Feminisme

Warum die Stierhatz von Pamplona ein Albtraum für Frauen ist

Jeden Juli finden im spanischen Pamplona die Sanfermines statt: eine Woche voller Alkohol, Stiere und sexueller Belästigung—zumindest für Frauen. Dieses Jahr wollten die Behörden das ändern.
13.7.16
Photo via EPA

„Du läufst über die Straße und sie [belästigen dich] oder du wartest auf deine Freundinnen und irgendein Typ kommt an und fragt: ‚Warum bist du allein?'", sagt Miren Aristu, eine Aktivistin der feministischen Organisation Gora Iruñea. „Jede Frau in Pamplona wird dir das Gleiche erzählen können. Wir haben das alle durchgemacht."

Ihre Gruppierung bekämpft seit 15 Jahren sexuelle Belästigungen und Übergriffe während der Sanfermines. Das im Juli stattfindende Fest ist vor allem für seine Stierhatz berühmt, bei der Mensch und Tier durch die engen Gassen der Altstadt rennen.

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Genau wie die roten Schals und die traditionelle Chupinazo-Rakete, dem Startschuss für die einwöchige Party, scheinen zu den Sanfermines auch sexistisches Verhalten und sexuelle Übergriffe zu gehören. Dieses Jahr wurden fünf Männer festgenommen, denen vorgeworfen wird, eine junge Frau vergewaltigt zu haben. Am Wochenende gab es noch einen weiteren Übergriff auf eine 22-jährige Französin, als diese eine öffentliche Toilette besuchte.

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Es ist auch nicht unüblich, dass ganze Männergruppen eine Frau massiv begrapschen, wenn diese sich dazu entscheidet, in der Menge ihr Oberteil auszuziehen oder ihre Brüste zu zeigen. „Eine Frau hat das Recht, ihren Körper zu zeigen", sagt Aristu. „Nur weil ich mein Shirt ausziehe, hat niemand das Recht, mich anzufassen. Unzählige Männer laufen oben ohne durch die Straßen, ohne dass irgendwelche Frauen sie anspringen oder angrapschen."

Laut des Navarra Gleichstellungsinstituts nahm die Polizei zwischen 2011 und 2015 27 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe während der Sanfermines auf. 2013 allein wurden zehn Übergriffe gemeldet. Zwar haben die Übergriffe in den letzten beiden Jahren zahlenmäßig abgenommen, die subtileren Fälle sexueller Gewalt, die tagtäglich in den Straßen oder Bars während der Feierlichkeiten stattfinden, werden allerdings nicht erfasst.

Irene Villafranca ist in Pamplona aufgewachsen und besucht das Fest jedes Jahr. Sie sagt, dass Frauen geraten wird, sich an bestimmte Regeln zu halten, um die Feierlichkeiten unbehelligt zu überstehen. „Das Erste, was man uns vor dem ersten Besuch der Feierlichkeiten beibringt, ist, dass wir nie alleine nach Hause gehen dürfen und dass wir dunkle Gassen und Männergruppen meiden sollen", erklärt sie.

Die Stierhatz von Pamplona | Foto: Atkins525 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Villafranca und eine Freundin wurden einmal während der Sanfermines von einer Gruppe Männer auf San Nicolás, einer belebten Hauptstraße, verfolgt. Die Typen riefen ihnen anzügliche Sachen hinterher und ein Mann packte Villafranca schließlich an der Hand. Als sie versuchte, wieder loszukommen, meinte er zu ihr, dass sie keinen Sinn für Humor habe und unhöflich sei. Es sei schließlich Zeit zu feiern, erklärte er ihr.

Als sie einem anderen Mann von dem Ereignis berichtete, sagte der: „Worüber beschwerst du dich denn? Du solltest dankbar sein."

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„Diese Komplizenschaft, die andere Männer—und auch einige Frauen, die derartiges Verhalten als nicht so wild ansehen—an den Tag legen, führt dazu, dass man an sich selbst zweifelt", sagt Villafranca. „Es führt auch dazu, dass du dich gleich doppelt schlecht fühlst. Du fühlst dich wie ein Objekt, ein Stück Fleisch und sehr verletzlich."

Dieses Jahr stellte der Stadtrat von Pamplona eine neue Kampagne vor, die dabei helfen soll, Festbesucherinnen zu beschützen. Im Rahmen des San Fermines en Igualdad (spanisch für „San Fermines in Gleichheit") enthält der normale Besucher-Guide—erhältlich in Baskisch, Spanisch, Französisch und Englisch—jetzt Ratschläge dafür, was man tun sollte, wenn man Opfer eines Übergriffes geworden ist. Dazu gehört „Feuer!" rufen, um die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf sich zu ziehen, oder auch die eigene Kleidung oder sich selbst nach der Tat nicht zu waschen, um Beweismittel nicht zu zerstören. Außerdem wurden hochauflösende Überwachungskameras im Festivalbereich installiert, sowie die Beleuchtung und Sicherheit in Gegenden verstärkt, die eventuelle Brennpunkte für Übergriffe sein könnte.

Es herrscht die allgemeine Vorstellung, dass während der Sanfermines ‚alles geht.'

Es wurde auch ein Stand für Frauen eingerichtet, an dem sie Vorfälle wie solche, die Villafranca und ihre Freundin erlebt haben, melden können. „Eins unserer Hauptanliegen besteht darin, anonyme Informationen über verhältnismäßig niedrigstufige Übergriffe zu bekommen—anzügliche Komplimente, Begrapschen von Hintern oder Brüsten usw. Das sind alles Dinge, die man mit ausgelassenem Feiern in Verbindung bringt, aber auch Verhaltensweisen, die Frauen in eine sehr unangenehme Position bringen", erklärt Laura Berro eine Gleichstellungsbeauftragte des Stadtrats von Pamplona.

Eine weitere Neuerung, ergänzt Berro, sei die Notfallnummer—ein 24-Stunden-Service, der psychologische und rechtliche Beratung bietet. „Die Idee dahinter ist, Frauen von dem Moment, in dem sie den Anruf tätigen, bis hin zu ihrem ersten Kontakt mit den Behörden, zum Beispiel einem Krankenhaus, zu begleiten. Das sind sehr schwere Momente für die Geschädigten. Wir denken, dass es dementsprechend hilfreich sein wird."

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Viele tausende Touristen besuchen jedes Jahr das Fest. Die Anonymität der Menge dient allerdings auch denjenigen als Schutz, die aus weniger begrüßenswerten Gründen nach Pamplona kommen. In der Vergangenheit wurden Nachrichtenreporterinnen, die von dem Fest berichteten, vor laufenden Kameras gesagt, dass sie sich ausziehen sollen, und ohne Einverständnis geküsst.

Idoia Arraiza, ein Mitglied von Bilgune Femenista, erklärt, dass die weitverbreiteten Belästigungen und Übergriffe zum Teil auf das dominante Paradigma der Sanfermines zurückzuführen ist: Maskulinität. Die Charangas—Volkslieder, die während des Festivals überall gespielt werden—sind da nur ein Beispiel. Der Text des bekannten Songs „Si te aprieta la goma la braga" („Wenn deine Unterwäsche zu eng ist") geht in etwa so:

Wenn deine Unterhose zu eng ist …
Wenn dein BH zu eng ist …
Schneid sie durch mit einer Schere
Und du wirst sehen, wie du dich danach fühlst
Da geht das Höschen,
Da geht der BH,
Da geht das Ensemble, das du dir gerade bei El Corte Inglés (eine berühmte Warenhauskette) gekauft hast.

„Da wir uns in einem Feiermodus befinden, multiplizieren sich viele schlechte Angewohnheiten und werden zur Norm", erklärt Arraiza. „Es herrscht die allgemeine Vorstellung, dass während der Sanfermines ‚alles geht.'" Allerdings weißt sie darauf hin, dass „es generell viele Lieder mit einer zutiefst sexistischen Konnotation gibt, die sexistische Rollen reproduzieren. Das geschieht aber nicht nur während der Sanfermines. Sie sind die ganze Zeit über, an jedem Wochenende des Jahres präsent."

Die Gleichstellungsbeauftragte Laura Berro sagt, dass die Maßnahmen des Stadtrates darauf abzielen, affirmativen Konsens zu verstärken. „Wenn du ‚Nein' sagst, heißt das Nein. Wenn es aber kein ‚Ja' gibt, dann ist das auch ein Nein", erklärt sie.

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Diese Jahr ist das dritte in Folge, dass der Stadtrat von feministischen Kollektiven und Organisationen unterstütz wurde—inklusive Gora Iruñea und der Frauenplattform gegen sexistische Gewalt. Den andauernden Angriffen zum Trotz bleibt Gora Iruñea-Mitglied Miren Aristu weiterhin optimistisch, dass die Sanfermines auch für Frauen sicher werden.

„Institutionen haben das Problem in der Vergangenheit abgestritten oder runtergespielt, aber seitdem wir vor drei Jahren damit begonnen haben, mit dem Stadtrat zusammenzuarbeiten, ist nun ein Wandel sichtbar", sagt sie: „Und unsere Arbeit ist wesentlich einfacher geworden."