Alexander Tassis, Grieche, schwul, Abgeordneter der AfD: Wir haben ihn gefragt: Warum?

"Ich wünsche, die Flüchtlinge überhaupt nicht hier zu haben. Die Grenzen sollten gleich morgen geschlossen werden."

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Juni 1 2017, 9:14am

Lei65 / https://de.wikipedia.org

Selbst die AfD will von Migranten gewählt werden. Warum? Schon allein deswegen, weil in Deutschland jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund hat.

Alexander Tassis, 46, ist Bundesvorsitzender der "Migranten in der AfD – Neudeutsche Hoffnungsträger". Er ist in Athen geboren, Landtagsabgeordneter in Bremen und außerdem schwul.

Die Migrantengruppe in der AfD besteht aus persisch-, polnisch-, bosnisch-, türkisch-, afrikanisch- und griechischstämmigen Mitgliedern, die sich als "stolze Deutsche" verstehen. Auf ihrer Facebook-Seite posten sie, es sei ihr Ziel, die AfD zur "führenden Einwandererpartei" Deutschlands zu machen. Mit bislang 63 Likes sind sie noch weit von diesem Ziel entfernt. Sie sehen sich als Gegner einer "hemmungslosen Deutschenfeindlichkeit, "brachialster Islamisierung" und der "forcierten Abschaffung der europäischen Nationalstaaten". Es ist ihnen wichtig, nicht mit jenen Flüchtlingen in einen Topf geworfen zu werden, die jetzt nach Deutschland gekommen sind. Klingt absurd? Ist es auch.


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Aber Tassis ist nicht nur in dieser Hinsicht ein gelebter Widerspruch. Er ist außerdem Bundessprecher der "Homosexuellen in der AfD" und wirbt damit für die Partei, deren Mitglieder Homosexuelle auch mal als "degenerierte Spezies" bezeichnen. Im Herbst sprachen wir bereits mit der damals 22-jährigen Jana, warum sie als Lesbe bei der Jungen Alternative ist. Alexander Tassis wirft noch mehr Fragen auf. Wir haben sie ihm gestellt:

VICE: Sie sind Mitbegründer der "Migranten in der AfD". Wie passen AfD und Migranten zusammen?
Alexander Tassis: Es ist ähnlich wie mit den Homosexuellen in der AfD, die ich auch mitbegründet habe. Mir passt es nicht, in Schubladen gesteckt zu werden. Für das innenpolitische Klima ist es gut, wenn die Deutschen wissen, dass es auch Einwanderer gibt, denen es nicht passt, wie das hier mit Merkel und ihrer Grenzöffnung abläuft.

Sie waren selbst mal Mitglied in der CDU. Was stört Sie heute an Merkel?
Die CDU ist die schlimmste Islamisierungspartei. Ich bin unter Protest ausgetreten. Es gab mal einen Shitstorm, weil ich angeblich Frau Merkel mit Hitler verglichen hätte. Ich habe aber nur gesagt, dass sich Frau Merkel genauso wie Walter Ulbricht und Hitler vor dem Gericht der Geschichte zu verantworten hat. Die Migranten, die bereits in Deutschland leben, wollen nicht mit den Herrschaften in einen Topf geschmissen werden, die jetzt kommen. Ich glaube, es ist eine Befreiung für die Deutschen, wenn Migranten für sie sprechen. Frau Merkel ist nicht zu ertragen an der Spitze eines Staates.

Dürfen Migranten wie Sie Dinge sagen, die andere Deutsche nicht sagen dürfen?
In Bremen gründen sich jeden Tag irgendwelche Bündnisse gegen rechts, da ist es gar nicht mehr denkbar, sich noch zu Deutschland zu bekennen. In der Bremer Bürgerschaft mache ich das fast alleine. Es gibt da noch den SPD-Abgeordneten Elombo Bolayela, der afrikanischer Herkunft ist. Der lässt sich das Wort Deutschland auch nicht verbieten. Niemand regt sich noch über die Bremer Ausländerpolitik auf und die Polizei wird hier alleine gelassen. Stattdessen wird über den Klimawandel und irgendeinen anderen Unsinn diskutiert.

Was genau ist Ihr Problem mit Flüchtlingen?
Ich habe ein Problem grundsätzlicher Art. Ich wünsche, die Flüchtlinge überhaupt nicht hier zu haben. Die Grenzen sollten gleich morgen geschlossen werden und kein Flüchtling sollte mehr aufgenommen werden. Ich wünsche mir, dass eine Minusmigration stattfindet, dass wir jene abschieben, die Merkel hereingelassen hat.

Da habe ich eine persönliche Frage. Meine Familie und ich sind 1992 vor dem Bosnienkrieg geflohen. Was unterscheidet mich jetzt von denen, die aus Syrien kommen?
Das waren ja ganz andere Zahlen.

1992 waren das über 400.000 Menschen. Das ist keine so geringe Zahl.
Sie sind da. Ist doch prima. Aber diese neuen Flüchtlingsströme aus Nordafrika und den anderen Regionen schaffen eine völlig andere Lage. Bosnien gehörte ja zu Österreich-Ungarn, da hatten wir es mit einem europäischen Problem zu tun. Diese Willkommenskultur hat es damals nicht gegeben. Was ist in diesen 25 Jahren passiert? Da sagt die AfD, reaktionär wenn man so möchte, dass wir zu alten Zeiten zurückkehren müssen.

Sie haben in Ihrer "patriotischen Einwanderervereinigung" ein schwarzes Mitglied, ein iranstämmiges und weitere aus aller Welt. Haben Sie nicht Angst, dass die Stimmung, die die AfD erzeugt, sich auch gegen Sie richten könnte?
Ne. Die Flüchtlingsströme werden ja oft mit Vertriebenen, Gastarbeitern und politischen Flüchtlingen in einen Topf geworfen. Die Deutschen und die Ausländer wünschen sich da eine Differenzierung. Das wird den Status der Ausländer, die hier integriert sind, stärken und zur Integration derer beitragen, die hier reingeströmt sind. Wenn die Integration der hier eingeströmten Flüchtlinge gelänge, dann werden die in einigen Jahren die AfD wählen. Es gibt nur eine Partei, die die Grundlagen eines vernünftig gesteuerten Einwanderungslandes vertritt: die AfD.

Aber dann müssen Sie die Flüchtlinge doch hier haben wollen, wenn die irgendwann AfD wählen?
Das ist die List der Geschichte. Wir reden völlig neu über Integration. Bei Wahlanalysen wie in Freiburg und Breisgau sehen wir ja, dass die AfD die stärkste Partei in den Migrantenvierteln ist.

Bei Russlanddeutschen !
Ja, sicher bei deutschen Staatsbürgern, die wählen können, das ist klar.

Wie wollen Sie Migranten für die AfD gewinnen?
Wir haben sie doch schon. Das sind unsere besten Unterstützer. Die Migranten kommen an die Wahlstände der AfD und schwingen Reden gegen Merkels Flüchtlingspolitik. Es ist ein Irrtum, dass die Migranten hinter dem Multikulturalismus stehen. Russen und Polen unterstützen uns, und auch in den kurdischen und aramäischen Communitys in Bremen ist die AfD im Gespräch. Ich möchte die Ausländer, die sich als Deutsche fühlen, und die alten Deutschen zusammenführen und das kommt auch gut an.

Sie halten die AfD also für die Migrantenpartei Deutschlands?
Ja. Das ist wie mit den Homosexuelle in der AfD. Ich widersetze mich entschieden gegen ein linkspolitisches Lager, das mir sagt, wie ich zu sein habe. Ich lasse mir auch nicht von Rechten vorschreiben, wie ich als Grieche zu denken und zu sein habe.

Fühlen Sie sich als Grieche?
Ich fühle mich nur als Deutscher. Das trifft auf die meisten Einwanderer zu, die bei uns mitmachen. Es ist eine wichtige Aufgabe für ein Land, dass es sich mit der nationalen Identität beschäftigt, aber wir beschäftigen uns mit irgendwelchen Integrationsprogrammen und anderem Unsinn. Sämtliche Integrationsprogramme sind meiner Auffassung nach ersatzlos zu streichen und durch einen neuen Ansatz der deutschen Leitkultur zu ersetzen.

Was halten Sie denn für deutsche Leitkultur?
Dazu gehört eine musikalische Ausbildung in der großen dreihundertjährigen Musiktradition von Bach bis Richard Strauß. Die deutsche Sprache in all ihren Anteilen muss wesentlich gestärkt werden. Und drittens ist es das große wissenschaftliche Erbe. Die Deutschen haben ja den Volksbegriff maßgeblich mitgeprägt. Das ist ein großer Schatz, den wir auch für unsere Einwanderer nutzen können. Viertens ist es die große antikoloniale, antirassistische Tradition des Heiligen Römischen Reiches, die gewaltig ist. Die wird nicht richtig erkannt, weil man sich immer mit irgendwelchen zwölf Jahren beschäftigt.

Gehört die Aufarbeitung der Verbrechen im Nationalsozialismus Ihrer Meinung nach nicht zur deutschen Leitkultur?
Ehrlich gesagt: Nein. Leitkultur muss ein Ideal beinhalten. Ich wüsste nicht, welche Kulturinhalte die Nazis zur deutschen Geschichte beigetragen haben. Ich würde das überhaupt nicht in die deutsche Leitkultur packen, weil der Kulturbegriff gar nicht dazu passt. Leitkultur ergibt sich ja aus einem positiven Bezug. Da weiß ich immer nicht, was man genau mit der Nazizeit anfangen soll, wenn man daraus ein Konzept entwickeln möchte.

Sie finden also, über die 12 Jahre wird zu viel geredet, aber nicht über die antirassistische Tradition in Deutschland?
Ich als Intellektueller weiß, wo über das Heilige Römische Reich deutscher Nationen gesprochen wird, aber wo finden Sie das im Alltag? Auch über die DDR-Geschichte wird zu viel geredet. Das sind ja alles keine positiven Momente, um die Grundlagen für eine Leitkultur zu entwickeln. Wir machen Leitkultur ja nicht zum Spaß, sondern um Ausländer in Deutschland zu integrieren und für Deutschland zu begeistern. Wenn das geschafft ist, können wir eine zivilisatorische Erziehung beginnen, aber doch nicht vorher.

Haben Sie auch Muslime in Ihrer patriotischen Einwandervereinigung?
Ja. Im Vorstand sind Muslime, die sich aber vom Glauben verabschiedet haben und jetzt eine andere Geisteshaltung haben. Dass die AfD keine gläubigen Kopftuchfrauen anspricht, ist klar, aber Muslime haben wir in der Partei genug. Drei von acht Vorstandsmitgliedern bei uns kommen aus muslimischen Ländern.

Gehören Muslime zu Deutschland?
[Lacht] Wenn Sie so fragen: Ja. Der Islam aber gehört nicht zu Deutschland.

Manche Ihrer Parteifreunde setzen sich gegen eine sogenannte "Zwangshomosexualisierung" ein. Wurden sie zwangshomosexualisiert?
Nein, sicher nicht. Vom 10. bis 12. Juni machen die Homosexuellen in der AFD ihre Halbjahrestagung. Keiner, der in der AfD vernünftig tickt, hat Interesse daran, eine antischwule Partei in den nächsten 40 Jahren aufzubauen. Ein paar einzelne Stimmen gibt es immer.

Es gibt NPD-Mitglieder, die zur AfD wechseln. Meinen Sie, dass diese Leute Homosexuelle, Juden und Araber in ihrer Partei akzeptieren werden?
In der AfD ist es jedenfalls so, dass Schwarze, Schwule oder sonstwas akzeptiert werden. Vielleicht haben wir auch einen schwulen Schwarzen, aber das weiß ich nicht. Ich gehöre ja dem rechten Flügel der Partei an. Auch da will man sich mit dem Thema Homosexualität beschäftigen, man will es nur nicht mit Gender verbunden sehen.

Sie werden auf Wikipedia als Rechtspopulist vorgestellt. Sind Sie das?
Von mir aus, in Gottes Namen bin ich das halt. Da muss ich mich nicht mehr darüber aufregen.

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