieg ausbrechen würde und du nach (Land deiner Wahl), in dem du nicht (von religiösen Fanatikern/ einem totalitären Regime/ Leuten, die Rothaarige hassen) geköpft wirst, fliehen musst, würdest du nicht als Erstes dein Smartphone ins Klo werfen, sondern es vermutlich eher mitnehmen. Vor allem, wenn die Infrastruktur so ist, dass Smartphones sehr günstig sind, das Mobilfunknetz das einzige Kommunikationsmittel ist und du über das Gerät Kontakt zu deiner Familie und Freunden halten kannst.

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Aber die Smartphone-Debatte scheint vorbei zu sein. Die Bild titelt mit Antifa-Slogans, in Ermangelung staatlicher Hilfe springen tatsächlich viele Menschen privat ein, begrüßen, wie gerade am vergangenen Wochenende, Flüchtlinge an den Bahnhöfen, und helfen mit Sachspenden und Lebensmitteln aus. Überall haben sich Initiativen gegründet, die versuchen, im Rahmen ihrer Mittel Geflüchteten zu helfen. Der Plan der Neonazis und Rassisten, in der breiten Bevölkerung Stimmung zu machen, ging nicht auf (das fast jeden Tag geplante Flüchtlingsunterkünfte brennen, die Neonazi-Propaganda also zumindest in den eigenen Kreisen auf fruchtbaren Boden fällt, steht auf einem anderen Blatt).

Gerade weil der Staat nur sehr langsam, zäh und unflexibel reagiert (wer hätte auch damit rechnen können, dass aus einer Region, in der seit vier Jahren Krieg herrscht, Menschen fliehen?), sind die Initiativen auf sich selbst gestellt und bestehen aus Freiwilligen, die auf die Hilfsbereitschaft von Einzelnen angewiesen sind. Dabei geht aber auch mal was schief. Wie bei allen Kleiderspenden wird auch hier eine Menge Zeug dabei sein, von dem die Spender froh sind, es nicht mehr in ihrem Kleiderschrank sehen zu müssen, das aber am Ende von niemandem mehr getragen werden kann. Mitarbeiter des DRK gehen davon aus, dass 75% der Kleiderspenden in der Regel nicht weitergegeben werden können. Das gleiche gilt für Sachspenden oder Essen. Viele muslimische Flüchtlinge ernähren sich halal und werden demenstprechend keine Gummibärchen aus Schweinegelatine essen. Da der Staat es offenbar nicht für nötig hält, flächendeckend professionelle Helfer einzusetzen (Angela Merkel spricht davon, dass „Wir […] noch lange Zeit freiwilliges Engagement brauchen" werden und lieber faktisch das Asylrecht erneut verschärft), müssen sich viele der neuen Initiativen erst ordnen.

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Der logische nächste Schritt der Rassisten: die Dankbarkeit. In der Welt der Rechtsextremen ist der Platz der Geflüchteten ganz weit unten. Die sollen gefälligst dankbar sein. Wenn eine syrische Mutter von drei Kindern kein bauchfreies Shirt mit dem Aufdruck „I FUCK ON THE FIRST DATE" haben will, ist das ein Schlag ins Gesicht des hilfsbereiten deutschen Volkes. Wenn in einer Flüchtlingsunterkunft die Betten so dicht aneinander stehen, dass gerade mal Platz für das Allernotwendigste ist, dann ist leider kein Platz für Dreiräder und überdimensionale Plüschtiere. Und wenn solche Sachen wegkommen oder nicht transportiert werden können, soll die Volksseele jetzt kochen.

Facebook-Seiten wie „Wir sind das Pack" spezialisieren sich darauf, Fotos zu posten, auf denen angeblich weggeworfene Spenden zu sehen sind. Es werden Bilder von Zügen gezeigt, in denen angeblich Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und die voller Müll verlassen wurden, ein Video soll die Hinterlassenschaften der Menschen zeigen, die am Wochenende zu Fuß aus Ungarn in Richtung Österreich und Deutschland aufgebrochen sind. Nachvollziehen kann man nichts davon. Ein Bild zeigt einen Müllcontainer, vor dem mehrere Kinderfahrräder stehen. Dieses Bild könnte überall aufgenommen worden sein und könnte einen Müllcontainer vor jedem beliebigen Mietshaus, Kindergarten oder jeder Kita zeigen. „Wir sind das Pack" schreibt dazu: „Hier sieht man noch einmal deutlich, wie dankbar aus dem Krieg flüchtende Menschen sind. Hust oder etwa doch Wirtschaftsflüchtlinge?"

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In der Welt der Rassisten sollen Flüchtlinge sich idealerweise vor Dankbarkeit auf dem Boden rollen, wenn man ihnen ein Stück trockenes Brot zuwirft, bevor sie in den nächsten Abschiebeknast gebracht werden und bis dahin am besten noch das Haus des gnädigen Spenders neustreichen. In einem Video auf der Facebook-Seite sagt demzufolge auch jemand, vermutlich der Ersteller der Seite: „Wenn also Flüchtlinge ihnen gespendete Lebensmittel wegwerfen, dann können diese keinen Hunger haben. Wenn diese Flüchtlinge ihnen gespendete Kleidung achtlos wegwerfen, oder sogar zereißen, weil sie nicht einer gewissen Marke gehören, dann haben diese Flüchtlinge keine Kälte."

Sieht man mal von den sprachlichen Schwierigkeiten ab, sollte ein Flüchtling also, wenn „wir" ihn denn schon gnädigerweise aufnehmen, permanent dankbar sein, immer eine Flasche Glasreiniger zur Hand haben, um hinter sich alles wieder sauber zu hinterlassen und leise und unauffällig irgendwo möglichst unsichtbar leben. Und zwar so kurz wie möglich. Die CSU denkt schon darüber nach, Syrien zum sicheren Herkunftsland zu erklären.

Scheinbar herrscht vor allem in den Köpfen des „Packs" auch ein merkwürdiges Bild von Flüchtlingen vor. Vielleicht angelehnt an die extrem unterernährten, praktisch nackten „Biafra-Kinder", deren Bilder während der Hungerblockade durch Nigeria um die Welt gingen, erwartet man scheinbar solche Flüchtlinge. Ohne zu bedenken, dass der ökonomische Lebensstandard in Ländern wie Syrien oder Irak vor den Kriegen zumindest durchmischt war. Menschen, die vor Bürgerkriegen fliehen, müssen äußerlich nicht irgendeinem ausgedachten oder „traditionellem" Flüchtlingsideal entsprechen. Essen und Kleidung sind Soforthilfen, um Menschen, die eine lange Reise hinter sich haben, unmittelbar zu helfen.

Tatsächlich müssen die Geflüchteten überhaupt gar nichts und vor allem müssen sie sich nicht vor Dankbarkeit nass machen, weil ihnen jemand Müll geschenkt hat, den er oder sie letztes Jahr bei Primark gekauft hat und der nach zweimal waschen aussieht wie ein aus der Form geratenes Zirkuszelt mit Pailletten. Menschenrechte muss man sich nicht verdienen.

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Titelfoto: Imago/Christian Mang