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Heute frittiere ich mir einen Rausschmiss

Weißt du was? Fuck capitalism! Yeah, ich hab's gesagt!
30.1.11

Weißt du was? Fuck capitalism! Yeah, ich hab's gesagt! Mach die Augen auf und du wirst erkennen, dass das System nur die Aufgabe hat, die Reichen in Positionen mit Garantie auf uneingeschränktes Machtmonopol zu befördern und der Rest muss im existentiellen Schlamm herumkriechen und für fette Typen Jacuzzis und Cabrios bauen.

Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich stelle mir das Paradies jedenfalls anders vor. Bei dem Versuch, der Maschinerie des Kapitalismus zu entkommen, habe ich ein paar Monate damit verbracht, in

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Fast-Food-Restaurants nach Jobs zu suchen und sie dann so schnell wie möglich wieder zu verlieren, indem ich mich völlig irrational und unangemessen am Arbeitsplatz benommen habe. Ich hatte das Gefühl, dass es keinen besseren Start für meine Odyssee kindischer Anfälle und niederträchtigen zivilen Ungehorsams hätte geben können, als beim Mutterschiff fragwürdiger Fresskultur—McDonald's. Also bin ich reingegangen, ausgestattet mit einem Arsenal neurotischer Ticks, und log ihnen was vor von bisheriger Berufserfahrung und meinem neuen Burger „McNificent".

Am Tag meiner ersten Schicht wurde ich an der vorderen Theke von einer jungen tschechischen Lady begrüßt. Sie war wohl noch nicht so lange im Land, schien aber freundlich und ließ mich wissen, dass sie alle auftauchenden Fragen meinerseits gern beantworten würde. „Bist du Kyle?", sagte sie. „Sicher, das bin ich", antwortete ich und bot ihr meine Hand und ein Lächeln. „Du hast schon lange bei McDonald's gearbeitet?", fragte sie. „Sogar schon bevor mein Erinnerungsvermögen eingesetzt hat", sagte ich. Sie brachte mich nach unten, zeigte mir den Personalraum und sagte, ich solle wieder hochkommen, wenn ich meine Uniform anhätte.

Sobald ich wieder oben war, wurde ich dem Schichtleiter und dem Assistenten des Filialleiters vorgestellt. Ich konnte direkt sehen, dass es sich um zwei Typen handelte, die ihre Jobs viel zu ernst nahmen. Ich erwähnte, wie schön es ist, wieder in dem vertrauten McDonald's-Outfit zu stecken und sagte zu ihnen: „Ich spring jetzt mal schnell rüber zu einer dieser Kassen, um mich mit ihnen vertraut zu machen."

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„Du erinnerst dich doch, wie die Dinger funktionieren, oder?", rief der Schichtleiter hinter mir her. „Ja, ja, ja", rief ich ihm über die Schulter zu.

Ich habe vorher noch nie eine dieser Kassen gesehen, aber ich habe gedacht, ich würde es schon rausfinden. Ich sah mir die lange Reihe hungriger Gesichter an. „Wer ist dran?", rief ich und nahm Augenkontakt mit dem vordersten Typen aus der Schlange auf. In Wirklichkeit bin ich ein 24-jähriger Typ aus England, der in Brighton lebt. Für diese Zwecke entschied ich mich, mit einer grauenhaft weinerlichen, sehr amerikanischen Aussprache mit all den Kunden zu reden und mit meiner normalen Stimme mit dem Personal—damit allen in einer Sekunde klar wird, dass ich den Akzent nur benutze, um Bestellungen aufzunehmen.

„Hey, willkommen bei McDonald's, welchen Burger darf ich ihnen bringen?", sagte ich in der wahrscheinlich unerträglichsten Stimme, die ich jemals gehört hatte. Der Mann sah mich an und zögerte einen Moment, bevor er ein Quarter-Pounder-Menü und einen Milchshake bestellte.

„OK, mal sehen…", sagte ich und begutachtete die Kasse. Obwohl ich versucht hatte, ein bisschen zu recherchieren, wie der Laden hier läuft, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich zu tun hatte—und irgendwie muss mein Gesicht das verraten haben. Meine tschechische Kollegin eilte mir aber zur Hilfe. Ich fragte sie in meiner normalen Stimme, wie man zwischen Softdrinks und Milchshakes switchen kann. Als sie für mich die Bestellung bearbeitet hatte, drehte ich mich zu dem Mann um und kreischte: „Das sind dann $4,49 bitte, dankeeeeeeeeeeee." Ich fand es bei jedem Kunden sehr spaßig, das Wort „danke" beliebig in die Länge zu ziehen. Gelegentlich hab ich auch irgendwelche anderen Wörter etwas ausgedehnt.

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„Hey, willkommen bei McDonaaaaaaaaaaald's, mit welchem Burger kann ich Sie hier heuteeee glücklich machen?", fragte ich die nächste wandelnde Brieftasche, als sie zur Menü-Tafel der frittierten Fantasien hinaufstarrte. Ich bediente noch ein paar Leute, bevor der Schichtleiter mich sehen wollte. Er war ein jüngerer Typ mit dunklen Haaren und redete in einer beeindruckend langsamen und monotonen Stimmlage, in der keinerlei Akzente vorgesehen waren.

„Wenn ein Kunde den Schalter aufsucht, sagst du einfach nur ‚Hallo, wie geht's?'. Mit einer normalen Stimme bitte. Der Satz, mit dem du die Leute begrüßt, ist nicht ganz das, was wir uns vorgestellt haben." Wir standen uns eine Sekunde schweigend gegenüber und sahen uns an, bis der stellvertretende Assistent des Filialleiters anfing, neben uns ein paar Pommes in eine Schachtel zu schaufeln.

„Hör mal", sagte ich. „Es gibt ein paar wirklich interessante Marktforschungsergebnisse vom letzten Jahr. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Konsumenten es als angenehmer empfinden, wenn bei dem amerikanischen Unternehmen McDonald's auch Amerikaner an der Kasse stehen."

An diesem Punkt mischte sich die Assistentin des Management ein. Sie war eine 30-jährige Blondine, mit strenger Miene, die an eine jahrelange Schändung durch die Reitpeitsche erinnert.

„Das kannst du vielleicht auf den Philippinen abziehen", spuckte sie wütend aus. „Aber hier in England sagen wir erstmal ‚Hallo, wie geht's?'" Mit der jahrelangen Erfahrung, die ich hinter den Kasse von Manila gesammelt habe, war mir klar, dass ich mir von niemandem was sagen lassen muss.

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„Nun ja, du kannst es ja gerne so sagen", argumentierte ich. „Aber die Forschung hat bewiesen, dass genau dieser Satz dafür sorgt, dass die Leute immer wieder zurückkommen. Wort für Wort, am besten mit dem Daumen hoch und mit amerikanischem Akzent—um die besten Ergebnisse zu erzielen. Genau wie: ‚Hey Jungs, willkommen bei Mc Donald's, welchen Burger kann ich euch heute zaubern?´

„Wenn du etwas daran änderst, wird es nutzlos."

„Hör mir zu", es klang wie ein bösartiges Bellen. Sie war eindeutig sauer auf „Wissenschaftler" und „Forschungsergebnisse". „Hör mir zu … Kyle, jetzt hör mir zu", sie wiederholte es immer wieder, und es wurde spürbar, wie wütend sie war. Ich gab ihr eine Sekunde, um zu hören, was sie Wichtiges zu sagen hatte. „Das ist mein Restaurant und du hast zu tun, was ich dir sage!"

„OK, jetzt hörst du mir wieder zu", ich war völlig gelassen und autoritär. „So wie es aussieht, hat hier jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht, und ich bin es nicht. Und ich werde mir dieses Geschäft nicht entgehen lassen, nur weil du Lücken in deinem Wissen aufweist. Menschen wie ich sind einfach unvorstellbar wichtig."

Ihr Gesichtsausdruck blieb weiterhin gnadenlos. „Geh zurück an deine Kasse, sofort", befahl sie mir schon leicht verzweifelt. Ich beließ es dabei, zu weit auf die Spitze wollte ich es auch nicht treiben.

[Später habe ich herausgefunden, dass sie nach unserem Gespräch meinen Mitbewohner Marcus angerufen hat, den ich als ‚Ex-Manager' in meinen Lebenslauf geschrieben habe. Wir prüften später seine Anruferliste und es muss nur Sekunden danach passiert sein. Er gab mir natürlich eine glänzende Beurteilung.]

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Ich ging zurück zu meiner Arbeit.

„Hey Jungs, willkommen bei Mc Donald's, welchen Burger kann ich euch heute zaubern?", sagte ich deutlich lauter als vorher. Das Restaurant wurde zunehmend voller und belebter und jeder konnte das Kreischen der Assistent-Managerin hören. „MACHT SCHON JUNGS!" und ab zu den Jungs am Grill: „MACHT SCHNELLER, MACHT SCHNELLER!"

Das ist wirklich mehr als unmenschlich, solche Dinge den Mitarbeitern entgegen zu brüllen. Insbesondere dann, wenn das Einfüllen des Bratfettes wichtiger erscheint als das eigene Leben. Das wollte ich auch, so brüllte ich laut von meiner Kasse: „LOS JUNGS, MACHT SCHNELLER." Natürlich kam sie zu mir und fragte, ob ich den Inhalt der Kasse gezählt hätte, bevor ich anfing, Bestellungen aufzunehmen.

„Nein, das habe ich nicht gemacht", gestand ich voller Scham. „Ich vertraue euch bedingungslos."

„Du kannst keinem Vertrauen", knurrte sie, langsam machte sie mir echt Angst.

„Gut, aber man muss Vertrauen haben, was ist das denn für ein Arbeitsklima, wenn kein Vertrauen herrscht?" Ohne Antwort ging sie zurück zum Grill, ich folgte ihr.

„Hey, wir sollten heute einen neuen Burger machen", erklärte ich ihr. „Er heißt McNificent. Er ist sehr einfach in der Herstellung. Die Basis ist ein Big Mac aber mit Fisch und Hähnchen und Fleisch drin."

„Nein, wir können nur die Burger machen, die auf der Karte stehen", antwortete sie nach ein paar Sekunden.

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„Wir haben den auf den Philippinen gemacht, er wurde eine Sensation, vor allem weil er so simpel in der Herstellung ist. Ich werde es den Jungs am Grill zeigen und dann können wir ihn verkaufen." Ich marschierte los, ohne auf ihre Reaktion zu warten. Ich hörte immer wieder „Nein" in meinem Rücken.

„Das macht 4,49 bitte, daaaaaaaaaaanke." Ich sah dem Kunden hinterher, er war glücklich. Bei meinem nächsten fand ich, dass es an der Zeit war, mein neues Produkt an den Mann zu bringen.

„Hey, willkommen bei Mc Donald's, welchen Burger kann ich dir heute zaubern?" Er war ein braunhaariger Typ Mitte 30. „Möchtest du unseren neuen McNificent probieren? Er ist noch nicht auf der Karte vertreten!"

„McNificent Burger?" wiederholte er. „Yeah, er ist großartig. Ein Big Mac mit Fisch, Huhn und Rind."

„Fisch, Huhn und Rind?"

„Ja! Mit Käse, Brot und einer Scheibe Tomate."

Er wollte nicht. Das war nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte—und eine Reihe von Kunden lieferte mir ähnliche Reaktionen. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es sich herumgesprochen hatte, also dachte ich, ich sollte besser hingehen und den Typen an der Kasse zeigen, wie man diese Babys zusammenpackt. Sie ließen alles stehen und liegen, als ich näher kam. Ich sagte: „Wir werden heute einen neuen Burger machen. Er heißt …."

Bevor ich den Satz zuende bringen konnte, kam die Managerin rübergestürmt, sauer, dass ich meine Kasse schon wieder verlassen hatte.

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„Was machst du da?", fragte sie.

„Ich zeige den Jungs, wie man einen McNificent macht", antwortete ich entspannt und unbeeindruckt von ihrer unübersehbaren Wut.

„GEH ZURÜCK ZU DEINER KASSE", schrie sie wild gestikulierend.

„Es wird nicht lange dauern, ich will nur …"

„KYLE, GEH ZURÜCK ZU DEINER KASSE!" An diesem Punkt war sie so wütend, dass sie drauf und dran war, das Wort „NEIN" so laut durch den Laden zu brüllen, dass alle Kunden aufhören würden zu essen und in unsere Richtung starren würden, um zu sehen was hier abgeht.

„Ich kann nicht zurück zu meiner Kasse", erklärte ich. „Was, wenn jemand einen McNificent bestellt? Diese Typen werden nicht wissen, wie man ihn macht und die Firma wird schrecklich unprofessionell dastehen. Ist es das, was du willst?"

„KYLE, GEH ZURÜCK AN DEINE KASSE! DIE LEUTE WARTEN!", sagte sie.

„Deine Entscheidung", sagte ich. „Wenn du nicht rübergekommen wärst und uns unterbrochen hättest, hätte ich es schon längst erklärt und könnte jetzt an meinen Platz zurück."

Das schien der Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Was nun passierte war absurd. Sie schrie, jemand solle die Polizei rufen.

„RUFT DIE POLIZEI! RUFT DIE POLIZEI!", schrie sie wie verrückt. Sie war so aufgebracht, dass sie nicht mehr wusste, was sie tun oder sagen sollte. Ich hatte schon verstanden, dass sie mich bereits gefeuert hatte und zehn Minuten später war ich immer noch da—OK, dann ruft doch die Polizei. Aber direkt zum Zwangsvollzug überzugehen, bevor sie mich überhaupt gebeten hatte zu gehen, schien mir doch etwas überstürzt.

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„Du kannst die Polizei nicht wegen eines neuen Burgers rufen", erklärte ich ihr. „Schon gar nicht wegen eines so ausgezeichneten. Sie werden nur denken, dass du durchgedreht bist."

„KYLE, WENN DU NICHT ZURÜCK GEHST, UM ZU BEDIENEN, MUSS ICH DICH NACH HAUSE SCHICKEN!"

„Ich versuche nur, euch zu helfen, Leute", erwiderte ich. „So bald die Nachricht vom McNificent bis zu den Philippinen …"

„OK, DAS WAR'S! GEH NACH HAUSE! DU BIST GEFEUERT!", schrie sie und ihre Stimme erreichte eine Frequenz, die bis dahin wahrscheinlich nicht mal sie selbst vernommen hatte.

„Was, das war's?", fragte ich niedergeschlagen. „Ich hab doch nur versucht, euch zu helfen. Ihr seid einfach nicht bereit für die McZukunft!"

„GEH.EINFACH.NACH.HAUSE.KYLE!"

GESAMTE ARBEITSZEIT: 53 MINUTEN, 12 SEKUNDEN

Die Treppen herunter in den Umkleidebereich erschien mir auf einmal viel heller und kürzer, im Gegensatz zum Morgen, als ich sie hoch ging. Ein Gefühl der Erleichterung erfüllte mein Körper, und als ich meinen Sicherheitscode eingab, um in den Personalraum zu gelangen, saß dort meine tschechische Helferin und aß zur Mittagspause einen Burger.

„Was treibst du denn hier unten?" fragte sie mich.

„Ich wurde gerade gefeuert," erklärte ich ihr.

„Wirklich?! Was ist passiert?"

„Sie sind einfach nicht bereit für die McZukunft, einfach nicht bereit" wiederholte ich mehrmals.

„Was?"

„Ja.. .trotzdem danke für deine Hilfe! Es war sehr nett dich kennen gelernt zu haben."


Bilder: RORY TAYLOR