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DIE TRUE CRIME ISSUE

Schwarz und Blau

Die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner hat in New York City Tradition und System. Dürfen wir vorstellen: Die Broken Windows-Theorie.

von Matt Taylor
03 Oktober 2014, 6:00am

Eric Garners Leiche in einem offenen Sarg bei seiner Beerdigung am 23. Juli 2014 in der Bethel Baptist Church in Brooklyn, New York. || Foto: AP | New York Daily News | Julia Xanthos | Fotopool

Am 17. Juli umstellte die New Yorker Polizei Eric Garner, einen übergewichtigen, asthmatischen schwarzen Mann, in der Nähe seines Hauses auf Staten Island. Laut den Aussagen eines Freundes aus der Nachbarschaft, Ramsey Orta, waren die Cops Garner, einen 43-jährigen Vater von sechs Kindern, angegangen, weil sie dachten, dass er an einer Auseinandersetzung auf der Straße beteiligt gewesen sei. In der Version der Polizei hieß es, dass sie Garner angesprochen hätten, weil dieser einzelne Zigaretten, sogenannte „Loosies" verkauft hätte, was illegal ist, weil die Regierung diese Verkäufe nicht besteuern kann.

Wie in dem von Orta aufgezeichneten Video zu erkennen ist, beschwerte sich Garner über die wiederholten Schikanen der New Yorker Polizei und wurde daraufhin von einem Beamten in Zivil namens Daniel Pantaleo in den Schwitzkasten genommen. Während man ihm den Kopf gegen den Boden schlug und mehrere Cops ihn festhielten, schrie Garner neun Mal hintereinander, „Ich kriege keine Luft!"-man kann sich das auf Youtube ansehen und mitzählen-ohne dass man von ihm abließ. Eine Stunde später wurde er in einem Krankenhaus für tot erklärt, und das Video begann sich in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Es ähnelte auf erschreckende Weise den dramatischen Szenen der Ermordung des fiktiven Charakters Radio Raheem durch die New Yorker Polizei, dem Höhepunkt von Spike Lees Do the Right Thing. Lee hat nach dem Tod Garners sogar ein eigenes Mash-up der beiden Szenen produziert.

Mehr oder weniger sofort nach Garners Tod wurden Klagen laut, dass er ein Opfer der sogenannten „Broken-Windows"-Strategie sei. Diese basiert auf der Annahme, dass es eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Schwerverbrecher wie Vergewaltiger und Mörder haben kann, wenn die Polizei schon kleinere Vergehen wie Graffiti, Betteln und den illegalen Zigarettenverkauf strikt verfolgt. Die Idee stammt von dem Kriminologen George Kelling, einem Coautor des 1982 im Atlantic erschienen Artikels, der zu einer Art Leitfaden der modernen Polizeiarbeit in Amerika avanciert ist. Die Broken Windows erlangten dann dank William Bratton, dem NYPD-Commissioner unter Bürgermeister Rudy Giuliani in den 90ern, der diesen Posten heute unter dem derzeitigen Bürgermeister Bill de Blasio erneut innehat, einen höheren Bekanntheitsgrad. Der Legende nach war die Strategie der entscheidende Faktor in der unglaublichen Wandlung der Stadt nach der extremen Kriminalität der 70er und 80er-obwohl viele Kriminologen da anderer Meinung sind.

Obwohl die Polizei den unbeabsichtigten Tod natürlich lieber vermieden hätte, war Garners Verhaftung an sich das Ergebnis einer wohlkalkulierten Strategie: Die New York Daily News berichteten am 7. August, dass der Präsident des NYPD, Philip Banks III, ein Durchgreifen gegen die Zigarettenverkäufe angeordnet hatte-Tage vor Garners Tod. Die Cops, die ihn schikanierten, bewegten sich also im Rahmen dieser Anweisung.

Die Broken-Windows-Strategie ist zurück-Kelling ist bei der New Yorker Polizei sogar als Berater unter Vertrag-und nimmt exakt dieselben Gruppen ins Visier: junge, arme Vertreter der New Yorker Minderheiten.

„Man kommt nicht um die Tatsache he­rum, dass ein großer Teil der Minderheiten in New York City-Schwarze und Latinos-das Gefühl haben, überdurchschnittlich oft von der New Yorker Polizei kontrolliert zu werden", gab Bratton mir gegenüber im letzten Jahr in einem Interview zu. Aber der Commissioner verteidigte seinen althergebrachten Fokus auf die Minderheitengruppen, die er wiederholt als die Verursacher der schwersten Gewalttaten brandmarkte. Kelling stimmt ihm dabei zu. „Wenn irgendjemand denkt, dass Bratton darauf aus ist, Jugendliche oder Afroamerikaner zu kriminalisieren, liegt er damit einfach völlig falsch", sagte er mir. „Früher hieß es eine Zeit lang, die Iren würden die meisten Verbrechen begehen. In einer anderen Generation waren es die Italiener, die hinter den meisten Straftaten steckten ... Im Moment haben wir ein schreckliches Problem mit Afroamerikanern und zum Teil auch Latinos, die sich gegenseitig umbringen. Wenn man diese Morde beenden will, muss man sich mit diesen Bevölkerungsgruppen beschäftigen, und dabei handelt es sich durchaus nicht um eine unangemessene Form des Racial Profiling."

Das Problem ist eher die Art, wie die Polizei sich „mit diesen Bevölkerungsgruppen beschäftigt." Nach dem Tod Garners wurde eine ganze Flutwelle von Bildern in Umlauf gebracht, die zeigen, wie Polizisten spektakuläre Akte der Brutalität gegen Minderheiten ausüben: eine schwarze Frau, die nackt aus ihrer Wohnung gezerrt und so im Flur liegen gelassen wird, zum Beispiel, oder eine schwangere Schwarze, die in den Schwitzkasten genommen wird, weil sie auf dem Gehweg gegrillt hat. Bratton gab nach Garners Tod zu, dass die Polizisten besser im Sicherstellen von Personen ausgebildet werden müssen. Das würde sicher helfen, würde aber nichts am Kern des Problems ändern.

Ein Polizei-Veteran sagte zu der ganzen Geschichte: „Der eigentliche Skandal ist, warum diese Verhaftung überhaupt stattgefunden hat, und wer die Verantwortlichen sind, die solche Dinge zulassen."

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True Crime issue
Jahrgang 10 Ausgabe 9