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"Grobes wissenschaftliches Fehlverhalten": EU verschweigt brisante Studie zu Piraterie

Nach einem Informationsfreiheitsantrag durch Piratenpolitikerin Julia Reda ist klar: Die EU-Kommission hat wissenschaftliche Studienergebnisse über Online-Piraterie nur in Auszügen veröffentlicht. Im Gespräch erklärt Reda, was daran problematisch ist.

von Johannes Hausen
26 September 2017, 10:41am

Auszug aus der Studie "Estimating displacement rates of copyrighted content in the EU". Screenshot: juliareda.eu 

"Es gibt keinen statistisch belastbaren Beleg, dass Online-Copyright-Verletzungen zu einem Verdrängungseffekt bei den Verkäufen führen". So lautet die zentrale Schlussfolgerung einer groß angelegten Studie des internationalen Marktforschungsunternehmens Ecorys. Mit anderen Worten: Wer raubkopierte Medien aus dem Internet runterlädt oder weiterverbreitet, fügt der Industrie größtenteils kaum Schaden zu.

Ein Ergebnis mit politischer Sprengkraft – hieße das doch, dass die von der Medienindustrie geförderte Angstmache, Kriminalisierung und Verfolgung von Raubkopierern, Konsumenten und ihren Plattformen möglicherweise unberechtigt ist.

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Die Ergebnisse der Studie liegen der EU-Kommission bereits seit Mai 2015 vor – veröffentlicht wurden sie bisher aber nicht. Dabei gab die Kommission satte 360.000 Euro für die Untersuchung aus. Öffentlich einsehbar ist das 304 Seiten starke Dokument erst seit dem 20. September 2017. An diesem Tag hatte die deutsche Europa-Abgeordnete Julia Reda von der Piratenpartei das Dokument auf ihrer Website veröffentlicht.

Im Auftrag der Europäischen Kommission hatte Ecorys die Märkte für Musik, Filme, Bücher und Games in sechs für die gesamte EU repräsentativen Ländern untersucht. Doch egal ob Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien, Schweden oder Großbritannien: Die Studie fand keine Anhaltspunkte dafür, dass raubkopierte Inhalte im Netz den Absatz der Originalprodukte schwächen – mit der Ausnahme von aktuellen Kino-Blockbustern: Hier führt der illegale Online-Konsum tatsächlich dazu, dass Nutzer seltener für Filme zahlen.

Für die Games-Industrie kann Piraterie sogar positive Effekte haben

Beim illegalen Spielen von Games attestierte die Studie der Gaming-Industrie sogar einen leicht positiven Effekt auf ihre Verkäufe (Seite 14). Die Forscher erklären das mit bestimmten Anreizen, die Games-Entwickler den Spielern bieten, wenn sie ein Spiel kaufen oder über offizielle Plattformen spielen: Sie bekommen so oft eine verbesserte Gameplay-Erfahrung in Form von Extra-Levels oder Boni.

Reda hatte die öffentliche Ausschreibung für die Ecorys-Studie entdeckt und sich gewundert, dass die Ergebnisse noch immer nicht veröffentlicht worden waren. Schließlich wurde der Auftrag an Ecorys bereits im Januar 2014 erteilt. Sie stellte daraufhin über die Website asktheeu.org gemäß des EU-Informationsfreiheitsgesetz einen Antrag auf Zugang zu dem Dokument.

Nachdem die Studie nun vollständig einsehbar ist, wird klar: Die Europäische Kommission veröffentlichte lediglich einen Teil der Forschungsergebnisse von Ecorys – und zwar genau den Teil, der den Lobbyinteressen der Filmindustrie entspricht. Im September 2016 publizierten nämlich zwei Mitarbeiter der Kommission einen akademischen Aufsatz über die negativen Effekte illegaler Downloads auf die Verkaufszahlen der Filmindustrie.

In der Zusammenfassung heißt es: "Dieses Paper präsentiert die geschätzten Verluste von Filmverkäufen aufgrund unbezahlten Filmkonsums [...] Unsere Ergebnisse haben eine wichtige Bedeutung für die Urheberrechtspolitik." Als Datengrundlage dienen den Autoren des Papers Teile der Forschungsergebnisse der Ecorys-Studie: Dabei übernehmen sie aber ausschließlich den Teil, der die sinkenden Verkaufszahlen für Kino-Blockbuster ausweist. Dass die Studie auch die Märkte für Musik, Bücher und Games untersucht hat und in diesen Bereichen keinen Effekt erkennen kann oder sogar gegenteilige Ergebnisse bescheinigt, wird mit keinem Wort erwähnt.

Für Julia Reda von der Piratenpartei ist das ein Skandal. Sie wirft der EU-Kommission "grobes wissenschaftliches Fehlverhalten" vor – und fordert auf ihrer Website eine Reform der Urheberrechtspolitik. Wir haben mit Julia Reda gesprochen.

Frau Reda, wieso wurden Teile der Studienergebnisse Ihrer Meinung nach verschwiegen?

Julia Reda, Europaabgeordnete der Piratenpartei. Foto: imago/Jens Jeske

Das ist schwer zu sagen. Ich kann lediglich sagen, dass es aufgrund des Aufsatzes von 2016 wenig plausibel ist, dass die Studie vergessen wurde. Den Stellungnahmen der Kommission ist bisher nur zu entnehmen, dass man lediglich die relevanten Ergebnisse veröffentlicht habe. Das ist grobes wissenschaftliches Fehlverhalten. Man kann bei einer wissenschaftlichen Studie nicht eine Vorauswahl der Ergebnisse treffen, die man für relevant hält. Denn auch die Erkenntnis, dass man keinen wissenschaftlichen Zusammenhang gefunden hat, ist ein relevantes wissenschaftliches Ergebnis. Publiziert man nur die Ergebnisse, die man erwartet hat, führt das die Wissenschaft in die Irre. In der Wissenschaftswelt wird so etwas ja als "Publication Bias" diskutiert. Studien, die letztendlich nicht in die Richtung gehen, die sich der Wissenschaftler vorgestellt hat, verschwinden dann in der Versenkung.

Die Kommission hat nur den Teil veröffentlicht, der für ihre Argumentation passend ist. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht hoch problematisch: Wenn man eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, muss man alles angeben, was getestet und was für Daten erhoben wurden, um zu vermeiden, dass ein Ergebnis zufällig zustande gekommen ist. Dafür ist die Angabe aller Ergebnisse notwendig, auch der statistisch nicht signifikanten. Es widerspricht der wissenschaftlichen Praxis, nicht anzugeben, was man alles getestet hat.

Gibt es eine gesetzliche Grundlage dafür, die Studie nicht zu veröffentlichen?

Da wir kein Transparenzgesetz in der EU haben, muss die Kommission die Studie nicht veröffentlichen. Normalerweise werden allerdings die Ergebnisse solcher Studien nach sechs Monaten öffentlich gemacht. Ich frage mich nun natürlich, ob es noch mehr solcher Studien gibt, die in Auftrag gegeben, aber nie veröffentlicht wurden. Wir haben zwar ein EU-Informationsfreiheitsgesetz, mit dem solche Dokumente öffentlich gemacht werden können, aber dafür muss man gezielt nach dem fragen, was man sucht. Es gab in der Vergangenheit leider Fälle, in denen die Kommission auf meine Informationsfreiheitsanträge völlig unplausibel geantwortet hat.

Inwiefern kann ein Transparenzgesetz helfen?

Es gibt keinen Grund, nicht gesetzlich vorzuschreiben, dass die Kommission alle in Auftrag gegebenen Studien nach einem bestimmten Zeitraum auch veröffentlichen muss. Die Kommission behauptet gerne, dass sie ihre Gesetzgebungsvorschläge evidenzbasiert machen möchte, aber das findet in der Praxis nicht immer statt. Man sieht das besonders an der aktuellen Urheberrechtsreform: Es gab mehrere öffentliche Konsultationen durch die Kommissionen, an denen sich viele Wissenschaftler beteiligt haben, deren Evidenz die Kommission aber vollständig ignoriert hat. Wenn sich die Kommission so sicher ist, dass ihre Vorschläge sinnvoll sind, dann müsste sie es auch ertragen können, dass eine Studie dafür keine Belege liefert. Das wäre ja nicht das Ende der Debatte, sondern der Anfang.