Politik

Warum der Milliardär Dietmar Hopp kein Diskriminierungs-Opfer ist

So falsch es ist, den Hoffenheim-Investor zu beleidigen. Die Reaktionen auf die neuerlichen Schmähungen sind heillos übertrieben – und lenken von größeren Problemen ab.
2.3.20
Eine Collage mit Dietmar Hopp und dem Banner im Stadion
Collage: VICE || Stadion: imago images / Bernd König | Dietmar Hopp: imago images / Pressefoto Baumann

Am Wochenende kam es beim Bundesligaspiel zwischen Bayern und Hoffenheim zu einem sogenannten Eklat. Fans der Bayern beleidigten den Hoffenheim-Investor, Milliardär Dietmar Hopp, mit einem Spruchband. Daraufhin unterbrach der Schiedsrichter das Spiel zweimal. Aus Protest gegen die Banner kickten sich beide Mannschaften den Ball für den Rest des Spiels lustlos hin und her. Auch in anderen Stadien kam es zu Hopp-Schmähungen.

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So grundfalsch es ist, Hopp derart zu beleidigen: Die Reaktionen, die folgten, waren gnadenlos überzogen.

Bayern-Chef Rummenigge kommentierte: "Das ist das hässliche Gesicht des Fußballs." Thomas Müller, der in der Özil-Debatte noch negiert hatte, dass es überhaupt Rassismus im Sport gebe, nahm die Causa Hopp nun zum Anlass, einen einfühlsamen Tweet abzusetzen: "Gebt Hetzkampagnen, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und allen anderen Anfeindungen keine Chance." Das aktuelle Sportstudio sprach von "Irren", von "Fanatikern" und nannte den Spielabbruch "ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz". Mehrere Vereine solidarisierten sich in emotionalen Statements mit Hopp. Hopp selbst sagte, dass er sich an dunkelste Zeiten erinnert fühlt, und setzte sich implizit mit den Opfern des Nationalsozialismus gleich.


VICE-Video: Zu Besuch beim ersten Fußball-Hooligan der USA


Als wäre das nicht schon genug Übertreibung, gab die Mannheimer Polizei am Sonntag via Pressemeldung und Twitter bekannt, man habe eine "Ermittlungsgruppe" gegründet, die sich "aus erfahrenen szene- und ortskundigen Beamten zusammensetzen" werde, um die Täter der Beleidigungen gegen Dietmar Hopp zu überführen. "Wir nehmen konsequent die Ermittlungen gegen vermeintliche Straftäter auf", ließ sich Polizeipräsident Andreas Stenger "entschlossen" zitieren. Dass "vermeintlich" und "mutmaßlich" nicht dieselbe Bedeutung haben, ist der Pressestelle im Eifer des populistischen Gefechts offenbar durchgerutscht.

Beleidigungen werden nur strafrechtlich verfolgt, wenn der Geschädigte es ausdrücklich verlangt und Strafantrag stellt. Eine Ermittlung von Amts wegen, wie etwa bei Körperverletzung, gibt es ausdrücklich nicht. Die allermeisten Anzeigen Normalsterblicher wegen Beleidigung werden von den Staatsanwaltschaften ergebnislos eingestellt und der oder die Beleidigte auf den Privatklageweg verwiesen. Die Einrichtung einer "Ermittlungsgruppe" für ein derartiges Delikt dürfte ein Novum der Strafverfolgung in Deutschland sein – und das in einer Zeit, in der rechtsextreme Terroristen menschenmordend durch die Gegend ziehen. Auch wenn die Mannheimer Polizei natürlich angibt, "allen" Beleidigungen nachgehen zu wollen, ist klar, welchen Aussagen von welchen Tätern der Ermittlungseifer gilt.

Auch, wenn man sich leicht dem Vorwurf des "Whataboutisms" aussetzt: Das Kritisieren von zweierlei Maßstäben ist kein solcher. Seit Jahren stehen die Verbände DFB und DFL in der Kritik, weil sie zu wenig gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie unternehmen. Auch und gerade auf Haupt- und Gegentribüne wird gepöbelt, was die jüngsten rassistischen Vorfälle von Münster und Schalke zeigen, die nicht von der organisierten Fanszene ausgingen. Dass in Stadien landesweit "BVB-H****söhne" gesungen wird oder Hoffenheimer Fans den Gegner aus Freiburg als F****n titulierten, macht die Doppelmoral im Fall Hopp offenkundig.

Gegnerische Fans in Hoffenheim wurden ihrerseits in der Vergangenheit schon mal mit einer Schallkanone traktiert, die Störgeräusche von der Lautstärke eines Presslufthammers erzeugte. "Ein einzelner Mitarbeiter" sei dafür verantwortlich gewesen, gab die TSG letztlich zu, ein Schelm, wer diese Erklärung angesichts des offenkundigen Bescheidwissens vieler Ordnungskräfte für wenig glaubwürdig hält.

Es folgte das Abhören mit Richtmikrofonen, um Strafanzeigen wegen Beleidigungen stellen zu können. Die Prozesse, die der Geschädigte Dietmar Hopp nicht mit seiner Anwesenheit beehrte, sind im Berufungsverfahren. Angesichts des polizeilichen Ermittlungseifers und der dazugehörigen ungewöhnlichen Verurteilungsfreudigkeit kann man sich des Eindrucks einer Klassenjustiz in der Causa Hopp kaum erwehren.

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Denn die Auseinandersetzung mit Hopp ist vor allem eine symbolische: Kurvenfans haben europaweit den "modernen Fußball" als Feindbild ausgemacht, eine aus ihrer Sicht weichgespülte Kommerzveranstaltung der (oberen) Mittelschicht mit Klatschpappen und gesponserten Eckbällen, mit Stadien als Shopping-Centern. Der Vorwurf der Ultras an die Fußball-Bosse ist der Ausverkauf ihres Sports zugunsten von Geldströmen von Investoren und Mäzenen aus aller Welt, die sich auch Ligaspiele in Asien um sechs Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit vorstellen können, wenn es dem Geschäft dient. Eines der inkriminierten Transparente im Bayern-Block lautete dementsprechend: "Alles beim Alten, der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein H****sohn."

Und kaum jemand (außer RB Leipzig) repräsentiert dieses Modell nun einmal stärker als der mit viel Geld unter Biegen der 50+1-Regel aus dem Nichts ins Oberhaus katapultierte Mäzenatenclub aus Sinsheim. Wobei schon hier die Wortwahl vieler Journalisten schlampig ist. Denn normalerweise gehören einem "Mäzen" die geförderten Subjekte nicht. Michelangelo malte für die Medici, er war nicht ihr Eigentum. Dietmar Hopp aber hält 96 Prozent des Stammkapitals der Betreibergesellschaft und der Stimmrechte, faktisch "gehört" ihm die Profiabteilung der TSG.

Von Anfang an hat Dietmar Hopp die Kritik an seiner Person und seinem Modell mit "Diskriminierungen" in Verbindung gebracht. 2007 äußerte der damalige Manager von Mainz 05, Christian Heidel, es sei schade, dass Hoffenheim "einen der 36 Plätze im Profifußball wegnimmt". Bereits damals verlangte Hopp vom DFB, solche Äußerungen genauso konsequent wie Rassismus zu ahnden.

Wenn Hopp aktuell davon spricht, die Beleidigungen gegen ihn erinnerten ihn "an die dunkelsten Zeiten", so führt diese Anspielung, mit der für gewöhnlich der Nationalsozialismus gemeint ist, die schamlose Gleichsetzung mit verbrecherischem Rassismus und Antisemitismus weiter fort. Doch die Nazis taten etwas mehr, als ihre Feinde als H****söhne zu titulieren.

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Hopps Missverständnis von Geschichte zeigt sich auch in seinem Verhältnis zu seiner eigenen Familie, im beschwichtigenden Umgang Hopps mit der NS-Vergangenheit seines eigenen Vaters, eines Lehrers und SA-Führers, der persönlich nicht unmaßgeblich an der Vertreibung der Sinsheimer Juden beteiligt war. Hopp hat sich dieser Vergangenheit einerseits gestellt und über seine Stiftung Erinnerungsprojekte finanziert. Andererseits aber kritisierte die Jüdische Allgemeine, dass Hopp die persönliche Verantwortung seines Vaters zu einer Zwangshandlung umdeute und entschulde.

Zur Erinnerung: Diskriminierung heißt, dass Menschen anhand bestimmter Merkmale wie Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe, Herkunft, Religion abgewertet werden. Diskriminierung ist, wenn man mit türkischem Nachnamen keine oder nur schlechte Job- und Wohnungsangebote bekommt. Oder als Frau weniger Geld verdient als männliche Kollegen. Oder mit anderer Hautfarbe als "Weiß" nicht sicher Straßenbahn fahren kann. Oder aufgrund der Tatsache, dass man schwul ist, zusammengeschlagen wird.

Das Beleidigen eines unermesslich reichen und mächtigen Mannes ist hingegen keine Diskriminierung, egal wie fehlgeleitet oder moralisch verwerflich es sein mag. Hopp wird nicht diskriminiert, er wird von Verbänden, Politik und Journalismus mehrheitlich hofiert. Zugute gehalten werden Hopp dabei regelmäßig seine wohltätigen Spenden und Stiftungen, sein Engagement für den Jugendsport in der Rhein-Neckar-Region oder die Krebsforschung. All das ist unbestritten. Doch Hopp ist eben nicht nur der selbstlose Gönner, sondern auch jemand, der seine persönlichen Ziele mit aller Macht durchsetzen will. Jahrelang war die von ihm mitgegründete Software-Firma SAP der letzte DAX-Konzern ohne Betriebsrat. Als die Gewerkschaften diese gesetzlich vorgeschriebene Institution schließlich auf dem Klageweg erzwangen, drohte Großaktionär Hopp mit der Verlegung der Konzernzentrale.

Das alles hat sehr viel mit Dietmar Hopp und seiner Auffassung davon zu tun, wie die Welt eingerichtet sein sollte: Wenn Gesetze nicht passen, dann versucht man eben eine #LexHopp zu etablieren. Auch das Austeilen von Wohltätigkeiten führt dabei letztlich zu Abhängigkeiten vom Goodwill des großen Gönners.

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