LGBTQ

Sind Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen glücklicher?

Studien legen nahe, dass homosexuelle Paare glücklicher mit ihren Beziehungen sind als heterosexuelle Paare. Wir haben bei homosexuellen Pärchen nachgefragt, ob an dieser Annahme tatsächlich etwas dran sein könnte.
7.11.16
Foto: Zachery Cunningham | Flickr | CC BY 2.0

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus—das ist der Titel eines erfolgreichen Buches des Therapeuten John Gray. Es behandelt die angeblich großen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern und wie sich diese auf den (Beziehungs-)Alltag auswirken. Auch Frauen- und Männermagazine spinnen diese altbekannte Storyline seit einer gefühlten Ewigkeit weiter: Männer und Frauen leben in getrennten Welten und haben keine Ahnung, wie das andere Geschlecht eigentlich tickt. Durch diese geschlechtsbedingten Unterschiede wird auch oft die fehlende Kompatibilität heterosexueller Paare erklärt: Frauen wissen nicht, was Männer wirklich wollen und möchten am liebsten die ganze Zeit nur über Gefühle sprechen. Männer wiederum wissen nicht, wie man eine Frau richtig befriedigt und verstehen nicht, wovon Frauen reden. Klar. Folgt man diesem Denkmuster, müsste man letzten Endes eigentlich zu der Annahme kommen, dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen es viel einfacher haben. Denn schließlich wurde ihr Partner zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich sozialisiert und ist in der gleichen Lebenswelt aufgewachsen, versteht die eigenen Probleme vielleicht eher und weiß beispielsweise, wo man gerne berührt werden möchte.

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Mit der Frage, ob an dieser Annahme tatsächlich etwas dran sein könnte und wie sich das Beziehungsleben von homosexuellen Paaren gestaltet, beschäftigt sich die Wissenschaft schon seit Längerem. Zum Beispiel hat die englische Open University in Milton Keynes im Jahr 2013 in einer Studie mit 5000 befragten Personen herausgefunden, dass gleichgeschlechtliche Paare tatsächlich glücklicher in ihren Beziehungen sind. Laut der Studie sind sie zufriedener mit der Qualität ihrer Beziehung, der Beziehung zu ihrem Partner und dem Verlauf der Beziehung.

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Daniel Hitschmann glaubt, dass sich das nicht so pauschal beantworten lässt. Er ist Psychotherapeut in Wien und betreut in seiner Praxis sowohl gleichgeschlechtliche als auch heterosexuelle Paare. „Aus meiner Erfahrung als Paartherapeut kann ich nur sagen, dass sowohl hetero- als auch homosexuelle Paare oftmals ähnliche Probleme haben—was mich immer wieder sehr verwundert", sagt er im Gespräch mit Broadly. „In gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt es auch oft ganz traditionelle Rollenbilder, einer übernimmt den männlichen und einer den weiblichen Part." Dennoch sei bei gleichgeschlechtlichen Paaren davon auszugehen, dass die Partner mehr Verständnis füreinander und für die Probleme des jeweils anderen haben, so Hitschmann.

Zumindest was die klassischen Rollenbilder angeht, widerspricht ihm eine amerikanische Studie des New Yorker Families and Work Institute zum Thema „Modern Families". Die Forscher hatten versucht zu ergründen, was genau in homosexuellen Beziehungen besser läuft als in heterosexuellen und unter anderem herausgefunden, dass sich gleichgeschlechtliche Paare eher die anfallenden Aufgaben im Haushalt teilen und sich beispielsweise beide um das gemeinsame Kind kümmern, wenn es krank ist. Die Aufgaben werden laut der Studie in homosexuellen Partnerschaften generell gerechter und nach Fähigkeiten—nicht nach traditionellen Geschlechterrollen—verteilt. Homosexuelle Paare stehen den Ergebnissen zufolge nicht unter dem Druck, die Rollen in ihrer Beziehung an gewisse Geschlechterstereotypen anzupassen und diese Ausgangsbasis führt zu mehr potenzieller Gleichberechtigung. In heterosexuellen Beziehungen leiden laut der Studie vor allem Frauen unter der traditionellen Rollenaufteilung.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Suzie Grime

Ein Ergebnis, das die YouTuberin und Moderedakteurin Suzie Grime aus Berlin nur bestätigen kann. „In einer lesbischen Beziehung entwickelt sich eine eigene Dynamik, da man nicht gegen vorgefertigte Rollenklischees kämpfen muss, sondern bei Null startet. Das kann sich von vornherein mehr nach ‚Augenhöhe' anfühlen. Als Paar und Teil der LGBTQ-Community teilt man außerdem Erfahrungen, was Diskriminierung gegen die eigene Sexualität angeht. Heterosexuelle Menschen müssen sich seltener vor der Gesellschaft oder den Eltern dafür rechtfertigen, mit wem sie schlafen", erklärt sie. Sie lebt aktuell in einer lesbischen Beziehung—hat also den direkten Vergleich. Auch sexuell gestalten sich homosexuelle Beziehungen laut ihr oftmals harmonischer. „Als jemand, der viel Sex mit beiden Geschlechtern hatte, würde ich außerdem behaupten, dass das ‚Einspielen' mit einer Person des gleichen Geschlechts oft schneller geht. Man weiß, womit man arbeitet—weil man selbst die gleichen Knöpfe hat."

Generell hätten sie und ihre Freundin ein grundlegendes, gemeinsames Verständnis für Dinge, mit denen man als Frau im Leben konfrontiert ist: „Egal ob es—ganz banal—um meine Regelschmerzen geht oder darum, dass ich auf der Straße Opfer von Cat-Calling wurde: Ich weiß sicher, dass meine Freundin meinen Leidensdruck in diesen Situationen nachvollziehen kann und mich dementsprechend ernst nimmt, schlicht und ergreifend, weil sie auch eine Frau ist. Es gibt einfach Dinge, die nicht Teil der eigenen Lebenserfahrung von Männern sind."

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Das gilt übrigens nicht nur für lesbische Paare. „Ich glaube schon, dass man sich als Homo-Paar ähnlicher ist als als Hetero-Paar. Man hat in vielerlei Hinsicht dieselben Erfahrungen gemacht. Wir haben schon oft darüber gesprochen", sagt Jakob aus Wien. Er lebt seit eineinhalb Jahren mit Stefan in einer Beziehung. Beide sind auf dem Land aufgewachsen und teilen die Erfahrung, in einem nicht unbedingt weltoffenen Umfeld aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert zu werden. „Wir wissen beide, wie es sich anfühlt, nicht akzeptiert zu werden, nicht dazuzugehören. Das verbindet."

Trotzdem glaubt Jakob nicht, dass homosexuelle Beziehungen zwingend glücklicher sind als die zwischen Heteros: „Ich denke da an meine Eltern. Die beiden sind seit fast 50 Jahren glücklich verheiratet, teilen alles miteinander, lieben sich wie am ersten Tag und streiten kaum. Das Wichtigste ist die Liebe. Ich weiß, das klingt kitschig, aber ich glaube daran."

Auch für Suzie hängt die Zufriedenheit in einer Beziehung grundsätzlich nicht vom Geschlecht des Partners ab, sondern davon, „wie ernst man genommen wird—sowohl in seinen individuellen Bedürfnissen, als auch in seinen wunden Punkten und Lebensträumen." Hier stimmt ihr Psychotherapeut Daniel Hitschmann zu. Laut ihm gibt es viele Faktoren, die entscheiden, ob eine Beziehung steht oder fällt: „Es geht vor allem darum, wie ähnlich die Lebenskonzepte der Partner sind und wie man miteinander umgeht. Das alles hängt jedoch mehr von der Persönlichkeit ab als vom Geschlecht."

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Titelfoto: Zachery Cunningham | flickr | CC BY 2.0