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Wir haben mit dem wahnsinnigen DJ gesprochen, der zehn Tage lang am Stück aufgelegt hat

Und DJ Obi hat dabei kein einziges Mal den Sync-Button benutzt.

von David Garber
19 Juli 2016, 10:48am

All photos courtesy of the artist.

Marathon-DJ-Sets sind in der Welt der Dance-Musik nichts Neues. Leute wie Markus Schulz, Ben Klock, Danny Tenaglia und unzählige andere haben sich einen Namen mit Sets gemacht, die weit über die Zehn-Stunden-Marke hinaus reichten. Aber was ist mit der Idee, ein Set zu spielen, das zehn ganze Tage dauert? Ja, genau. Tage. Zehn Ta-ge.

Für DJs, die Unmengen an Geld dafür bekommen, in Clubs und bei Festivals zu spielen, lohnt sich der Zeitaufwand und der Kampf für so eine anstrengende Sache wahrscheinlich nicht. Stattdessen fällt die Aufgabe dieser extremen Ausdauertests einer Auswahl an weniger bekannten DJs zu. Wie etwa dem Polen Norbert Selmaj, aka Norberto Loco, der im November 2014 den vorherigen Weltrekord für das längste DJ-Set in der Underground Temple Bar in Dublin aufstellte, nachdem er ein 200-Stunden-Set abgeliefert hatte. Anschließend spielte er zum Beispiel im Pacha auf Ibiza und wurde als Weltrekordhalter beworben. Vor ihm hatte sich der australische DJ Smokin' Joe Mekhael mit einem 168-stündigen Set den Titel wiederum von seinem Vorgänger—DJ King aus Brasilien—geschnappt. King hatte ein Set von 120 Stunden und 19 Minuten gespielt.

Jetzt hat unser Planet allerdings einen neuen Champion: DJ Obi aus Nigeria. In seiner Heimatstadt Lagos, genauer: in einer Lokalität namens Sao Café Lagos, hat der Mann, der den bürgerlichen Namen Obi Ajuonuma trägt, den bisherigen Rekord um ganze 40 Stunden übertroffen, indem er vom 22. Juni bis um halb zwölf mittags am 2. Juli zehn Tage lang ununterbrochen gespielt hat. Natürlich ist „ununterbrochen" hier, schon aus gesundheitlichen Gründen, nicht absolut ununterbrochen: Laut einem Interview mit der BBC durfte Obi eine Reihe kurzer Pausen machen (die insgesamt nicht länger als zwei Stunden pro Tag dauern durften), außerdem waren tägliche medizinische Checks, Massagen und Vitamine erlaubt. Ihm wurde allerdings untersagt, einen Song innerhalb von vier Stunden zwei Mal zu spielen—und es musste immer jemand tanzen.

Der Rekord wurde von Guinness World Records noch nicht offiziell anerkannt, aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass Obi sich an die offiziellen Regeln gehalten hat und die ganze Zeit kontrolliert wurde.

Da die Nachricht uns überwältigt hat, haben wir von THUMP Obi angerufen, um alles über diesen Knüller zu erfahren. So erfuhren wir, dass er die ganze Zeit über nicht den Sync-Knopf benutzt hat, wie er während des Sets die Toilette besucht hat, und warum er für den Weltrekord beinahe seinen Körper zerstört hat.

THUMP: Hey Obi. Zunächst einmal Glückwunsch zu deinem Rekord. Wie geht es dir?
DJ Obi: Nicht schlecht, ich konnte endlich etwas schlafen.

Ich kann mir vorstellen, dass das schön war. Hast du danach ein sehr langes Schläfchen gemacht?
Das habe ich, ich habe am nächsten Tag mindestens elf Stunden geschlafen.

Was hast du sonst noch gemacht?
Ich habe mich entspannt, gechillt, hier und dort ein bisschen Presse [gemacht], weil wir versucht haben, das Momentum des Ganzen mitzunehmen.

Ich würde gerne mehr über deinen Background erfahren und darüber, was dich dazu gebracht hat, das zu machen. Kannst du mir sagen, wie du als DJ in Nigeria angefangen hast?
Ich habe ursprünglich in den Staaten angefangen. Ich war in Boston und ging an der Worcester State zur Uni. Ich habe aufgelegt, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen und habe auch in der Mall gearbeitet. Ich hatte in der Highschool ein Händchen für das DJing, nachdem ein Freund mir ein paar Grundlagen gezeigt hatte. Ich dachte daran, Partypromoter zu werden, aber da musst du zu viel Geld reinstecken, um den Anfang zu schaffen. Ich ging ins Guitar Center und kaufte mir meine ersten Decks; es war ein Numark Mixtrack II. Dann fing ich an, auf Haus- und College-Partys zu spielen und fing später an, in Clubs aufzulegen. Danach habe ich meinen Abschluss gemacht und ging zurück nach Nigeria.

Wo hast du überall gespielt?
Überall an der Ostküste: New York, DC, Virginia. Ich bin im College sogar ein paar Mal bis nach London gekommen. Ich habe mein Netzwerk aus Freunden von der Highschool und aus Leuten, die ich getroffen habe, genutzt, um Gigs zu bekommen. Nigerianer sind überall. Du rufst einfach ein paar Leute an, die in der Partyszene gelandet sind, und sie werden dich einfliegen, um dich für kleine College-Partys zu buchen. Ich bin aber jedes Weihnachten zurück nach Nigeria und habe hier Club-Gigs gebucht. Als ich zurückgezogen bin, habe ich beschlossen, es Vollzeit zu machen und dabei zu bleiben.

Wie ist die Szene für DJs und elektronische Musik in Lagos?
Wir haben beschlossen, diesen Rekordversuch zu machen, um Respekt für DJs in Nigeria zu bekommen. Manche Länder in Afrika respektieren DJs sehr, aber in Nigeria werden DJs nicht auf gleiche Art als Teil der Party angesehen. Die Leute haben nicht geglaubt, dass ich tatsächlich eine Karriere daraus machen würde, bis sie gesehen haben, dass es passiert. Die Partys hier sind cool, aber die Leute haben einfach diese Vorurteile über die, die Party machen. Mittlerweile wird es aber mehr respektiert.

Welche Musik spielen DJs in Nigeria für gewöhnlich?
Es gibt eine HipHop-Szene und eine Afrobeat-Szene, dann etwas House-Musik. Die ganzen ersten acht Tage meines Sets bestanden aus House-Musik. Es ergab mehr Sinn, um das ganze Projekt auszudehnen. Anschließend bin ich mehr in Richtung HipHop, Afrobeat, Reggae und solche Sachen gegangen.

Bevor du den Rekord angestrebt hast, was war dein längstes Set? Gab es eine Möglichkeit, um dafür zu trainieren?
Es gibt keine Möglichkeit, sich körperlich darauf vorzubereiten, es ist eine mentale Sache. Das Einzige, was ich zur Vorbereitung machen konnte, war, eine Menge Tracks runterzuladen. Ich habe eine Menge Ordner und Dateien an Vocal House oder Deep House heruntergeladen, die jeweils 200-500 Tracks hatten. Man kann sich allerdings nicht körperlich darauf vorbereiten, zehn Tage wach zu bleiben. Dein Körper macht so lange mit, wie dein Geist es mitmacht. Nach dem dritten Tag war es schwer, weil mir klar wurde, dass ich noch eine Woche vor mir habe. Zu diesem Zeitpunkt war es ein ziemlicher Mindfuck. Es war ziemlich schwer, mich morgens zu sammeln—ich habe ziemlich viel halluziniert, aber ich konnte das irgendwie beenden. Am letzten Tag war es wirklich schrecklich, weshalb das medizinische Personal einschreiten musste. Mein Körper hat einfach sein eigenes Ding gemacht. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wo ich war, ich habe keine Gesichter mehr erkannt, ich war wirklich schlecht gelaunt.

Worüber hast du halluziniert?
Ich dachte einfach, ich wäre irgendwo anders. Es gab nur einen Floor, auf dem ich gespielt habe, aber ich dachte die ganze Zeit, dass ich oben wäre und habe den Leuten gesagt, sie sollen nach unten gehen. Irgendwann dachte ich, ich wäre im Haus meines Onkels.

Das ist verrückt.
Mein Körper hat die ersten drei Stunden des Tages einfach sein eigenes Ding gemacht, bis neun oder zehn Uhr, dann konnte ich das beenden. Zu den Regeln gehört, dass die Musik nicht länger als zehn Sekunden unterbrochen sein darf.

Es gab also die ganze Zeit jemanden von Guinness, der dir zugesehen hat?
Sie konnten nicht nach Nigeria kommen, also haben sie einfach Kameras aufgestellt. Wir hatten Uhren, die die gleiche Zeit anzeigen mussten, damit sie wussten, dass ich in der Zeit liege.

Wie sah ein typischer Tag für dich aus? Was hast du gegessen und getrunken?
Ich hatte nicht wirklich Appetit, also habe ich keine ganzen Mahlzeiten gegessen. Ich habe eher Früchte gegessen und Säfte getrunken und ich konnte nur Haferflocken komplett aufessen. Ich habe ein paar Bissen genommen und hatte nicht wirklich Appetit auf etwas anderes. Wir konnten fünfminütige Pausen nach jeder Stunde machen, aber wir konnten sie auch ansammeln: 20 Minuten nach vier Stunden oder eine Stunde nach zwölf Stunden, ich hatte also nur zwei Stunden am Tag. Ich konnte duschen, entspannen, was auch immer.

Dann habe ich begonnen, eine einstündige Pause nach zwölf Stunden zu machen, aber mein Blutdruck war gestiegen, also dachte die medizinische Abteilung, ich sollte alle vier Stunden 20 Minuten machen. Ich habe nicht wirklich geschlafen, selbst wenn ich eine Stunde hatte, denn selbst wenn ich eine Stunde hatte, habe ich meine Zähne geputzt, gegessen oder mich umgezogen und hatte dann nur noch ein paar Minuten, bis ich weiter machen musste. Ich habe mich einfach ein bisschen entspannt, bevor ich zurück zum DJ-Pult gegangen bin. Was mich weitermachen ließ, war die Energie im Raum. Ich hatte die Liebe und Unterstützung, die ich bekam, nicht erwartet. So viel die Leute in Nigeria auch auflegen, so viel Unterstützung hatte ich nicht erwartet. Viele Leute kamen und haben Klebezettel am DJ-Pult gelassen—inspirierende Botschaften, Bibelstellen. Diese Sachen haben mich weitermachen lassen. Ich habe durch die Erfahrung neue Freunde gewonnen; einige Leute sind nur morgens nach Hause, um zu duschen, und sind dann zurück gekommen, um weiter Party mit mir zu machen.

Ich muss das fragen: Wie bist du zur Toilette gegangen?
Das war der schwierige Teil. Ich bin nur in den zugeteilten Pausen zur Toilette gegangen. Die meiste Zeit musste ich es einfach einhalten. Ich musste es wegtanzen. Die Leute dachten, ich tanze zur Musik, aber ich habe einfach versucht, mich nicht einzupinkeln. Ich musste wirklich auf die Pausen warten. Dann bin ich meistens zur Toilette gerannt.

Du hast nie daran gedacht, in eine Flasche zu machen?
Das ist ein oder zwei Mal passiert, das muss ich zugeben. Danach musste ich einfach darauf achten, wie ich trinke. Ich musste mich zügeln, was das Wasser- und Safttrinken anging, damit meine Blase nicht außer Kontrolle geriet.

Kannst du mir von einigen deiner Lieblingsmomenten erzählen, emotional wie musikalisch?
Viele House-Tracks hatten eine gute Energie. Es gibt einen Track von Black Coffee namens „Dance With Me", der mich am Laufen hielt. Es kamen außerdem ein paar nigerianische Musiklegenden vorbei. Es gibt eine Reggae-Legende namens Raskimono, der vorbei kam, sowie einige andere sehr bekannte Künstler, die zur Unterstützung da waren. Das hat mich angetrieben, weiter zu machen. Einige Schulen sind auf Ausflügen vorbeigekommen, um mich zu sehen, und das hatte ich überhaupt nicht erwartet. Meine Higschool kam für einen ganzen Tag mit ihrem Abschlussjahrgang vorbei. Manche Kinder haben sich an den Wochenenden von ihren Eltern herbringen lassen.

Hast du etwas von dem Kerl gehört, der vor dir den Rekord hatte?
Ich habe nichts gehört, aber ich denke, dass wir uns mal bei ihm melden könnten.

Ihr beiden solltet einen Monat lang back-to-back auflegen oder so.
Ja. Ich denke, er lebt in Dublin. Wir werden so oder so schauen, ob wir uns mit ihm in Verbindung setzen können.

Ich habe gelesen, dass du während des Sets viel an deinen Vater gedacht hat. Wie war sein Verhältnis zu deinem DJing?
Er ist 2012 bei einem Flugzeugabsturz gestorben.

Das tut mir leid.
Als er noch gelebt hat, war er eine Medien-Persönlichkeit in Lagos. Er hat mich zu Beginn unterstützt, aber er war auch ein sehr gläubiger Christ und wollte irgendwann, dass ich aufhöre. Die Leute, die ihn kannten, wissen, dass er ein Anhänger harter Arbeit war, und davon, sich selbst anzutreiben, also egal, ob er nun wollte, dass ich DJ werde oder nicht, er hätte bei so einer großen Sache gewollt, dass ich weiter mache.

Was kommt für dich als Nächstes? Du hast so viel Aufmerksamkeit dadurch bekommen und bist ein Held in deiner Stadt.
Der einzige Weg, damit Geld zu verdienen, ist durch Interviews, Magazine und den Versuch, verschiedene Gigs auf der ganzen Welt zu buchen. Jetzt geht es nicht nur um den Weltrekord, sondern auch darum, dass die Leute tatsächlich sehen, dass ich ein guter DJ bin und ich nicht nur auf Play gedrückt habe. Ich weiß tatsächlich wie man mixt, Übergänge macht und scratcht. Ich will die Fähigkeiten und Klänge zeigen, die ich aus Nigeria in den Rest der Welt bringe. Das ist der Plan und das kommt als Nächstes.

Warum hast du mit Drakes „One Dance" aufgehört?
Ich bin mit Wizkid befreundet, der aus Nigeria kommt. Es ergab einfach Sinn, das als letzten Tanz zu machen. Es gibt außerdem die Online-Wettseite PaddyBett und sie haben Wetten angenommen, was mein letzter Song sein würde, und haben Möglichkeiten vorgeschlagen. Als ich „One Dance" auf der Liste sah, wusste ich, dass das der Letzte sein würde. Es ist gerade auch der größte Song der Welt und hat Nigeria auf die Landkarte gesetzt. Es hatte mit all dem zu tun, was ich versucht habe, mit dem Guinness Weltrekord zu erreichen.

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