Desire Will Set You Free wird so was wie der Bar25-Film, nur in cool

Was haben Peaches, Nina Hagen und Rummelsnuff gemeinsam? Sie werden alle im neuen Film von Yony Leyser mitspielen—aber nur, wenn ihr ihm genug Geld dafür gebt.

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Juli 21 2014, 4:13pm

Desire Will Set You Free ist Yony Leysers neuestes Projekt: so etwas wie eine fiktionale, aber durchaus realistische Zeitkapsel der aktuellen Berliner Underground-Szene. Die Dreharbeiten sind bereits abgeschlossen, aber Yony versucht gerade über eine Kickstarter-Kampagne die Postproduktion zu finanzieren. Während Yony sich für seine letzte Doku William S. Burroughs – The Man Within strikt auf der Dokumentarebene bewegt hat, macht er sich bei Desire Will Set You Free frei vom Genrezwang. Er spielt eine Hauptrolle, vermischt Biographisches mit Autobiographischem und erzählt eine Art Coming-of-Age-Story mit Statisten wie Peaches, Nina Hagen und Rummelsnuff. Nachdem wir Yony gebeten haben, uns einen exklusiven Trailer zu schneiden, haben wir uns letzte Woche kurz mit ihm auf die Couch gesetzt, um zu hören, warum dieses Projekt es unbedingt vom chaotischen Materialhaufen zum fertigen Film schaffen sollte.

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Yony Leyser.

VICE: Worum geht’s in deinem neuen Film?
Yony Leyser: Ein junger Autor, halb Israeli, halb Palästinenser, und ein russischer Flüchtling stranden in Berlin. Davon abgesehen geht es aber auch um die Stadt und das Leben in Berlin jetzt gerade. Es kommen eine Menge Flüchtlinge hierher, aber auch diese ganzen merkwürdigen Leute aus aller Welt. Es ist eine sehr konfliktbehaftete Stadt.

Deine beiden Hauptcharaktere haben ebenfalls einen extrem konfliktbehafteten Background, der eine kommt aus einem offen homophoben Staat und der andere andere vereint palästinensische und israelische Wurzeln in sich. Ist das Absicht?
Sie basieren auf echten Charakteren. Der Vorbildcharakter ist tatsächlich Russe und ist unter anderem aufgrund der aktuellen Lage dort hierhergekommen. Und das israelisch-palästinensische Ding erinnert ein wenig an meinen eigenen Background. Ich bin ein iranisch-israelisch-deutscher Jude. Das Ganze hat jetzt schon zu einigen Konflikten geführt.

Was ist passiert?
Ich habe eine Kickstarter-Mail verschickt und meine konservative jüdische Familie in Israel sagte, „Wie meinst du das, Israelisch-palästinensisch?” Und dann habe ich in der nächste E-Mail erklärt, dass der Charakter halb Israeli, halb Palästinenser ist und dann bekam ich eine Zehn-Seiten-Mail voller zionistischer Propaganda zurück und ich habe nur geantwortet, „Danke, dass ihr meine Kickstarter-Kampagne unterstützt!” Das ganze Schwulenthema ist ihnen egal, sie interessieren sich nur für: „Oh, du willst also Palästinenser und Araber fair darstellen? Sie sind Monster!” Ich werde aber nie wirklich politisch. Ich bin kein didaktisch veranlagter, politisch korrekter Typ. Ich denke, zu einem großen Teil ist die Story auch eine Komödie. Ich persönlich kann didaktische Politik nicht ausstehen.

In deinem Film spielen eine Menge Berliner Ikonen mit. Wie war das, mit Leuten wie Nina Hagen zu arbeiten?
Nina Hagen spielt eine Mischung aus sich selbst und einem Orakel. Sie war großartig, sie war den ganzen Tag am Set. Am Abend war sie immer noch da, hing einfach ab und hat sich mit jedem unterhalten. Wie kannst du so einen Film auch ohne die Queen of Punk drehen? Wir haben sie Gott sei dank in der letzten Minute bekommen. Eigentlich war ihr Part für Penny Arcade vorgesehen, diese Performance-Künstlerin aus dem Umfeld von Warhol. Sie hat dann zwei Tage vor dem Dreh abgesagt, weil sie krank war. Sie sollte aus New York herfliegen. Aber dann haben wir auf den letzten Drücker Nina Hagen bekommen. Sie covert einen Brecht-Song für den Film.

Wen hast du noch gekriegt?
Peaches ist auch dabei. Sie hat einen Song geschrieben für den Film. Es gab da diese lesbische Cabaret-Künstlerin namens Claire Waldoff … Marlene Dietrich hat ihre Lieder gecovert und Peaches covert jetzt einen eins ihrer Lieder auf deutsch. Sie singt Berlinerisch und Deutsch, aber das Geheimnis ist, dass Peaches—obwohl sie seit 15 Jahren hier lebt—nicht wirklich deutsch spricht. Also hat sie es gelernt. Es klingt echt gut. Dann sind da noch ein paar andere Charaktere, wie Eva and Adele, Jochen Arbeit von Einstürzende Neubauten, Fotograf Miron Zownir, Rummelsnuff, die Künstlerin Karin Sander und die Schauspielerin Amber Benson, die einige vielleicht noch aus Buffy kennen. Außerdem haben wir an Originalschauplätzen gedreht. Wir dokumentieren also Orte, die es in zehn Jahren vielleicht nicht mehr geben wird: besetzte Häuser, Monster Ronsons, Silver Future, Roses, ://aboutblank, Super Molly—alles legendäre Berliner Läden.

Warum sind alle berühmten Leute in deinem Film eher alt?
Die jungen Leute sind noch nicht berühmt. Das werden sie sein, wenn der Film rauskommt. Ich denke, es gibt eine Menge Leute, die noch ziemlich Underground sind, aber das Zeug haben zur Ikone. Wie Kate von Bonaparte zum Beispiel. Oh ja, und Blood Orange aus New York sind dabei. Sie covern diese Berliner Girlpunkband namens Malaria!.Wir machen also einen Soundtrack mit einer Menge Berliner Musik. Bands covern klassische Berlin-Lieder.

Wozu brauchst du Kickstarter?
Wir haben zu Beginn verschiedene Fördergelder bekommen. Wir hatten den Dreh in drei Wochen finanziert. Ich habe das Skript eigentlich eher so als Scherz eingereicht, aber dann sofort Fördergelder dafür bekommen. Dann haben wir aber das ganze Budget für den Dreh verpulvert, also brauchen wir jetzt noch etwas Geld, um den Schnitt zu finanzieren. Deshalb haben wir die Kickstarter-Kampagne gestartet. Wir brauchen nur noch ein bisschen mehr, um fertigzuwerden.

Was ist dein persönliches Ziel für den Film?
Wenn er wirklich gut wird, dann wollen ihn alle sehen. Wenn er nicht gut wird, dann werden ihn nur Expats in Berlin anschauen wollen und das wäre ein Desaster.

Warum wäre das ein Desaster?
Weißt du, die Leute lieben es zu sagen, dass du auf ein Nischenpublikum abzielst. Aber das ist ja so, als würdest du bei Drive sagen, nur Menschen, die gerne fahren, werden sich den reinziehen, oder bei Her, nur Menschen, die das Internet lieben werden auch den Film mögen oder Menschen, die auf Internet-Dating stehen—ich meine, was soll das? Wenn der Film schlecht ist, dann ja. Aber wenn er gut ist, dann will jeder ihn sehen. Das Problem ist, die Leuten lieben es, zu sagen, dass du einen Nischenfilm machst, vor allem bei Queer-Themen. Sobald ansatzweise schwule Inhalte vorkommen, sagen die Leute, es ist ein Queer-Film. In diesem Film gibt es aber alles, es ist kein schwuler Film, es gibt jede Art von Beziehung, ein bisschen von allem. Das Nischendenken liegt aber daran, dass die meisten Filme leider nicht sehr gut sind und sie deshalb nur vom harten Kern unterstützt werden. Aber wenn der Film gut ist, dann werden ihn alle sehen wollen.

Denkst du nicht, dass es dann vielleicht ein Problem sein könnte, weil du quasi den Underground an ein Massenpublikum verkaufst?
Das kann sein. Eine Underground-Szene zugänglich zu machen und auszunutzen ist nie gut, aber was ich hier mache, ist, eine ehrliche Geschichte von innen zu erzählen. Es wäre merkwürdig, wenn ich Hollywood-Charaktere casten würde, die dann Underground-Charaktere spielen. Weil die Leute aber sich selbst spielen, behält es den Charakter einer Docu-Fiction. Es ist keine Glorifizierung des Berliner Undergrounds. Es gibt eine wirklich dunkle Seite … Wenn du jahrelang abhängst und Tag und Nacht Party machst, passieren irgendwann üble Dinge. Ich habe in den letzten vier Jahren sechs Freunde verloren, die entweder Selbstmord begangen haben oder an einer Überdosis gestorben sind. Das hat mich auch stark beeinflusst, diese Geschichte zu schreiben. Es ist ein echtes Dokument dieser Zeit an diesem Ort. Es ist eine interessante Zeit. Es ist kein „Hey, schaut wie merkwürdig der Underground ist und lasst ihn uns ausbeuten”, es ist alles andere als das. Wenn es das wäre, dann wäre es tatsächlich sehr problematisch. Ich hoffe die Menschen denken nicht, dass es das ist. 

Mehr Infos und findet ihr auf Yonys Kickstarter-Kampagne. (Das ist übrigens eine höflich formulierte Art zu sagen: Schiebt ihm etwas Geld rüber, wenn ihr genauso große Lust habt, diesen Film nächstes Jahr auf Festivals zu sehen wie wir.)

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