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Wenn eine Lebenskrise deine Eltern zu Teenagern macht

Sich um die eigenen Eltern zu kümmern, wenn sie große Lebenskrisen haben, ist ziemlich hart.
21 Juli 2015, 8:01am
Titelbild: Marianne Fenon via photopin

Meine Mutter hat sich früh von meinem Vater getrennt und hatte fast zwanzig Jahre einen Lebensgefährten. Diesen Gefährten hatte sie so lange, bis er mit etwa fünfzig Jahren beschlossen hat, dass er sein eigenes Leben leben muss. Das heißt in diesem Fall, dass er die wohl plakativste Hollywoodfilm-Midlife Crisis durchlebt, sich passend zu seiner Haarfarbe ein silbernes Cabrio gekauft und sich eine jüngere, verheiratete Frau angelacht hat. Von da an war meine Mutter allein.

Mit etwa 50 haben die meisten Menschen ihre Lebensumstände schon geklärt. Sie leben in dem Haus, in dem sie wahrscheinlich bis zum Ende ihres Lebens bleiben werden und sind von Menschen umgeben, von denen sie sich mehr oder weniger sicher sein können, dass sie sie so schnell nicht verlassen. Wenn es dann doch einmal anders kommt, bedeutet das eine nicht minder schwere Krise, weil so ziemlich alles, was man sich für den gemütlichen Lebensabend ausgemalt hat, mit einem Schlag zunichte gemacht wird.

Meine Mutter ist an sich keine labile und allzu sensible Person, sondern kann Probleme eigentlich gut handhaben und auch offen darüber sprechen. Plötzlich hatte sie aber Liebeskummer und fragt mich um Rat, was sie zu ihrem ersten Date seit Jahren anziehen soll (bis sie so weit war, jemanden zu daten, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit). Sie ruft mich weinend an und erzählt mir haargenau, warum der Tag heute der schlimmste ihres Lebens war—noch viel schlimmer als gestern, obwohl das eigentlich nicht geht. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass jedes Gespräch im Kern daraus besteht, dass meine Mutter mir erklärt, warum ihr Leben nicht mehr lebenswert ist, sie eigentlich nicht mehr leben will und sie sowieso für immer allein bleiben wird.

Deine Eltern werden durch eine Lebenskrise also eine beängstigende Version davon, was wir vor ein paar Jahren waren. Also damals, als wir dachten, die ganze Welt wäre gegen uns und nur billiger Vodka, ein bisschen Teenie-Rebellion und Kurt Cobains Tagebücher könnten uns da durch helfen—nur, dass man unsere Eltern in dieser Phase ernst nehmen muss und man nicht einfach davon ausgehen kann, dass es sich dabei lediglich um einen vorübergehenden Gemütszustand und ein bisschen Trotz handelt.

Es ist mehr als schwierig, mit einer solchen Situation als Kind richtig umzugehen, weil eine lebensverändernde Entscheidung mit 50+ so viel schwerer wiegt als in deinen Zwanzigern oder Dreißigern. Trennst du dich mit dreißig von deiner Langzeitbeziehung, hast du noch mehr als genug Zeit, jemand Neues zu finden, mit dem du ein ganzes Wochenende lang durchbumsen und vier Mal die Woche ins Kino gehen kannst, ohne dass dir die Person auf die Nerven geht.

Wenn du aber über 50 bist, haben die Meisten ihre Schäfchen im Trockenen. Meine Mama hat einmal zu mir gesagt: „Ab 50 bist du für die Welt unsichtbar. Jeder will nur noch junge, knackige Mädchen und du bist Ausschussware." Wenn du deine Mutter langsam resignieren siehst, ist das mehr als hart. Es ist hart, als Kind zu sehen, wie die Person, die im eigenen Leben immer eine treibende Kraft war und alles zusammengehalten hat, plötzlich die Person ist, die nicht so genau weiß, wohin sich ihr Leben entwickelt und wie sie ihre Probleme lösen soll.

Sagst du deiner Mutter, die gerade aus einer Beziehung kommt, die länger gedauert hat als dein Leben dann, dass die Zeit alle Wunden heilt und sie nicht traurig sein soll? Sagst du ihr, dass sie es endlich aus ihrem Trott schaffen und Männer kennenlernen muss? Wahrscheinlich. Ob es was bringt, ist eine andere Frage. Wenn deine Eltern das Schlimmste überwunden haben, kannst du ihnen raten, sich professionelle Hilfe zu holen. Aber bis zu dem Punkt, an dem deine Mutter versteht, dass sie sich nicht ewig zu Hause eingraben und Trübsal blasen kann, bis ihr Traumprinz und Retter aus heiterem Himmel an die Tür klopft, ist es ein weiter Weg. Noch einmal Mut zu fassen, wenn man mit einem Fuß schon fest im „Rest des Lebens" steht, ist einfach viel zu schwer.

Und das wirklich Schlimme daran ist, dass man nichts dagegen tun kann, als sich selbst dazu zu zwingen, mit solchen Problemen umgehen zu können, auch wenn man sich nicht einmal annähernd in die Situation hineinversetzen kann. Jemand, der an einem solchen Punkt im Leben steht, kann über das, was wir „Lebenskrisen" nennen, wahrscheinlich nur lachen. Hier hilft nun mal kein „Das wird schon wieder" und auch kein „Morgen ist ein besserer Tag", wenn man einem einsamen Lebensabend entgegen geht und auch nicht mehr die Energie hat, etwas dagegen zu tun.

Wenn deine Eltern zu geplagten, unsicheren und verlorenen Teenies werden, musst du folgerichtig den Part des Erwachsenen übernehmen. Du musst ihnen sagen, dass sie spinnen, wenn sie darüber reden, dass das Leben nicht mehr schön ist, du musst sie am Tag nach einer Party fragen, wie schlimm der Kater ist und du musst ihnen einfach so lange zuhören, bis alles gesagt ist, was ihnen auf dem Herzen liegt—genau so wie deine Eltern es mit dir gemacht haben. Es ist zwar schlimm, einem Elternteil beim Leiden zuzusehen und nichts weiter tun zu können, als da zu sein, aber in so einer Situation darf man auch nicht vergessen, dass es garantiert nicht so hart ist wie das, was in meinem Fall meine Mutter durchmacht.


Titelbild: Marianne Fenon | photopin | CC