Dieser Weg wird kein leichter sein – die langsame Selbstdemontage des Xavier Naidoo

Wir kennen wenige, die so peinlich sind wie du!

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16 Oktober 2014, 3:45pm

Es gibt diese Situationen, da kann man einfach nicht wegsehen, obwohl man sich dabei ein bisschen schlecht fühlt. Öffentliche Autounfälle, sozusagen. Glatzen-Britney war so was, Bettina Wulff auch—und jetzt gerade ist es Xavier Naidoo. Leute, die sich freiwillig in die Öffentlichkeit begeben und dann irgendwann so hart die Kontrolle verlieren, dass man nur noch mit dem Kopf schütteln und Popcorn machen kann. 

Naidoo ist in dieser Aufzählung natürlich schon eine Ausnahme, weil er es sich noch mehr als alle anderen ausgesucht hat. Das eigentliche Spektakel besteht eher darin, wie ständig mehr Geschichten auftauchen, die immer unangenehmer und peinlicher werden. Gleichzeitig ist das eine ziemlich gute Empfehlung für sein Management: Immerhin haben die es anscheinend jahrelang geschafft, den Deckel auf einem permanent fast überkochenden Topf zu halten und zu verhindern, dass genau die Puzzleteile zusammenkommen, die es jetzt gerade trotzdem tun.

Der aktuelle Shitstorm, der um ihn tobt, fing mit diesem unangenehmen Auftritt an, bei dem er behauptete, Deutschland hätte nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Friedenvertrag abgeschlossen. Und obwohl das nicht das erste Mal war, dass sich der gute Xavier so geäußert hatte, war es doch das erste Mal, dass die Öffentlichkeit wirklich aufmerksam wurde. Eine gute Idee wäre es gewesen, danach einfach mal die Klappe zu halten. Aber gute Ideen kann man natürlich nicht erwarten von einem Mann, der „Ich kenne nichts, das so schön ist wie du" für einen wohlgeformten deutschen Satz hält. 

Stattdessen veröffentlicht er einfach einen Song, in dem er seine Kritiker angreift (VICE leider nicht—dabei hätten wir doch auch so gerne endlich einen Theme-Song gehabt! Also Xavier, falls du das hier liest: WO IST UNSER SONG!? WIR FINDEN DICH AUCH SCHEISSE. NICHT NUR DER SPIEGEL!).

Am 3. Oktober finden dann rund um Kanzleramt und Reichstag mehrere Demos statt, die alle aus dem Dunstkreis der Montagsmahnwachen kommen. Dabei sind natürlich die unterschiedlichen Splittergruppen, die sich mittlerweile gegründet haben. Aber auch ein paar weit beunruhigendere Akteure sind aufgetreten—die German Defence League zum Beispiel (ihre Demo findet weiter weg statt), und eine Gruppe, die die Website staatenlos.info betreibt. Hauptverantwortlich dafür ist Rüdiger Klasen, ein ehemaliger NPD-Kader, der vollkommen in der Verschwörungsszene aufgegangen ist und ausschließlich absurde Theorien über die BRD GmbH, Chemtrails und die jüdische Weltverschwörung verbreitet. 

Und was passiert jetzt? Als hätte man es geahnt, Xavier Naidoo stellt sich genau zu diesen Leuten auf die Bühne—und singt. Später (nach Naidoos Auftritt) kommt auch noch der Vorsitzende der Berliner NPD dazu, nur um mal einen Eindruck zu vermittlen, mit welchen Kalibern man es hier zu tun hat. Danach tritt Naidoo nochmal, diesmal mit passendem „Freiheit für Deutschland"-Shirt, bei der Veranstaltung der Montagsmahnwache auf—die man in dieser Gesellschaft tatsächlich als gemäßigt bezeichnen muss.  

Seine Managerin wird später sagen, dass er rein zufällig an diesem Tag durch Berlin geradelt ist, auf diese Veranstaltungen gestoßen ist, sich davon angesprochen gefühlt und gesungen hat. Weil Xavier liebt einfach alle Menschen. Auch Nazis. Er ist so ein Guter. Naidoo selbst wird diese Geschichte später revidieren und sich mit den ganzen unterdrückten Systemkritikern solidarisieren. Systemkritiker, die das System nicht wirklich artikuliert kritisieren können und Juden hassen. Aber Systemkritiker.

Neu ist das alles nicht. Schon 2009 veröffentlichte er „Raus aus dem Reichstag", einen Song, in dem unter anderem die (langsam aber sicher wirklich ermüdenden) Klischees über die bösen Rothschilds verbreitete. In einem Video aus 2010 beantwortet er Fragen von Fans—und auch hier zeigt sich, wie tief Xavier schon damals in einer Welt versunken war, die nur noch wenig mit der Realität zu tun hat:

„Und deswegen, bei ,Ruth Maude' natürlich der größte Mann, den ich da angreife, ist natürlich Helmut Schmidt. Weil ich eben erfahren haben, dass er der erste Politiker war, der sich auf ein ,Bohemian Grove'-Treffen in Amerika gewagt hat, sag ich mal. (...) Das kann nix Gutes bedeuten. (...) Naja, eigentlich alle großen Politiker, die wir alle so toll fanden entlang unseres Großwerdens, sind eigentlich alles nur Lakaien und Marionetten."

Die Geschichten und Theorien, die sich um „Bohemian Grove" ranken, sind ein Musterbeispiel für Verschwörungstheorien. An diesem Ort treffen sich einmal jährlich die Mitglieder des Bohemian Club, die wiederum Gäste mitbringen dürfen. Tatsächlich handelt es sich hier um extrem einflussreiche Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Und sicherlich werden an diesem Ort Verabredungen getroffen: Zum Beispiel gab es 1942 ein Treffen zum Manhattan Project, und damit zur ersten Atombombe.

Jetzt aber zu implizieren, dass es sich dabei um ein geheimes Planungstreffen der Neuen Weltordnung handelt—das zeugt davon, dass man keine Ahnung hat, wie das System tatsächlich funktioniert. Macht im Foucault'schen Sinne geht nicht von Einzelnen aus, und auch nicht von einer geheimen Organisation, die all unsere Geschicke lenkt. Das passiert höchstens bei James Bond. 

Xavier und seine Freunde sollten verstehen, dass „Systemkritik" gut und wichtig ist. Es gibt sicherlich eine Menge zu kritisieren am System, aber dann muss man es auch wirklich machen—und nicht versuchen, die Schuld bei Freimaurern, Juden und Superschurken zu suchen. Sondern in den Strukturen des Systems und der Politik. 

So schön es auch wäre, in einer Hollywood-Welt zu leben, in der Turbo-Bösewichte einmal im Jahr geheime Rituale in Bohemian Grove ausführen, wo sie die Weichen für unser aller Schicksal stellen—und deren „Joch" man dann in einem heroischen Kampf (voll wie bei Hunger Games, wow!), unter der Führung von Xavier und seinen Prophetenfreunden, abwerfen kann—es bleibt eben doch nur das: Fiktion. 

Xavier Naidoo ist nicht der Mockingjay der deutschen Revolution, sondern einfach nur ein verwirrter Schnulzensänger, der langsam, aber sicher in den Nazi-Sumpf abrutscht.

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