UN-Bericht: Der Islamische Staat begräbt Kinder bei lebendigem Leib und kreuzigt sie

Der jüngste Bericht eines UN-Ausschusses über die Behandlung von Kindern im Irak beschreibt umfassenden und systematischen Missbrauch, darunter sexuelle Versklavung und Massenhinrichtungen.

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06 Februar 2015, 3:12pm

Militante Kämpfer des Islamischen Staates begehen systematische Massenhinrichtungen und Missbrauch von Kindern, unter Anderem, indem sie sie kreuzigen, lebendig begraben und geistig behinderte Jugendliche als Selbstmordattentäter und menschliche Schutzschilde benutzen, so ein UN-Bericht über die Gräueltaten, die im Irak an Kindern begangen werden.

Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes (Committee on the Rights of the Child, CRC) verfasste zum ersten Mal seit 1998 einen Bericht über den Irak und stellte darin fest, die anhaltende, religiös motivierte Kriegsführung in dem Land habe zu „schwerwiegenden Verletzungen von Kinderrechten" geführt, verschlimmert durch den Aufstieg der terroristischen Gruppierung Islamischer Staat, welche routinemäßig Kinder in den von ihr kontrollierten Gebieten ermordet und versklavt hat.

„Die Folter und Ermordung dieser Kinder besorgt uns wirklich zutiefst", sagte Renate Winter, eine unabhängige Expertin des CRC-Ausschusses, Journalisten, nachdem der Ausschuss am Mittwoch die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte. „Das Ausmaß des Problems ist riesig."

Der Ausschuss stellte fest, dass Kinder, die religiösen und ethnischen Minderheiten angehören, besonders gefährdet sind, vom IS getötet oder sexuell versklavt zu werden.

„Die Beobachtungen des CRC stellen den ausführlichsten Bericht über die Situation für Kinder im Irak dar", erzählte Laurent Chapuis, der UNICEF-Kinderschutzexperte für Nahost und Nordafrika, VICE News und fügte hinzu, der Bericht sei „lange überfällig" gewesen.

Laut Chapuis werden seit Anbeginn des Konfliktes Kinder dazu gebracht, unterstützende Rollen zu übernehmen—als Wachen, Boten, Spione und als Aufpasser an Kontrollpunkten—und nun werden sie zunehmend in den bewaffneten Kampf geschickt.

„Das beinhaltet nicht nur das Kämpfen in Gefechten, sondern auch den Einsatz an vorderster Front, um verletzte Kämpfer zu versorgen und zu evakuieren, und, um Gefechte zu filmen und zu fotografieren", sagte er.

Der CRC-Bericht bestätigte auch offiziell, dass die militante Gruppe Sklavenmärkte eingerichtet hat, wo Frauen und Kinder verkauft und gekauft werden.

VICE News berichtete über ein Video, das angeblich Kämpfer des Islamischen Staats zeigt, darunter ein kleiner Junge, die den Verkauf jesidischer Sklavenmädchen auf solchen Basaren besprechen, wobei sie erwähnen, dass Alter und Augenfarbe einen Einfluss auf den Marktwert der Mädchen haben könnten. Die Jesiden, eine ethnische und religiöse Minderheit im Irak, wurden von den Rebellen extremer Gewalt und Verfolgung ausgesetzt, darunter standrechtliche Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Folter und Zwangsbekehrungen.

Die aktuellen Ergebnisse stimmen überein mit einem Bericht, den Human Rights Watch letzten Oktober veröffentlichte, der die Geschichten von Frauen und Mädchen wiedergab, manche von ihnen nicht älter als 12, die verkauft, geschlagen, vergewaltigt, mit Militanten zwangsverheiratet oder ermordet wurden. Der CRC sprach auch von der „sexuellen Versklavung von Kindern, die in improvisierten Gefängnissen festgehalten werden", darunter das ehemalige Gefängnis Badusch in der Nähe von Mossul.

Der Bericht des Ausschusses besagt, viele Kinder seien „zutiefst traumatisiert davon, die Ermordung ihrer Eltern mitangesehen zu haben, und sie sind körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt."

Der CRC gelangte zu seinen Ergebnissen basierend auf Informationen, die er von der irakischen Regierung und NGOs erhalten hatte, sowie auf Gesprächen mit der irakischen UN-Delegation. Der CRC teilte mit, diesen Informationen zufolge habe die Gruppierung auch geistig behinderte Kinder als Selbstmordattentäter eingesetzt—„höchstwahrscheinlich, ohne dass sie es verstanden", sagte Winter Reuters.

Der Bericht konzentrierte sich nicht nur auf die Gräueltaten, die von der extremistischen Organisation begangen werden, sondern erwähnte außerdem die „sehr große Anzahl von Kindern, die als Folge des aktuellen Konflikts getötet oder schwer verletzt" wurden, unter Anderem durch Luftangriffe, Beschuss und militärische Einsätze der irakischen Sicherheitskräfte sowie durch Landminen und explosive Kriegsmunitionsrückstände.

„Dazu gehören auch Todesfälle durch Verdursten, Verhungern und Hitze in von Konflikt betroffenen Gebieten", ergänzte der Bericht.

Erin Evers, Irakforscherin für Human Rights Watch, sagte VICE News, der Bericht verurteile zwar angemessen die Ehrenmorde an Frauen und Mädchen sowohl durch Militante als auch bewaffnete Gruppen, er gehe aber nicht genug ein auf die Kinderrechtsverletzungen durch schiitische Milizen, die unter der irakischen Regierung arbeiten und die im Kampf gegen den Islamischen Staat an vorderster Front sind.

„Der größte Mangel dieses Berichts ist, dass er den Missbrauch von Kindern durch schiitische Milizen nicht untersucht hat", so Evers. „Wir haben Beweise dafür gesehen, dass sie Kinder rekrutieren, aber es gibt sehr wenig Berichterstattung darüber. Der IS tut kund, dass er Kinder ausbildet und missbraucht, aber es ist schwieriger zu recherchieren, was die Milizen tun."

Evers sagte, es gebe keinen Vergleich zu den „außergewöhnlichen und schrecklichen" Taten des Islamischen Staats, aber sie rief dazu auf, die Kindesmisshandlung durch regierungsnahe Mächte zu untersuchen, „vor allem im Hinblick auf die Inhaftierung Minderjähriger basierend auf Terrorismus-Vorwürfen."

„Das Rekrutieren und Einsetzen von Kindern durch alle beteiligten Parteien ist zu einem verbreiteten Aspekt des Konflikts geworden", so Chapuis, doch haben Rekrutierung und Einsatz von Kindern durch den Islamischen Staat „einige Merkmale, die einzigartig sind."

„ISIL bewirbt offen die Rekrutierung und Indoktrinierung von Kindern und hat, mehr noch als andere Gruppierungen, Kinder zu Propagandazwecken eingesetzt", sagte er.

Zu diesem Zweck haben die Militanten Kinder extremer Gewalt ausgesetzt, um sie abzustumpfen, und sie dazu ermutigt, öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen oder sich an ihnen zu beteiligen. „Die Aneignung von Schulen und die Einführung eines überarbeiteten, radikalen Lehrplans in Gebieten unter IS-Kontrolle stellt einen Schlüsselmechanismus dar, wenn es darum geht, Kinder zu indoktrinieren und dazu zu beeinflussen, sich ihrer Sache anzuschließen", so Chapuis.

Weil es letztendlich die irakische Regierung ist, die für die Sicherheit ihrer Bürger verantwortlich ist, hat der CRC sie aufgefordert, Schritte zu unternehmen, um „den Einsatz unverhältnismäßiger und tödlicher Gewalt gegen Zivilisten zu unterbinden und weitere Gewalt gegen Kinder zu verhindern." Der Ausschuss vertritt die Position, dass die Regierung Kinder retten sollte, die in diese Umstände hineingezwungen werden, und die Täter strafrechtlich verfolgen sollte.

Trotz der Empfehlungen haben in dieser Zeit der landesweiten Krise weitverbreitete Korruption, ein Mangel an Verantwortlichkeit und gewisse tiefsitzende kulturelle und gesellschaftliche Faktoren einen schädlichen Einfluss auf Kinderrechte im Irak.