Wie reißt man ein Gebäude ab, das aus menschlichen Knochen besteht?

In der Nähe von Prag befindet sich die wohl morbideste Touristenattraktion der Welt. Es scheint fast so, als wäre H.R. Giger der Architekt dieser „Knochenkirche“.

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Mai 13 2014, 3:46pm

In Kutná Hora, einem ehemals wohlhabenden Städtchen voller Silberminen in der Nähe von Prag, befindet sich die wohl morbideste Touristenattraktion der Welt. Falls du dir öfter die Zeit damit vertreibst, auf Tumblr rumzuhängen, kann es gut sein, dass dir dabei schon einmal Bilder von Sedlec Ossarium (oder der „Knochenkirche“) begegnet sind. Wie der Name schon sagt, besteht die Kirche fast ausschließlich aus Knochen und Schädeln. Den Überresten von 40.000 bis 70.000 Menschen, die im 15. Jahrhunderts während der Hussitenkriege umkamen oder an der Pest verendeten.

Mehrere Hunderttausend menschliche Knochen schmücken die Kirche, verzieren Kelche oder hängen als Kronleuchter von der Decke—eine Partydekoration, die nicht gerade für gute Laune sorgt. Es sieht aus, als habe sich der amerikanische Massenmörder Ted Bundy hier als Innenarchitekt versucht. Oder wie die A Nightmare Before Christmas-Attraktion in Disneyland, wenn sie sich für die Ausstattung statt im Requisitenfundus der Hollywood-Studios in einem echten Leichenschauhaus bedient hätten.

Das Untergeschoss von Sedlec, in dem sich die Knochenskulpturen befinden, ist für die Öffentlichkeit zugänglich und mit 200.000 Besuchern im Jahr eine der beliebtesten Touristenattraktionen Tschechiens. Alle möglichen Leute kommen hier her, um sich vor einem Haufen 500 Jahre alter Knochen zu fotografieren.

Doch inzwischen hat das Gebäude aus dem 14. Jahrhundert eine Restaurierung bitter nötig. Die Knochen fangen an zu zerbröseln, während sich die Kirche selbst wie ein Betrunkener zur Seite neigt; die Besitzer haben keine Zeit mehr zu verlieren, etwas gegen den drohenden Verfall zu unternehmen.

Natürlich ist die Restaurierung von Sedlec viel komplizierter als die einer normalen Kirche. Das Untergeschoss wurde seit 1870 nicht verändert und die makabren Deko-Elemente müssen zum ersten Mal seit ihrer ursprünglichen Installation bewegt werden. Es ist die erste Restaurierung ihrer Art. Ein weiteres Problem besteht darin, dass kein Mensch heutzutage weiß, wie die Konstrukteure der Kirche die Knochen damals überhaupt zusammengebastelt haben.

Nachdem ich von Prag aus eine Stunde mit dem Zug gefahren bin, laufe ich die Hauptstraße von Kutná Hora hinunter, vorbei an dem eigens für die Besucher der Knochenkirche eingerichteten Tourist-Information-Center, Cafés und Toiletten und einem Andenkenshop, in dem man neben Ketten aus Plastiktotenköpfen und Kühlschrankmagneten auch die makabersten Bierhalter bekommt, die ich je gesehen habe. Vor dem Eingang der Kirche steht, wie anscheinend fast immer, eine lange Schlange internationaler Reisebusse.

Nichts von dem ganzen Kitsch und Brimborium verleitet mich dazu, meine nichtige Rolle als Individuum im Universum zu reflektieren oder mir Gedanken über die Unausweichlichkeit meines eigenen Todes zu machen, dabei habe ich gelesen, dass es sich bei diesem Denkanstoß eigentlich um die Hauptaufgabe der Knochenkirche handelt.

Als ich auf die Kirche zugehe, fällt mir—abgesehen von den Snapbacks tragenden deutschen Jugendlichen, die  Selfies vor dem Eingang machen—als Erstes auf, dass überallKnochen sind. Sie sind eingehauen in die steinernen Tore und aufgemalt auf die Wege und ersetzen sogar das Kreuz auf den Kirchturmspitzen.

Doch die Kirche wurde, schon lange bevor sie sich in ein Knochensammelsurium verwandelte, mit dem Tod assoziiert. Der Legende nach reiste im Jahre 1278 ein Mönch aus der Gegend in das Heilige Land und brachte etwas von der heiligen Erde mit nach Hause, was dazu führte, dass einige der reichsten Familien Mitteleuropas sich darum rissen, dort begraben zu werden. Zwei Religionskriege und eine Pestepidemie später platzte der Friedhof aus allen Nähten. Um Platz für neue Gräber zu schaffen, wurden die älteren Überreste im Jahr 1511 von einem halb-blinden Mönch exhumiert und im Untergeschoss der Kirche aufgeschichtet.

Mehr als 300 Jahre später, im Jahre 1870, beauftragte die Adelsfamilie Schwarzenberg, der die Kirche damals gehörte, einen Holzschnitzer damit, etwas aus den vergessenen Knochen zu machen. Was dabei rauskam, ist das, was man bis heute in Sedlec sehen kann. František Rint arbeitete Jahrzehnte lang an den Dekorationen und spannte sogar seine Frau und seine Kinder in diese familienunfreundliche Arbeit mit ein.

Es existieren Gerüchte, das vor Rint schon andere damit begonnen hatten, Dekorationen aus den Knochen zu fertigen, was die Familie Schwarzenberg dazu brachte, jemanden zu engagieren, die ganze Sache ordentlich zu machen. Von Jana, die in der Kirche die Eintrittskarten verkauft, erfuhr ich, dass die Geschichte wahrscheinlich stimmte. „Wir wissen, dass ein Mann namens Santini—und vielleicht noch andere—hier schon im frühen 18. Jahrhundert Dekorationen aus Knochen hergestellt hat“, sagte sie. „Rint hat diese Arbeit nur fortgesetzt.“

Egal, wer damals damit angefangen hat, das Problem heute ist dasselbe: Es gibt keinerlei Aufzeichnungen, in denen festgehalten ist, wie die Knochen damals ursprünglich zusammengesetzt wurden, was die Arbeit der Restaurateure heute extrem erschwert. Ein paar Schädel und Knochen auseinanderzunehmen, klingt nicht sonderlich schwierig, bis man gesehen hat, wie unglaublich viele es sind. In allen vier Ecken des Ossariums sind riesige Pyramiden von Knochen aufgeschichtet und alle von ihnen sind voll mit Spinnweben—und Geld (Jana erzählte mir, dass die Leute vor ein paar Jahren damit angefangen hätten, vermutlich in der Hoffnung, dass es Glück bringe, Münzen in die Knochenberge zu werfen, und, dass niemand sie daran gehindert hätte).

Die Knochenberge stellen die Restaurateure vor das größte Problem, da sie nicht wissen, wie die Knochen zusammenhalten. Was sie allerdings wissen, ist, dass es mindestens ein Jahr dauern wird, jede einzelne Pyramide abzubauen, die Knochen reinigen zu lassen, die Wände dahinter neu zu verputzen und die Knochen anschließend wieder aufeinander zu schichten. Insgesamt, sagte Jana, würde es mindestens fünf Jahre dauern.

Bevor sie allerdings damit anfangen, werden die Restaurateure sich erst einmal um die Decke der Kirche kümmern. Was bedeutet, dass sie auch den riesigen Kronleuchter, der mindestens von jedem menschlichen Knochen einen enthält, und die Totenköpfe, die um ihn herum arrangiert sind, abnehmen müssen. Niemand in der Kirche schien sich sicher zu sein, wie man am besten vorgeht, damit hinterher wieder alles an seiner Stelle ist. Ich machte den Vorschlag, alles zu fotografieren und die Knochen zu nummerieren, aber anscheinend werden sich die Restaurateure später im Laufe des Jahres zusammensetzen, um ihre eigene Methode zu entwickeln.

Im Gegensatz zu den vier großen Knochenpyramiden muss die von Rint angefertigte Knochenversion des Wappens der Familie Schwarzenberg—in dem ein Rabe einem toten Türken die Augen auspickt—nicht auseinander genommen werden. Das Gleiche gilt für die gruseligen Engel, die auf den Spitzen der Türme aus Totenköpfen und übereinander gekreuzten Knochen sitzen.

Wie ihr euch vorstellen könnt, kann einem an diesem Ort schon mal ein bisschen mulmig werden. Sogar Jana gab zu, dass sie nicht gerne in der Kirche ist, wenn alle anderen schon gegangen sind, weil sie dann „an merkwürdige Dinge“ denke. Die merkwürdigen Vorfälle, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, betrafen allerdings nur die Lebenden. Letztes Jahr, zum Beispiel, klaute jemand einen der Totenschädel. „Das passiert manchmal“, sagte Jana. „Sie haben ihn dann in einem Paket aus dem Ausland zurückgeschickt.“

Zwischen einzelnen Touristengruppen ist es manchmal für eine kurze Zeit relativ leer in der Kirche und man kann sehen, wie schlimm beschädigt sie wirklich ist. In einer Ecke senkt sich der Boden in die Krypta darunter ab, aber als man den Boden im letzten Jahr aufriss, konnte niemand herausfinden, woran das lag. Deswegen müssen jetzt auch die anderen Krypten und Seitenkapellen, die ebenfalls voller Knochen sind, geöffnet werden, um die Ursache zu finden.

Obwohl sie sich über die Ursache nicht sicher sind, muss die Arbeit unbedingt gemacht werden, da das Gebäude laut Kirchenbesitzer sonst einstürzen könnte.

Josef, der Besitzer eines Cafés in der Nähe der Kirche, erzählte mir, dass einige Leute im Ort nicht sonderlich glücklich über die geplante Restaurierung seien. „Die alten und religiösen Menschen denken, dass man es sein lassen sollte“, sagte er. „Weil es eine christliche Grabstätte ist, sollte man sie in Frieden lassen, auch wenn das bedeutet, dass sie zerfallen wird. Touristen sollten sowieso nicht dort reingehen. Und jeder weiß, dass die Restaurateure sie nie wieder so zusammensetzen können, wie sie war.

Obwohl die anderen sich beschweren, ist Josef dafür, dass die Kirche restauriert wird—hauptsächlich weil sie dafür sorgt, dass mehr Gäste sein Café besuchen. „Ich weiß nicht, ob sie es schaffen werden“, sagte er besorgt, „aber ohne diese Kirche werden viel weniger Leute nach Kutná Hora kommen.“

Im Mittelalter war Kutná Hora eine reiche, berühmte und wichtige Stadt. Heute steht sie im Schatten von Prag, das bei Touristen viel beliebter ist. Kutná Hora ist den Leuten höchstens einen Tagestrip wert, und unter ihnen auch nur denen, die sich für den verblassten Glanz der Stadt und halb zerbröselte menschliche Überreste interessieren.

Ein amerikanischer Reiseleiter erzählte seiner Gruppe, dass es „Knochenkirchen wie diese überall in Europa gibt.“ Obwohl es keine Massen von ihnen gibt, lag er damit nicht absolut falsch. Das (nach den Katakomben von Paris) zweitgrößte Ossarium Europas wurde erst vor zehn Jahren unter dem Marktplatz der tschechischen Stadt Brno gefunden. Es wurde 2012 für Besucher geöffnet, aber die Knochen dort sind nicht so kunstvoll arrangiert wie in Sedlec, das, obwohl viel kleiner, immer noch die größere Touristenattraktion geblieben ist.

Wenn ihr Knochenkirchen sehen wollt, die viel viel kleiner sind, und in denen es dementsprechend viel ruhiger zugeht, empfehle ich die kleine, mit menschlichen Überresten vollgestopfte Kapelle in der tschechischen Vysočina-Region. Dann gibt es noch eine in Mělník , 20 Kilometer nördlich von Prag, und eine in Czermna in Polen. Diese liegt nur etwa 20 Kilometer von Rints Heimatstadt Česká Skalice entfernt und könnte ihn zu seiner Arbeit in Kutná Hora inspiriert haben.

Aufgrund all dieser Alternativen müssen sich die Restaurateure beeilen, wenn sie Kutná Hora als die beliebteste Touristenattraktion für Leute, die auf sowas stehen, in der Region erhalten wollen. Uns bleibt jetzt nur übrig, abzuwarten und in fünf Jahren noch einmal wieder zu kommen, um zu sehen, ob sie das scheinbar Unmögliche geschafft haben.

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