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The Outta My Way, I’m Walking Here Issue

Amazons mobile Rentnerbrigade

Beth LaFata hat ihr sesshaftes Leben aufgegeben, um bei Amazon „Arbeitscamperin" zu werden. Sie und andere Wanderarbeiter reisen in Wohnmobilen durch die USA und verdienen ihr weniges Geld mit Jobs, die es bei uns so nicht gibt. Noch nicht.
01 April 2015, 5:00am

Anfang September wurde Beth LaFata in Kansas auf einem Campingplatz namens Buckeye Mobile/RV Estates am Stadtrand von Coffeyville von einem starken Gewitter geweckt. Es war gegen Mitternacht, und der Regen peitschte heftig auf das Dach ihres Heims, eines ausgeblichenen blauen 1979er Dodge Campingbusses. In sechs Stunden begann ihre Schicht und ein langer Arbeitstag in einem Amazon-Warenlager. LaFata musste schnell feststellen, dass es durch das Dach direkt auf ihr Bett regnete. Schon bald war sie pitschnass, und ihre Behausung stand unter Wasser.

„Im Bus regnete es genauso stark wie draußen", so LaFata. „Mein Bett war klitschnass. Und ich konnte nichts tun, außer dasitzen und heulen, bis es Zeit war, zur Arbeit zu gehen."

LaFata stand in dieser Nacht auf dem Buckeye-Campingplatz, weil sie vor Kurzem zu Amerikas wohl mobilster Arbeiterschaft gestoßen war. Als „Workampers" bezeichnet man in den USA Wanderarbeiter und -arbeiterinnen im Rentenalter, die sich in ihren Wohnmobilen oder Campingbussen auf die Suche nach Jobs begeben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Genau wie ihre in Rente gegangenen Altersgenossen bereisen sie das Land, machen ein wenig Sightseeing und übernachten auf Campingplätzen. Doch im Gegensatz zu diesen sind sie darauf angewiesen, beispielsweise eben jene Campingplätze gegen Geld zu beaufsichtigen, Tickets für NASCAR-Rennen zu verkaufen oder wie LaFata nächtelang für das weltweit größte Internethandelsunternehmen Päckchen zu packen.

2010 verlor LaFata ihren Job als Fahrerin bei einem Anbieter für Essen-auf-Rädern in Dallas. Danach begann für die damals 44-Jährige eine verzweifelte Jobsuche. Obwohl sie 18 Jahre lang als Rechtsanwaltsgehilfin gearbeitet hatte, fiel es ihr angesichts der darniederliegenden Wirtschaft ungeheuer schwer, überhaupt einen Job zu finden. Selbst für Stellen, für die sie früher als überqualifiziert gegolten hätte, bekam sie nur Absagen. Fastfoodketten wie McDonalds schlugen ihre Bewerbungen als Kassiererin aus, und ihr Arbeitslosengeld lief langsam aus. „Ich hab mich überall beworben—wirklich überall—und man kann schließlich nicht immer wieder auf der Matte stehen, wenn man nur Absagen bekommt."

Die Jobsuche hörte bei LaFata erst auf, als sie ihre 600-Dollar-Wohnung in der Nähe von Houston hinter sich ließ, um einen neunmonatigen Housesitting-Job anzunehmen. Nebenbei verdiente sie sich noch etwas mit Konzertbuchungen hinzu. Als der Housesitting-Job auslief, schien ihr eine feste Mietwohnung auf einmal gar nicht mehr so erstrebenswert. LaFata hatte immer davon geträumt, unterwegs zu sein. Also tauschte sie Ende 2013 ihren letzten größeren Besitz—ein 92er Pontiac Firebird Cabriolet—gegen den Campingbus ein, in dem sie heute lebt. Am letzten Valentinstag, ihrem ersten Tag „on the road", übernachtete sie auf einem Walmart-Parkplatz.

Ihre neu gewonnene Mobilität vereinfachte die Arbeitssuche ungemein. LaFata konnte hinfahren, wo immer sich ein Job anbot, und schon bald fand sie einen Aushilfsjob auf einem Campingplatz außerhalb von Austin, wo sie die Stellplätze und Toiletten saubermachte. Währenddessen bewarb sie sich weiter und bekam Zusagen als Packerin bei Amazon und als Erntearbeiterin bei American Crystal Sugar, die seit einigen Jahren zunehmend Aushilfskräfte einstellen, um die eigene gewerkschaftlich organisierte Belegschaft zu verdrängen. LaFata hatte vor, ein paar Wochen lang die anstrengenden Zwölf-Stunden-Schichten bei der Rübenernte mitzumachen und im Oktober für den Rest der Saison nach Kansas weiterzuziehen. Als Amazon in der letzten Juliwoche anrief, weil das Versandhaus in Coffeyville sofort Arbeitscamper brauchte, überschlug LaFata kurz, dass sie Benzin im Wert von mehreren Hundert Dollar sparen könnte, wenn sie auf den Erntejob verzichten und direkt nach Kansas fahren würde. Am 11. August kam sie in Coffeyville an.

2008 hatte die Finanzkrise Millionen von älteren Arbeiternehmern kalt erwischt. Einige sahen ihre jahrzehntelang angesparte Rente über Nacht zusammenschrumpfen. Für andere, die ihre Arbeit verloren und ihre Bewerbungsunterlagen jahrelang nicht mehr aktualisiert hatten, war es ungeheuer schwierig, im Wettbewerb mit jüngeren Mitstreitern überhaupt noch irgendetwas Jobähnliches zu finden. Der Ansturm der Arbeitssuchenden erlaubte es den Unternehmen, auf traditionelle Anreize wie Festanstellungen und angemessene Gehälter zu verzichten. Seit Beginn der Rezession machen befristete Arbeitsverhältnisse den Großteil der neu geschaffenen Jobs aus, und im ganzen Land haben Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern, darunter auch Tausende von Arbeitscampern, begonnen, sich mit der neuen „gig economy", wie die Arbeitswelt der Einzelkämpfer und Freiberufler mittlerweile genannt wird, abzufinden bzw. auf sie zu bauen.

Als die Wirtschaftskrise begann, startete Amazon in Coffeyville ein Pilotprojekt mit dem Namen CamperForce. Das schnell wachsende Unternehmen hatte Schwierigkeiten, unter der lokalen Bevölkerung genügend Arbeitskräfte für sein Warenlager zu finden. Eine kleine mobile Campergemeinschaft gab es damals bereits seit mehr als 20 Jahren, doch hatte nie zuvor ein so mächtiges Unternehmen versucht, sich ihre Arbeitskraft zunutze zu machen. Das Coffeyville-Pilotprojekt wurde ein Erfolg, und Amazon hat seine „CamperForce" seitdem auf seine Warenlager in Campbellsville, Kentucky, Murfreesboro, Tennessee, und Fernley, Nevada, ausgeweitet. Um die Arbeitscamper zu erreichen, schickte das Unternehmen seine Personalanwerber zu den großen Wohnmobil Conventions. Als LaFata in Coffeyville ankam, war Amazon für viele Arbeitscamper längst gelebte Realität.

Die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter in Coffeyville hatte der Stundenlohn von 10,50 Dollar für die Tages- und 11,00 Dollar für die Nachtschicht überzeugt, den langen Treck nach Kansas anzutreten. Außerdem bietet Amazon seinen Arbeitskräften kostenlose Wohnmobilstellplätze und einen Bonus von einem Extradollar für jede Arbeitsstunde, wenn sie die ganze Saison über bleiben. Zwar gibt es bei fast allen Unternehmen, die Arbeitscamper anstellen, Gratisstellplätze, aber Amazon zahlt in der Branche den besten Basislohn—erheblich mehr als der von vielen vergleichbaren Unternehmen gezahlte Mindestlohn von 7,25 Dollar/Stunde.

Da mein Besuch im letzten Herbst in den Beginn der Amazon-Hauptsaison fiel, war das Warenlager in Vorbereitung auf die nach Thanksgiving langsam eintrudelnden Weihnachtsbestellungen mit der Aufnahme riesiger Warenmengen beschäftigt. Im September verbrachten die Arbeitscamper ihre Nächte dann damit, diese Ware zu verstauen. Gegen Weihnachten verlagerte ihre Tätigkeit sich auf das Verpacken und Verschicken einer unermess­lichen Bandbreite von Produkten an Haushalte im ganzen Land.

Trotz der anstrengenden Arbeitszeiten sind die Arbeitscamper voller Lob für die Gemeinschaft und das Zugehörigkeitsgefühl, das ihr Leben als Wanderarbeiterinnen und -arbeiter mit sich bringt. In Buckeye wohnen und arbeiten sie nicht nur zusammen, sie bilden auch eine eingeschworene Gemeinschaft. Um endlich ein paar dringend erforderliche Reparaturen an ihrem eigenen Bus durchführen zu können, zog LaFata mithilfe einer benachbarten Arbeitscamperin kürzlich in einen gemieteten Wohnwagen um.

Die Leidenschaft der Arbeitscamper für diesen Lebensstil kann mitunter religiöse Züge annehmen. An meinem ersten Nachmittag bei LaFata unterhielten wir uns bis fast 5 Uhr früh, als sich die staubigen Wege von Buckseye plötzlich mit Leben füllten und einer nach dem anderen mit seinem Wagen Richtung Nachtschicht aufbrach. Jeanne Pitts, eine zarte, aber extrem engagierte Arbeiterin, von deren orangefarbener Weste ihr Amazon-Pass herunterbaumelte, schaute kurz vorbei. Als sie hörte, ich käme von außerhalb, riet sie mir, den ganzen Ballast, der mich an New York bindet, einfach abzuwerfen. „Du musst dich nur ins Wohnmobil setzen und losfahren. Du wirst dabei nicht reich, aber du erlebst viel und lernst tolle Leute kennen", erklärte Pitts und deutete dabei auf den Platz und die umliegenden Wohnmobile. „Und du wirst nicht ständig von schlechter Laune runtergezogen."

Viele der Arbeitscamper, die ich in Coffeyville traf, befanden sich keineswegs in einer Art Warteschleife, sie legten vielmehr mit ausgesprochener Heiterkeit eine fast schon aggressive Freude an den Tag, die ich, ehrlich gesagt, nur schwer mit den Problemen ihrer finanziellen Wirklichkeit in Einklang bringen konnte. Eine kürzliche Titelstory des Harper's Magazine hatte die fröhlichen Beteuerungen der Arbeitscamper angesichts ihres glücklichen Lebens auf der Straße als Selbstbetrug abgetan, der lediglich dazu diene, den Stress der wohnmobilen Wanderarbeit zu beschönigen. Doch schien bei den Leuten, mit denen ich in Buckeye gesprochen habe, eine tiefere Macht am Werk. Wenn der unermüdliche Optimismus der Arbeitscamper eine kollektive Lüge ist, dann ist es eine Art von Fiktion, mit der jeder etwas anfangen kann, eine Stütze, die uns hilft, die Dinge zu verstehen oder, im Fall der Arbeitscamper, eine Lebensart anzunehmen, die sich den Anforderungen von Amerikas neuer Zeitarbeitsökonomie bravourös anpasst.

Die härtesten Worte, die ich in Coffeyville über die Arbeitsbedingungen bei Amazon gehört habe, stammten nicht von einem Arbeitscamper, sondern von einem Einheimischen, der mir erzählte, dass er an seinem ersten und einzigen Arbeitstag in dem Versandhaus angesichts des fremdartigen computergestützten Regimes bei Amazon fast einen Anfall bekommen hätte. Vielleicht erkannte Amazon 2008 in den Arbeitscampern einen gewissen kulturellen Wert. Sie als neue Arbeiterschaft zu entdecken, war sicherlich ein Meisterstück in modernem Personalwesen: Arbeitscamper haben eine Kultur geschaffen, welche die für das Geschäftsmodell von Amazon so zentral gewordene und oft verpönte Zeitarbeit durch die Integration des amerikanischen Ideals vom Abenteuer auf der Straße annimmt und aufwertet.

Permanente und feste Wohnsitze werden von Arbeitscampern ausnahmslos als „Stick-and-Brick-Houses" bezeichnet—Häuser aus Stock und Stein. Und aus ihrem Mund klingt das fast wie ein Schimpfwort. Nach ein paar Tagen in Buckeye wurde mir klar, dass diese Bezeichnung sich weder auf die tatsächliche Struktur der Häuser bezieht noch auf den sesshaften Lebensstil, sondern auf das gesamte Wertesystem, das die Arbeitscamper hinter sich gelassen haben. Nie hatte ich stärker das Gefühl, genau diese Werte zu verkörpern, als in dem Moment, in dem ich die Arbeitscamper fragte, wo ihre ausgedehnten Reisen wohl enden würden und wann sie, wenn überhaupt, wieder endgültig sesshaft werden würden.

Die meisten Arbeitscamper scheinen sich auf die unmittelbare Zukunft zu konzentrieren. LaFata meinte, sie habe vor zu arbeiten, bis sie stirbt. Nach dem Amazonjob will sie sich auf den Weg machen zu einem großen Wohnmobil-Treffen in Quartzsite, Arizona, wo in einem gutbürgerlichen Restaurant bereits ein befristeter Kellnerinnenjob auf sie wartet. Nächstes Jahr wird sie in der Hochsaison wieder bei Amazon arbeiten. Darüber hinaus bestimmt höchstens die primitive Klimaanlage ihres Campingbusses ihren Weg, denn sie zwingt LaFata, nicht nur ihrem Lebensunterhalt nachzujagen, sondern auch einigermaßen guten Wetterbedingungen.

„Wenn's zu heiß wird, fahre ich Richtung Norden", berichtet LaFata mit einem gewissen Stolz. „Und wenn es zu kalt wird, geht's ab in den Süden."