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Blatters Nachfolger Infantino: Der gleiche Käse

Gianni Infantino will die FIFA grundlegend reformieren. Doch erst im Dezember war er mit Blatter Glühwein trinken. Auch in anderen Punkten steht er für dieselben Praktiken.

von Paula Dupraz-Dobias
29 Februar 2016, 4:00pm

EPA

Am Ende ist erneut ein Schweizer der neue Präsident der FIFA und damit Nachfolger von Sepp Blatter. Neun Monate, nachdem der Weltfußballverband von einem riesigen Skandal erschüttert wurde, fiel die Wahl auf Gianni Infantino—den früheren Generalsekretär der UEFA. Auf ihn wird jetzt die Hoffnung gesetzt, die Organisation wieder in ein besseres Licht zu führen.

Ob das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Schließlich gilt Infantino sowohl als enger Vertrauter von Blatter als auch vom ehemaligen UEFA-Boss Michel Platini. Die Nähe zu Blatter wurde ihm gewissermaßen schon in die Wiege gelegt: Denn Infantino stammt aus Brig, nur 10 Kilometer von Sepp Blatters Heimatstadt Visp entfernt.

Vor der Abstimmung wurden Zweifel laut, ob der nächste FIFA-Boss die nötigen Reformen auf den Weg bringen würde. Neben der Wahl zum Präsidenten haben die 207 Nationalverbände auch einen weitreichenden Reformkatalog angenommen.

Wie zu erwarten war, ging es bei der Wahl zum gerade mal neunten Präsidenten in 112 Jahren FIFA auch um Politik. Mit Ausnahme des Brasilianers João Havelange, Blatters Vorgänger, waren alle bisherigen Präsidenten des Weltfußballverbandes Europäer. Dieses Mal waren hingegen drei von fünf Bewerbern Nichteuropäer.

Viele äußersten Erleichterung, dass der favorisierte Kandidat, Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa in der zweiten Runde der Abstimmung nicht genügend Stimmen hielt, nachdem einige Delegierte ihre Stimmen am Ende strategisch abgaben. Einer von ihnen war der Präsident des US-amerikanischen Fußballverbands, Sunil Gulati, der zugab, in der zweiten Runde auf Infantino gesetzt zu haben, weil sein Favorit Ali al Hussein, ein jordanischer Prinz und der womöglich größte Reformer unter den Kandidaten, zu wenige Stimmen erhalten hatte.

Besonders glücklich über die Niederlage von Scheich Salman war Sayed Ahmed Alwadaei. Alwadaei, ein Demokratie-Verfechter aus dem Bahrain, war zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt und gefoltert geworden, nachdem er an Protesten gegen das Regime seines Landes teilgenommen hatte. Zur eigenen Sicherheit ist er dann aus dem Land geflohen. „Es wäre eine moralische Bankrotterklärung gewesen, institutioneller Selbstmord, würde Salman gewählt werden", meinte Alwadaei am Freitag vor der Abstimmung. Das Letzte, was die FIFA jetzt noch gebrauchen kann, ist der Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen und Folter." Unter den Verfolgten und Gefolterten sollen laut Alwadaei auch mehrere Sportler gewesen sein.

Bei einer kurzen Pressekonferenz dankte Infantino Michel Platini, der bei der UEFA sein Boss gewesen war, bis er wegen einer Schmiergeldzahlung in Höhe von zwei Millionen Dollar an Blatter suspendiert wurde.

Proteste gegen Scheim Salman. Foto: Paula Dupraz-Dobias

Der neue FIFA-Präsident ist mit dem Versprechen von üppigen Zuschüssen an die Nationalverbände angetreten, obwohl der Vize-Generalsekretär der FIFA, der Deutsche Markus Kattner, noch am Tag der Abstimmung die Delegierten daran erinnert hat, dass die FIFA gerade knapp bei Kasse sei. Außerdem warb Infantino für 40 statt 32 Mannschaften bei Weltmeisterschaften, was natürlich gut bei den Nationalverbänden ankam.

Der belgische Verbandspräsident, François de Keersmaecker, zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis. Infantino, sagte er, sei „die beste Garantie dafür, dass es bei der FIFA zu Reformen kommt... der richtige Mann am richtigen Ort."

Roland Büchel—ein Schweizer Parlamentarier und Befürworter eines vor Kurzem angenommenen Gesetzes („Lex FIFA"), mahnte hingegen, dass Infantino erst noch beweisen müsse, „dass er die Reformen auch wirklich umsetzen will. Denn nur darum geht es jetzt."

Unter dem neuen Gesetz gilt private Korruption in Organisationen mit Sitz in der Schweiz, wie eben der FIFA, jetzt als Verbrechen—und die Funktionäre als „politisch exponierte Personen" (oder PEP).

François Carrard, Vorsitzender des FIFA-Reformkomitee. Foto mit freundlicher Genehmigung von EPA

François Carrard—der kurz nach dem Bekanntwerden des Skandals zum Vorsitzendes des Reformkomitees ernannt wurde—sagte am Freitag, dass die beschlossenen Reformen „nicht als Schlusspunkt, sonder als Beginn eines Reformprozesses" angesehen werden müssen.

Zu den Reformen zählen die Trennung von Politik und Wirtschaft durch die Schaffung einer neuen Behörde (der „FIFA-Rat"); Amtszeitbeschränkungen für Funktionäre (höchstens drei Amtszeiten à vier Jahre); Eignungsprüfungen sowie die Verpflichtung, seine Einnahmen offenzulegen. Außerdem sieht der Reformkatalog vor, die Teilnahme von Frauen zu fördern. Aktuell würden laut Carrard im 36-köpfigen FIFA-Exekutivkomitee bereits sechs Mal so viele Frauen mitwirken wie zuvor. (Was toll klingt, aber die Zahl ist gerade mal von einer auf sechs angestiegen).

Indes hat sich auch Sepp Blatter über die Wahl Infantinos gefreut: „Mit seiner Erfahrung, seiner Expertise und seinen strategischen wie diplomatischen Fähigkeiten bringt er die nötigen Qualitäten mit, um mein Werk fortzusetzen. Dem ZDF hatte Blatter auch noch erzählt, dass er mit dem neuen Präsidenten zur Weihnachtszeit Glühwein trinken war und ihm Tips für eine Kandidatur gab. Ob diese Nähe zu Blatter (und zu Platini) seinem Ruf und dem der FIFA wirklich dienlich ist, ist doch mehr als streitbar.

Der gefallene Spitzenfunktionär wurde bei dem außerordentlichen Kongress fast keines Wortes gewürdigt. Nur Carrard hielt es für nötig, sich am Freitag explizit bei Blatter für seine Unterstützung für das Reformkomitee zu bedanken: „Erst dank ihm und einigen anderen Funktionären war es möglich, dass unser Komitee—trotz der schwierigen Bedingungen—in Ruhe und unabhängig arbeiten konnte."

Das ist eine Sichtweise. Man könnte aber auch sagen: Nur aufgrund des Systems Blatter wurde überhaupt erst ein Neuanfang samt Reformkatalog nötig.