Anzeige
Drogen

Drogen-Diäten: So schlecht haben Bowie, Elvis, Lemmy, Hemingway und Thompson gelebt

Nichts davon ist gesund. Welches Konsumverhalten jedoch wissenschaftlich betrachtet am schädlichsten ist.

von Hannah Ewens
30 Januar 2017, 5:00am

Zum Frühstück nahm er Kokain. Und das nahm der Schriftsteller Hunter S. Thompson dann auch den ganzen Tag weiter. Nach dem Mittagessen warf er sich zusätzlich noch LSD ein. David Bowie ernährte sich angeblich phasenweise nur von Milch, roten Paprika und Unmengen Koks. Lemmy prahlte damit, täglich eine Flasche Jack Daniel's zu leeren.

Diese Geschichten gehören zum Mythos, der diese Künstler umgibt. Für den Körper ist so ein Leben eine unfassbare Zumutung. Was haben diese Exzesse mit ihnen angerichtet? Wie konnten sie überhaupt so lange durchhalten? Und welche Rockstar-Diät die schlimmste der Schlimmen?

Fünf Experten beantworteten uns diese Fragen: Henry Fisher, medizinischer Chemiker beim Drogenpolitik-Think-Tank Volteface; George McBride, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei Volteface; Harry Shapiro, von der Hilfsorganisation für Drogensüchtige, Druglink, und Petronella Ravenshear, Ernährungsberaterin aus London.

Elvis: Pepsi, Bacon-Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich, Medikamente

Elvis | Foto: MGM | Wikimedia Commons | gemeinfrei

Was sich Elvis alles in der tiefschwarzen, letzten Phase seines Lebens reingeschmissen hat, lässt sich schwer rekonstruieren. Angeblich trank er so viel Pepsi, dass sie palettenweise von Lastern direkt zu ihm nach Graceland geliefert wurde. Ein legendärer Bestandteil seiner täglichen Ernährung war das "Fool's Gold Loaf", ein 30 Zentimeter langes Weißbrot gefüllt mit Bacon, Erdnussbutter und Traubenmarmelade. Dieses Sandwich soll insgesamt etwa 42.000 Kalorien enthalten haben. In seinen letzten Tagen aß Elvis je zwei davon. Dazu kamen noch Mitternachtssnacks mit Hamburgern und frittiertem Weißbrot – insgesamt etwa 94.000 Kalorien pro Tag. Zum Vergleich: Ein asiatischer Elefant nimmt täglich 50.000 Kalorien zu sich.

Die Medikamente, die Elvis gleichzeitig nahm, füllen eine halbe Apotheke. Bei Ermittlungen der Polizei, die nach seinem Tod im August 1977 stattfanden, kam heraus: In Elvis' letzten siebeneinhalb Monaten hatte ihm sein Leibarzt Rezepte für 8.805 Pillen und Injektionen ausgestellt, Amphetamine, Schlaftabletten und Schmerzmittel. 

"Gluten wirkt bei manchen Menschen wie ein Opiat – also Heroin oder Morphium – und kann nicht nur genau so süchtig machen, sondern auch einen sedierenden Effekt haben", erklärt die Ernährungsberaterin Petronella Ravenshear. "Seine extrem fett-, zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung ist nicht nur gefährlich für Leber und Herz, sondern auch für die ganzen wohlgesonnenen Mikroben seines Körper, die so den Dienst quittieren. Zu den Kurzzeitfolgen dürften Verstopfung, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen und Depressionen gezählt haben. Die Langzeitfolge ist in diesem Fall der Tod."

Zusätzlich zu der Sedierung durch Nahrungsmittel nahm er auch noch Downer in rauen Mengen. Sein Übergewicht dürfte dabei die Wirkung der Medikamente verändert haben. "Wenn jemand doppelt so viel wiegt wie andere Menschen, dann ist dort viel mehr Masse und die Person müsste mehr Medikamente oder Drogen nehmen, um die erwünschte Wirkung zu erzielen", sagen die Experten vom drogenpolitischen Think-Tank Volteface. "Wenn jemand dermaßen viele Kalorien zu sich nimmt, wirkt sich das auch auf die Mittel aus, die er nimmt – wie sie verstoffwechselt werden, wie sie sich im Körper verteilen und wie lange sie dort bleiben. In diesem Fall – Elvis' extremen Fall – ist es absolut rätselhaft, wie sie dort gewirkt haben."

Wie gefährlich ist das?

"Er nahm Upper, Downer und Alleskönner. Bei einem solchen Konsum ist das Risiko einer Überdosis extrem hoch und die Entzugserscheinungen sind sehr problematisch", sagt Drogenberater Harry Shapiro. "Wenn du aufhörst, das alles zu nehmen – falls dein Körper dich überhaupt lässt –, bist du ein Wrack. Er hatte einen schweren Herzinfarkt. Schuld daran dürfte aber eher seine Ernährungsweise als die Pillen gewesen sein. Ich weiß nicht, wie viele körperliche Schmerzen er hatte, aber die emotionalen Schmerzen müssen riesig gewesen sein."

Ernest Hemingway: Alkohol, sehr viel Alkohol

Ernest Hemingway | Foto: Wikimedia Commons | gemeinfrei

Hemingway war notorischer Trinker und hasste vieles – William Faulkner zum Beispiel oder Frauen. Er liebte aber seinen Absinth. Er liebte ihn sogar so sehr, dass er seinen eigenen Cocktail auf Absinth-Basis kreierte: "Death in the Afternoon". In einem 1935 erschienen Cocktailbuch schrieb er: "Gieß einen Schluck Absinth in ein Sektglas. Gib eisgekühlten Sekt hinzu, bis diese opalisierende Milchigkeit entsteht. Trinke drei bis fünf davon langsam."

"Der Drink ist tatsächlich ganz lecker", urteilt das Volteface-Team. "Aber wenn er damit auf leeren Magen in den Tag startet, dann hat das starke Auswirkungen. Absinth ist hochprozentig. Sein Drink dürfte etwa 70 Prozent Ethanol enthalten. Jemand, der täglich so viel trinkt, ist alkoholabhängig."

Wie gefährlich ist das?

"Alkohol ist langfristig in vielerlei Hinsicht gefährlicher als andere Drogen", sagt Harry Shapiro. "Alkohol und Kokain setzen den Körper einer starken Belastung aus und beeinflussen Herzschlag und Blutdruck. Für die geistige Gesundheit ist Alkoholismus auch gefährlich. Am Ende hat sich Hemingway erschossen."

Lemmy: Whiskey-Cola, Speed und Zigaretten

Lemmy | Foto: Alejandro Páez (Molcatron on Flickr) | Wikimedia Commons | CC BY 2.0

Der Motörhead-Frontmann hielt 40 Jahre lang an seiner Tagesration Jack Daniel's-Cola, Speed und Zigaretten fest. Vor seinem Tod, sagte sein Manager, habe Lemmy seine Laster etwas runtergeschraubt, jedoch immer noch an die zwei Flaschen Wein pro Tag getrunken. Gegessen hat er kein Gemüse außer Kartoffeln und grünen Bohnen, daneben kalte Spaghetti, kalte Pommes und kaltes Steak.

"Selbst eine gesunde Ernährung würde die Auswirkungen der Drogen nicht aufheben, sie würde aber helfen, schneller zu genesen", sagen Henry Fisher und George McBride von Volteface. "Speed hat einige Folgen für die Psyche: Die Amphetamin-Psychose ist ein bekanntes Krankheitsbild, unter dem vor allem Menschen leiden, die über längere Zeit Amphetamine konsumieren – insbesondere bei größeren Mengen. Was seine Vorliebe für Whiskey-Cola angeht, so ist das eine Menge Zucker, die er sich da einverleibt. Aber genau so wenig, wie er darauf geachtet hat, genug Obst und Gemüse zu essen, hat er sich bestimmt auch nicht für Unmengen von Zucker interessiert. Mit dem Aufkommen seiner Diabetes dürfte sich das geändert haben."

Am Ende starb Lemmy jedoch mit 70 an Krebs.

Wie gefährlich ist das?

"So ein Lebensstil ist extrem gefährlich", sagt Harry Shapiro. "Speed und aufputschende Drogen belasten den Körper schwer. Lemmy trank und rauchte dazu noch viel und starb an einem besonders aggressiven Krebs."

David Bowie: Koks, Kaffee, Marlboro, Milch und rote Paprika

David Bowie | Foto: Hunter Desportes | Wikimedia Commons | CC BY 2.0 

Seinem Biografen David Buckley zufolge, bestand Bowies Ernährung 1976 fast ausschließlich aus roten Paprika, Kokain und Vollmilch. Bowie sagte später, dass er sich an kaum etwas aus dieser Phase seines Lebens erinnern kann.

Buckley schreibt: "Als er den Nachfolger zu Young Americans plante, saß Bowie in seiner Wohnung mit einem Haufen Kokain auf dem gläsernen Beistelltisch, einem Skizzenbuch und einem Berg Bücher. Selbstverteidigung mit PSI von Dion Fortune war sein Lieblingsbuch. Es verspricht 'Schutz vor paranormaler Bosheit'. Ein Ratschlag des Buches: 'Trenne alle Verbindungen zu den mutmaßlichen Urhebern'. Und genauso isoliert und misstrauisch hat sich Bowie damals auch verhalten. An einen von Fortunes Grundsätzen hielt er sich dabei jedoch nicht: 'Halte dich von Drogen fern.'"

"Kokain ist ein Appetitzügler und dementsprechend ist es auch kein großes Wunder, dass er sich nur von Milch und roten Paprika ernährt hat. Es wird ihm dabei geholfen haben, seine strenge Diät einzuhalten", erklären die Experten von Volteface. "Davon abgesehen verfügt Milch über einige Nährstoffe und hält einen relativ gut auf den Beinen. Besser als nichts. Kokain ist natürlich mit Abstand der schlimmste Teil seines Ernährungsplans. Seine geistige Gesundheit dürfte bei täglichem Konsum darunter gelitten haben. Es gibt keine eindeutige Korrelation zwischen Konsummenge und negativen Auswirkungen. Du kannst bereits nach einem Kokaingelage unter Paranoia, Angststörungen und paranoiden Wahnvorstellungen leiden. Wenn du aber mehrere Gramm pro Tag konsumierst, ist es fast unvermeidbar, dass du schon bald unter paranoiden Wahnvorstellungen leidest."

Und was ist mit Milch und Paprika? "Bowies Ernährungsweise hat ihn vor dem Hungertod bewahrt, aber sie war unglaublich arm an Vitaminen, Mineralien und Aminosäuren", erklärt Petronella Ravenshear. "Seine Ernährung wird mehrere Mangelerscheinungen, sowie Muskelschwund und ein generelles Krankheitsgefühl hervorgerufen haben. Vielleicht dachte er sich, dass er die nötigen Proteine durch die Milch und das Vitamin C aus der Paprika bekommen würde – also genug, um zu überleben. Ich muss wohl nicht sagen, dass Überleben und ein gesundes Leben nicht das Gleiche sind. Milch enthält zu viel Kalzium und zu wenig Magnesium – und Magnesium ist nicht nur wichtig für Energie, sondern auch zur Entspannung. Magnesiummangel macht es dem Körper unmöglich, sich zu entspannen. Das kann zu Muskelkrämpfen, Herzproblemen und hohem Blutdruck führen. Seine Ernährung beinhaltet auch zu wenig B12, das wichtig für das Nervensystem, die Verdauung und den Schlaf ist."

Wie gefährlich ist das? 

Niemand würde lange mit dieser Diät überleben, aber Bowie lebte auch nur verhältnismäßig kurz so. "Am Ende starb er an Lungenkrebs, weil er viel rauchte. Alkohol und Zigaretten sind die Dinge, die dich eher ins Grab bringen als Drogen, die wiederum eine viel größere Gefahr durch Überdosen darstellen", sagt Harry Shapiro. "Alkohol und Zigaretten verursachen wahrscheinlicher Langzeitschäden."

Hunter S. Thompson: Alles, immer

Hunter S. Thompson | Foto: Rs79 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0 

Wir kennen seinen Tagesablauf aus E. Jean Carroll 1994 erschienen Buch Hunter: The Strange and Savage Life of Hunter S. Thompson:

"Im Gegensatz zu David Bowie nahm er zumindest ausreichend Nährstoffe zu sich", sagen Henry Fisher und George McBride. "Aber er konsumierte eine ganze Menge Drogen. Er nahm jeden Tag LSD. Psychedelika verlieren bei regelmäßigem Konsum irgendwann ihre Wirkung. Dementsprechend dürfte er nicht so halluziniert haben und high gewesen sein wie unerfahrene oder gelegentliche Konsumenten. Allerdings kannst du deine Dosis immer weiter erhöhen. So etwas wie eine LSD-Überdosis gibt es nicht. Du kannst zu jeder Droge eine Toleranz aufbauen, was bei seinem Konsum definitiv der Fall gewesen sein dürfte. Gut möglich, dass er so viel konsumieren musste, weil er ansonsten Entzugserscheinungen gehabt hätte."

"Er trank viel Alkohol und nahm dazu das Schlafmittel Halcion. Das ist eine gefährliche Kombination, die dich umbringen kann. Die Arbeitsweise von Hunter S. Thompsons Leber war aber genau so mysteriös wie die seines Gehirns. Er hatte wirklich Glück, dass er so lange durchgehalten hat."

Ein wichtiger Faktor bei diesem Umstand – und dem verhältnismäßig langem Leben anderer Menschen mit ähnlichem Lebensstil – ist sein Reichtum. "Er wird eine Krankenversicherung gehabt haben und Menschen um ihn herum, die ihn unterstützen", ergänzt das Volteface-Team. "Viele Menschen, die so viele oder auch viel weniger Drogen konsumieren, leben nicht so lange. Das liegt auch daran, dass sie dieses Sicherheitsnetz nicht haben und bei Bedarf nicht einfach in die besten Krankenhäuser gehen können. Es ist viel leichter, ein wohlhabender Drogenkonsument zu sein als ein armer."

Wie gefährlich ist das?

"Er lässt wirklich nichts aus und lebt auf einem wahren Chemie-Karussell", sagt Harry Shapiro. "Er ist nicht an den Drogen gestorben, sondern hat sich erschossen. Wenn du dich dermaßen aus dem Leben katapultierst, bist du nicht mehr in der realen Welt verhaftet. Es ist unmöglich zu sagen, welche Schäden er seinem Körper damit zugefügt hat, aber dieser Lebensstil wird wohl nicht zu seiner Ausgeglichenheit beigetragen haben. Kokain und Koffein werden sein Herz extrem belastet haben. Ich wäre jedenfalls nicht gerne in Hunter S. Thompsons Nähe gewesen. Auf diesem Drogencocktail dürfte er vollkommen unberechenbar gewesen sein."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.