Obdachlosigkeit

Wie Freiwillige in Las Vegas Hunderte Obdachlose mit Essen versorgen

Jeden Montagabend versammeln sich in Las Vegas zahlreiche Freiwillige, die Hunderten Obdachlosen der Stadt eine dringend benötigte warme Mahlzeit servieren.

von Ocean Malandra
23 Februar 2016, 3:00pm

EIn kleines Mädchen hilft beim Verteilen der Spenden von Serving Hope LV. Alle Fotos von Pavlina Edwards

In einer kühlen Winternacht in der südkalifornischen Wüste steht Siloh Moses umgeben von zwei Dutzend oder mehr Freiwilligen und gibt ihnen eine kurze Einführung. Alle sind, wie ich auch, heute zum ersten Mal hier. Siloh ist Mitte 30, gesund gebaut und unglaublich eloquent. Noch vor 18 Monaten hat er auf den Straßen von Las Vegas gelebtvon dieser harten Vergangenheit zeugt nur sein entschlossener Blick.

„Mein erster Hinweis: Urteilt nie", sagt er uns. Da wir neu sind, tragen wir alle ein Namensschildchen.Währenddessen bauen circa 100 andere Freiwillige von Serving Hope LV eine lange Tischkette auf und stellen Laternen hin, die diesen verlassenen Ort erhellen, nur ein paar Blocks entfernt von den blinkenden riesigen Kasinos des Las Vegas Strip.

Siloh With Volunteers Frontal

Siloh Moses erklärt den Freiwilligen alles. Alle Fotos von Pavlina Edwards

„Sagen wir so: Das Schlimmste daran, obdachlos zu sein, ist nicht, kein Dach über dem Kopf zu haben oder nicht zu wissen, was oder wann man etwas zu essen bekommt", erzählt mir Siloh. „Am schlimmsten ist, wie andere dich behandeln, wenn du obdachlos bist." Als er seinen Job als Call-Center-Manager verlor, stand er auf einmal ohne Zuhause da und lebte sieben Monate lang auf der Straße.

„Du bistwie ein Geist", erklärt er. „Nur die Hülle einer Person, die es nicht mehr gibt."

Heute Abend stehen diese Geister der Gesellschaft hier Schlange, 400 bis 500 Menschen jeglicher Couleur, auch Familien und kleine Kinder. Das ist nur ein Bruchteil der mehr als 8.000 Menschen in Süd-Nevada, die kein warmes Zuhause haben, wo sie schlafen und essen können.

Homeless Row

Immer mehr Obdachlose stehen Schlange

„Zweiter Hinweis: Wir machen nichts mit Geld", Siloh weiter. Das heißt, dass Serving Hope LV keine finanzielle Hilfe bietet und die Obdachlosen auch nicht um Geldspenden bitten.

Siloh hat Serving Hope LV gegründet, nachdem er selbst gerade wieder auf die Beine gekommenwar, nämlich als, wie er sagt, „jemand an mich geglaubt hat, bevor ich an mich selbst geglaubt habe". Er wollte sich revanchieren und etwas Gutes tun und stellte sich mit einem Topf selbst gemachter Spaghetti auf die Skid Row in Los Angeles, wo viele Obdachlose leben, und wo eine katholische Gemeinde seit 15 Jahren abgepacktes Essen und Dinge des täglichen Bedarfs an die Obdachlosen verteilt. Der Topf war schnell leer, also kam er in der darauffolgenden Woche mit zwei Töpfen wieder.

Couple Feeding Homeless

Freiwillige bei Serving Hope LV

Die Nachricht verbreitete sich schnell, sodass das montagabendliche Essen bald zu einer Institution in Las Vegas wurde. Serving Hope LV gehört zu keiner Kirche oder Wohlfahrtsorganisation. Die Leute kommen einfach mit ihrem selbst gekochten Essen und verteilen es.

„Wir sind eine Art Graswurzelbewegung, die in den sozialen Medien entstanden ist, und eben auch an den Wurzeln anpackt", erklärt Siloh. „Wir haben uns lange ohne eigene Website organisiert und nur durch Mundpropaganda neue freiwillige Helfer gewonnen. Ohne richtige Werbung haben wir es letztes Jahr geschafft, mehr als 62.000 Mahlzeiten, 20.000 Kleidungsstücke und 14.000 Wasserflaschen an Bedürftige zu verteilen."

Shopping Cart in front of food line

So sieht es vor der Essensausgabe aus

Das ist der Grundgedanke hinter der Bewegung. Siloh fügt noch hinzu: „Wir sind vollkommen unabhängig, eben von Menschen für Menschen. Wie Freunde, die zukünftigen Freunden helfen."

Wie andere Städte, die vom Dienstleistungssektor geprägt sind, sind Montagabende in Las Vegas etwas Besonderes: Jetzt haben viele Barkeeper, Kellner und Künstler frei. Für viele gehört der #GiveBackMonday, der Montag, an dem man etwas zurückgibt, fest dazu, auch für meine Schwester, die hier als Sängerin arbeitet und mich mitgenommen hat.

Line Up

Die Essensausgabe

„Derzeit gehören 60 Freiwillige zum festen Kern, zur Familie von Serving Hope LV. Jeden Montag geben wir etwas zurück und können 30 bis 50 neue Freiwillige gewinnen", erklärt Siloh.

„Wir essen gemeinsam, feiern Geburtstage, respektieren uns gegenseitig und geben uns auch Anerkennung", sagt er. „Wenn du aus den richtigen Gründen hierher kommst und hilfst, dann wirst du mehr zurückbekommen, als du gegeben hast. Das ist wunderbar."

Newbies sport their name tags and pose for the camera

Neue Freiwillige mit ihre Namensschildchen

An der Essensausgabe stehe ich hinter meiner sieben Jahre alten Nichte, die gerade Chicken Wings verteilt, die wir bei meiner Schwester zu Hause gemacht haben. Ich kommt mit ein paar anderen Freiwilligen ins Gespräch—einer thailändischen Frau und ihrer Tochter—und wir unterhalten uns über das Essen. Obwohl es heute Lasagne gibt, erzählt sie mir, kocht sie sonst oft scharfe Currys und andere südostasiatische Spezialitäten. Die Freude auf den Gesichtern der hungrigen Obdachlosen ist die größte Genugtuung für sie.

„Wir wollen ihnen frisches Essen geben, das sie sonst nirgendwo bekommen", erzählt mir Siloh später.

Girl passing out clothes

Eine Freiwillige verteilt Kleidung

„Glücklicherweise haben auch einige Profiköche bei uns mitgemacht und Gerichte gekocht, die man sonst nur in den besten Restaurants bekommt, hier aber kostenlos. So etwas bekommt man in keiner Suppenküche und in keinem Obdachlosenheim: Baked Ziti, Chili con Carne, Chicken Parmesan, Kokoscurry oder einen veganen Salat mit Yambohnen und Pomelo und scharfem Thaidressing.

Ein älterer Afroamerikaner hält bei unserem Stand und packt sich so viele Chicken Wings in seine schon überquellende Polysterolschachtel, wie nur irgendwie geht.

„Wenn man den ganzen Tag läuft, bekommt man großen Hunger", meint er lächelnd und mit einem Augenzwinkern. „Auf der Straße muss man immer in Bewegung bleiben, dazu ist man gezwungen."

Siloh with Father McShane, who has been serving the LV homeless for 15 years.

Siloh und ein Ex-Obdachloser, den er von der Straße geholt hat

Das Bauministerium der Vereinigten Staaten schätzt, dass derzeit mehr als eine halbe Million US-Amerikaner obdachlos sind. „Untersuchungen haben gezeigt, dass die Leute aus verschiedenen Gründen obdachlos werden. 35 Prozent verlieren ihren Job oder haben plötzlich kein Einkommen mehr,15 Prozent können ihre Rechnungen nicht bezahlen und13 Prozent werden von der Familie verstoßen",erklärt Siloh. „Nur ein Zehntel aller Obdachlosen hat psychische Probleme und bei nur neun Prozent liegt es an Alkohol- und Drogenproblemen."

Er meint weiter: „Wenn also das wegfallende Einkommen die Hauptursache für Obdachlosigkeit ist, was können wir dagegen tun?"

Siloh schickt ein paar Freiwillige zur Essensausgabe, die unser Essen austeilen, andere gehen zur Kleiderausgabe und verteilen warme Winterjacken oder geben den Bedürftigen Hygieneartikel und andere dringend benötigte Sachen. Sein letzter Tipp an uns:„Lasst es nicht zu nah an euch heran." Wenn ein paar der Hilfsbedürftigen schlechte Laune haben, soll uns das nicht beunruhigen. Für mich ist es aber auch Motivation, sich auf die Lösungen für das Problem Obdachlosigkeit zu konzentrieren und nicht einfach nur blind gegen die Wand zu kämpfen.

Volunteer holds packaged snacks

Auch abgepackte Snacks werden an die Hilfsbedürftigen verteilt

„Wenn Menschen ganz natürlich und ungezwungen zusammenkommen, passiert etwas Magisches. Es werden Bänder geknüpft, Freundschaften geschlossen und eine Gemeinschaft entsteht. „Gemeinsam haben wir viele Pläne für 2016."

Dazu gehört auch eine App, die „Menschen miteinander verbinden soll, die zu viel beziehungsweise zu wenig Essen haben."

„Wir sammeln Essen, das ohne unsere App weggeschmissen werden würde. Das geben wir dann unseren Partnerorganisationen, die sich wie wir um Bedürftige kümmern", erklärt Siloh.

Siloh Profile

Siloh Moses

Als ich das Treffen und meine neuen Freunde dann verlasse, frage ich mich, wie schnell sich wohl die Welt verändern könnte, wenn es solche Bewegungen für Lebensmittelhilfe überall gäbe. Könnte Essen die Revolution sein, die wir so dringend brauchen?

Das geht vielleicht etwas weit, aber wenn ich das nächste Mal in Vegas bin, weiß ich, wo ich am Montagabend sein werde.