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Kann man mit Drogen Liebe simulieren?

Wenn Liebe nur eine chemische Reaktion in deinem Gehirn ist, sollte man diese Frage einfach mit Ja beantworten können, oder?

von Mike Pearl
16 Februar 2015, 5:40pm

Foto: DEA

Liebe kann vieles, aber wenn man die ganze Poesie und die hochgestochenen Vorstellungen mal weg lässt, dann ist Liebe eigentlich nur eine chemische Reaktion in deinem Gehirn und in deinem limbischen System. Es leuchtet also schon ein, wenn man davon ausgeht, dass man dieses Gefühl nachstellen kann, wenn man seinem Gehirn und limbischen System Chemikalien zuführt, oder? Falls man Liebe nun wirklich mit einer gewissen Drogenkombination nachbauen kann, gibt es dann für den Otto-Normalverbraucher (wie mich) eine Möglichkeit, diese Kombination herauszufinden?

Ich schickte eine Anfrage an die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), eine Organisation zur Erforschung der Folgen von Psychedelika für die menschlichen Emotionen, aber dort wurden meine Hoffnungen erstmal zerschlagen. „Drogen sind vielleicht eine Hilfe bei der Aufklärung darüber, was fehlt und was funktioniert", antwortete mir der Pressesprecher von MAPS per E-Mail, „aber die eigentliche Arbeit muss man immer noch selbst übernehmen." Mit dieser Aussage wurde ich an Dr. Ilsa Jerome weitergeleitet, die mich an die chemische Erklärung für diese Handvoll Gefühle heranführte.

Dr. Jerome gab mir noch eine weitere Warnung mit auf den Weg: „Ich glaube nicht, dass man Liebe chemisch simulieren kann, denn soziale Interaktion ist ein komplexes Feld mit vielen unterschiedlichen Arten von Bereicherungen, also nicht nur Gefühle."

‚Nur Gefühle' musste für mich hier allerdings genügen. Bevor wir anfingen, musste ich zuerst einmal definieren, was Liebe überhaupt ist. Ich bin zwar kein Poet, aber ich ging diese Aufgabe trotzdem mit fachmännischer Effizienz an, nahm mir eine lange Liste von Emotionen vor (Lust, Vernarrtheit, Herzlichkeit und so weiter), strich die Begriffe, die nicht zu romantischer Liebe passten, und ordnete den Rest in drei grundlegende Gefühlskategorien ein:

1.) Kribbeln im Bauch

2.) Kuschelbedürfnis

3.) Jemanden richtig gern haben

Das war jetzt zwar kein Sonnet, aber für meine Zwecke würde es reichen. Nun stellte sich die Frage: Wie erreiche ich diese Zustände mit ein paar Pillen?

Kribbeln im Bauch

Schmetterlinge im Bauch werden anscheinend vom natürlich im Körper vorkommenden Phenylethylamin verursacht. Das ist ein Amin, das die Ausschüttung der bekannteren Hormone Dopamin und Noradrenalin verursacht. Diese Ansicht basiert auf den Forschungsergebnissen, die der Psychologe Michael Liebowitz im Jahr 1983 veröffentlichte.

200 Gramm Phenylethylamin bekommst du schon für gut 14 Euro plus Versand. Das Problem bei der Sache ist bloß, das Phenylethylamin in Pillenform nicht wirksam ist: Dein Körper wandelt es dann einfach in Phenylessigsäure um—auch bekannt als der Geruch von stinkenden Pilzen.

Zum Glück gibt es noch eine andere ziemlich günstige und leicht zu beschaffende Droge (vorausgesetzt, bei dir wurde eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung diagnostiziert), die deinem Körper sagt, dass er Dopamin und Noradrenalin produzieren soll: Amphetamin. Amphetamin aka Adderall bekommt man legal und viel einfacher als andere Nervensystem-Stimulanzien mit ähnlichen Wirkungsweisen (zum Beispiel Kokain). Die meisten Menschen, die Medikamente gegen ihre Aufmerksamkeitsdefizitstörung nehmen, können bestätigen, dass sie auch zur Folge haben, dass man sich seines Lebens erfreut. Klingt für mich wie Liebe.

Foto: LordKhan | Flickr | CC BY 2.0

Kuschelbedürfnis

In Liebowitzes Buch ist auch die Rede davon, dass Endorphine eine wichtige Rolle spielen, wenn zwischen zwei Menschen eine Liebesbeziehung entsteht. Wie du wahrscheinlich bereits weißt, sind Endorphine die von deinem Körper ausgeschütteten Opiate, die wahrscheinlich auch für das Geborgenheitsgefühl nach einem Orgasmus verantwortlich sind. Ich glaube jedoch nicht, dass du einfach nur das nächstbeste Opiat (zum Beispiel Vicodin) einschmeissen musst, und dann sofort Romantik in der Luft liegt.

Laut Liebowitz hält dein Körper seine natürlichen Opiate beim Gefühl der Einsamkeit zurück. Das heißt, dass sich nicht das Vorhandensein von Endorphinen wie Liebe anfühlt, sondern du dich einfach nur beschissen fühlst, wenn sie nicht da sind. „In den meisten Erwachsenen kommt ein gewisses Angstgefühl auf, wenn sie von für sie wichtigen Personen getrennt sind. Im Gegenzug fühlen sie sich auch in gewisser Weise sicher, wenn ihre engsten Beziehungen einen gefestigten Eindruck machen", schreibt er. In Anbetracht dieser Analogie sind wir alle von Opiaten abhängig und ein Entzug—gefolgt von einem Rückfall—wäre eine gute Möglichkeit, um das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen zu simulieren. Das kann ich nicht empfehlen.

Wissenschaftler sind sich langsam immer sicherer, dass man einfach nur ein weiteres bekanntes Hormon besorgen müsste, um den Trost einer geliebten Person nachzustellen: Oxytocin aka ‚Kuschel-Hormon'. Genauso wie Phenylethylamin ist auch Oxytocin weit verbreitet und aktuelle Studien haben gezeigt, dass es bei nasaler Einnahme eine wirklich beruhigende Wirkung hat.

Wenn man Oxytocin wie eine Droge einnehmen würde, dann besteht dabei laut Dr. Jerome allerdings folgende Gefahr: Oxytocin ist ein Hormon und Hormone haben komplizierte Folgen. Du fühlst dich dann zwar geborgen, aber „eigentlich betrachten die Leute ihr Umfeld so mit voreingenommenen Augen." Es ist sogar möglich, dass man unbekannte Menschen als Feinde ansieht: In einer Fallstudie berichtete ein Proband regelmäßig davon, nach der Oxytocin-Einnahme raus zu gehen und fremde Leute anzupöbeln, das Ganze danach aber wieder zu bereuen. Klingt für mich nicht gerade wie Liebe.

Foto: matthew Hunt | Flickr | CC BY 2.0

Jemanden richtig gern haben

Wenn es um durch Drogen verursachte Zuneigung geht, dann kannst du dir bestimmt schon denken, dass es dafür nichts besseres gibt als das gute alte MDMA. MAPS hat tatsächlich schon festgehalten, dass MDMA „den post-orgasmischen Zustand nachstellt." Wahrscheinlich ist es deswegen heutzutage bei jungen Menschen so beliebt.

Dazu scheint MDMA durch die Anregung der Prolactin-Erzeugung Bänder der Zuneigung zu simulieren. Prolactin ist ein Hormon, das Eltern offenbar dabei hilft, eine innige Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Eine ganze Menge an Prolactin gehört mit ziemlicher Sicherheit zu den Bestandteilen der Liebe zwischen Mutter und Kind, aber das Hormon spielt anscheinend auch eine Rolle bei den zärtlichen Gefühlen, die bei dir aufkommen, wenn jemand plötzlich mehr als nur ein gute Bettgeschichte ist.

„Im Umfeld eines Labors fühlen sich die Probanden auf MDMA laut eigener Aussage einsam", erzählte mir Dr. Jerome. Das klingt jetzt vielleicht eher nicht so gut, aber es passt auch zu der Zuneigung, die man für geliebte Menschen empfindet. Jeder, der schon mal MDMA genommen hat und dann zu Hause geblieben ist, kann dir Folgendes bestätigen: Man verspürt dann einen immensen Drang, jede zu Person kontaktieren, die einem wichtig ist.

MDMA hat natürlich auch Nachteile. Es ist ein günstiger und sehr kurzweiliger Liebesersatz und auch berüchtigt dafür, dass sich manche Konsumenten selbst eine Woche nach dem Rave noch beschissen fühlen. Aus diesem Grund ist MDMA auch bei einigen Leute richtig verhasst. Egal ob es sich nun um „eine Tasse Kaffee, eine Prozac-Tablette oder MDMA handelt, sie alle wirken in verschiedenen ‚Umgebungen' des Gehirns", sagte Dr. Jerome. Genauso wie bei Filmen oder Musik hat jeder Mensch auch einen anderen Drogengeschmack. Liebe hingegen fühlt sich verdammt toll an, da sind wir uns auf jeden Fall alle einig.