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In Österreich werden intersexuelle Babys umoperiert

Das Geschlecht von Babys mit nicht-eindeutigen Geschlechtsmerkmalen wird oft „angepasst", obwohl keine medizinische Dringlichkeit besteht.
17.6.15
Franziska Neumeister | Flickr | CC BY 2.0

Wir feiern Conchita Wurst und die Regenbogenparade. Tausende versammeln sich, um gegen Homophobie im Prückel zu demonstrieren. Währenddessen werden Babys operiert. Nicht etwa, weil sie krank sind, sondern weil sie Geschlechtsmerkmale haben, die nicht eindeutig weiblich oder männlich sind. Wir haben mit Alex Jürgen vom Verein Intersexueller Menschen Österreich (VIMÖ) gesprochen. Jürgen lebt der Einfachheit halber als Mann, auch wenn er* eigentlich keiner ist, wofür das Sternchen stehen soll.

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Die Operationen an Säuglingen fangen bei winzigen Unregelmäßigkeiten wie der Hypospadie an. Eine Hypospadie liegt vor, wenn die Harnröhre verkürzt ist und sich die Öffnung dementsprechend an der Unterseite des Penis befindet. Es wird empfohlen, das Kind um das erste Lebensjahr herum zu operieren, damit es im Stehen Wasser lassen kann und der gängigen Ästhetik entspricht. Die Risiken einer Operation sind Entzündungen und Fisteln, was meistens eine weitere Operation nach sich zieht.Hypospadie wird nicht immer zu Intersexualität gezählt.

Selten haben die Eingriffe medizinische Gründe, wie bei innenliegenden Hoden. Die Wahrscheinlichkeit mit Bauchhoden Kinder zeugen zu können, ist gering. Das Hodenkrebsrisikoist erhöht. „Wenn jährlich eine Vorsorgeuntersuchung gemacht wird, was soll dann passieren?", fragt sich Jürgen, dem* selbst die Bauchhoden entfernt wurden. Alex Jürgen hat durch die Operation zwar nie Hodenkrebs bekommen, dafür aber Leukämie mit 19 Jahren.

Wenn das Geschlechtsorgan des Babys zwischen Klitoris (kleiner als 0,7cm) und Penis (größer als 2,5cm) liegt, wurde das Kind früher oft verweiblicht, da diese Operation unkomplizierter ist, wie Alex Jürgen erzählt. Heute ist die Medizin weiter fortgeschritten und kann auch aus einer vergrößerten Klitoris einen Penis formen. Jürgen gibt zu bedenken, dass mit diesen Operationen oft Probleme wie Sensivitätsverluste einhergehen.

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Verschiedene Firmen bieten pränatale Tests an, die uneindeutige Geschlechterzugehörigkeiten diagnostizieren können. Einige Formen von Intersexualität können mit Urin- oder Bluttests festgestellt werden. Diese Tests können bereits in der neunten Schwangerschaftswoche eingesetzt werden, also bevor die Frist für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch abläuft. Jürgen findet das fatal. „Jedes Leben ist gleich viel wert", meint er*.

In Österreich muss innerhalb einer Woche nach der Geburt ein Geschlecht eingetragen werden. Eltern, die ihren Kindern Stigmata ersparen wollen, werden vor eine schwierige Entscheidung gestellt. Da es kaum Aufklärung gibt, sind die Eltern von der Meinung der Mediziner*innen abhängig. Deswegen versucht der VIMÖ Kontakt mit Ärzt*innen aufzubauen und die Pathologisierung von intersexuellen Personen zu verhindern.

Nicht überall muss ein Geschlecht eingetragen werden. Deutschland erlaubt zum Beispiel, das Kästchen auf unbestimmte Zeit freizulassen. Jürgen sieht darin aber ein Problem. Beispielsweise in der Schule kann ein unbestimmtes Geschlecht zu Mobbing führen. Er* plädiert an die Eltern, ein Geschlecht einzutragen und zu versuchen, die Kinder geschlechtsneutral zu erziehen. Außerdem ist der Staat gefragt: Geschlechteränderungen auf dem Papier müssen flexibel und unbürokratisch vorgenommen werden können, falls sich das Kind entscheidet.

Jürgen wünscht sich eine Welt ohne Geschlechtersystem. „Zweierlei Geschlechter in der jeweiligen Gegeninstallation brauche ich einzig und allein zum Kindermachen". Die Konstrukte Mann und Frau seien schon lange hinfällig und würden in Österreich nur benutzt, um einzuschränken, welche Menschen einander heiraten dürfen. Sein* eigenes Geschlecht empfindet er* als Privatsache und sieht nicht ein, es ständig angeben zu müssen. Beim Sport hat er* auch eine einfache Lösung parat: Einteilung in Leistungsgruppen, anstatt nach Geschlecht.

Die Sexualkunde an der Schule könnte einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz von intersexuellen Menschen leisten. Allerdings wird ausschließlich über Männer und Frauen gelehrt. Intersexualität wird im weitesten Sinne nur in Biologie angeschnitten. Aber: „Es hat noch niemand versucht, Schnecken umzuoperieren".


Header: Franziska Neumeister | Flickr | CC BY 2.0