Wer sind die Jesiden, und warum werden sie gerade ausgerottet?

Die islamistische ISIS hat 40.000 Menschen auf einem Berg eingekesselt, die sie für ketzerische „Teufelsanbeter“ halten. Im Nordirak könnte sich bald vor unseren Augen der erste Genozid des 21. Jahrhundert abspielen.

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07 August 2014, 5:00pm

Isis-Kämpfer beim Sturm auf Sindschar.

Dass sich die Deutschen seit heute für das Schicksal der Jesiden interessieren, haben sie in gewisser Weise deren Erzfeinden zu verdanken: Hätten gestern nicht ein paar Unterstützer der radikal-islamistischen ISIS eine jesidische Solidaritätsdemo im Ruhrgebiet angegriffen, hätte die Demo—und die akute Not der Jesiden im Irak—es wohl kaum in die bundesweiten Zeitungen gebracht.

Wer oder was sind die Jesiden, und was passiert gerade mit ihnen? Zum Ersten: Jesiden sind ethnische Kurden, die aber anders als die meisten Kurden keine sunnitischen Muslime sind, sondern einen völlig eigenen Glauben haben, der sich aus islamischen, altpersischen und frühchristlichen Elementen zusammensetzt. Zwar glauben sie grundsätzlich auch an einen Gott, verehren neben ihm aber noch sieben Engel, von denen der mächtigste Melek Taus, der „Engel Pfau“ ist.

Im Nahen Osten gibt es immer noch eine ganze Menge solcher kleiner, obskurer Glaubensgemeinschaften, die alle nach ähnlichem Muster entstanden sind: Irgendwo schart ein spiritueller Führer eine Anhängerschaft um sich und verkündet eine Lehre, die etwas zu sehr von der dominierenden Religion seiner Gegend abweicht. Meistens dauert es nicht lange, bis die Gemeinschaft der Ketzerei bezichtigt wird und sich in einer möglichst unzugänglichen, abgelegenen Gegend verstecken muss. Die nächsten paar Jahrhunderte verbringt sie in der Isolation dann damit, ihre Lehre immer komplizierter und abwegiger zu machen, so dass ihre Nachbarn sie endgültig für fehlgeleitete Irre halten, die aber sehr guten Ziegenkäse machen können.

Die Jesiden haben sich vor allem in den Bergen des Nordiraks niedergelassen, wo es nach manchen Schätzungen bis zu einer halbe Million von ihnen gibt. Besonders viele haben sich in den Bergen um die Stadt Sindschar (kurdisch: Shengal) angesiedelt, die ca. 110 Kilometer von der Großstadt Mossul in Richtung der syrischen Grenze liegt.

Schon unter den Osmanen hatte die Gemeinschaft immer wieder unter Verfolgung, Diskriminierung und gelegentlichen Massakern zu leiden, die sich auch im 20. Jahrhundert fortsetzten. Unter Saddam Hussein genossen sie ein gewisses Maß Sicherheit, aber seit dem Ende seiner Herrschaft ist das Leben im Irak für Jesiden immer gefährlicher geworden.

Das liegt auch daran, dass die Jesiden ein gewisses Image-Problem bei ihren sunnitischen Nachbarn haben: Ein anderer Name ihres obersten Engels Melek Taus ist „Sheytan“—was im Arabischen „Satan“ bedeutet und ihnen bei sunnitischen Extremisten den Spitznamen „Teufelsanbeter“ eingebracht hat. Es dauerte nicht lange, bis die nach dem Ende Saddams in den sunnitischen Gebieten erstarkte al-Qaida die Jesiden zu Freiwild erklärte. 2007 verübten sunnitische Extremisten eine Serie von Anschlägen in jesidischen Dörfern, bei denen an einem Tag 500 Menschen ihr Leben verloren. Außerdem erklärte die al-Qaida in Mossul die Lieferung von Lebensmitteln an Jesiden zur Sünde und sorgte so für anhaltende Engpässe in der Versorgung der jesidischen Gebiete.

Man kann sich also vorstellen, welch katastrophale Neuigkeit die Eroberung Mossuls durch den al-Qaida-Nachfolger ISIS im Juni für die Jesiden war. Zwar konnten die kurdischen Peshmerga die ISIS eine Zeitlang daran hindern, in kurdische Gebiete einzudringen. Letzte Woche überrannten die bis an die Zähne bewaffneten ISIS-Kämpfer jedoch die wenigen Verteidiger von Schindschar, die die Bevölkerung völlig schutzlos zurückließen.

Die Eroberer exekutierten jesidische Männer, die sich weigerten, zum Islam zu konvertieren, Frauen wurden verschleppt, um den Dschihadis als Bräute/Haussklaven zu dienen. An die 200.000 Jesiden flohen aus der Stadt, seit Beginn der Offenisve sollen bereits an die 500 Menschen gestorben sein. Die jesidische Abgeordnete Vian Dakhil erlitt einen Zusammenbruch, als sie vorgestern im irakischen Parlament das Leiden ihres Volkes schilderte:

Trotzdem haben die Jesiden kaum Hilfe von Seiten des irakischen Staats zu erwarten, dessen Armee selbst genug Probleme hat, die ISIS am Sturm auf Baghdad zu hindern. Die Peshmerga verzeichnet zwar seit vorgestern erste Erfolge bei der Rückeroberung der verlorenen Gebiete. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sind immer noch sind rund 40.000 Jesiden auf dem Berg Sindschar eingekesselt. Bei 40 Grad Celsius verstecken sie sich hier vor den Islamisten. Jeden Tag verdursten mehr Kinder und Alte im öden Bergland, während die Nahrungsmittel immer knapper werden.

Bis jetzt sieht es auch noch nicht so aus, als würde die internationale Gemeinschaft ihnen zur Hilfe kommen, obwohl jesidische Wortführer auf der ganzen Welt verzweifelt versuchen, auf den drohenden Genozid an ihren Glaubensbrüdern in Sindschar aufmerksam zu machen. Unicef und ein paar Hubschrauber der irakischen Armee versuchen, die Flüchtlinge mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber die Familien brauchen vor allem Schutz vor den Todesschwadronen der ISIS.

Sollten die Peshmerga sie nicht schnell genug freikämpfen, haben die Jesiden wenig Aussicht, dass ihnen jemand anderes militärisch zu Hilfe kommt. Obwohl man in dem Gelände mit ein paar gezielten Luftschlägen auf die Positionen der ISIS eine Menge erreichen könnte, ist es unwahrscheinlich, dass die Amerikaner unter Obama sich auf eine derartige Intervention einlassen. Immerhin werden die Peshmerga wohl schon unter der Hand von den USA bewaffnet, um ihnen einen Vorteil gegen die ISIS zu verschaffen. Ob diese Hilfe für die Jesiden auf Berg Sindschar jedoch rechtzeitig genug kommt, werden die nächsten Tage zeigen.