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​Der tschetschenische Diktator hat ein Fest für Flüchtlinge in Kiel organisiert

Hilfe für Flüchtlinge in Deutschland ist derzeit populär—dachte sich auch der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow und lud 1.600 Flüchtlinge zu einem Festessen in Kiel.

von Georg Fauser
05 Oktober 2015, 9:00am

Der Saal ist gut gefüllt an diesem Freitagabend. Etwa 800 Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, sitzen um die festlich gedeckten Tische im Kieler Event-Center Arcadia. Die Erwachsenen machen Selfies, zwischen den Tafeln spielen Kinder. Auf den weißen Tischdecken stehen Softdrinks und Baklava, während die Gäste auf den Hauptgang warten.

Etwa 1.600 syrische Flüchtlinge feiern hier auf dem Kieler Ostufer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen das islamische Opferfest—auf Einladung des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow.

Auch der 16-jährige Hasan und sein Bruder Mohamed sind unter ihnen. Sie wissen nicht, wer das Festessen ausrichtet, eigentlich ist es ihnen auch egal. Sie sind ohne Familie nach Deutschland gekommen und froh, den heutigen Abend nicht im Lager verbringen zu müssen. Die Zimmer dort seien gut, sagen sie, doch so etwas wie heute haben sie schon lange nicht mehr gesehen.

Die Flüchtlinge wurden mit eigens angemieteten Shuttlebussen von ihrer Unterkunft, die meisten aus einem Containerdorf am Kieler Stadtrand, zum Veranstaltungsort gebracht. Es ist einer dieser Räume für Großveranstaltungen, die jeder kennt, der schon mal auf einem Abiball war. In einem Gewerbegebiet an einer Schnellstraße gelegen, finden hier zwischen Plastikblumen und Säulenattrappen normalerweise Hochzeiten und Firmenfeiern statt. Den Eingangsbereich überspannt eine mit Leuchtschlangen geschmückte Pappmaché-Nachbildung der Bosporus-Brücke. Kadyrow selbst bezeichnet es auf Instagram als „eines der besten Restaurants der Stadt".

Rund 30.000 Euro hat sich der Diktator das Opferfest-Dinner angeblich kosten lassen. Offizieller Gastgeber ist die nach seinem Vater benannte Achmat-Kadyrow-Stiftung, deren Banner auch im Festsaal hängen. Russischen Medienberichten zufolge nutzt der Kadyrow-Clan den Fonds zur Kontrolle der tschetschenischen Wirtschaft. Angeblich müssen Staatsangestellte zehn Prozent ihres Lohns entrichten.

Instagram-Post von Kayrow. Screenshot von Instagram-User dugazaev_95..

Der tschetschenische Präsident steht gemeinhin nicht im Ruf, ein großer Menschenfreund zu sein. Er regiert die russische Kaukasusrepublik seit acht Jahren mit eiserner Hand. Um ihn und seinen Vater, der 2004 bei einem Bombenanschlag getötet wurde, wird in Tschetschenien ein regelrechter Personenkult betrieben. Immer wieder werden Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen laut, dass sich der Präsident politischer Konkurrenten und Kritiker mit Hilfe von Folter und Mord entledigt.

Umar Israilov, ein Abtrünniger Gefolgsmann Kadyrows, wurde 2009 im Exil in Wien auf offener Straße erschossen. Die Jamadajew-Brüder, politische Konkurrenten des Präsidenten, wurden in Moskau und Dubai ermordet. Auch hinter den Morden an der Journalistin Anna Politikowskaja und dem Oppositionsführer Boris Nemzow vermuten russische Oppositionelle tschetschenische Attentäter in Kadyrows Auftrag.

Der Hauptgang wird in den Raum gerollt—es gibt Lammgulasch mit Reis—halal natürlich, wie Cağri Güneş, Geschäftsführer des Arcadia Event-Centers, erklärt. Er habe kein Problem damit, eine Veranstaltung für den tschetschenischen Präsidenten zu organisieren, sagt er, für ihn stünde das Engagement für die Flüchtlinge im Vordergrund. „Ich bin stolz, dass wir den Flüchtlingen ein solches Event bieten können", viele hätten sich bei ihm für den gelungenen Abend bedankt. Von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien weiß er nichts.

Ramsan Kadyrow gilt als enger Gefolgsmann Wladimir Putins. Dass Putin momentan mit einer Militärintervention versucht, Syriens Diktator Baschar al-Assad an der Macht zu halten, lässt die Kieler Charity-Veranstaltung auf Kosten Kadyrows wie blanken Hohn gegenüber den syrischen Flüchtlingen wirken. Viele von ihnen wurden von der Gewalt des Assad-Regimes gegen die Zivilbevölkerung zur Flucht gezwungen. Zumal Kadyrows Herrschaft selbst seit Jahren einen beständigen Flüchtlingsstrom aus Tschetschenien verursacht.

Auf Instagram und in zahlreichen russischen Medien, die über das Festessen in Kiel berichteten, nutzte Kadyrow das Event, um sich als barmherziger Wohltäter für die Geflüchteten zu inszenieren. Da das Opferfest als eines der höchsten Feste im Islam untrennbar mit dem Spenden verbunden ist, liegt es nahe, dass ein spendiertes Festessen für muslimische Flüchtlinge für gute Publicity im islamisch geprägten Tschetschenien sorgt.

Organisiert haben den Abend der Boxpromoter Timur Dugazaev und der Sportmanager Mario Lemke aus Kiel. Dugazaev ist selber Tschetschene und enger Vertrauter von Ramsan Kadyrow. Erst im Juli dieses Jahres erhielt er einen Orden von Kadyrow—den Achmat-Kadyrow-Orden. Auf seinem Instagram-Profil sieht man ihn mit dem Diktator in Boxermanier posieren—Kadyrow ist selber Boxer und fordert in Ungnade gefallene Minister schon mal auf, mit ihm in den Ring zu steigen.

Dugazaev erklärt am Rande des Essens, dass die Stadt Kiel, inklusive Oberbürgermeister, hinter der Veranstaltung stünden und er auch noch über eine weitere Spende der Achmat-Kadyrow-Stiftung in Höhe von 100.000 Euro zugunsten der Flüchtlinge in Kiel verhandeln würde. Auch Kadyrow selbst dankte auf Instagram den Kieler Behörden für die gute Zusammenarbeit bei der Organisation der Veranstaltung—was im Rathaus für Empörung sorgt:

„Hier wird die Notlage von Menschen für politische Selbstzwecke schamlos ausgenutzt", sagt Stadtrat Gerwin Stöcker und weist die Behauptung, die Stadt habe die Einladung der Flüchtlinge zu dem Opferfestessen unterstützt, entschieden zurück.

Nach gut drei Stunden kommt zumindest für die anwesenden Kinder der Höhepunkt des Abends. Von der Bühne verteilen Mitarbeiter Spielzeug an den Nachwuchs, die Eltern halten die Bescherung mit ihren Handykameras fest. Die vor der Tür bereitstehenden Busse sammeln die Leute ein und bringen sie wieder in ihre Unterkünfte.

Für die Mehrheit der 1.600 Geflüchteten waren die beiden Abende vor allem eine willkommene Abwechslung vom Alltag in den Flüchtlingsheimen. Für den tschetschenischen Diktator war es ein gelungener PR-Coup.

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