Der Spion, der mich „liebte“

„Jacqui" erhielt mehrere hunderttausend Pfund Schmerzensgeld, nachdem sie herausgefunden hatte, dass der Vater ihres Kindes ein verdeckter Ermittler war.

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03 November 2014, 2:59pm

Alberto Otero García | Flickr | CC BY 2.0

​Eine Frau namens „Jacqui" steht in Großbritannien im Fokus der Medien. Sie trägt einen knallpinken Schal und hat langes, schwarz gefärbtes Haar. Als sie herausfand, dass der Vater ihres Kindes ein verdeckter Ermittler war und den Auftrag hatte, sie auszuspionieren, war das für sie traumatisch-deswegen erhielt sie von der Londoner Metropolitan Police jetzt umgerechnet knapp 540.000 Euro Schmerzensgeld.

VICE News traf Jacqui im Londoner Büro ihrer Anwältin. Sie sagte, dass sie zwar erleichtert sei, es aber immer noch offene Fragen gebe.

„Warum wurde ich zum Ziel? Mit welchen Mitteln wurde ich zum Ziel? Was hatten sie aus welchem Grund gegen mich in der Hand? Warum hielten sie es für sinnvoll, dieses Geld für das Ausspionieren meiner Person auszugeben?", sagte sie. „Ich will außerdem wissen, was wirklich los war. Als ich zum Beispiel 14 Stunden in den Wehen lag, machte er da Überstunden? Hat er über jede Wehe Rückmeldung erstattet? Was genau wussten sie über mich?"

1983 traf Jacqui Bob Lambert-der damals den Decknamen Bob Robinson nutzte-zum ersten Mal. Sie war damals 22 Jahre alt und in der Tierrechtsszene aktiv. Trotz des Altersunterschieds begann Lambert, mit ihr zu flirten und ihr anzubieten, sie nach Demonstrationen nach Hause zu bringen.

Bob Lambert (links) mit seinem Sohn. Foto: Jacqui

Nach anfänglichem Zögern verliebte sich Jacqui in Lambert und die beiden waren für mehrere Jahre ein Paar.

„Er war meine erste Liebe und stand während meiner ersten Schwangerschaft und Geburt an meiner Seite. Wir blieben bis kurz nach dem zweiten Geburtstag unserer Sohnes zusammen", sagte sie. „Er war ein liebevoller Vater und wir hatten sogar eine Katze-eine richtige Familie."

Jacqui sagte, dass sie herausfand, dass Lamberts Polizeieinheit als sogenannte „Deep Swimmers" eingesetzt wurde und er deswegen nur alle paar Wochen freibekam.

„Er war oft verschwunden, aber wir reden hier von einer Zeit, in der es noch keine Handys gab und sich der Aufenthaltsort einer Person nicht so leicht herausfinden ließ. Er sagte immer, dass er für den Tierschutz unterwegs sei", erzählte Jacqui. „Nach der Geburt meines Kindes war ich vom Muttersein total überwältigt. Er sagte, dass er an Aktionen teilnehme, wo man keine Babys mitnehmen könnte."

1977 fing Lambert mit 25 Jahren bei der Polizei an. Drei Jahre später wurde er zur Staatspolizei versetzt und dort dann Teil der „Special Demonstration Squad", eine streng geheime Abteilung, die Demonstranten ausspionierte.

Jacqui erklärte, dass die Tierrechts-Bewegung damals schon eine ganze Weile für Chaos gesorgt hatte.

„Zu unseren Demos kamen 50.000 Menschen und wir wurden dem Establishment immer mehr ein Dorn im Auge. Es gab aber nie Verletzte oder Gewalt", sagte sie. „Der wirtschaftliche Schaden war jedoch immens."

Als die Bewegung immer mehr Anhänger fand, wurde auch der Staat aufmerksam. Auf die Frage, wie bewusst ihr gewesen sei, dass verdeckte Ermittler im Einsatz waren, antwortete Jacqui: „Bob war immer derjenige, der uns über dieses Thema belehrte. Für unseren Newsletter schrieb er sogar einen Artikel mit dem Titel ‚So erkennst du Spione'. Mich ermahnte er immer, genau aufzupassen, mit wem ich rede und was ich sage. Ich war seiner Meinung nach zu offen und könnte niemandem vertrauen ... Er zeigte mir eine bestimmte Person und sagte, dass sie ein Informant sei. Das sollte ich dann allen anderen weitererzählen. Diese Person wurde anschließend von uns verbannt. Und trotz alledem war Bob der eigentliche Feind."

Jacqui behauptete, dass nicht nur der Staat ihre Treffen überwachte, sondern dass auch Unternehmen wie McDonald's „Betriebsspione" einsetzten. Laut ihr waren manchmal mehr Betriebsspione und Polizisten als Aktivisten anwesend.

1987 wurden drei britische Kaufhäuser zum Ziel der Aktivisten, nachdem man sich dort gegen einen Verkaufsstop von Pelzen entschieden hatte. Ein Angriff auf eine Filiale im Londoner Vorort Harrow verursachte laut dem ​Guardian einen Schaden in Höhe von umgerechnet 340.000 Pfund. Für ihr Mitwirken wurden Geoff Sheppard und Andrew Clarke ins Gefängnis gesteckt-ermöglicht wurde das durch die Zeugenaussage von Lambert. Danach erzählte er Jacqui, dass er selber fliehen müsste, um nicht verhaftet zu werden.

„Er beteuerte immer, dass er sich baldmöglichst melden würde und seinen Sohn niemals im Stich lassen könnte. Aber genau das hat er gemacht", sagte Jacqui.

Sie versuchte vergebens, Lambert ausfindig zu machen. Schließlich gab sie jede Hoffnung auf, dass er zurückkommen würde. Jacqui heiratete wieder und bekam noch ein Kind. Als sie 31 Jahre alt war, starb ihr zweiter Ehemann jedoch plötzlich.

Am Boden zerstört, aber finanziell abgesichert, kehrte Jacqui zur Universität zurück. Ihr „gefiel es dort sehr gut" und deshalb blieb sie acht Jahre. Sie ist jetzt als Dozentin tätig.

Im Juni 2012 schlug Jacqui die Tageszeitung Daily Mail auf und ​Lamberts blickte ihr entgegen. Ein Enthüllungsbericht entlarvte ihn als ehemaligen verdeckten Ermittler, der in den 80er Jahren aktiv war. Er hatte zugegeben, ein Kind mit einer Aktivistin zu haben. Jacqui wusste, dass sie damit gemeint war. Nach fast 25 Jahren ohne Kontakt brach ihre Welt zusammen.

„Mit wird jetzt klar, dass unsere gemeinsame Zeit einfach nur seine Arbeit war. Wenn ich dachte, er sei arbeiten, dann war das keine Arbeit-denn die war unser tägliches Leben", erzählte sie. „Er war bei Familienfesten dabei. Meine Eltern behandelten ihn wie einen Schwiegersohn. Meine Schwester behandelte ihn wie einen Schwager. Er ist auf Familienfotos und so weiter mit drauf und wurde zum Geist. Jetzt stellt sich heraus, dass da niemals etwas war."

Inzwischen ist Lambert ein Experte für Islamophobie. Von 2002 bis 2007 leitete er die „Muslim Contact Unit" von Scotland Yard. Seit 2006 hält er an den Universitäten St. Andrews und Exeter Vorträge. Nachdem er 2011 enttarnt wurde, äußerte er sich vor einigen Journalisten. In einem Statement bei der TV-Reihe ​Dispatches sagte er: „Die Arbeit eines verdeckten Ermittlers ist komplex, gefährlich und heikel. Es würde sehr lange dauern und die Kooperation meiner ehemaligen Vorgesetzten erfordern, die ganzen Hintergründe, den Kontext und alle Details zu erläutern. Das ist jedoch nötig, um mich zu den aufgekommenen Umständen zu äußern."

​In einem anderen Interview sagte er: „Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass ich mein Handeln wirklich zutiefst bereue. Ich entschuldige mich bei der betroffenen Frau ... Viele Menschen werden mir nie verzeihen können, aber das ist OK. Ich habe schwere Fehler gemacht, die ich bereuen sollte. Meiner Meinung nach ist das einzige Positive meiner Polizeilaufbahn die Tatsache, dass ich jetzt aus meinen Fehlern lernen kann."

​Lambert erzählte dem Fernsehsender Channel 4, dass er unter seiner falschen Identität mindestens vier Mal verhaftet wurde.

Aber wie viel der Beziehung war gestellt und von einem Mann geprägt, der nur seinen Anweisungen folgte? Jacqui erzählte, dass sie sich mit den anderen betroffenen Frauen getroffen und darüber gesprochen hat. Dabei kam heraus, dass die Annäherungsversuche immer gleich abliefen. „Es war immer gleich: die Vans, die Mitfahrgelegenheiten, die Karten zum Valentinstag, das plötzliche Verschwinden und das ewige Festsitzen in deinem Kopf", erklärte sie.

Jacqui forderte von Lambert auch schon Antworten, aber der gab nichts preis. „War es wegen meiner Verwundbarkeit?", fragte sie. „Mit 17 bin ich zu Hause ausgezogen. Ich war jung und ganz allein."

Während seiner gesamten Beziehung mit Jacqui war Lambert verheiratet und zweifacher Vater. Als Jacqui ihr Kind zur Welt brachte, stand er die ganze Zeit an ihrer Seite-die kompletten 14 Stunden. „Ich dachte immer, dass er selbst eine schlimmer Kindheit hatte. Deshalb wollte ich ihm ein schönes Familienleben ermöglichen und unser Zuhause so angenehm gestalten, wie es nur ging", sagte sie.

2012 haben Lambert und sein gemeinsamer Sohn mit Jacqui damit begonnen, eine positive Beziehung aufzubauen, die weiter bestehen könnte.

Bob Lambert bei einer Demo vor dem Dorchester Hotel im Jahr 1984. Foto: Greenpeace London

„Im Gegensatz zu den anderen Frauen, die keine Kinder bekommen haben, wird Bob Lambert für immer ein Teil meines Lebens sein. Wir werden gemeinsame Enkel haben, bei Hochzeiten dabei sein und so weiter", sagte Jacqui. „Ich muss also irgendwie damit klarkommen, dass der Geist zurückgekehrt ist."

Aber auch Lambert ist von persönlichen Tragödien nicht verschont geblieben. Die zwei Kinder, die er mit seiner ersten Frau hatte, sind wegen einem seltenen genetischen Defekt gestorben. Auch Jacquis Sohn hätte davon betroffen sein können. Sie sagte, dass Lamberts Beziehung zu seinem Sohn eine Chance für ihn sei, „doch noch Großvater zu werden." Sie fügte hinzu: „Ihnen ist vielleicht schon aufgefallen, dass ich hier jetzt nicht schlecht über ihn rede. Das würde ich mit keinem Vater meiner Kinder machen."

Hollywood will Jacquis Leben in eine Liebesgeschichte verwandeln, aber darüber ist sie sich noch nicht sicher. „Es sind schon viele Angebote reingekommen. Bei einigen könnte ich mich selbst mit einbringen, um die Geschichte so zu erzählen, wie sie wirklich passiert ist. Andere wollen einfach nur die Rechte an meinem Leben kaufen."

Nachdem 2012 die Wahrheit über Lambert ans Licht kam, erlitt Jacqui einen Nervenzusammenbruch. „Ich war richtig krank und mein Psychiater findet, dass ich das Geld akzeptieren und sie einfach machen lassen soll. Irgendwann wird auf jeden Fall ein Punkt kommen, an dem ich hiermit abschließen und mein Leben weiterleben kann."

Dieser Abschluss wird laut Jacqui „durch Therapien, Ärzte, Anwälte und Freunde ermöglicht. Ich glaube nicht, dass die Behörden meine Fragen beantworten werden."

Die britische Polizei-Überwachungsorganisation Her Majesty's Inspectorate of Constabulary (HMIC) ​enthüllte Anfang Oktober, dass derzeit 1229 verdeckte Ermittler in 43 Einheiten in ganz England und Wales eingesetzt werden. ​Die Metropolitan Police heißt es zwar nicht gut, wenn Polizeibeamte ein sexuelles Verhältnis mit ihren Zielpersonen eingehen, aber es wurde auch nicht explizit gesagt, dass es in allen Situation falsch wäre. ​In einem Urteil vom Juli dieses Jahres sagte der Richter, dass Monica Carss-Frisk, die Anwältin der Metropolitan Police, folgendermaßen argumentiert hat: „Man sollte nichts ausschließen. Es kann für einen Beamten legitim sein, in einem einzelnen Fall mit jemandem zu schlafen, um an Informationen zu einem drohenden Terroranschlag zu kommen." Diese fehlende klare Verurteilung wird von Menschenrechtsanwälten inzwischen schon abfällig als „Austin-Powers-Vorschrift" bezeichnet.

Jules Carey, Jacquis Anwältin, vertritt auch noch vier andere Frauen in ähnlichen Fällen, Harriet Wistrich von der Kanzlei Birnberg Pierce & Partners weitere acht.

Es gibt aber auch ein paar Dinge, die Jacqui nicht verzeihen kann. Das ist zum einen die Tatsache, dass Lambert und die anderen verdeckten Ermittler es wirklich geschafft haben, die Tierrechtsbewegung zu schwächen. Zum anderen ist das die Rolle des Staats. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Staat aus uns Steuerzahlern besteht", sagte sie.

Ihre wichtigste Botschaft richtet sich jedoch weder an die Regierung noch an Lambert oder andere Aktivisten.

„Ich bringe jungen Menschen etwas bei. Ich versuche, ihnen und dabei vor allem den jungen Frauen zu zeigen, wie sie dargestellt werden und dass nur sie allein über ihre Körper verfügen. Ich glaube, dass ich den Mädchen damit Folgendes sagen will: Passt auf, dass euch so etwas nie selbst einmal passiert."

Foto Scotland Yard: ​Alberto Otero García | ​Flickr | ​CC BY 2.0