Gesichtskirmes: Warum lässt MDMA den Kiefer verrücktspielen?

Eine wissenschaftliche Erklärung, warum manche Club-Gänger aussehen, als würden sie ihr eigenes Gesicht aufessen.

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Sep. 9 2016, 10:16am

Screenshot von YouTube aus dem Video "Bounce by the Ounce" von stephen singleton

Titelfoto: Dieser Mensch hat wahrscheinlich gar keine Drogen konsumiert, so sieht eine Gesichtskirmes allerdings aus | Screenshot von YouTube aus dem Video "Bounce by the Ounce" von stephen singleton

Wenn jemand MDMA oder Ecstasy nimmt, dann ist Kiefermalmen fast unvermeidbar. Und dabei ist es egal, ob diese Person bereits verschallert bei der ersten Loveparade mitgelaufen ist oder erst auf dem letzten Rave ihre chemische Unschuld verloren hat. Bei manchen ist dieser im Volksmund Gesichtskirmes genannte Effekt stärker ausgeprägt als bei anderen. Auf YouTube findest du jedenfalls einen Haufen Videos, in denen diese in der Regel unerwünschte MDMA-Nebenwirkung in Ausmaßen zu sehen ist, die so ziemlich alles übertreffen, was du jemals mit eigenen Augen auf einer Party erblicken wirst. Dennoch ist jeder, der diese Drogen nimmt, davon bedroht.

Aber woran liegt das?

"Das Kiefermalmen ist wahrscheinlich in erster Linie das Ergebnis eines Bruxismus, also eines dauerhaften Zähneknirschens", sagt Harry Sumnall, Dozent für Drogenkonsum am Public Health Institute der Liverpool John Moores University. "Und außerdem noch Trismus, also einer Kiefersperre. Das kann zu Kaubewegungen und seitlichen Bewegungen des Kiefers führen."

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Bruxismus betrifft Menschen normalerweise im Schlaf. Als Ursachen kommen in den häufigsten Fällen chronischer Stress oder Angst in Frage. Das gängigste Symptom ist Zähneknirschen, das in besonders schweren Fällen zu frühzeitigem Zahnverlust führen kann, oder—wie im Fall manch nimmersatter Zeitgenossen—ein Gesicht, das aussieht, als hätte der Unterkiefer eine eigene Persönlichkeit entwickelt.

"Orofaziale Effekte sind wahrscheinlich auf die Serotoninausschüttung zurückzuführen—Dopamin und Noradrenalin dürften ebenfalls ihren Teil dazu beitragen. Studien an Ratten haben gezeigt, dass die Serotoninausschüttung nach dem MDMA-Konsum schützende Reflexe zur Kieferöffnung hemmt, die normalerweise dazu dienen, unbeabsichtigtes Beißen und Malmen zu verhindern. Wenn man Ratten mehrere Dosen MDMA verabreicht, kommen verschiedene Neurotransmittersysteme ins Spiel und das Noradrenalin übt eine zusätzlich hemmende Wirkung aus", so Sumnall.


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Einen wirklichen Beweis dafür, dass die beobachteten Effekte auch bei Menschen so auftreten, gibt es allerdings nicht. Sumnall sagt: "Es ist immer schwer, von Studien an Nagetieren auf den menschlichen MDMA-Konsum zu schließen. Diese Studien sind allerdings in sich schlüssig und entsprechen dem, was wir allgemein über Bruxismus wissen."

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Ist dieses Kiefermalmen denn Anlass zur Sorge? Also, abgesehen von der ständig drohenden Gefahr, dass sich ein Foto deiner verzerrten Partyfratze auf Facebook verbreitet, zu einem beliebten Meme wird und du dein Leben lang keinen ernstzunehmenden Job mehr bekommst.

"Auch wenn die durch MDMA verursachte Kieferbewegung an sich nicht unbedingt schädlich ist, haben sich Zahnärzte besorgt über die langanhaltende Mundtrockenheit gezeigt. Diese tritt auf, da die Substanz den Speichelfluss vermindert", so Sumnall und ergänzt, dass diese bis zu 48 Stunden anhalten kann. "In Kombination mit dem Bruxismus, der laut Konsumenten bis zu 24 Stunden nach Einnahme der Droge anhalten kann, der Dehydration durch langes Tanzen und dem wahrscheinlichen Konsum von säurehaltigen Limonaden folgt daraus ein hohes Potenzial für Zahnschäden."

Neben den Zahnschäden gibt es aber noch einen anderen Effekt, über den viele Ecstasy-Konsumenten an den darauffolgenden klagen: Kieferschmerzen. Die Ursache dafür ist der Druckschmerz im Kiefergelenk, also der Stelle vor deinen Ohren, an der dein beweglicher Unterkiefer und dein unbeweglicher Schädel mit einander verbunden sind. Dort konzentriert sich die Muskelspannung, die den Bruxismus auslöst.

Die traditionell empfohlenen Gegenmaßnahmen bei Bruxismus, also Beißschienen, werden sich allerdings wohl kaum durchsetzen. Die wenigsten Menschen sehen auf der Tanzfläche gerne so aus, als würden sie gerade direkt vom Boxring kommen.


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Stattdessen scheint eine altbewährtes Rave-Mittelchen, nämlich zuckerfreier Kaugummi, immer noch die beste Gegenmaßnahme zu sein. Außerdem sagt Sumnall sagt, dass "Zahnärzte zur Bekämpfung von Mundtrockenheit statt süßer Limonade die Verwendung fluoridhaltige Mundspülung empfehlen." Ob Partygäste sich jetzt allerdings die Mühe machen werden, eine Flasche Listerine in den Club zu schmuggeln, bleibt fraglich.

In den Untiefen von Reddit preisen viele User außerdem die Vorzüge von Magnesiumtabletten an. Magnesiummangel wird oft als Bruxismusursache angeführt und da die meisten Menschen sowieso zu wenig davon im Körper haben, so die Logik, könnte ein Überschuss den Kiefer wieder entspannen. Wissenschaftlich bewiesen ist dieser Effekt allerdings nicht.

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Gibt es vielleicht auch einen kausalen Zusammenhang zwischen der Höhe der Dosis und Ausprägung der Gesichtskirmes? MDMA und Ecstasy sind momentan so rein und stark wie noch nie. Studien zufolge enthielt die durchschnittliche Pille 2014 108 mg MDMA, in den frühen 90ern waren es noch 80 mg. Heutzutage sind Pillen mit 300 mg Wirkstoff keine Seltenheit mehr—auf Ibiza sind vor wenigen Wochen sogar Pillen mit 400 mg MDMA aufgetaucht.

Die Antwort auf diese Frage lautet: Ja, bzw. sehr wahrscheinlich. "Diese Effekte stehen vermutlich in direktem Zusammenhang mit der Höhe der Dosis", sagt Sumnall. "Höher dosierte Pillen werden eher diese [Kau-Symptome] hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die wiederholte Einnahme schwächerer Pillen."

Und welche Rolle spielt das Alter bei der Anfälligkeit für eine ausgeprägte Gesichtskirmes? Muss ein verhältnismäßig erfahrener Konsument Ende 20 doppelt so viele Airwaves einpacken wie ein Jungspund, der gerade seine erste Erfahrunge macht?

"Man wird wahrscheinlich einen Unterschied zwischen einem 21-Jährigen und einem 50-Jährigen sehen, aber zwischen 21 und 35 wahrscheinlich nicht. Jüngere Konsumenten tendieren allerdings dazu, ein regelmäßigeres Konsummuster und dementsprechend eine höhere Toleranz in einigen Wirkungsaspekten zu haben. Ältere Menschen konsumieren eher sporadisch und unregelmäßiger. Die Effekte können hier also stärker auftreten. Allerdings nehmen jüngere Menschen tendenziell auch höhere Dosen ein, was dem Ganzen dann wieder entgegenwirkt."

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