Rewatch

Acht Jahre später ist Bushidos Biopic 'Zeiten ändern dich' eine anderthalbstündige WTF-Compilation

Ich habe mir Bushidos umstrittenen Film mit meinem Date nochmal angeguckt und alles lief perfekt – doch dann kam Fler.

von Juri Sternburg
17 Februar 2017, 11:12am

Foto im Header: Imago

Ein Wochenende in Paris? Eindeutig zu viel. Ein Wangentätschler, verbunden mit einem erzwungenen "Schönen Valentinstag"? Eindeutig zu uninspiriert. Ein Candlelight-Döner? Zu lustig. Eine Packung Mon Chéri? Zu dumm. Blumen? Ich weiß nicht.

Also greife ich zum Klassiker. Ein Tisch in einem angesagten Restaurant. Mit jeder Menge Lokalkolorit in der Stimme schaff ich es, den Kellner davon zu überzeugen, dass er uns das Separee herrichtet. Also zum Essen. Er beteuert, dass der Nebenraum ideal für mein Vorhaben wäre, aber: "Es ist halt nur nicht Berlin-Style. Sehen und gesehen werden gibt's im Separee leider nicht." Ich schlucke meinen Ärger herunter, obwohl ich wirklich nicht weiß, seit wann das Berlin-Style sein soll. Der zuvorkommende Kellner erscheint plötzlich unsympathisch. Das wars mit deinem Trinkgeld, Freundchen.

Als ich ihr die vermeintlich frohe Botschaft überbringe, ist die Reaktion verhalten: "Wir gehen doch morgen schon schick aus." Ja, das stimmt. Für den nächsten Abend ist Smoking und Cocktailkleid-Time angesagt. "Jede normale Frau findet Valentinstag scheiße", hatte ein Freund kurz zuvor noch prognostiziert. Ich hatte ihm nicht zu hundert Prozent geglaubt, er ist schließlich Hooligan und ich bin mir nicht sicher, inwieweit das einen negativen Einfluss auf seine emotionalen Fähigkeiten hat. "Soll ich den Tisch absagen?", frage ich. "Ja bitte. Können wir nicht einfach im Bett rumgammeln und Zeiten ändern dich gucken?" Mein Gott, was für eine Ehrenfrau.

Der Anruf ist schnell erledigt. "Es tut mir leid, ich muss die Reservierung canceln. Wir gucken lieber den Bushido-Film. DAS ist übrigens Berlin-Style." Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Als 2009 die Meldung kam, dass Bernd Eichinger einen Film mit und über Bushido dreht, war niemand großartig verwundert. Was heute – nach der Veröffentlichung des ebenso großartigen wie kompromisslosen Albums Sonny Black im Jahr 2014 – absurd und abwegig erscheint, war damals nur folgerichtig. Denn lange bevor sich Bu auf Twitter über Postfilialen beschwerte, trällerte er bereits "Für immer jung", saß im Anzug bei Kerner, absolvierte ein Praktikum bei einer windigen CDU-Pfeife, ließ Peter Maffay seinen Anwalt spielen und erhielt irgendein goldenes Reh von einer überkandidelten Verlagschefin. Akzeptiert wurde er trotzdem nie vollständig.

Dazu veröffentlichte er in dieser Zeit gefühlt 10 Alben und Sampler, die sich zwar alle gut verkauften, aber für HipHop im Endeffekt komplett irrelevant waren. Seine Texte drehten sich immer öfter um den "geraden Weg" und erklärten uns: Kopf hoch, du schaffst es, box dich durch. Eine sehr löbliche Message. Aber wenn ich Kontra K hören will, höre ich eben Kontra K.

Als der Film beginnt, folgen die ersten Fremdscham-Momente stehenden Fußes. "Du bist ja ganz schön krass unterwegs, Ey!" Oha, da kräuseln sich die Fußnägel. Und wer kam eigentlich auf die Idee, Moritz Bleibtreu als Arafat Abou-Chaker zu besetzen? Das Bild des Originals im Kopf, muss man diesem blassen Jungen eineinhalb Stunden dabei zugucken, wie er seinen lächerlichen Bad Guy-Blick durch den Film schleppt. Auch der Rest des Casts klingt wie das "Who is who?" der deutschen Langeweile-Industrie. Hannelore Elsner als Bushidos Mutter, Elyas M'Barek als der junge Anis, Uwe Ochsenknecht als Schwiegervater in Spe. Heute, acht Jahre später, unvorstellbar. Katja Flint erwischt Bushido, wie er ihre Tochter im Wohnzimmer vögelt, Karel Gott darf vor dem Brandenburger Tor eine Rap-Version von Biene Maja vortragen (Is this real life?),

Kay One legt brüderlich den Arm um seinen Partner und flüstert ihm die Textzeilen ein, als Anis nach einem Gespräch mit seinem Vater wütend freestylt. Ein Bild mit Symbolcharakter.

Wir amüsieren uns. Als Bushido seine Freundin schlägt, spulen wir zurück und bemerken anerkennend, wie perfekt er die Rückhandschelle ansetzt. Wir verstehen nicht, warum Bushidos Vater – einer der wenigen Charaktere in dem Film, der nicht wie aus dem TV-Katalog wirkt – spricht, als wäre er Hitler beziehungsweise Bruno Ganz in Der Untergang. Drehbuch und Produktion der Weltkriegs-Schmonzette stammen ebenfalls von Bernd Eichinger, es kann also kein Zufall sein. Alles ist äußerst harmonisch, wir lachen über den gleichen Quatsch, bemerken dieselben Unstimmigkeiten. Doch ich weiß, dass das Date noch kippen kann. Früher oder später wird es passieren. Es ist unausweichlich.

Fler wird erscheinen. Und dann hängt der Haussegen wieder schief. Denn Fler ist ein rotes Tuch für sie. Ich hingegen überlege seit geraumer Zeit, einen Fler-Schrein zu bauen. Wir haben deswegen bereits ein Fler-Verbot ausgesprochen, wir diskutieren nicht mehr über ihn. Es ist das einzige Streitthema, das bisher aufkam. Ob das jetzt lustig, bedenklich oder grossartig ist, liegt im Auge des Betrachters. Und dann ist er da. "F zum L zum E zum R / Du machst Geld, ich mach mehr". Er und Bushido malen einen Zug, verfeindete Sprüher greifen an, Flizzy schlägt sich erst wacker und dann die Angreifer in die Flucht. Was ein Auftritt! Eindeutig der Höhepunkt des Machwerks.

Falls sich jemand fragt, warum die Geschichte des Films hier nicht wirklich thematisiert wird, so hat das einen einfachen Grund: Es gibt keine. Lediglich die Tatsache, dass Bushido seinen prügelnden, todkranken Vater anfangs nicht mehr sehen will und ihn dann doch noch besucht, stellt so etwas wie einen Plot dar. Klar, das Drehbuch ist immer noch besser als das von Der Untergang, aber wer möchte schon mit Hitler verglichen werden. Spaß haben wir trotzdem. Da wird sich das Geld für den ersten Graskauf im Kilobereich bei der Mutter geliehen und mitten auf der Strasse malen ein paar befreundete Writer mit Sturmmasken gemütlich ein paar bunte Bilder. Und sie hätte ja auch vorschlagen können, dass wir Blutzbrüdaz gucken. (Otis und Eddy, never forget). Selbstverständlich ein Trennungsgrund.

Apropos Trennungsgrund. Fler darf noch mal auftauchen und die Dame neben mir muss zugeben, dass er seine Sache ziemlich gut macht. Er prügelt sich erneut, nickt und brummt einmal sehr liebenswürdig, als Bushido ihm mitteilt, dass er Hardcore Berlin verlässt und steht ganz am Ende, als Bushido vor einer Million Menschen vor dem Brandenburger Tor performt, in der ersten Reihe. Vom Partner zum Fan. Wer hat ihn da nur beraten?

Ansonsten wird darauf geachtet, dass er mit dem Kiffergesindel von Aggro Ber...Verzeihung, Hardcore Berlin nicht viel zu tun hat. Sido wiegt merkwürdigerweise 300 Kilo und nennt sich "Skalpell". Vollkommen zurecht stellten die Kritiker damals fest, dass der Film "die Auseinandersetzung mit Erzfeind Sido unterschlägt", während er "als fiktive Biografie immer dann am schwächsten ist, wenn er ernsthaft die Probleme des Aggrorappers analysieren will."

Was bleibt also nach 94 Minuten Selbstbeweihräucherung übrig? Zunächst die Erkenntnis: Zeiten ändern dich. In diesem Fall etwas gutes, der (wieder) wütende Bushido ist um Welten besser als dieser Typ, der versucht hat, vom Mainstream akzeptiert zu werden. Ansonsten: Ein wunderbares Date, eine schauspielerische Leistung von Fler, die auf ein Spin-off hoffen lässt und die Feststellung, dass Kay One der vermutlich unsympathischste Mensch der Welt ist. Vor allem aber hat der Film einen großartigen Verdienst: Wir alle kamen in den Genuss dieses Auftritts von Hannelore Elstner auf dem roten Teppich der Premiere.

Danke Bushido, Danke Bernd.

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Der Text wurde am 18.09.2018 aktualisiert.

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