Rudis Brille

Warum die Nordbahnhalle zwar keine Musik-Location ist, ihr aber hingehen solltet

Wir haben einen Nachmittag in der Nordbahnhalle verbracht und uns für euch informiert, was das TU-Projekt so in sich hat und warum das mit dem Techno wohl ein Wunschgedanke bleibt.

von Rudi Wrany
17 August 2018, 2:00pm

Seit 2012 wohne ich im Nordbahnviertel. Ich blicke von meinem Schlafzimmer aus direkt auf den denkmalgeschützten Wasserturm und auf ein gelbes Gebäude, das seit neuestem den Schriftzug "N" trägt. Bis 2017 tat sich hier nichts Besonderes, doch plötzlich vernahm ich mir sehr bekannte Geräusche. Man hörte Bands proben und spielen, sah Ausstellungen und sogar elektronische Events fanden schon in der neuen Venue Nordbahnhalle statt.

Ich treffe auf meinem weiten Weg zum Interview – ich musste schon beachtliche 150 Meter radeln – Mara Reinsperger. Der Tag in der Nordbahnhalle ist hektisch. Es proben Bands, es gibt viele Meetings und Besprechungen.

Die Nordbahnhalle von außen

Mara Reinsperger hat viel zu erzählen: Die Nordbahnhalle ist ein Zwischennutzungsprojekt, das vom Klima-und Energiefonds gefördert wird. Davor war die Halle im Eigentum der Firma IMGRO, einem Nahrungsmittelgroßhandel, der (nach Linz) umgezogen ist und die Halle auf den ÖBB-Gründen verwaist zurückgelassen hatte. Die derzeitigen Nutzer kommen von der Technischen Universität Wien und betreiben dort das Forschungsprojekt der "Nutzungsmischung": Wie werden Neubaugebiete in der Stadt am besten genutzt, was fehlt ihnen, was brauchen sie, um lebenswert zu erscheinen? Beteiligt daran sind unter anderem auch das Architekturzentrum, das Integrationshaus und die Stadt Wien. Eingezogen sind die derzeitigen Betreiber im März 2017. Die "Halle" besteht aus mehreren Teilhallen und einem großen Werkstättenbereich für Menschen mit Liebe zum DIY.

Während Mara erzählt, kommen ständig Menschen auf sie zu, die nach Eiswürfeltruhen oder sonstigen Dingen "für die Hochzeit morgen" fragen. Es herrscht ein ziemliches Gewusel, Busse voller Leute werden angekarrt und die Leute bekommen indisches Essen. Doch Mara lässt sich nicht aus der Ruhe bringen durch die vielen Unterbrechungen und führt uns geduldig herum.


Auf VICE-Video:


Im Kern gehe es darum, wie man Nutzungen in ein Neubaugebiet bringen kann, das noch nicht zwingend als Charme-Gegend bezeichnet werden kann (wie eben das Nordbahnviertel). Es werden etwa im Rahmen des Projektes eine bestimmte Anzahl von Arbeitsplätzen angesiedelt, die später – so der Plan – in das Neubaugebiet integriert werden und dahin übersiedeln sollen. Derzeit gehen etwa 100 Menschen in verschiedenen Bereichen Tätigkeiten nach.

Daneben gibt es in einer der drei Teil-Hallen einen Coworking Space, in dem sich 26 Macherinnen und Macher angesiedelt haben – Fotografen, Handwerker, Grafiker, EDV-Experten und jedwede Art von Künstlern.

Diese können sich vier Quadratmeter Lagerfläche (oder auch mehr) mieten und in der gemeinsamen Werkstatt ihre Arbeit verrichten. Später könnten sie im Rahmen des neuen "Erdgeschossmanagements" – ähnlich dem der Wiener Seestadt – im Bereich des neuen Wohngebietes aufgeteilt werden, wenn sie das möchten. Detailpläne sind hier noch nicht ausgefeilt, denn die Erdgeschosse des neuen Wohngebietes im Nordbahnviertels sind noch größtenteils verwaist. Im vordersten Teil befindet sich das Stadtmodell der Stadt Wien, wo mittels 3D-Modell gezeigt wird, wie das neue Stadtentwicklungsgebiet einmal aussehen wird.

Die anderen Teile der Halle werden eben vom Forschungsprojekt der TU, für das Frau Mara Reinsperger arbeitet, betrieben und beinhalten Eventhalle und den Raum für Kreative. Daneben gibt es auch jede Menge Subprojekte, wie etwa den "Refugees Code", wo Geflüchteten das Programmieren beigebracht wird, oder das "Magazin" mit angeschlossener Kantine und dem Veranstaltungsbereich. Umgebaut wurde das Ganze im Rahmen einer TU-Lehrveranstaltung "design.build", wo man sich vorher ein Konzept überlegen musste, denn als einst die Firma IMGRO auszog, war die Halle danach eine Ruine.

Der alte Wasserturm, der in der Mitte des Innenhofes steht, kann allerdings nicht veranstaltungstechnisch genutzt werden. Sehr wohl aber der Hof, der auch als Gastrozone ohne Konsumzwang gesehen werden kann. Man kann sich setzen, die Hochbeete bewundern, die vom Integrationshaus angelegt wurden, oder einfach bei einem Drink chillen. Praktikanten werden einige Wochen geschult und bauen Skateboards oder arbeiten im Garten.

Das Veranstaltungsprogramm der Nordbahnhalle ist vielfältig: Es finden Ausstellungen statt, Streetfoodfestivals, Firmenevents aber auch – und hier werden meinen Ohren größer - Konzerte und Events. Gern hört man die Wörter "Techno" und "Rave" aber nicht. Als ich etwa Bliss anspreche, das hier im Juni stattfand (als offizielles Afterevent zur Regenbogenparade bei freiem Eintritt, stockt die Stimme von Mara ein bisschen. Man müsse sehr auf die Anwohner achten und es sei ein netter Versuch gewesen mit dem gut besuchten "Bliss-Konzert".

Dass man nächtliches Bassgewitter hört, ist freilich unvermeidlich. Das dortige (schon länger bestehende) Stadtgebiet sei es gewohnt, es ruhig zu haben und daher wird die Nordbahnhalle vorläufig wohl kein regelmäßiges Musikvenue. Dieses Pflänzchen muss man ganz behutsam und zart gießen – gerade in Zeiten hochsensibilisierter Magistratsbeamter. In die kommerzielle Clubschiene wolle man selbstredend nicht abdriften und Anfragen vieler Party- und Eventveranstalter genießt man noch mit Vorsicht, denn man will bei niemandem in dem neuen Viertel anecken. Vor 22:00 Uhr ist aber einiges möglich: "Belebung" ist das Zauberwort.

Viele Konzert-Events finden im Rahmen der Mobilitätsagentur der Stadt Wien statt und halten sich daher streng an die Lärmvorgaben. Untertags, wenn Bagger und Kräne Baulärm verursachen, wäre das eigentlich leichter, aber wer will schon auf ein Event montags um 14:00 Uhr? Man will aber seitens der Betreiber einen erträglichen Bereich an Kultur ins Stadterneuerungsgebiet holen.

Geplant ist, dass die Halle zumindest zum Teil erhalten bleiben soll. Sie dient als Impulslab für neue Nutzungen. Der öffentliche Raum (der "MacherInnen"- Bereich etwa) im hinteren Bereich soll in jedem Fall noch über 2019 hinaus bleiben, während der vordere Bereich möglicherweise abgerissen wird, da hier eine Umkehrschleife für die Linie "O" entstehen soll. Die Finanzierung der Halle und ihrer vielen Projekte ist logischerweise auch eine ständig wiederkehrende Frage, die jährlich neu gestellt werden muss. Seitens der Betreiber ist man aber dabei, das Projekt noch so lange es geht am Leben zu halten. Ende 2018 besteht in jedem Fall noch die Möglichkeit, den Pachtvertrag noch bis Mitte 2019 zu verlängern, was dann geschieht, wird sich weisen, die Politik ist am Zug. Wenn man wollen würde – das höre ich heraus – dann könnte man die Nordbahnhalle als Institution erhalten. Das große Hoffen beginnt.

Am Schluss gehen wir noch auf die Boccia-Bahnen hinter die Halle, die in der etwas fremd anmutenden Wildnis des Geländes erbaut wurden. Man sieht noch die Gleise der alten Anlagen und vorne die Riesenkräne, die einen neuen Bildungscampus errichten. Dazwischen können auch mal ein Hase und ein Fuchs vorbei zischen. Schön, dass es das gibt und schön auch die Eigendefinition: "In der Nordbahn-Halle wird gedacht, gebaut, erprobt, konzipiert, diskutiert und gezeigt".

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