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Der implizite Autor

Jakob Fricke studierte eigentlich Ökonomie. Doch dann gründete er dann den Yanus Verlag, um Klassiker wie "Die Verwandlung" von Franz Kafka, oder "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm neu, günstig und in unterschiedlichen Formaten aufzulegen.
15.5.11

Jakob Fricke studierte eigentlich Ökonomie. Doch dann gründete er dann den Yanus Verlag, um Klassiker wie "Die Verwandlung" von Franz Kafka, oder "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm neu, günstig und in unterschiedlichen Formaten aufzulegen.

Ein Jahr später gründete er den Laborverlag Viktor & Pettl. Weiterhin betreibt er generatedpaper.com, eine Webseite zum Herunterladen von Druckvorlagen, wie Karopapier oder Notenblätter. Wir treffen uns auf Skype, um über Bücher und Literatur zu chatten:

VICE: Jakob, wofür sind Bücher heute noch gut?

Jakob: Ich würde vorweg fragen: was ist überhaupt noch ein buch? Die klassische, sich aus der physischen Restriktion des Buches ableitende Definition von vielen bedruckten Seiten Papier zwischen zwei Buchdeckeln hat sich durch die Digitalisierung stark aufgeweicht. Die grenzen verschwinden. viele Funktionen von Büchern, Nachschlagewerken, Telefonbüchern, werden inzwischen durch Internetservices wesentlich effektiver gelöst. und ich beobachte auch, dass in der klassischen Domäne der "hohen" Literatur, das Konzept "Buch" immer mehr in Frage gestellt wird…

Du hast aber klassische, hohe Literatur neu aufgelegt …

Ja, weil wir glauben, dass die Digitalisierung im Buchmarkt enorme Chancen öffnet, die ganze Bandbreite des Kulturguts "Buch" wieder verfügbar zu machen. Auch Klassiker und Nischentitel, die nur noch von einer kleinen Zielgruppe von Interesse sind, sind plötzlich ökonomisch, durch digitale Produkte wie eBooks wieder realisierbar.

Würdest du dich selbst Verleger nennen?

Gute frage. Im Prinzip ist meine Tätigkeit schon mit der eines Verlegers vergleichbar. was mich an dem Begriff allerdings etwas stört ist, dass er stark mit einem über die Jahrzehnte tradierten klassischen Bild des Verlegers belegt und in vielen fällen dieses Bild nicht mehr zeitgemäss ist. Vielleicht würden ich mich eher als einen verlegenden Entrepreneur bezeichnen. mit gefällt dabei die Haltung, sich ins unbekannte zu werfen und der Mut – über eine rein inhaltliche Ebene hinaus – zu experimentieren.

Du hast dich vom Yanus Verlag verabschiedet, was macht dein neuer Verlag? Ich versuche nun unter dem Namen Viktor & Pettl herauszufinden, was einen Verlag in digitalen Zeiten ausmachen könnte. Was macht einen Verlag also heute noch aus? Was ist sein Angebot an Autoren? wie grenzt er sich gegen Vertriebsmächte wie Amazon oder Apple ab? Hat er überhaupt noch eine Zukunft? Vor diesem Hintergrund der Unsicherheit – für die Verlagswelt eine sehr ungewohnte Situation – versuche ich mit Viktor & Pettl spielerisch und experimentell antworten auf die Herausforderungen zu erproben.

Hast du schon Antworten?

Nein, ich habe noch keine abschließenden Antworten. aber ich habe mit unserem ersten Titel den Versuch gewagt, ausschließlich direkt zu Vetreiben und gleichzeitig eine digitale Ausgabe im html5-Format herausgebracht. kommende Titel versuchen beispielsweise die Möglichkeiten des Digitaldrucks auszureizen oder konzeptionell und technisch die Grenzen des epub-Formats auf apples ipad zu erkunden.

Was liest du denn gerne?

In der letzten Zeit habe ich viel, hauptsächlich amerikanische, Sachliteratur gelesen. Aber momentan lese ich Balzacs 'Das Mädchen mit den Goldaugen'.

Kannst du mit zeitgenössischer Literatur nichts anfangen?

durchaus. obwohl ich zugeben nicht auf der Höhe der Diskussion bin… leider.

Denkst du Literatur ist in Gefahr?

Nein, überhaupt nicht, wieso?

Weil wenn nicht-Leser Kinder kriegen, sie diese zu nicht-Lesern erziehen.

Insgesamt geht es dem Markt nicht so schlecht und gerade in Deutschland, dem Vielleserland. Aber die Verlage müssen definitiv aufpassen, dass sie die Zielgruppe, die mit dem Internet aufgewachsen ist und ganz andere Konsummuster und Gewohnheiten hat, nicht verliert. das ist eher eine Frage des Produkts und der Kommunikation.

Angenommen Autoren emanzipieren sich gegenüber den Verlagen noch mehr, wird nicht einfach noch viel mehr Müll als Literatur gelten?

Was ist gute Literatur? ich glaube die Autorität dieses kleinen elitären Zirkels an Kritikern, die darüber wachen, wer in den Olymp der "hohen Literatur" und den Feuilletons kommt, wird angegriffen. Junge Startups wie Readmill oder das holländische *openmargin zeichnen dabei einen möglichen Weg ab, indem sie die das Lesen zum einen sichtbar nach außen gestalten und zum anderen am sozialen Graphen, also meinem eigenen Umfeld, aufhängen.