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The Fashion Issue 2012

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Wir haben einen kurzen Blick auf die Outfits unserer berühmtesten Aktivistenvorfahren der letzten 100 Jahre geworfen.
23 März 2012, 9:00am

Wenn du deine Armeejacke über deine Tarnhose ziehst und einen Pailletten-Pulli in deinen Rucksack stopfst (es könnte ja nach der Demo eine Party geben), wenn du ein A auf deinen Arm kritzelst und einkreist oder „Meat is murder“ auf deinen vegan-mageren Bauch tätowierst, jubeln dir die Geister vergangener, progressiver Moden zu. Jede Generation von Aufwieglern ist davon überzeugt, sie habe ihren eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt und ihr eigenes textiles Verhältnis zur Allgemeinheit verhandelt. Aber die Aktivisten vor uns, in deren aufrührerische Fußstapfen wir stolz treten, hatten ebenfalls ihre besondere Art, sich einander zu erkennen zu geben. Ohne ein Wort zu äußern, waren sie Teil einer größeren Bewegung.

Dieses Thema ist bei Weitem zu umfangreich, um es in einem kurzen Artikel behandeln zu können. Da aber modisch gekleidete Menschen weltweit dabei sind, sich herauszuputzen und die aufrührerischen Botschaften des Jahres 2011 weiter zu verbreiten—von Occupy Wall Street bis zu den Straßen des Mittleren Ostens und kollektiven Aktionen auf dem Leicester Square, Tahrir-Platz, Roten Platz und dem Pearl Square—könnte es ganz unterhaltsam sein, einen kurzen Blick auf die Outfits unserer berühmten Aktivistenvorfahren in den letzten 100 Jahren zu werfen. Hier also ein kurzer Blick auf unsere gemeinsame revolutionäre Bekleidungsgeschichte.

FRAUEN, DIE FÜR DAS WAHLRECHT KÄMPFTEN

Stimmrechtlerinnen, auch bezeichnet als Suffragetten (ein abwertender Begriff aus der damaligen rechten Presse), haben als die mutigen Feministinnen des frühen 20. Jahrhunderts mit allen Mitteln—von Hungerstreiks bis zum gewaltsamen zivilen Ungehorsam—um ihr Wahlrecht gekämpft. Das heißt jedoch nicht, dass sie nicht auch ihren ureigenen Modecode hatten. Dazu gehörten lange weiße Kleider, verziert mit auf Schärpen gestickte Slogans, die oft einem leicht wiedererkennbaren Farbschema folgten: Violett, Weiß und Grün in England; Violett, Weiß und Gold in den USA. Auch Stimmrechtsschmuck in diesen Farbtönen wurde angefertigt, nicht zu vergessen die berühmte Holloway-Brosche—eine schlichte Silbernadel in Form eines Gefängnistores. Sie wurde von der British Women’s Social and Political Union an Stimmrechtlerinnen verliehen, die wegen ihres öffentlichen Protests im Londoner Holloway-Gefängnis eingesessen hatten.

BEAT GENERATION

„Verleih deiner Spießerparty etwas Würze … miete einen Beatnik mit voller Ausstattung: Bart, Sonnenbrille, alte Armee­jacke, Levi’s, ausgefranstes Hemd, Turnschuhe oder Sandalen. Rabatt wird gewährt bei Fehlen von Bart, Körperhygiene, Schuhen oder Kurzhaarschnitt. Weibliche Beatniks sind ebenfalls erhältlich. Übliche Ausstattung: ganz in Schwarz.“ Ob ihr’s glaubt oder nicht, 1959 hat der New Yorker Fotograf Fred McDarrah tatsächlich für diesen „Miete einen Beatnik“-Service geworben, der zum Preis von 40 Dollar pro Abend einen „Beatnik“ auf deine etwas geistlose Mittelschicht-Spießerparty schickte. Und was trug dieser Abgesandte dann? Vielleicht Rollkragen und Baskenmütze. Eine Existenzialistin hätte einen eng anliegenden Pulli zu einem Bleistiftrock oder Caprihosen getragen, informellen Silberschmuck und Ballerinas. (Wenn du wissen willst, wie glamourös schwarze Leggins und Ballettschläppchen sein können, schau dir Audrey Hepburn in

Ein süßer Fratz

von 1957 an.)

BÜRGERRECHTE

Manchmal ist der Zusammenhang zwischen Modestilen und sozialem Protest nicht so offensichtlich; in anderen Fällen ist er quasi selbstredend. In der Bürgerrechtsbewegung war der Slogan „Black Is Beautiful“ eine direkte Zurückweisung der rassistischen Vorstellungen von Stil und Mode, die die weiße Gesellschaft jedem aufzwang. Dazu gehörte auch die Überzeugung, dass es so etwas wie „gutes“ (d. h. glattes) Haar gäbe. Wie vieles andere wurde diese Vorstellung zu Recht auf den Kopf gestellt. Auf dem Höhepunkt der Bewegung in den späten 1960er Jahren sah eine Frau wie die umwerfende Aktivistin Angela Davis (Sie engagiert sich übrigens heute noch: Professor Davis besuchte vergangenen Oktober sogar New Yorks Occupy-Wall-Street-Bewegung.) in hochsitzenden Schlaghosen, Reitstiefeln, Jeansjacke und einem legendären, gigantischen, atemberaubenden Afro einfach blendend aus. (Die Frisur wirkte so bedrohlich, dass man munkelte, Davis habe Schusswaffen in ihren Locken verborgen.)

DIE FRIEDENSBEWEGUNG

Wie lassen sich die Modevorlieben der 1960er Antikriegsbewegung in wenigen Sätzen zusammenfassen? Es war ein Jahrzehnt tief greifender Veränderungen. Eine Ära, die mit Haarsprayfrisuren, Korsetts, Strumpfbändern, Spitzen-BHs, Käppchen sowie deprimierenden, kleinen, weißen (sogar bei größter Sommerhitze getragenen) Handschuhen für Frauen begann und mit der Minirock tragenden Bernardine Dohrn, die einen Button trug, auf dem „Cunnilingus ist cool, Fellatio macht Spaß“ stand, endete. Das Jahrzehnt wurde Zeuge des Aufstiegs von Fransen und Batik, als freidenkerische Studenten, die es auf die Straße zog, nicht nur mit neuen politischen Ideen experimentierten, sondern auch scheinbar unmögliche Kleidungskombinationen wagten—Armeejacken über viktorianischen Spitzenkleidern, die einer Stimmrechtlerin würdig waren, Dashiki-Hemden gepaart mit Denim und Männer mit so langem, wallenden Haar, wie es seit mehr als 100 Jahren nicht mehr modisch war.

SCHWULENRECHTE

Maria Ritter, die in ihrer Familie damals noch Steve genannt wurde, erinnert sich an ihre Teilnahme an der Stonewall Rebellion im Juni 1969 und meint: „Meine größte Angst war, verhaftet zu werden. Meine nächst größte Sorge war, dass mein Foto in der Zeitung oder im Fernsehen erscheinen könnte—mit mir im Kleid meiner Mutter!“

Zwar gibt sich das Publikum heute etwas schamhaft dem Vergnügen von

Ru Paul’s Drag Race

hin, und Chers Sohn, als Tochter geboren, erscheint jenen liebenswert, die

Dancing with the Stars

toll finden, doch damals war das anders. Kleideten Männer sich wie Frauen oder Frauen wie Männer, galt das als Verbrechen. Ein Beispiel für den Irrsinn dieser Gesetze waren die Statuten New Yorks, die die Bürger verpflichteten, wenigstens drei Kleidungsstücke zu tragen, die ihrem „wirklichen Geschlecht“ entsprachen, oder sie riskierten eine Gefängnisstrafe. Drag war ziviler Ungehorsam.

FRAUENEMANZIPATION

Wie sich herausstellte, ist die Legende von den wilden, BHs verbrennenden Feministinnen wirklich nicht mehr als eine Legende. (Offenbar hatte eine feministische Journalistin dies ersonnen, um die aufstrebende Frauenrechtsbewegung mit der Friedensbewegung auf eine Stufe zu stellen, bei deren Kundgebungen Einberufungsbescheide verbrannt wurden). Zwar haben sie an diesem 7. September 1968 ihre Unterwäsche nicht verbrannt, aber die demonstrierenden Frauenrechtsaktivistinnen (viele in T-Shirts, mehr als nur einige zweifellos ohne BH) wurden auf der Promenade vor dem Miss-America-Schönheitswettbewerb in Atlantic City doch aufge­fordert, Gegenstände, die die Unterdrückung ihres Geschlechts symbolisierten—Korsetts, High Heels, Lockenwickler etc.— in eine „Befreiungsmülltonne“ zu werfen. Ihre ursprüngliche Absicht war es, diese beleidigenden Gegenstände zu verbrennen, aber leider erhielten die Protestierenden keine Erlaubnis, ein Feuer auf der Promenade zu entzünden.

PUNKS

Obwohl Johnny Rotten von den Sex Pistols betonte, seine Band und ihre Songs seien unpolitisch (und dass er „noch nicht einmal den Namen des Premierministers kenne“), so hat die Geschichte doch das Gegenteil bewiesen.

1976 eröffneten Vivienne Westwood und Malcolm McLaren auf der King’s Road in London einen Laden namens Seditionaries. Der Name verkörperte die nihilistisch-rebellische Einstellung ihrer jungen Kundschaft, wie etwa Rotten. Dessen Pink-Floyd-T-Shirt, das die Bandmitglieder mit herausgekratzten Augen zeigt, war eines der Lieblingsshirts McLarens.

Natürlich hatten verlotterte Straßenkinder nicht das Geld, um bei Seditionaries shoppen zu gehen. Doch alle, die ihre dunklen Leidenschaften ausleben wollten, konnten sich eine Sicherheitsnadel leisten, um sich die Wange zu piercen, oder eine Dose Gel, um eine Irokesenfrisur zusammenzukleistern, oder ein Messer, um ein Paar Hosen aufzuschlitzen, sodass die Haut durch die Risse quoll.

OCCUPY WALL STREET

Wenn man auf den Zuccotti Park und ähnliche Demonstrationen weltweit zurückblickt, dann ziehen live und in Farbe fast alle progressiven Modetrends des vergangenen Jahrhunderts vorbei—Afros und Armeejacken, Beat-Baskenmützen und gepiercte Körperteile, Denim und Doc Martens. Lange weiße Stimmrechtlerinnenkleider wurden zwar noch nicht gesichtet, doch sicher gibt es da das eine oder andere lange geblümte Kleid sowie zahlreiche Sprüche-Buttons und Badges—die modernen Entsprechungen der damaligen Holloway-Broschen.

Das bringt uns ins Jahr 2012 und zu der Frage, welche Looks auf den möglicherweise brisanten politischen Zusammenkünften auftauchen werden. Aber egal, wie sich junge Aktivisten auf diesen Treffen kleiden werden, wir alle stehen in der Schuld unserer Cross-Dressing praktizierenden, bärtigen, weiße Kleider tragenden, BH-losen Aktivistinnen- und Aktivistenahnen. Sie ebneten uns den Weg—nicht nur mit ihrer Kleidung.

Illustrationen von Johnny Ryan

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