Ich habe einen Hund gedatet, um meine Einsamkeit zu bekämpfen
Illustration by Grace Wilson
Dating

Ich habe einen Hund gedatet, um meine Einsamkeit zu bekämpfen

Mit dem Tinder für Haustiere kann man auch ganz unsexuell Freude und Abwechslung in sein Leben bringen. Oder es zumindest versuchen.
15.7.16

Ich wurde als Single geboren und habe vor, als Single zu sterben. Ich bin ein einsamer Wolf. Meine innere Stimme (und mein Klingelton) singt Gilbert O'Sullivans „Alone Again (Naturally)". Versteht mich jetzt nicht falsch: Ich werde gerne gefingert und hätte das auch mal wieder nötig, aber ich werde mir dafür ganz sicher nicht die bedeutungsfreien Geschichten hinter den Tattoos irgendeines Typen anhören, den ich bei Tinder aufgegabelt habe.

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Ich muss mir auch kein verdammtes Date für irgendeinen Feiertage suchen, nur um meinem Dasein eine Bedeutung zu verleihen—danke, aber nein danke. Als sich jedoch die Gelegenheit ergab, mehrere Stunden ungestörter Zweisamkeit mit einem Hund zu verbringen, der als „ziemlich begehrt" angepriesen wurde, dachte ich mir: Was hab ich schon zu verlieren? Wenigstens reden Hunde nicht.

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Ich habe mich über eine App namens BarkN'Borrow verabredet, die von der New York Times als das „Tinder für Dates mit Hunden" bezeichnet wurde. Ein in meinen Augen ziemlich unpassender Vergleich, schließlich wollte ich den Hund nicht für irgendwelche seltsamen zoophilen Neigungen missbrauchen. Ich wollte einfach nur ein wenig Gesellschaft. Und ich mag mich ja vielleicht täuschen, aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der Tinder nur dazu genutzt hat, um neue Leute kennenzulernen.

Mein Date war die Nummer 5 auf der BarkN'Borrow-Liste der „Top 5 der begehrtesten Hunde für ein Date in LA", ein 6 Monate alter Dachshund-Beagle-Mischling namens Mila. Auf ihrem Profil stand, dass sie „gern an Sachen rumkaut, Leckerlis mag und gerne mit dem Schwanz wedelt." Schon mal drei Dinge, die sie mit meinem Ex-Mann gemeinsam hat, dachte ich mir. Vielleicht könnte also auch zwischen Mila und mir eine dem Untergang geweihte, missglückte Liebesbeziehung erblühen.

Auf ihrem Profil stand, dass sie gern an Sachen rumkaut, Leckerlis mag und gerne mit dem Schwanz wedelt. Schon mal drei Dinge, die sie mit meinem Ex-Mann gemeinsam hat.

Ich identifiziere mich selbst als bisexuell und der Grund für meine Bisexualität ist ziemlich simpel: Ich finde die überwältigende Mehrheit der Menschheit schlichtweg abstoßend und gebe deshalb—unabhängig vom Geschlecht—jedem eine Chance, der nicht meinen Brechreiz provoziert. Wem mach ich etwas vor: Momentan gebe ich alles und jedem eine Chance. Wenn ich einen Hund treffen würde, den es genauso wütend macht wie mich, wenn jemand seinen Hund mit in eine Bar bringt, dann würde ich nicht lange zögern und ihm eine Leine umlegen.

Dass Mila angegeben hat, eine braun-weiße Cisfrau zu sein, fand ich besonders interessant.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz einschieben, dass ich eigentlich überhaupt kein Hundemensch bin. Seit mich mal einer im zarten Alter von 16 Jahren gebissen hat—nicht einvernehmlich—, begegne ich ihnen generell mit Vorsicht und Misstrauen. Hass und Abscheu beschreiben aber auch meine grundsätzliche Haltung gegenüber Männern, seit mich einer von ihnen im zarten Alter von 17 Jahren ohne meine Einwilligung gefickt hat. Und ich gehe trotzdem noch mit ihnen aus. Warum also nicht auch mit einem Hund?

Am Abend vor meiner Verabredung zeige ich meiner Freundin Lil' Mama ein Foto von Mila. Das quietschende „Awww!", das ihr beim Anblick des niedlichen Hundegesichts entfährt, dreht mir meinen eisernen Magen um. Ich zeige das Foto bei einer Party herum—auch dort überall dieselbe Reaktion. Meine Freunde waren allen Anschein nach insgesamt aufgeregter, wegen meines bevorstehenden Dates mit einem Hund, als sie es bei einem menschlichen Bewerber gewesen wären. Schon klar, dachte ich mir. Er ist süß und hat Schlappohren. „Aber wenn er auf meine verdammten Sachen pisst, werfe ich ihn in hohem Bogen raus", murmelte ich leise vor mich hin.

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Und das hätte ich tatsächlich auch tun können—wäre ich ein Monster. Anscheinend braucht es absolut keine Qualifikation dazu, sich mit Hunden anderer Menschen zu treffen, die einen überhaupt nicht kennen.

„Ich würde meinen Hund keinem Fremden anvertrauen", sagte Lil' Mama.

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Aber ist es nicht dasselbe, seinen Hund über eine App anzubieten, wie wenn man sich selbst auf Tinder anbietet?, frage ich. Und ist Tinder nicht eigentlich noch viel schlimmer, weil du einem Fremden quasi deinen Körper anvertraust? Ist dein Körper nicht mehr wert als der eines Hundes?

„Nein", antwortet sie. Touché.

Ich beschloss, mit ihr spazieren zu gehen und anschließend ein bisschen zu spielen—was, jetzt wo ich drüber nachdenke, wie jede andere meiner Verabredungen klingt.

Ein paar Tage zuvor habe ich in den Nachrichten einen Beitrag über eine Frau gesehen, die ihr „emotionales Begleittier", ein Hängebauchschwein, mit in ein Flugzeug genommen hat. Ihr Verhalten rechtfertigte sie damit, magersüchtig gewesen zu sein. Ich war auch mal magersüchtig—schließlich bin ich eine verdammte Frau und unsere Gesellschaft die Hölle—, aber man sieht mich deswegen kein Schwein mit mir rumschleppen. Während die Frau ihr Schwein streichelte und die Zuschauer darüber informierte, dass „es das Stresslevel senkt, wenn man ein Tier streichelt", versuchte ihre Sitznachbarin ihre Abscheu hinter einem verkrampften Lächeln zu verbergen. Mein Stresslevel war ziemlich hoch, noch bevor ich überhaupt Hand an den Hund gelegt hatte. Mich plagten einige wichtige Fragen.

Was zur Hölle sollte ich mit ihr tun?

Darf man vor Hunden rauchen?

Nicht nur, dass ich mich mit ihr beschäftigen musste, ich war auch noch mit ihr verabredet. Wo gehen Leute bei der ersten Verabredung hin?, fragte ich mich. In eine Bar? Nein, ich weigerte mich, so ein Mensch zu werden! Leute, die ihren Hund mit in eine Bar nehmen, schreien förmlich „Schau mich an!" und wirken dabei trotzdem traurig und verzweifelt. Sie sind das Pendant zu Leuten, die ihren Dr.-Seuss-Hut auch fernab eines Raves aufbehalten oder Lippenteller haben, ohne jemals für die National Geographic fotografiert worden zu sein. Bemitleidenswert.

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An den Strand?

Nein, das fällt aus. Ich hasse den Strand und meine zukünftige Hundebraut hat das einfach zu akzeptieren. Stattdessen beschloss ich, mit ihr spazieren zu gehen und anschließend ein bisschen zu spielen—was, jetzt wo ich drüber nachdenke, wie jede andere meiner Verabredungen klingt.

Nachdem sie von ihren grinsenden und gut angepassten Besitzern bei mir abgeliefert wurde, führte ich sie in meine Wohnung. Als wir uns hinsetzten, schnüffelte sie zuallererst an meinem Schritt. OK, dachte ich mir. Genau wie bei einem richtigen Date. Sie verlor schon bald das Interesse an meiner unteren Region—es war also definitiv ein Date.

Ihre Leine, ihr Halsband, ihre Spielsachen und ihre Futterschüssel waren alle im exakt gleichen Pinkton gehalten. Sie war sehr viel mädchenhafter als die Frauen, die ich normalerweise date, aber ich beschloss, darüber hinwegzusehen. Das Herz will, was das Herz will.

Nach nicht all zu langer Zeit schaute sie nur noch gedankenverloren aus dem Fenster und ignorierte meine Gegenwart komplett, was so ungefähr jede meiner ehemaligen Beziehungen widerspiegelte und sie noch anziehender für mich machte. Mit einer unerschütterlichen Gleichgültigkeit gegenüber so ungefähr allem—auch beim Spielen—, stellten wir einen pantomimischen Tauziehwettbewerb nach. Ich wusste jedoch, dass sie nicht mit dem Herzen dabei war. Anschließend starrten wir uns einfach nur noch schweigend an.

Lil' Mama kam vorbei und lebte durch Milas Anwesenheit geradezu auf. Ich fragte mich, ob sie Mila aufregender fand als mich.

„Sie spüren, wenn man sie mag", sagte Lil' Mama, während Mila ihr das Gesicht ableckte.

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Aber wie kann ich sie mögen, wenn ich sie doch gerade erst kennengelernt habe?, dachte ich mir. Die Parallele zwischen dieser Aussage und meinen menschlichen Verabredungen ist mir nicht entgangen.

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Wir gingen mit Mila zu meinen Freunden Kelly und Caitlin, weil die beiden einen Garten haben und ich nur ein kleine miefige Wohnung. Auf dem Weg dorthin versuchte mein Date, einen weggeworfenen Taco und eine Bananenschale zu fressen. Ich fand den unaufhörlichen Kampf, Sachen aus ihrem Mund zu befreien, vom ersten Moment an ziemlich nervig. Soll das Spaß machen?, dachte ich. Mögen Leute so was? Willst du mich verarschen? Ich stellte fest, dass ich das Gleiche auch über Verabredungen dachte, was auch der Grund dafür war, dass ich generell Abstand davon genommen habe.

Mila ist noch ein Welpe und hatte auch die Energie von einem. Das Date mit ihr war wie ein Date mit einem jungen, dummen Menschen mit Samenstau: noch immer neugierig und unbeschwert, weil das Leben sie noch nicht niedergestreckt hat. Ich fand ihren Enthusiasmus einfach nur ermüdend. Je älter ich werde, desto attraktiver finde ich ältere Partner, weil sie—genau wie ich—die Sinnlosigkeit hinter absolut allem erkannt haben.

Während wir draußen in der Gegend herum trotteten, waren alle Augen auf Mila gerichtet—so wie auch ein begehrter Junggeselle beziehungsweise eine Junggesellin die Blicke auf sich zieht. Mila hat ihren Platz unter den Top 5 definitiv verdient, auch wenn sie auf ihrem Profilfoto jünger und süßer aussah. Aber ist das nicht immer so, wenn du jemanden datest, den du online getroffen hast? Wenigstens war sie auch wirklich ein Hund.

Während ich ihr dabei zusah, wie sie im Garten von Kelly und Caitlin fröhlich im Kreis sprang wie ein energiegeladener Gummiball, spürte ich rein gar nichts—kein Funke, keine besondere Verbindung. Es gab keine Zukunft für uns. Auf der Fahrt zurück zu ihren Besitzern sah ich zu ihr nach unten. Sie schaute mich mit einem Blick an, der schon fast von Liebe hätte sprechen können. In ihren Augen sah man, dass wir einen schönen Nachmittag miteinander hatten. In meinem sah man, dass ich die Sekunden zählte, bis das alles endlich vorbei war.

Wie einen One-Night-Stand setzte ich sie vor ihrer Tür ab und war froh, dass ich sie wieder los war.