Ein philosophisches Gespräch mit dem Bezwinger von Phelps, der um seine Goldmedaille betrogen wurde
DANIEL DAL ZENNARO/EPA

FYI.

This story is over 5 years old.

peking 2008

Ein philosophisches Gespräch mit dem Bezwinger von Phelps, der um seine Goldmedaille betrogen wurde

Milorad Cavic war 2008 der Schnellste im olympischen Schmetterling-Finale. Doch wegen eines Technikfehlers musste er Superstar Phelps beim Jubeln zuschauen. Wir haben mit ihm über Gerechtigkeit, Lebenslügen und Astronauten gesprochen.
11.8.16

Vor acht Jahren wurde Michael Phelps in Peking zum ersten Menschen, der bei einer Olympiade acht Goldmedaillen gewinnen konnte. Nur dass hinter seinem 7. Gold für immer ein Sternchen stehen wird. Die Rede ist vom Schmetterling-Finale über 100 Meter am 16. August 2008.

Auf den allerletzten Metern rauschte Phelps von hinten heran und zeigte ein beeindruckendes Finish. Als er mit seinem Kopf aus dem Wasser auftauchte, dachte sein Coach, dass er verloren hatte. Seine Mutter dachte, dass er verloren hatte. Selbst Phelps war sich nicht sicher. Trotzdem wurde der US-Amerikaner mit einem Vorsprung von 0,01 Sekunden als Sieger erklärt.

Anzeige

Das Verrückte: Der in den USA geborene Serbe Milorad Cavic schien die Wand als Erster berührt zu haben. Und das tat er tatsächlich auch—leider nicht kräftig genug, damit es das Touchpad der Omega-Zeiterfassung registrieren konnte.

Omega hat das später bestätigt.

„Es gibt einen großen, großen, großen Unterschied, ob man das Pad nur berührt oder ob man gegendrückt", erklärte der damalige Omega-Zuständige Christophe Berthaud. „Es ist sicher—und das Video zeigt es auch—, dass Cavic das Pad vor Phelps berührt hat. Nur dass Cavic eben nur ausglitt, während Phelps auf das Pad zuschwamm… und der Unterschied zwischen ihnen beträgt tatsächlich eine Hundertstelsekunde."

So wurde der Berkeley-Absolvent nur Zweiter, zeigte sich aber als guter „Verlierer", auch wenn er später gegenüber Mouthpiecesports.com zugab, dass er für ein Wiederholungsrennen „seinen linken Hoden herschenken" würde.

Bei den Olympischen Spielen von London vier Jahre später bekam er dann sein Wiederholungsrennen. Er erreichte zwar die drittschnellste Zeit, doch auch dieses Mal war das Glück ihm nicht hold. Er ging leer aus, weil Phelps Gold gewann und zwei Schwimmer mit identischer Zeit Silber holten. Gibt es nämlich zwei Silbermedaillen, fällt die Bronzemedaille aus.

Die Spiele in Rio sind die erste Olympiade seit 20 Jahren, an denen Cavic nicht teilnimmt. Gleichzeitig könnte Rio Phelps' Abschiedstournee werden. Was denkt Cavic heute über seine Silbermedaille von damals?

Anzeige

Wir haben ihn in Serbien besucht, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem zwei Monate alten Sohn Maksim lebt.

VICE Sports: Mit acht Jahren Abstand: Würdest du sagen, dass du damals das Rennen gewonnen hast?
Milorad Cavic: Ich habe mich nie wirklich damit auseinandergesetzt, nie wirklich darüber geredet. Ich bin ein Mensch, der sich sagt: Das, was war, kann man nicht mehr ändern. Gleichzeitig hat mir jeder gesagt, dass ich um die Goldmedaille betrogen worden bin. Jeder.

Was löst das in dir aus?
Wenn ich Phelps wäre, wüsste ich nicht, wie sich eine Goldmedaille angefühlt hätte, über die die ganze Welt meinte, dass sie jemand anderem gehören würde. Ich will damit Michael nicht angreifen. Ich meine, Michael hatte vor dem Rennen schon elf Goldmedaillen gewonnen. Michael Phelps ist also vielleicht der Athlet, der von allen am meisten die Sensibilität für die Bedeutung einer Goldmedaille verloren hat.

Was heißt das?
Wenn er seine Olympiamedaillen anschaut, weiß er nicht, welche für welches Rennen steht. Es steht nirgendwo 100 Meter Schmetterling oder 400 Lagen geschrieben. Ein Sieg ist ein Sieg. Wenn ich die Goldmedaille gewonnen hätte, wüsste ich nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn alle zu mir meinen würden, dass das nicht meine Goldmedaille ist. Und ich sage das mit großer Vorsicht, weil Michael Phelps nicht irgendein Olympionike ist. Ich sage nicht, dass Phelps eine Lüge lebt. Ich sage nicht, dass ich glaube, dass ich verloren habe. Ich sage nur: Wenn er jemand wie ich wäre—also eine Person mit viel weniger Erfolg—wäre er wohl sensibler gegenüber Aussagen wie „Glaubst du, dass du diese Goldmedaille verdienst?"

Anzeige

Und wie geht es dir mit deiner Silbermedaille?
Sie gehört zu meinen wertvollsten Besitztümern. Sie liegt in den USA in meinem Safe. Ein paar Mal pro Jahr schaue ich sie mir an, nur ich ganz alleine.

So sieht es aus, wenn man mit einer Hundertstelsekunde „verliert". Cavic ist auf der rechten Seite. Foto: PATRICK B. KRAEMER/EPA

Stehst du mit Phelps in Kontakt? Wie sieht euer Verhältnis aus?
Ich denke, ich habe während meiner ganzen Karriere vielleicht 15 Minuten mit ihm verbracht. Wir waren immer an unterschiedlichen Enden der USA oder der Welt. Das einzige Mal, dass ich wirklich mit ihm sprechen musste, was direkt vor der Medaillenzeremonie, als wir darauf warteten, dass wir aufgerufen werden.

Erinnerst du dich an das Gespräch? Gab es überhaupt ein Gespräch?
Wenn es Augenblicke gibt, in denen man ernstere Gespräche als „Wo gehst du heute Abend feiern?" führen sollte, dann gehört eine Medaillenzeremonie bestimmt nicht dazu. Ich habe es bei zwei anderen Events versucht, aber er hat abgewiegelt. Und ich kann es verstehen.

Was hättest du ihm gerne gesagt?
Ich hätte einfach nur gerne die Person kennengelernt. Wenn du dir seine Interviews anschaust, gibt es vielleicht zwei oder drei, bei denen ich glaube, dass es seine eigenen Worte sind. Bei jedem anderen Interview hatte ich das Gefühl, als ob sein Trainer hinter ihm gestanden hätte. Ich glaube, seine menschlichsten Interviews gab er dann, als er ordentlich in Schwierigkeiten war—etwa, als er betrunken am Steuer erwischt wurde oder gekifft hatte. Er war ein Unternehmenstyp, weil genau das von ihm erwartet wurde.

Anzeige

Am Ende bist du nochmal in London angetreten. War das Rennen in Peking ein Grund dafür?
Ja, hätte ich Gold gewonnen, wäre ich glaube ich nach Peking zurückgetreten.

Wonach warst du noch hungrig? Gold? Oder nach dem Gefühl, es auch noch nach deiner Rücken-OP 2010 draufzuhaben?
Ich war vor allem hungrig danach, den Leuten zu zeigen, dass ich noch nicht erledigt bin. Mediziner und Trainer haben mir gesagt, dass ich nie wieder schwimmen können würde. Also ging es für mich weniger um Gold als darum, sie mit dem Gewinn einer olympischen Medaille Lügen zu strafen. Jede Medaille hätte dafür ausgereicht.

Im großen Wiederholungsrennen warst du nah dran, hast aber keine Medaille gewonnen.
In der Nacht vor dem Finale war das zweite Mal, dass ich jemals gebetet habe. Ich bin nicht besonders religiös, aber ich habe gesagt: „Lieber Gott, wenn ich dieses Finale geschwommen bin, egal ob ich eine Medaille gewinne oder nicht, schenk mir inneren Frieden und lass mich im Anschluss mein Leben leben. Dann kam das Rennen, ich schlug an und schaute auf die Tafel und sah den vierten Platz. Ich war erst mal perplex: Ich habe nach dem Sieger geschaut: Michael Phelps. OK, sagte ich mir. Dann nach dem zweiten Platz: Chad le Clos. Ich schaute nach dem Drittplatzierten und konnte ihn nicht finden. Ganz unten auf der Anzeigetafel stand einer meiner besten Freunde und Trainingspartner, der Russe Yevgeny Korotyshkin. Er hatte auch Platz zwei neben seinem Namen stehen. Bei Zeitgleichheit unter Zweitplatzierten fällt der dritte Platz weg. Ich sah Yevgeny feiern. Ich schaute nochmal zur Anzeigetafel und spürte nichts mehr, ich war taub. Für mich ist Platz vier der erste Verlierer. Wenn du Achter wirst, weißt du wenigstens, dass du verdammt nochmal eh keine Chance hattest.

Auch noch zwei, drei Wochen nach dem Rennen habe ich nichts gefühlt. Ich bin zu einem Therapeuten. Der meinte: „Würdest du gern die Zeit zurückschrauben und nochmal antreten?" Ich antwortete: „Nein, gar nicht." Er meinte: „Hast du das Gefühl, alles gegeben zu haben?" „Ja, habe ich", lautete meine Antwort." Daraufhin meinte er zu mir: „Ich glaube, Gott hat deine Gebete erhört. Er hat dir den inneren Frieden geschenkt." Plötzlich fiel es mir wie Schuppen vor den Augen. Ich verstand, dass ich es los war. Die Taubheit war am Ende einfach nur Schock.

Welche Rolle hat Schwimmen noch in deinem Leben?
Ich schwimme zweimal pro Woche, aber ich habe nach meiner Karriere 20 Kilo zugelegt, weil ich mich weigere, auf etwas zu verzichten. Brot gehört zu meinen Lieblingslebensmitteln. Mir gehören zwei Schwimmläden in Serbien. Ich hatte auch eine Schwimmschule in Serbien, aber nachdem die 2014 zugemacht hatte, bin ich in die Staaten zurückgekehrt und habe dort einen Job im Finanzsektor gefunden. Ich hatte ein sehr gutes Jahr, war aber nicht so hinterher, was eine Lebensversicherung oder Investitionen betrifft. In der Zwischenzeit habe ich dann erfahren, dass meine Freundin schwanger ist, so wie wir gehofft hatten. Jetzt muss ich etwas Neues finden. Darum bin ich wieder in Serbien und suche nach etwas, aus dem ich mir eine neue Karriere aufbauen kann.

Eines der größten Probleme für Athleten ist die Leere nach der Karriere. Das Astronautensyndrom. Du warst schon auf dem Mond, kommst zurück und weißt mehr von der Welt, als du jemals gewusst hast. Du weißt aber auch, dass du nie wieder zurückkehren wirst. Worin willst du mehr Sinn und Bedeutung finden als in deiner Mission zum Mond oder Teilnahme an Olympia? Ich bin auch noch ein Suchender.

Wenn Rio Phelps' letzte Olympiade ist, was wünschst du ihm für die Zeit danach?
Ich hoffe für ihn das, was ich auch für mich hoffe. Dass er etwas Neues findet, was seinem Leben einen Sinn gibt, was ihn glücklich macht. Ich denke, dass er die Fähigkeit hat, auch in einer anderen Sache zu brillieren. Die Frage ist: Wird die Welt ihn in Ruhe sein Ding suchen lassen? Wird die Welt zulassen, dass er sich als Mensch weiterentwickeln kann?